Abbau des Wohlfahrtsstaates: Immer mehr Briten hungern

18.04.2014

Großbritannien: Nachfrage nach Essenspaketen von Wohltätigkeitsorganisationen stieg in den letzten zwölf Monaten um 163 Prozent und seit 2010 um 1.386 Prozent

Hunger und Nahrungsmittelknappheit waren bis vor ein paar Jahren Probleme, die man vor allem aus sogenannten Entwicklungsländern kannte, nicht in Ländern des reichen Westens. Vor Ausbruch der Finanzkrise waren "Foodbanks", Wohltätigkeitsorganisationen, die kostenlos Nahrungsmittel verteilen, in Großbritannien nahezu unbekannt, heißt es in einem Bericht aus dem Jahr 2012, der sich mit dem Phänomen der wunderlichen Vermehrung dieser tafelähnlichen Einrichtung beschäftigte. Zählte man 2010 noch 79 solcher "Foodbanks" in Großbritannien, waren es zwei Jahre später bereits 200. Gegenwärtig koordiniert allein das größte britische Foodbank-Netzwerk, der Trussel Trust, knapp über 400. Aber dies ist nicht die eigentlich alarmierende Zahl.

Mitte der vergangenen Woche veröffentlichte die Versorgungsorganisation Zahlen der Personen, die in den letzten zwölf Monaten das "Drei-Tage-Notessenspaket erhielten: Es war knapp eine Million, 913.138. Vergleicht man die Zahl mit der des gleich langen Zeitraums zuvor, so zeigt sich eine enorme Zunnahme: 2012/2013 waren es noch 346.992 (und 2010/2011 61.468). Demnach hat die Nachfrage nach den Essenspaketen innerhalb des letzten Jahres um 163 Prozent zugenommen (und seit drei Jahren um 1.386 Prozent).

Laut dem Vorsitzenden des Trussel Trust, Chris Mould, zeigen seine Zahlen aber nur die "Spitze des Eisbergs" einer Misere, weil in seinen Daten nicht Personen berücksichtigen, die von anderen Organisationen versorgt werden. Auch Personen, die an Unterversorgung leiden, aber an Orten leben, wo es keine Foodbank gebe, seien nicht erfasst. Dazu käme eine Menge von Leuten, die sich scheuen würden, um solche Pakete nachzufragen und einfach weniger essen oder billigstes Essen kaufen.

Die wachsende Nachfrage nach den Essenspaketen erklärt er sich mit Unterbeschäftigung, niedrigen Löhnen, dem Ausbleiben von Lohnerhöhungen bei steigenden Lebenshaltungskosten und durch die unfaire und harte "Sozialpolitik" der Regierung. Als besonders auffällig wertet Mould die Politik der Sanktionen, die Ansprüche auf Sozialleistungen reduzieren oder gar streichen.

Steigende Zahl der Sanktionen gegen Sozialhilfeempfänger

Die Zahl dieser Sanktionen hat, wie ein Bericht des Guardian von Anfang dieses Jahres zeigt, im letzten Jahr einen Rekordwert erreicht; als Grund wird angeführt, dass die Regierung von denen, die Ansprüche auf Sozialleistungen stellen, "mehr Aktivität erwartet, um nachzuweisen, dass sie wirklich Arbeit suchen". Der Guardian spricht von einem "exzessiv auf Bestrafung ausgelegten Vorgehen".

Nach einer statistischen Auswertung stehen verspätete Zahlungen von Sozialleistungen (Benefits) mit 30 Prozent an erster Stelle der Gründe, weshalb die Essenspakete in Anspruch genommen werden, an zweiter Stelle werden niedrige Löhne angegeben (20 Prozent) und an dritter die veränderte Höhe an empfangenen Sozialleistungen (17 Prozent).

Sparen mit billigerem Essen

Moulds stützt sich bei seiner Erklärung auch auf Ergebnisse einer Studie vom März dieses Jahres, die die Versorgungsorganisation zusammen mit einem Online-Elternverbund unter gut 2.000 Arbeiterfamilien durchführte. Demnach geben 78 Prozent der Eltern von "working families" an, dass sie ihre Ausgaben in den letzten 12 Monaten reduziert hätten und 56 Prozent taten dies, indem sie billigeres Essen von minderer Qualität kauften. Ein Viertel gab an, dass sie an Stress leiden, weil sie nicht genügend essen. Nur 1 unter 40 der Befragten hat nach eigenen Angaben die Hilfe einer Foodbank in Anspruch genommen. Weit mehr als zwei Drittel würden dies nur als letzten Ausweg wählen.

Vertreter der Kirchen, 45 anglikanische Bischöfe und 600 andere Kirchenführer, haben der Regierung einen Brief geschrieben, alarmiert von der "nationalen Krise", die sich in den Zahlen der Foodbank zeigt.

Bislang ist noch keine Antwort bekannt. Premierminister Cameron weilt im Osterurlaub auf Lanzarote, wo ihn eine Feuerqualle erwischt hat.

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