Ukraine-Krise schlägt auf den Agrarexport des Landes durch

26.04.2014

Russlands Destabilisierung der Ukraine trifft zunehmend auch die Wirtschaft. Medwedew droht mit einem Importstopp landwirtschaftlicher Güter, sollte das Land aus der GUS austreten

Nachdem die Ukraine höhere Preise für Gas bezahlen soll, versucht Russland auch den Export des Landes zu treffen. Moskau droht damit, den Zugang zum russischen Agrarmarkt zu erschweren. Eine Maßnahme, die Kiew ebenso hart treffen könnte, wie die Gaspreiserhöhungen der vergangenen Monate.

Immerhin steht die Landwirtschaft für ein Sechstel des ukrainischen Außenhandels. Russland werde seinen Agrarsektor schützen müssen, falls die Ukraine aus der Gemeinschaft unabhängiger Staaten (GUS) austreten sollte, so der russische Ministerpräsident Dmitrij Medwedew bei einem nationalen Kongress ländlicher Abgeordneter. Moskau wäre zu solch "harte Entscheidungen" gezwungen, da die Interessen der eigenen Landwirte wichtiger seien, als die der Berufskollegen in den Nachbarstaaten.

Bereits heute ist der Weizenexport des Landes deutlich gesunken. So berichtet der ukrainische Analyse- und Fachinformationsdienst ProAgro, dass in der ersten Märzdekade nur noch 500.000 Tonnen Weizen exportiert wurden, wohingegen es in der ersten Februardekade noch 900.000 Tonnen waren. Ein Vertreter des ukrainische Agrarbusiness-Clubs (UKAB) sagte gegenüber der ukrainischen Wirtschaftszeitung "Delo", dass zu befürchten sei, dass der Anbau von Sommerkulturen um 20% niedriger ausfallen könne, als erwartet. Die Agrarproduktion könnte um bis zu 11 Millionen Tonnen sinken, was die Einnahmen der Betriebe um 1,8 Milliarden Euro niedriger ausfallen lassen würde.

Weizenfelder im Hochsommer (August) in der Ukraine, Oblast Lwiw; Foto: © Raimond Spekking; Lizenz: CC BY-SA 3.0

Auslöser für die schlechte Ernte ist in erster Linie der gesunkene Wechselkurs der ukrainischen Landeswährung Hrywnia. Dies sorgt dafür, dass es den Landwirten zunehmend schwer fällt, sich mit dem nötigen Dünger, Treibstoff und Saatgut zu versorgen. Darüber hinaus erhalten sie auch immer weniger Kredite von den Banken, da derzeit nicht abgesehen werden kann, wie sich die Situation in der Zukunft noch entwickeln wird.

Sinkender Export

Der Weizenmarkt reagiert entsprechend. Derzeit ist die Ukraine auf Platz sechs der wichtigsten Weizenexporteure, nach den USA, Kanada, Russland, der EU und Australien. Bereits seit Februar steigen die Weizenpreise massiv. So erreichte der Preis an der Rohstoffbörse in Chicago mit 6,40 US-$ für ein Scheffel den höchsten Stand seit Mitte Dezember.

Die größte Angst der Weizenhändler liegt in der Befürchtung, die bereits verkauften Ladungen könnte nicht pünktlich ausgeliefert werden. Michaela Kuhl, Analystin bei der Commerzbank, sagte gegenüber der Deutschen Welle: "Mehrere Millionen Tonnen an bereits verkauftem Weizen und Mais harren noch ihrer Verschiffung."

Tatsächlich ist der Export ukrainischen Weizens seit der Annektion der Krim gesunken. Viele Handelsfirmen sehen momentan große Risiken darin, ihren Weizen über die Häfen am Schwarzen Meer auszuführen. So berichtet "Delo", dass über den Hafen Kertsch am Asowschen Meer, an der Enge zwischen der östlichen Krim und dem russischen Festland, bereits seit Ende vergangenen Jahres kein Weizen mehr ausgeführt werde. Auch über Sewastopol auf der Krim selbst, seien nur noch sehr geringen Mengen auf die Weltmärkte gelangt. Derzeit wird der Exporte auf andere Häfen, wie beispielsweise Odessa, umgeleitet.

Die EU senkt Zölle

Die Europäische Union versucht derzeit die Lücke zu schließen, die der angekündigte russische Importstopp zu reißen droht. Mitte April hatten die EU-Außenminister in Luxemburg beschlossen, auf 82% der Agrarzölle für landwirtschaftliche Erzeugnisse aus der Ukraine zu verzichten. Es wird geschätzt, dass die ukrainische Landwirtschaft durch diese Maßnahme mit etwa 500 Millionen Euro profitieren wird. Mit der Senkung dieser Zölle nimmt die EU einen Teil des bereits beschlossenen Assoziierungsabkommen zwischen EU und Ukraine voraus und versucht die angeschlagene Wirtschaft des Landes zu stützen.

Derzeit liegt der Anteil der Landwirtschaft an den Exporten bei 26,9 % und damit nur 0,9 % hinter den Exporten der Metallbranche. Die Produktion landwirtschaftlicher Güter hat einen wesentlichen Anteil an der Erwirtschaftung dringend benötigter Devisen. Oleksandr Perekhozhuk, Ukraine-Experte am Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Mittel- und Osteuropa in Halle, sagte gegenüber der Presse:

Die Getreideexporte sind der Motor der gesamten Wirtschaft.

Der Kampf um Einfluss auf der Krim und im Donbas trifft inzwischen nicht mehr nur die Ukraine selbst. Wie russische und ukrainische Medien unter Berufung auf eine Erklärung des litauischen Staatspräsidenten Algirdas Butkevicius berichten, haben die Hafengesellschaften des EU-Landes, aber auch Exporteure aus Drittländern, die Benachrichtigung aus Moskau erhalten, dass die Einfuhr von Agrargüten über den Hafen Klaipeda (Memel) gestoppt würden.

In Klaipeda werden jährlich mehr als 1 Million Tonnen landwirtschaftlicher Güter für Russland umgeschlagen. Auslöser für die Strafmaßnahme ist wahrscheinlich eine Erklärung des litauischen Parlaments, in der das Vorgehen Russlands auf der Krim als militärische Aggression und die Okkupation eines Teils der Ukraine verurteilt und ein schärferes Vorgehen der EU gegenüber Russland gefordert wird.

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