Dr. Strangelove ist zurück

22.04.2014

Die Ukraine-Krise bringt die Atomwaffen wieder ins Spiel

Separatisten schüren Unruhe im Osten, Putin erhält angeblich Hilferufe, Übergangs-Präsident Turtschinow bittet um die Stationierung von UN-Friedenstruppen - die Ukraine kommt auch vier Wochen nach der Annexion der Krim durch Russland nicht zur Ruhe. Die Propaganda-Rhetorik vom "neuen kalten Krieg" schaukelt sich hoch, und so wird in den USA auch die eigene militärische Verteidigungsstrategie neu diskutiert. Rufe werden laut, die eine weitreichende Erneuerung der in die Jahre gekommenen Atomwaffenflotte fordern. Kritisiert wird ebenso Obamas Traum einer nuklearfreien Welt. In Russland scheinen sie derweil die neuen alten Spannungen zwischen West und Ost zu begrüßen. Die scheinbare Lektion für die Welt: mehr Atomwaffen. Aber die Krise produziert auch Gewinner.

B-61-Atombomben. Bild: Pentagon

Vergangenes Jahr stand Barack Obama in Berlin vor der Siegessäule und sagte: "Solange es Atomwaffen gibt, sind wir nicht sicher." Damals träumte er von einer nuklearen Abrüstung ("Global Zero"), wenn Russland denn weiterhin so mitziehen würde, wie bei der Unterzeichnung des "New START"-Vertrags 2011 , mit dem sich beide Parteien einigten, bis 2018 ihre Nuklearsprengköpfe jeweils auf 1550 zu reduzieren, die Trägersysteme sollten heruntergefahren werden auf maximal 700. Aber nun wird Obamas Vision bereits zwölf Monate später mit den machtpolitischen Realitäten der Welt und ihrer verschärften Rhetorik konfrontiert.

Am selben Tag, als Mitte März das Referendum auf der Krim lief, baute sich Russlands einflussreichster Fernsehmoderator - von Putin Ende letzten Jahres persönlich zum Chef des neuen Medienunternehmens Rossiya Segodnya berufen - vor der Kamera auf und ließ verlauten: Russland sei immer noch "das einzige Land auf der Welt, das fähig ist, die USA in radioaktiven Staub zu verwandeln. Während er dies sagte, rollte hinter ihm eine Grafik von aufsteigenden Atomraketen ab und waren Bilder von Raketenbunkern zu sehen. Eine Provokation, die weniger einen atomaren Stand-off heraufbeschwören sollte, als die Welt daran zu erinnern, dass Russland noch da ist, nicht nur als Mitspieler, sondern als Lenker auf dem internationalen Politikparkett und auf Augenhöhe mit den USA. Die Reaktion in den USA ließ nicht lange auf sich warten.

Putin ist den USA voraus

Russlands Einverleibung der Krim, so der konservative Autor James S. Robbins ("This Time We Win: Revisiting the Tet Offensive"), Senior Fellow für nationale Sicherheitsfragen im American Foreign Policy Council, in einer Kolumne der US Today, zeige die Notwendigkeit einer "Aufrüstung der Raketenabwehr und einer Modernisierung der US-Atomstreitmacht".

Bezüglich der Modernisierung hat Robbins nicht unrecht. Das Nukleararsenal der USA ist größtenteils aus den 70er Jahren ("Fäule auf Atomsprengköpfen" ) und damit veraltet. Für eine Erneuerung müssten mehr als 355 Milliarden Dollar über die kommenden zehn Jahre eingerechnet werden, schätzt das Congressional Budget Office, laut eines Berichts der Nachrichtenagentur Reuters. Insgesamt würde ein "Upgrade" 1 Billion Dollar kosten.

Während Obama der Welt seine nukleare Totalabrüstung erklärte und einen von Bush Junior geplanten Raketenabwehrschirm in Polen (bodengestützte Abfangraketen) und Tschechien (Sea-Based X-Band Radarstation) stoppen ließ, unternahm dagegen Putin "wichtige Schritte um seine veraltete Atomstreitmacht zu modernisieren". Vor zwei Jahre erklärte er dann, man wäre in dieser Hinsicht dem amerikanischen Partner nun "ein Stück zuvorgekommen", und ließ darauf seine Waffen mediengerecht testen. Mit dem überraschenden Griff nach der Krim lernt "das Weiße Haus (...) jetzt, dass der Kalte Krieg vielleicht lange vorüber ist, aber dass die Regeln der Abschreckung gleich geblieben sind", so Robbins.

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