Bitcoins: Totalschaden oder Lehrgeld?

10.04.2014

Was die Gestalter des Bitcoins hätten besser wissen sollen oder warum nicht alles Währung ist, wo Währung drauf steht

Die letzten Turbulenzen um den Bitcoin zeigen einmal mehr, dass ausgeklügelte Zahlenspiele nicht ausreichen, um eine Währung zu konzipieren, die diesen Namen verdient. Knappheit allein macht aus einem Wirtschaftsgut nämlich noch lange kein Geld, und Verschlüsselungsalgorithmen sind bei weitem nicht alles, was ein zeitgemäßes Zahlungsmittel braucht.

ASIC-basiertes USB-Bitcoin-Mining-Gerät. Bild: Targaryen/CC-BY-SA-3.0

Um es von Anfang an klar zu stellen: Ich bin kein Gegner der Cyberwährungen, ganz im Gegenteil. Doch gerade deshalb dürfte etwas Kritik erlaubt sein, weil die Entwürfe in diesem Bereich allzuoft von mangelndem Verständnis der Funktionsweise des Geldes zeugen.

Das Mysterium Währung

Nehmen wir beispielsweise den Begriff Währung. Kaum jemand kann ihn erklären, ohne die Wörter Staat und Zentralbank zu benutzen. Der Blick in die Lexika bestätigt es nur. Das Interessanteste dabei: Niemanden scheint es zu stören.

Währungseinheiten dienen wie alle anderen Einheiten dazu, ein Zahlenwerk in einen Bedeutungskontext zu setzen. "Lesen Sie, wie Sie 500 sparen!" ist mir vor kurzem in der Flut der Neuerscheinungen begegnet. Fünfhundert wovon? Sind hier Kalorien, Kilowattstunden oder selbstdichtende Schaftbolzen gemeint?"

Man muss heute kaum jemanden von der Bedeutung verlässlich definierter Einheiten für die Technik und Wissenschaft überzeugen. Viele davon haben ihre eigenen Geschichten, doch das Hauptprinzip ist leicht nachvollziehbar: Ein Längenmaß hat mit einer bestimmten Länge, ein Gewichtsmaß mit einem bestimmten Gewicht zu tun usw.. Die Klarheit schwindet, sobald wir uns dem Bereich der Währungen zuwenden.

Wofür braucht man eine Währung? Sie soll dabei helfen, im Handel oder Tausch den Wert sehr unterschiedlicher Güter zu vergleichen. Es wäre daher zu erwarten, dass eine Währungseinheit mit einem wie auch immer gearteten Wert verbunden ist. Wie kommt es dann, dass den meisten von uns an dieser Stelle Begriffe wie "Staat" und "Zentralbank" einfallen? Das wäre noch verständlich, wenn wir nach einer Basiseinheit für Korruption und Verschwendung suchen würden, doch für einen Warenwert?

Vertraute Absurditäten

Der Zug konnte das Ziel nicht erreichen: Die Inflation der Entfernung überstieg bei weitem die Inflation der Netzspannung. Die Reisenden machten sich zu Fuß auf den Weg und realisierten den Verlust.

Aus privatem Briefwechsel

Es gibt heute nur einen Bereich, der auf die Vorteile stabiler Basiseinheiten konsequent verzichtet, und das ist die Ökonomie. Wenn es eine Evidenz im Bereich der Geldwirtschaft gibt, dann die, dass ein Staat, sofern er über ein Geldmonopol verfügt, unweigerlich die Währung, also die Basiseinheit für Finanzoperationen in der Wirtschaft, verwässert. Die Verzerrungen in diesem Bereich haben eine lange Geschichte und haben sämtlich damit zu tun, dass im Laufe seiner Geschichte das Geld sukzessive vom wirtschaftlichen zum politischen Instrument wurde.

An dieser Stelle höre ich so manchen Leser sagen: "Was soll der Unsinn? Die Zentralbank ist der Garant für die Stabilität der Währung. Sie ist unabhängig und kontrolliert die Geldmenge. Wenn sie es nicht täte, würde der Wert jeder Geldeinheit bis ins Bodenlose fallen. Für die Steuerung benutzt sie den Leitzins." Genau. Das wissen wir doch alle: Die Zentralbank hält die Währung stabil, indem sie die jährliche Inflation unter 2 % anstrebt.

Man sollte vielleicht die Realitäten der modernen Wirtschaft in den technischen Bereich übertragen, um ihre Absurdität deutlich zu machen. Wie wäre es damit: Das im Jahr 2016 geborene Kind bringt bei der Geburt 12,8 kg auf die Waage, inflationsbereinigt auf das Jahr 1999 sind es 3,4 kg. Oder: Die Sommerzeitumstellung wird heuer von der Einführung der 4 % kürzeren Sommerstunde begleitet. Dies wird in den Wintermonaten mit einer 4 % längeren Winterstunde kompensiert. Die neutrale Bezeichnung Stunde wird ungeachtet dessen beibehalten. Es geht auch besser: Die Internationale Kommission für die Stabilität des Bits hat sich auf eine gemäßigte Inflation von 1 % pro Jahr geeinigt. Die Werte 0 und 1 werden ab sofort ihre lästige Eindeutigkeit verlieren und begeben sich allmählich auf den Weg zu einem diffusen "Ungewiss".

Verrückt? Wie man es nimmt. Die Ökonomen arbeiten seit Jahrzehnten mit Einheiten, die sie Währungen nennen, für die es keinen ökonomischen Bezug gibt. Sämtliche Zentralbankwährungen hängen allein von politischer Willkür ab. Wen wundert es, dass die Wirtschaftsprognosen immer mehr der Kaffeesatzleserei ähneln? Die Tatsache, dass Jahr für Jahr Nobelpreise für Wirtschaft vergeben werden, sollte nicht über den Umstand hinwegtäuschen, dass hier durchweg mit spekulativen Einheiten gearbeitet wird.

Aller Anfang ist schwer

Um auf den Bitcoin und seinen Wert als Währung zurückzukommen: Wieviele Bitcoins sollte man für den Ruhestand zusammensparen, um den gewohnten Lebensstandard halten zu können? Die Antwort ist nicht nur schwierig, sie ist unmöglich. Das Problem betrifft natürlich nicht nur den Bitcoin. Mit jeder anderen modernen Währung wäre diese Frage genauso nicht zu beantworten.

Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass ein knapp gehaltenes Gut sich besonders gut als Geld eignet, weil es angeblich vor Inflation schützt. Für Wirtschaftsoperationen braucht man Basiseinheiten, deren Wert über möglichst lange Zeiträume stabil bleibt. Ein beliebig reproduzierbares und global handelbares Wirtschaftsgut wäre somit als Basis für eine solche Einheit weit besser geeignet als ein knappes. Die Kurskapriolen des Bitcoins sind dafür die beste Illustration.

Der Bankrott einer einzigen Handelsbörse hätte kaum Auswirkung auf den Kurs einer Währung, wenn sie sich nicht auf eine spekulative Hoffnung oder gesetzlichen Zwang, sondern auf den Wert eines real handelbaren Wirtschaftsgutes stützen würde. Dieses Wirtschaftsgut könnte alles sein: ein Download in einem Online-Musikshop, ein Monatsbeitrag für eine Kontaktseite, eine Dienstleistung im Transportbereich oder auch ein Zahlungsdienst. Niemand sagt, dass es sich dabei um eine einzige Währung handeln soll. Es wäre nur logisch, wenn unterschiedliche Handelsräume verschiedene, für sie passende Währungen entwickeln würden.

Und hier liegt die Herausforderung für alle, die sich für das Design einer modernen Cyberwährung interessieren. Der Wertbezug ist nur eine von vielen Anforderungen, die eine solche Währung erfüllen müsste. Zu weiteren Punkten gehören die Anonymität der Zahlung, die automatische, durch den Markt regulierte Geldmenge, das Verhindern von doppelter Zahlung mit gleicher Geldeinheit zur gleichen Zeit und die Lösungen für die Kapitalbildung und Investitionen, um nur die offensichtlichen zu nennen.

Die Enttäuschungen im Zusammenhang mit Bitcoin und seinen Nachahmungen, bergen leider die Gefahr in sich, die Idee einer internetbasierten dezentralen und stabilen Währung zu diskreditieren. Dies wäre zu bedauern, weil der Bedarf daran offenkundig sehr hoch ist.

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Rainer Sommer
Es werde Geld ...
Zur Theorie und Geschichte des Geldes

Aus Sicht der Geldgeschichte leben wir in einer ungewöhnlich interessanten Zeit, da sich das auf keinerlei Sachwerte gestützte "Fiat Money"-Geldsystem in der Krise befindet, während die heutigen IT-Technologien etwa mit der "Cyber-Währung" Bitcoin in Reaktion auf die expansive Geldpolitik die Entstehung einer ganz neuen Art von Geld ermöglichen. Rainer Sommer arbeitet die entscheidenden Wenden der 5000-jährigen Geschichte des Geldes und der Geldtheorie heraus, aus der heraus er die aktuellen Probleme der etablierten Währungen und die verfahrene Situation der geldtheoretischen Diskussion verständlich macht.

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Aufbruch ins Ungewisse

Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise

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