Meinungskluft um die Ukraine

25.04.2014

Der Umgang mit der Krise um die Ukraine entwickelt sich zur Götterdämmerung des deutschen Auslands-Journalismus. Die nicht abreißende Kritik von großen Teilen des Publikums fordert von Journalisten neue Bewältigungsstrategien

Niemals zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik wurden die etablierten Medien zum Gegenstand derart breiter Kritik wie im Zusammenhang mit der Ukraine-Krise. Seit mehreren Wochen sehen sich Medienmacher in den Kommentarfunktionen ihrer eigenen Online-Angebote, auf Blogs und in Internet-Foren massiven öffentlichen Anfeindungen ausgesetzt. Einig scheinen sich große Teile des Publikums in ihrer Einschätzung, dass die meisten Medien nicht ausgeglichen über die Ukraine informieren, sondern parteiisch im Sinne von EU- und NATO-Interessen agieren. Egal ob auf den Online-Präsenzen der Tagesschau, des Spiegel oder auf Zeit.de: Die Zahl der Kommentare unter Artikeln zum Ukraine-Konflikt beläuft sich schnell auf die Hunderte. Beiträge, welche die journalistische Linie der Autoren unterstützen, genießen dort inzwischen Seltenheitswert.

Eine mit Beginn der "Antiterror-Operation" verlassene Straßensperre vor Slawiansk. Aus einem YouTube-Video vom 24.4.

Anders als in den ersten Wochen der Ukraine-Krise scheint der Unmut von Leserinnen und Lesern inzwischen auch in einigen Chefredaktionen ernst genommen zu werden. Im medienpolitischen Magazin Zapp spricht Friedbert Meurer von einer neuen Quantität und einer anderen Intensität der Kommentare: "Ich würde daraus schließen, dass in beträchtlichen Teilen der Bevölkerung eine andere Meinung gegenüber der Politik und gegenüber Russland vorherrscht, als das insgesamt und von den meisten Medien transportiert wird", so der Ressortleiter beim Deutschlandfunk.

Strategien zur Dissonanzbewältigung

Mit dieser Haltung steht Friedbert Meurer bisher jedoch weitgehend allein. In vielen Redaktionen lässt sich stattdessen das Bemühen erkennen, die massive medienpolitische Kritik als nicht repräsentativ abzuhandeln. In öffentlich feststellbaren Reaktionen dominieren bisher klar die Strategien Ignorieren, Leugnen, Abwerten.

Als vor dem Osterwochenende ein Aufruf aus unklarer Provenienz kursierte, die Onlinepräsenzen der größten Medien mit kritischen Kommentaren zu bombardieren, sahen etwa Die Zeit und der Tagesspiegel eine gute Gelegenheit, die vermeintlichen Urheber für ihren Unbill dingfest zu machen: Antiamerikaner und Verschwörungstheoretiker.

Gabriele Krone-Schmalz erklärt sich diese Schubladisierung der Publikumskritik mit den Worten: "Das kommt mir vor, als ob da jemandem die Argumente ausgehen." Die ehemalige Russland-Korrespondentin spricht in einem ausführlichen Interview die Defizite der Medienhäuser deutlichst an und weist anhand zahlreicher Beispiele darauf hin, dass der größte Teil der Zuschauerkritik durchaus berechtigt ist.

Dass sich diese Kritik mit dem Schreckwort "Verschwörungstheorie" beenden lässt, scheint man auch beim Medienportal Meedia zu glauben. Nachdem in einem Blog der Freitag-Community aufgedeckt wurde, dass das ZDF Teile seiner Ukraine-Berichte von der PR-Organisation Ukrainian Crisis Media Center bezieht, erinnerte Meedia nicht etwa, was mediengeschichtlich naheliegt, an die Brutkastenlüge, mit der die PR-Agentur Hill & Knowlton den ersten US-Angriff auf den Irak vorbereitet hatte. Stattdessen fand der Autor in seinem kleinen Beitrag fünf Gelegenheiten, das berüchtigte Buzzword unterzubringen.

Der Social-Media-Auftritt des NDR hingegen kann als klassisches Beispiel für selektive Interpretation gelten. Vor dem zum vergangenen Wochenende angekündigten Mini-Shitstorm erklärten die Verantwortlichen präventiv, sie würden die "Pauschalkritik, dass deutsche Medien beispielsweise russlandfeindlich berichten", nicht teilen und verwiesen ausgerechnet auf verschiedene Zapp-Sendungen. Die verlinkten Beiträge aus dem eigenen Haus hatten allerdings genau diese Kritik - recht pauschal gesprochen - als zutreffend bestätigt.

Dass solcherlei Abwehrreaktionen geeignet sind, die Flut der Kritik einzudämmen, kann hingegen getrost bezweifelt werden. Im Gegenteil: In den vergangenen Wochen haben mehrere derartige Versuche klassische Streisand-Effekte hervorgerufen. So produzierte etwa Radio Bremen im Rahmen der Wochenwebschau eine Sendung, die ihre jugendlichen Zuschauer über russische Propaganda und "Verschwörungstheorien in sozialen Netzwerken" aufklären sollte. Kurz nach der Ausstrahlung beschloss YouTube auf Bitten der ARD, die Kommentarfunktion abzuschalten. Bei dem Video habe es "sehr viele Kommentare" gegeben, die nicht der Netiquette entsprochen hätten.

Erst die Abschaltung der Kommentarfunktion bzw. die Zensur der Nutzer machten den Beitrag im Folgenden zum Internet-Hit. Eine ähnliche Erfahrung dürfte die FAZ gemacht haben, als sie mit Blick auf die Foristen des eigenen Blattes fragte: "Ist das russische Propaganda?" Unter den fast 700 Lesermeinungen zum Beitrag findet sich zwar wenig Schmeichelhaftes, aber der Autor kann sich bis auf weiteres rühmen, den meistkommentierten Beitrag seines Mediums verfasst zu haben (Auf Kriegsfuß mit den Lesern).

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