"Herr Preußenpastor Gauck: Wir sagen Nein!"

22.04.2014

Begrüßung zum Ostermarsch Rhein-Ruhr in Düsseldorf 2014

In der Berichterstattung zu den Ostermärschen 2014 gibt es viele Lamentos über stagnierende Teilnehmerzahlen und ewig gestrige Pazifisten. Inhalte spielten demgegenüber oft eine nachgeordnete Rolle. Wir dokumentieren hier die Düsseldorfer Ostermarsch-Begrüßung des Theologen und Publizisten Peter Bürger, der öfter auch für Telepolis schreibt.

Die globale Beherrschungspolitik der Nato unter Federführung einer Supermacht, die schon lange Völker- und Menschenrecht offen verhöhnt, hat nach Plan einen neuen Kalten Krieg produziert. Die letzten - schon sehr betagten - Vertreter der bürgerlichen Vernunft klären uns auf, dass dieser neue Kalte Krieg nicht im Interesse Europas sein könne. Doch eine Großkoalition jener nachfolgenden Politikergeneration, die ihre Karriere in den neoliberalistischen Jahrzehnten bewerkstelligt hat, will von vernunftgeleiteter Politik und von der Vision einer friedlichen Zivilisation nichts mehr wissen.

Medienmacher lassen sich derweil dafür bezahlen, dass sie ihr eigenes, höchst widerwilliges Publikum mit kaltem Kriegsgeschrei übertönen. In 5 Jahren werden wir über kritische Forschungen genau wissen, welche Public-Relations-Firmen den Redaktionen das entsprechende Material der letzten Wochen geliefert haben.

Denn alles ist bestens vorbereitet. Hundert Jahre nach dem Auftakt zur ersten industriellen Massenabschlächterei auf unserem Kontinent jubeln im Jahr 2014 die Redakteure über einen Bestseller, der uns die Geschichte ganz neu - bzw. wieder ganz nach alter Machart - erzählt. Von Großmachtpolitik, Wirtschaftsinteressen, Militarisierung, Aufrüstung und Germanenwahn im Kaiserreich soll geschwiegen werden. Alles war nur ein Werk von Schlafwandlern. Niemand hat vor 1914 gehetzt zum Großen Krieg. Niemand hat profitiert. Niemand hat gewarnt. Niemand hat es gewollt. Niemand war verantwortlich.

Und rein zufällig predigen uns dieser Tage die Nachfahren dieser Schlafwandler - die Kriegsministerin, der Außenminister und das sogenannte Staatsoberhaupt - eine "neue" deutsche Weltpolitik. Mehr militärische "Verantwortung" solle Deutschland auf dem Globus übernehmen, verkündeten die drei auf der Münchener Unsicherheitskonferenz 2014. Das Konzert war gut abgesprochen. Den Wortlaut hatten schon im Oktober 2013 eine deutsche und eine US-amerikanische Stiftung vorgegeben. Und siehe da, einige "Arbeiter" aus dieser kooperativen Denkfabrik arbeiten rein zufällig auch bei großen bürgerlichen Medien. Wie praktisch, wenn man einen so direkten Draht zu den großen Zeitungsdruckereien der Republik hat.

Nein, eine "Kultur der Zurückhaltung" ist all dies wahrlich nicht mehr. Deutschland soll sich unter dem Vorzeichen eines recht genau bestimmten "Sicherheitsbegriffs" stärker einmischen und im Rahmen der NATO einen "Zuwachs an Aufgaben" akzeptieren. All das erwartet man in Washington ... Wer hätte es ahnen können, dass wir uns in nur so kurzer Zeitspanne einen Guido Westerwelle als Außenminister zurückwünschen würden? Die real existierende Weltunordnung, die nur wenige auf dem Globus reich macht, geht über Leichen und übt sich in einer "Globalisierung der Gleichgültigkeit". Das sagt Franziskus, Bischof von Rom. Als Täter präsentieren die Medien bei uns freilich nur "afrikanische Menschenfresser" und neuerdings wieder einen "Iwan der Schreckliche" in Moskau. Doch Europa und unser Land gehören auf dem Kriegsschauplatz des unaufhörlichen Hungertodes zur Täterseite. Die Kirchen, die sich vom Staat massive Finanzhilfen geben lassen, hüllen sich vornehm in Schweigen. Sogenannte "Linke", die sich vom Einstieg in ein Politstricher-Leben ganz persönlich viel versprechen, wollen über die nahe Täterschaft auch nicht mehr reden. Sie arbeiten im Einzelfall gar den Nato-Kriegsdenkfabriken zu. Wenn diese Herren in ihrer Partei einen noch stärkeren Kurswechsel bewerkstelligen, dann allerdings wird für "Die Linke" ganz sicher kein Platz mehr sein auf Redner-Tribünen der Friedensbewegung.

"Nato-Werte" und "Nato-Interessen"

Nato-Werte und Nato-Interessen, nur darum geht es: Westlicher Wohlstand, "Freihandel" für uns allüberall, abgesicherte Export-Vormacht, Rohstoff- und Energieversorgung, Abwehr der Elenden der Erde vor den eigenen Grenzen ... Die entsprechenden militärischen "Werte und Interessen"-Doktrinen, die seit über zwei Jahrzehnten ohne demokratische Legitimation als Leitlinien der Politik dienen, sind samt und sonders Angriffe auf unser Grundgesetz. Am allerwenigsten verteidigt der altpreußische Pastor, den man passend zur neuen Großmachtpolitik als Staatsoberhaupt eingesetzt hat, die Friedenspräambel unserer Verfassung.

Schon lange vor seiner jüngsten militärischen Verantwortungspredigt hat Pastor Joachim Gauck im Juni 2012 von der Bundespräsidenten-Kanzel herab für Auslandseinsätze der Bundeswehr geworben: Wir lebten in einer "glücksüchtigen Gesellschaft", meinte er. Da fehle leider bei den Bürgerinnen und Bürgern noch das Verständnis dafür, "dass es wieder deutsche Gefallene gibt". - Mehr Leidensbereitschaft bitte! Mehr Opfersinn bitte! Denn wer bist du schon, Menschlein, dass dir als Glied einer großen Nation an deinem kleinen Leben etwas liegen könnte.

Wohl an denn, Herr Oberpastor, wir kennen die Kriegstheologie der deutschen Staatskirchen zu genüge. Man gab vor, sie gelte dem Gott der Christen. Aber es war der "Deutsche Gott", von dem die Kinder schon in ihren Schulbüchern lasen, dass er vor allem viel "Opfer" abverlangt. Dieser Kriegsgötze hat in Preußen am Ende noch immer jeden aufgeklärten und freien Geist mit Kanonendonner zum Verstummen gebracht. Die Opferpredigt der Staatsprotestanten und der Herren Staatsbischöfe ist unseren Vorfahren nie gut bekommen. Millionen Gräber aus zwei Jahrhunderten erinnern an das Kanzelwort der Heidenpriester aus Deutschland, die sich nicht schämten, im Namen Jesu von "heiligen Kriegen" zu schwafeln, und dann auch oft schon vor 1933 ein Parteibuch der NSDAP besaßen.

Nie wieder werden Menschen guten Willens - darunter eben auch Christen, die diesen Namen verdienen - auf das blutige Opfer-Gesabber des Preußengottes hereinfallen. Das Glücklichsein der Menschen, nur darum - in der Tat - ist es uns zu tun: Herr Oberpastor der Nation, Sie sprechen von deutschen Wirtschaftsinteressen, die mit sogenannten "Werten" gut kompatibel sein sollen, und Sie sprechen von unseren "überdurchschnittlichen" deutschen Profiten. Doch die Menschen auf der Erde brauchen keine deutschen Soldatenopfer für "unseren Wohlstand", sondern gerechte Verhältnisse und eine auf UNO-Ebene endlich wahrgenommene "Responsibility to feed". Menschen wollen - gottlob - miteinander wirklich nur glücklich sein. Jeder Politik, die sie unglücklicher macht, erklären wir unseren Widerstand. Wir bleiben ungehorsam, Herr Pastor Gauck. Die Traditionen, die hinter Ihrer präsidialen Militärpredigt stehen, werden wir unaufhörlich benennen.

Deutsche Verfassungs-Makulatur: "Dem Frieden in der Welt dienen"

Nach unserem Verständnis kann nur Bundespräsidentin oder Bundespräsident sein, wer die UN-Charta und die Gründungsurkunde unserer Republik ernst nimmt. Ein Gustav Heinemann wusste noch, dass die Präambel unserer Verfassung nicht etwa aus "falschen Skrupeln" einer Nachkriegsgeneration resultiert. Als zentrales Staatsgebot ist dort vorgegeben: "dem Frieden der Welt zu dienen". Nie wieder darf es nach den Abgründen des 20. Jahrhunderts ein neues "Vertrauen" in Militärlogik und Militärapparate geben. Wer diesbezüglich an Gedächtnisverlust leidet oder bagatellisiert, ist in jedem Verfassungsorgan fehl am Platz. Gegen das gefährliche Gerede von einem neuen Stolz und einer neuen Mission auf dem Felde des Militärischen setzen wir unsere Freundschaft zu allen, die am Bekenntnis zu einer Republik des Friedens und der kompromisslosen Einbindung in das Recht der Völker festhalten:

  • Dem Frieden in der Welt dienen, damit verträgt es sich nicht, Wirtschaftskriegs-Doktrinen gegen Verfassung und Völkerrecht zu aufzustellen.
  • Dem Frieden in der Welt dienen, damit verträgt es sich nicht, weltweit drittgrößter Exporteur von Rüstungsgütern zu sein und mit todbringenden Kriegstechnologien ohne Rücksicht auf Verluste Profite einzufahren.
  • Dem Frieden in der Welt dienen, damit verträgt es sich nicht, dass Atomwaffen - völkerrechtlich geächtete Instrumente des Massenmordes und der höchsten Menschenverachtung - noch immer in unserem Land stationiert sind.
  • Dem Frieden in der Welt dienen, damit verträgt es sich nicht, an den Grenzen und innerhalb von Europa den Allerärmsten einen Krieg zu erklären.
  • Dem Frieden in der Welt dienen, damit verträgt es sich nicht, deutsche Krieger zum Töten von Kindersoldaten und Zivilisten nach Afghanistan zu schicken und die Leiden der eigenen Berufsmilitärs hernach hinter Psychiatriemauern zu verstecken.
  • Dem Frieden in der Welt dienen, damit verträgt es sich nicht, dass wir in unserem Land die Schaltzentralen für ferngelenkte Drohnenmorde auf anderen Kontinenten dulden. Diese Barbarei per Knopfdruck bleibt Mord. Recht ist mitnichten das, was den technisch hochgerüsteten Militärmachthabern der Erde nützlich erscheint.
  • Dem Frieden in der Welt dienen, damit verträgt es sich nicht, dass Denkfabriken des Krieges die Vorgaben liefern für Kultur, Bildung, Wissenschaft und Politik in unserem Land.

"Wir kennen den Fetisch der Nationalflaggen nicht mehr"

Es liegt auf der Hand, dass wir Pazifisten und Antimilitaristen über den inneren Kreis der Friedensbewegung hinaus mehr Brücken brauchen. Ich denke an die Nachdenklichen und Verfassungspatrioten in der bürgerlichen Gesellschaft, an die im Neoliberalismus groß gewordene junge Generation, an kritische Gefährten in allen Ländern (besonders auch in den USA) und nicht zuletzt an Soldaten, die man in Afghanistan oder auf anderen Schauplätzen des Wahnsinns in eine Hölle hineingeführt hat. Die Friedensbewegung steht ein für eine Betätigung der menschlichen Großhirnrinde, für das größte menschliche Kraftfeld, die Gewaltfreiheit, und für eine erotische Alternative, nämlich eine Welt der Gerechtigkeit, Kooperation und Zärtlichkeit.

  • Wir kennen keine Rassen - nie wieder werden wir sie kennen, auch nicht das Wort "Rasse". Wir kennen nur die eine, unteilbare Familie aller Menschen auf dem Globus. In unserer Verfassung steht auch nichts von einer "Würde des deutschen Menschen". Artikel 1 lautet: "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Jegliche Unterscheidung hierzu ist Willkür und Gewalttat.
  • Wir erkennen keine Vaterländer und Supermächte mehr an, weder Washington oder Moskau noch sonst eine Zentrale. Wir kennen nur ein Mutterland aller Menschen, den Planeten Erde. Der Herrschaft des Programms "Krieg" ist ein Ende zu bereiten, weil es sonst auf diesem einzigen Planeten, der unser gemeinsamer Lebensraum ist, keine Zukunft für die Menschen geben wird.
  • Wir kennen den Fetisch der Nationalflaggen nicht mehr. Wir kennen nur die bunten Gewänder der vielen Kulturen und Regionen auf dem Globus. Kommunikation ohne Profitsysteme ist möglich. Sie bewirkt den einzigen Reichtum der Erde, der zählt: den Reichtum miteinander geteilter Bedürftigkeit, den Reichtum der Menschlichkeit.
  • Wir kennen keinen Respekt mehr vor jenen, die die Vernunft und die Lernprozesse der menschlichen Zivilisation verraten; wir kennen auch keine Furcht vor jenen, die das Gewissen der Weltgesellschaft planmäßig einschläfern. Wir kennen nur die Hochachtung vor Menschen und Gemeinschaften allüberall auf dem Globus, die mit Herz und Verstand unsere Schritte auf den Weg des Friedens lenken und helfen, die Schönheit unserer menschlichen Gattung zum Vorschein zu bringen.
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