Mit "Antimoney" gegen die Finanzkrise

13.04.2014

Drei Münchener Physiker stellen ein "duales Vollgeldsystem" vor, das übermäßige Verschuldung und Inflation systematisch verhindern, gleichzeitig aber auch die Liquiditätsversorgung der Wirtschaft sicherstellen soll

Waren es bislang eher die Ökonomen, die durch die Verwendung vermeintlich exakter mathematischer Methoden dem gesicherten Wissen der Naturwissenschaften nacheifern wollten, versuchen längst auch Physiker, Erkenntnisse aus ihrer Wissenschaft für die Ökonomik nutzbar zu machen. Die Physiker Matthias Schmitt, Andreas Schacker und Dieter Braun von der Münchener LMU haben sich nun eines der schwersten Probleme angenommen, dem sich die Wirtschaftswissenschaften gegenüberstehen: der übermäßigen monetären Kreditexpansion.

In ihrem Paper "Statistical mechanics of a time-homogeneous system of money and antimoney" stellen sie in Anlehnung an Erkenntnisse und Konzepte der Physik und vor allem der statistischen Mechanik nun ein Geldsystem vor, das sowohl die übermäßige Verschuldung, die Finanzkrisen üblicherweise vorangeht, als auch den altbekannten Cantillon-Effekt verhindern soll.

Der Ökonom Richard Cantillon hatte schon im 18. Jahrhundert beobachtet, dass es in Fiat-Money-Systemen im Zuge der Geldschöpfung ein systematischer Vermögenstransfer von den alten Geldhaltern zu jenen erfolgt, die das neue Geld bekommen. Das ergab sich für Cantillon logisch aus einer der der Basisannahmen der Ökonomik, derzufolge das Preisniveau von der umlaufenden Geldmenge (und der Umlaufgeschwindigkeit) abhängt. Die zusätzliche Nachfrage, die aus dem neuen Geld resultiert, das durch simple Gutschrift am Bankkonto geschöpft wurde, trifft noch auf die "alten" Preise. Sobald diese zusätzliche Geldmenge aber zu zusätzlicher Nachfrage führt, steigt sukzessive das allgemeine Preisniveau und senkt somit die Kaufkraft aller anderen Geldbesitzer und die Belastung der Schuldner, was die Münchener als "non-local transfers of purchasing power" charakterisieren.

Bei den traditionellen Lösungen dieses Problems, die stets Beschränkungen des Geldmengenwachstums umfassen und zumeist Vollgeld-Systeme vorschlagen (bei denen die Banken alle Sichtguthaben in realem Geld, d.h. Zentralbankguthaben und Bargeld, vorhalten müssen), sehen die Physiker indes das altbekannte Problem der mangelnden Liquiditätsbereitstellung auch für solvente Kreditnehmer als effektiven Hinderungsgrund, den sie durch ihr System egalisieren wollen.

Die Autoren schlagen ein "duales" Vollgeldsystem vor, bei dem Geld nicht nur positiv als Guthaben umläuft, sondern auch - in Analogie zur Antimaterie der Physik - in einer zweiten Variante als "Antimoney", als "Antigeld". Angesichts der heute möglichen mobilen Kommunikation, Kryptographie und elektronischen Kontoführung halten sie ihr System offenbar für eine tatsächlich realisierbare Alternative. Weil die Banken in einem Vollgeldsystem kein Geld schöpfen können, sollten die Überschuldungsphänomene verhindert werden, während das Problem der Unterfinanzierung durch die Einführung des Anti-Geldes gelöst wird.

Die Autoren lassen die konkrete institutionelle Ausgestaltung offen. In ihrem System würde jedes Wirtschaftssubjekt jedenfalls zwei Konten führen. Eines enthält sein normales Guthaben, also "Money", das andere enthält "Antimoney", also seine Schulden, was genau das System sei, das ohnehin längst bestehe. Neu ist allerdings, dass Kauftransaktionen nun auf zwei Arten bezahlt werden können. Entweder wie üblich durch die Übertragung von Geld vom Käufer zum Verkäufer, aber auch durch die Übernahme von Antimoney des Verkäufers, also so, wie bei Unternehmensübernahmen heute häufig Teile des Kaufpreises durch die Übernahme von Schulden bezahlt werden. In diesem System nimmt der Wohlstand eines Wirtschaftssubjekts also sowohl dann zu, wenn er Money erhält, als auch, wenn er Antimoney loswird.

Ein symmetrisches Geldsystem mit Money und Antimoney

Anders als in der Physik löschen sich Money und Antimoney hier jedoch nicht gegenseitig aus, sondern sie bleiben im System in Summe konstant (sind "Time-homogeneous" und werden "auf die Zahl der Subjekte im System normalisiert"). Sie verändern sich nur durch den Eintritt oder das Ausscheiden einzelner Wirtschaftssubjekte. Dabei stehen die beiden Währungen in einem variablen Austauschverhältnis, das den Autoren zufolge in bester neoklassischer Manier zum Ausgleich von ökonomischen Ungleichgewichten dienen würde. Mangels privater Geldschöpfung sollte das Preisniveau nun also stabil bleiben und keine übermäßige Kreditexpansion auftreten, wobei die Liquiditätsprobleme einerseits dadurch verringert würden, dass ein Käufer nun nicht mehr zwingend selbst Geld auftreiben muss, sondern ein Kauf auch durchgeführt werden kann, wenn der Verkäufer über ausreichend Antimoney verfügt, das er dem Käufer samt seiner Ware übereignen will. Verfügen hingegen weder der Verkäufer über Money und hat der Verkäufer kein Antimoney, dann erlauben die Autoren in ihrem Modell auch das Ausleihen überschüssiger Liquidität von anderen Wirtschaftssubjekten. Im dualen System wird jedoch ein gleichzeitiger Transfer von Money und Antimoney möglich, bei dem der Empfänger zwar die benötigte Liquidität (Money) erhält, seine Netto-Vermögenspositionen aber unverändert bleibt.

Das bei jeder Transaktion neu aushandelbare Austauschverhältnis zwischen Money und Antimoney entspricht nun funktionell dem individuellen Kreditzins des alten Systems. Nur handelt es sich bei der Fremdfinanzierung nicht um eine weit in die Zukunft wirkende und von langfristigen von Kontrollbedürfnissen geprägte Kreditschöpfung, sondern die Fremdfinanzierung wird in diesem "symmetrischen Geldsystem" im Transferakt momentan realisiert.

Damit das alles sich auf Erkenntnisse der Physik zu stützen vermag, muss die Physik im Sinne von Nobelpreisträger P.W. Anderson als "Studium von Symmetrien" betrachtet werden. So gilt ein physikalisches System als "symmetrisch", wenn Merkmale des Systems unter bestimmten Veränderungen (Transformationen) gleich bleiben bzw. erhalten werden. Denn wie die Mathematikerin Emmy Noether 1918 im "Noether-Theorem" formulierte, "gehört zu jeder kontinuierlichen Symmetrie eines physikalischen Systems eine Erhaltungsgröße" - wie etwa Energie und Drehimpuls. Das übertragen die Autoren nun analog auf ihr Geldsystem und schließen daraus, dass durch die Einführung von Antimoney in ihrem System eine kontinuierliche Symmetrie hergestellt werde und die zugehörige Erhaltungsgröße im weiteren Sinn aus dem Geldwert bestehe.

Antigeld mit Ablaufdatum?

Dabei sehen sie in der in normalen Systemen ausgesprochen schädlichen Hortung von Money kein großes Problem, allerdings müsse natürlich sichergestellt werden, dass einzelne Wirtschaftssubjekte nicht übermäßig Antimoney akkumulieren, ohne der Gesellschaft entsprechende Gegenleistungen zu liefern. Eine "unelegante" Lösung dieser Frage wäre es nun, einfach eine Antimoney-Obergrenze festzulegen. Das Anti-Geld könnte aber auch mit einem Ablaufdatum versehen werden, bis zu dem es weitergereicht werden muss.

Die üblichen Konkurs-Regelungen könnten dabei übrigens sinngemäß beibehalten werden. Hätte etwa ein Wirtschaftssubjekt ein Gut gegen Antigeld gekauft und ginge Pleite (d.h. es kann das Antigeld nicht im vorgegebenen Zeitlimit weitergeben), muss der Verkäufer das Antigeld zurücknehmen und wird auch wieder dafür verantwortlich gemacht, es zeitgerecht weiterzureichen. Dieses Risiko könnte den Autoren zufolge von Versicherungen gedeckt werden, darüber hinaus sollte das auch dazu führen, dass die Solvenz des Käufers relevant für die Preisverhandlungen bzw. für das jeweilige Tauschverhältnis von Money und Antimoney wird.

Nun haben die Autoren auf einen Test ihres Systems auf Basis einer realen handlungslogischen Modellierung verzichtet und es nur mit einem Zufalls-Modell durchgerechnet. Dabei hatte ihr Geldsystem die gestellten Anforderungen erfüllt. Ob die Ausgleichsmechanismen des variablen Wechselkurses zwischen Geld und Antigeld und der Markt für Liquidität dabei von sich aus für ein "stabiles Marktgleichgewicht" sorgen würden, lassen sie aber dahingestellt. Nur hätte sich dies auch bei dem bestehenden Kreditsystem bereits als nicht gegeben herausgestellt. Jedenfalls hoffen sie, dass sich Money und Antimoney wie konkurrierende Währungen zweier Länder verhalten, was aber erst durch weitere Experimente herauszufinden wäre.

Von vorneherein dürfte freilich klar sein, dass eine hohe Variabilität des Austauschverhältnisses von Money und Antimoney das Funktionieren und die Fairness des Systems erheblich einschränken würde. Denn einerseits könnte es sich als problematisch erweisen, seine Einnahmen in der Form von "Money" zu beziehen und nicht zu wissen, wie viel davon zur Tilgung bestehender Schulden (bzw. zur Weitergabe von Antimoney) aufgewandt werden muss. Andererseits scheint die in diesem System zum Abbau von Antimoney erforderliche Leistung bei sinkendem Vermögen tendenziell immer größer zu werden. Würde dies nicht verhindert, lässt sich befürchten, dass auch dieses System zumindest an Fairness zu wünschen übrig lässt.

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Rainer Sommer
Es werde Geld ...
Zur Theorie und Geschichte des Geldes
Als eBook für 3,99 Euro bei Telepolis erschienen

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