"Do-It-Yourself-Urbanismus"

01.06.2014

Hanno Rauterberg über neue Tendenzen des Stadtlebens

Neuen Phänomenen und ihren Widersprüchen städtischen Zusammenlebens widmet sich Hanno Rauterberg in seinem Buch Wir sind die Stadt! Zwar wird die Okkupation des öffentlichen urbanen Raums momentan noch vorrangig in Gestalt von Gentrifizierung und Privatisierungspolitik betrieben, aber der Journalist und Architekturkritiker sieht in vielen sozialen Techniken und Interessensplattformen der Stadtbürger die Saat des Subversiven aufgehen.

Herr Rauterberg, wie haben sich die Städte in den letzten 20 Jahren verändert? Mein Eindruck aus München: Sie sind vor allen Dingen teurer, aber nicht schöner geworden, und die Anzahl reicher Idioten hat sich auch nicht gerade verringert …

Hanno Rauterberg: Was Sie beschreiben, entspricht ziemlich genau der Diagnose vieler Stadtforscher und zwar schon seit Jahrzehnten: Alles wird immer hässlicher, schlechter, schlimmer, im Grunde ist die Stadt längst tot. Als das Internet groß wurde, vor gut zwanzig Jahren, waren nicht wenige davon überzeugt, dass man die Stadt und ihre Räume nicht mehr brauchen würde. Wozu auch, wo doch alles frei Haus geliefert wird und man mit allen ständig in Kontakt stehen kann, ohne vor die Haustür zu gehen?

Doch bei meinen Recherchen für das Buch bin ich zum gegenteiligen Ergebnis gelangt: Nichts bestätigt die kulturpessimistische Annahme, dass der öffentliche Raum überflüssig geworden ist. Vielmehr wächst gerade in der digitalen Moderne das Verlangen nach körperlichen Erfahrungen, nach gelebter Kollektivität, nach städtischen Räumen, die alle Sinne ansprechen. Obwohl äußerlich alles so zu sein scheint wie ehedem, verändert sich doch das Bewusstsein: Die Stadt mit ihren Räumen wird zum Ort der Projektionen, aber auch der Aktionen, im sportlichen, spielerischen, auch im politischen Sinne.

"Was überreguliert war, wird entregelt"

Inwieweit wurden die Veränderungen durch den Computer beeinflusst?

Hanno Rauterberg: Vor allem seit der Einführung des Smartphones - Internet für die Hosentasche - verändert sich für viele Menschen das räumliche Empfinden. Man sieht das zum Beispiel daran, dass gerade bei den Jüngeren die Zulassungszahlen für Autos rapide einbrechen. Der eigene Pkw ist nicht mehr das Statussymbol, das es mal war, nicht länger das Zeichen für Unabhängigkeit, Beweglichkeit, Freiheit. Das ist heute das Smartphone. Zudem wird im Internet vieles zur Selbstverständlichkeit, das dann auch den urbanen Alltag, unser Verhältnis zur Stadt bestimmt - das Mitreden, Mitwirken, der Austausch der Ideen, die sich dann unversehens weltweit verbreiten.

Aber auch auf einer tieferen Ebene scheint es erstaunliche Parallelen zu geben. So ist der Shared Space neuerdings zum Leitbild vieler Stadtplaner geworden: eine Stadt ohne Beschilderungen, ohne Warn- und Vorsichtszeichen, ohne Bordsteinkanten. Die Radwege und Bürgersteige, sämtliche Schraffierungen, Markierungen, Schwellen, Planken und Drängelgitter, selbst die Ampeln sollen verschwinden. Was überreguliert war, wird entregelt: Im Shared Space, in diesem ungeteilten Raum, soll nichts mehr vorherbestimmt sein. Niemand hat mehr Vorfahrt oder genauer: Alle haben Vorfahrt.

Auch das Internet lässt sich ja als eine Art Shared Space begreifen, dort sind sogenannte Open Spaces populär, in denen beliebige Themen von beliebig vielen Menschen diskutiert werden können, selbst organisiert und selbst verantwortlich.

Die dafür nötige Technik wurde um 1985 in den USA von Harrison Owen entwickelt, genau zur selben Zeit, in der ein gewisser Hans Monderman in dem Dorf Oudekaste im niederländischen Friesland seine ersten Experimente mit schilderlosen Straßen unternahm, die ihn später zum Urvater der Shared-Space-Bewegung machen sollten. Owen wie Monderman wurden früh mit ähnlichen Vorbehalten konfrontiert: Das liberalisierende Moment des Open und des Shared Space, die anarchische Kraft, die hier zutage tritt, scheint bis heute viele Menschen zu schrecken. Hier verkörpert sich ein gewandeltes Weltverständnis und verlangt ein neues Bewusstsein: Das lineare weicht dem komplexen Denken, alles Getaktete verflüssigt sich, die strengen Grenzen eines genormten Daseins lösen sich auf.

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