Ägypten: Die bezahlte Revolution

17.04.2014

Ein Tamarod-Führer erklärt, wie die "revolutionäre Jugendbewegung" frühzeitig für das Projekt "Absetzung Mursi" von Armee und Innenministerium gekauft wurde

Als vor knapp einem Jahr die Tamarod-Bewegung Millionen in Bewegung setzte, nachdem angeblich 22 Millionen eine von ihr aufgesetzte Petition gegen die Mursi-Regierung unterzeichnet hatten, staunte die Öffentlichkeit weltweit über die Mobilisierungsfähigkeit der ägyptischen Straße. Es gab nur wenige einzelne Stimmen, deren Verdacht durch die enormen Zahlen und die perfekte Inszenierung der Proteste gegen die Muslimbrüder, durch die Fernsehbilder mit den friedlichen Massen und die kinotauglichen Lichtinstallationen an den Gebäuden Kairos, geweckt wurden (z.B. im Telepolis-Forum). Die große Öffentlichkeit gab sich mit der Erklärung zufrieden, dass Ägyptens Straße, wie doch der Sturz Mubaraks gezeigt habe, für solche Überraschungen gut sei. Auf Nachforschungen, wer denn hinter plötzlich aufgetauchten ominösen Jugendbewegung Tamarod konkret stehe, gab es damals nur spärliche Antworten.

Noch vor ein paar Tagen erklärte mir ein Autor, der sich im letzten Sommer in Kairo aufhielt, dass es derart schwierig war, über Tamarod etwas herauszufinden oder auch nur Leute zu treffen, die jemanden kannten, der bei Tamarod war, dass er letztlich glaube, diese Bewegung sei nur ein Phantom gewesen.

Ein aktueller Bericht aus Kairo einer Reporterin des Magazins Buzzfeed, berühmt für seine bizarre Themenmischung, bestätigt nun, dass es immerhin mindestens fünf Mitglieder gegeben hat - und dass Tamarod ein trojanisches Pferd für die ägyptische Armee und das Innenministerium war.

Die Reporterin hat in der ägyptischen Hauptstadt einen der fünf Tamarod-Führer getroffen, Moheb Doss. Er bestätigt zunächst, was Ende Juni als mehr oder weniger einzige verlässliche Information über die Herkunft Tamarods kursierte, dass sie der Kefaya-Bewegung entstammt; vier der Führer, Moheb Doss, Walid el-Masry, Mohammed Abdel Aziz und Mahmoud Badr (der einzige, der einer größeren Öffentlichkeit bekannt wurde) waren dort zuvor engagiert. Die Kefaya-Bewegung bestätigte dies damals, distanzierte sich aber zugleich.

Möglicherweise war dem Kefaya-Sprecher Abdel Rahman Al-Gohary zu diesem Zeitpunkt schon zu Ohren gekommen, dass es ominöse Kontakte des Tamarod mit dem Innenministerium gegeben hat, das eine zentrale Rolle bei den Vorbereitungen zur Absetzung Mursis gespielt hat.

Schon vor Juni seien die Türen für Besucher aus dem Innenministeriums und der Armee weit offen gewesen, heißt es jetzt. Da habe er schon gemerkt, dass man Weisungen empfange und benutzt werde. "The leaders of Tamarod let themselves be directed by others. They took orders from others."

Dennoch gibt sich Doss auch im Nachhinein noch naiv. Sie hätten es nicht fassen können, dass Aufrufe der Gruppe umgeschrieben wurde, so dass in ihrem Namen - und damit der "revolutionären Jugend" - die Unterstützung für die Armee und al-Sisi eingefordert wurde. Badr unterstützte dies allerdings mit offensiven Loyalitätsbekundungen: "We salute the Army! We salute them!" "They have shown that they are with the people."

Nach der Absetzung Mursi distanzierten sich die Führungsmitglieder peu à peu von der Politik der Armee, die nichts mit ihren politischen Zielen zu tun habe. Geht es nach den Informationen der Reporterin so dürften sie, bis auf angeblich Doss selbst, zumindest mit großem finanziellen Nutzen aus der Sache rausgekommen sein.

"Wir waren naiv, aber nicht verantwortlich", so Doss gegenüber der Reporterin. Genau diese sentimentale Einstellung hat sie wohl zum geeigneten und leichten Spielzeug für die Armee werden lassen.

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