Neue Feindsender?
Paul Schreyer 25.04.2014
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Transparenter Journalismus geht anders

Auffällig ist zumindest, dass der sogenannte "Ethik-Kodex" im Falle von Zeit Online offenbar nur dann ins Feld geführt wird, wenn es um potenziellen russischen Einfluss geht. Ähnliches konnte bereits kürzlich beim Rauswurf des Russland-Korrespondenten Moritz Gathmann beobachtet werden. Fragen zum traditionell großen amerikanischen Einfluss auf die Zeit-Redaktion weicht man dort hingegen konsequent aus.

So berichtete Telepolis (Chaos bei Zeit Online: Mal gilt der Ethik-Kodex, mal gilt er nicht) bereits im März über den Zeit-Journalisten Jochen Bittner, der über ein Strategiepapier zur deutschen Außenpolitik berichtete, das er selbst mitverfasst hatte, ohne dass dieser Sachverhalt unter dem Text bei Zeit Online kenntlich gemacht wurde. Bis heute ist dort kein Hinweis, keine entsprechende Klarstellung oder ähnliches zu lesen. Warum nicht, mochte die Chefredaktion auch aktuell nicht beantworten.

Und zur Frage, ob man beabsichtige, den eigenen Ethik-Kodex nun dergestalt umzusetzen, dass auch die entsprechenden transatlantischen Verbindungen von prominenten Zeit-Journalisten wie Josef Joffe oder Matthias Naß künftig unter deren Artikeln offengelegt werden - und wenn nein, weshalb nicht -, verweigerte die Chefredaktion von Zeit Online jede Auskunft. Transparenter Journalismus geht sicher anders.

Zeit Online wollte auch nicht die Frage beantworten, weshalb der hauseigene Ethik-Kodex eigentlich bis heute nicht offiziell bekannt gemacht wurde. Bislang ist das Regelwerk lediglich über den privaten Blog des Journalisten Stefan Niggemeier zugänglich - ein seltsames Gebaren für ein "Qualitätsmedium".

Probleme mit der Forenmoderation

Derweil lässt der Widerstand der Leser und Zuschauer gegen die gängige Russland-Berichterstattung der Leitmedien kaum nach. Tausende von kritischen Kommentaren häufen sich auf den Webseiten von Tagesschau, Spiegel, FAZ & Co. Der Gegenwind irritiert die Branche zwar, führt aber bislang offenbar nicht zu ernsthaftem Umdenken. Stattdessen diskutiert man ausführlich psychologische Erklärmodelle, um die vermeintlichen Motiven des kritischen Publikums zu begreifen.

Favorisiert werden hierbei Antiamerikanismus, historische Schuldgefühle gegenüber Russland, eine irrationale Nostalgie Ostdeutscher, oder schlicht pubertäre Rebellion gegenüber der Schutzmacht USA. Der naheliegende Gedanke, dass sich der Protest des Publikums aus offenkundig einseitiger Berichterstattung speisen könnte, kommt anscheinend den wenigsten.

In jedem Fall werden die öffentlichen Diskussionsforen der großen Medien nun zu einer ernsten Bedrohung für deren Deutungshoheit. Kein Wunder, wenn sich Verantwortliche in den Redaktionen nun die Frage stellen sollten, inwieweit man da "moderierend" eingreifen kann. Soll man von seinen technischen Möglichkeiten gar weitergehenden Gebrauch machen und die "aus dem Ruder laufenden" Debatten zensieren?

Viele Leser haben den Eindruck, dass genau das längst geschieht. Bei Spiegel Online etwa kam es offenbar zu einigen Unregelmäßigkeiten. Lesern zufolge wurden Kommentare dort in größerem Ausmaß gelöscht. Problem: Die Spiegel-Online-Redaktion "moderiert", ohne Spuren zu hinterlassen. Ohne einen Screenshot des Kommentars, der später gelöscht wurde, lässt sich eine Zensur dort im Nachhinein kaum nachweisen.

Bei Zeit Online protokollieren die redaktionellen Moderatoren hingegen zumindest im Forum, was gelöscht wurde und warum. Auch wenn die Begründungen dort in Teilen hilflos verschwurbelt klingen, Zitat:

Bitte hinterfragen Sie zukünftig die Bedeutung bestimmter historisch begründeter, emotional aufgeladener Begrifflichkeiten, bevor Sie diese in den aktuellen Kontext einbetten. Danke, die Redaktion.

Solchen "Rat" möchte mancher vielleicht eher den Redaktionen selbst geben, die sich aber weiterhin in der Politikanalyse ganz selbstverständlich auf höherer Ebene wähnen. Dass die eigenen Leser den Redakteuren im inhaltlichen Verständnis voraus sein könnten, scheint vielen Verantwortlichen nur schwer vorstellbar.

Für Irritationen sorgte aktuell auch der Ausfall der Kommentarbewertungsfunktion bei FAZ.NET, dem Online-Portal der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Für mehrere Tage wurden dort jüngst die Leserbewertungen der Kommentare nicht mehr angezeigt, gerade als die Debatte im Netz sich intensivierte. Eine Orientierung der Leser über die Meinung des übrigen Publikums war somit erschwert. Auf Nachfrage von Telepolis teilte die FAZ-Redaktion jedoch mit, es handle sich lediglich um ein technisches Problem. Mittlerweile funktioniert die Anzeige der Kommentarbewertungen wieder.

Ausstieg bei Bilderberg

Mitte April gab es bei Zeit Online sogar einen kurzzeitigen Ausfall der kompletten Kommentarfunktion. Nach Auskunft der Redaktion handelte es sich allerdings auch dort um einen technischen Fehler. Was unter normalen Umständen kaum jemanden aufregen würde, führt in der jetzigen, hitzig geführten Russland-Debatte zu sofortigem Misstrauen unter den Lesern - Symptom auch für den Vertrauensverlust, den viele etablierte Medien mittlerweile erlitten haben.

Dieser hat sicher auch mit intransparenten Partnerschaften mancher Redaktionen zu tun. Die Zeit etwa steigt nun nach eigener Aussage bei den umstrittenen Bilderberg-Treffen aus, wo man jahrelang eine einflussreiche Rolle spielte. Auf Anfrage von Telepolis teilte eine Zeit-Sprecherin dazu jetzt mit:

Als Matthias Naß 2012 sein Mandat bei der Bilderberg-Konferenz niedergelegt hat, hätte es auf Giovanni di Lorenzo übergehen können. Er hat dies aber nicht annehmen wollen.

Warum di Lorenzo, medienpräsenter Chefredakteur der Printausgabe der Zeit, diesen renommierten Posten nicht übernehmen wollte, bleibt bis auf weiteres sein Geheimnis. Auf eine entsprechende Nachfrage hin hieß es nur, man wolle der Stellungnahme nichts hinzufügen. Es scheint fast, als sei der Ethik-Kodex des Hauses informell um eine branchenuntypische Regel ergänzt worden: "Schweigen ist Gold."

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