Gab es Drahtzieher der Tragödie von Odessa?

06.05.2014

Während westliche Medien die Frage umgehen, wer am 2. Mai in Odessa das Gewerkschaftshaus angezündet hat, gibt es um diese Frage in russischsprachigen Internetmedien eine breite Debatte mit Fotos, Videos und Augenzeugenberichten

Die Behauptungen, welche in den Internetdebatten über den Brand (Die Tragödie von Odessa) aufgestellt werden, sind zum Teil sehr weitgehend. Doch die russischsprachige Öffentlichkeit will nicht warten, bis Kiew ermittelt. Denn schon der Skandal um die Scharfschützen auf dem Maidan blieb in Ermittlungen stecken (Staatsanwaltschaft hat 12 mutmaßliche Scharfschützen inhaftiert) und ist immer noch nicht endgültig aufgeklärt. Zudem trauen viele der Staatsanwaltschaft in Kiew keine unvoreingenommenen Ermittlungen zu.

Waren die Pro-Kiew-Demonstranten wirklich so friedlich und unbewaffnet, wie immer behauptet wird? Bild: Napaki.Livejournal.com

Die Menschen in Odessa glauben nicht an das einfache Schwarz-Weiß-Bild der Kiewer Medien, wonach am 2. Mai in Odessa "ukrainische Patrioten gegen aggressive russischen Separatisten kämpften", schreibt der Kreml-kritische Kommersant. Die Menschen in Odessa seien der Meinung, dass es bei der Straßenschlacht zwischen Maidan-Anhängern und Regierungsgegnern "Provokateure auf beiden Seiten" gegeben hat. Die Provokateure hätten die Maidan-Anhänger und die Anti-Kiew-Demonstranten gegeneinander aufhetzen wollen, schreibt das Blatt. Was das politische Ziel der Provokateure war, schreibt das Blatt nicht.

Wenn es dieses Ziel gab, den Hass der Maidan-Anhänger und der zahlreichen angereisten Mitglieder des Rechten Sektors zu steigern, so wurde das erreicht. Auf Videos sieht man, wie Hunderte mit Knüppeln bewaffnete Maidan-Anhänger zum Zeltlager der Regierungsgegner vor dem Gewerkschaftshaus geradezu rennen und es innerhalb von Minuten zertrümmern und anzünden. Die Menschen vom Zeltlager flüchteten sich zusammen mit verängstigten Spaziergängern ins Gewerkschaftshaus.

Bild von der Facebook-Seite des Rechten Sektors: "Odessa Mama heizt ein." Der Kartoffelkäfer ist in den Farben des prorussischen Georgi-Bändchens.

Doch der Hass forderte noch mehr Opfer. Die Militanten vom Rechten Sektor begannen die Fenster und Türen des Gebäudes mit Molotow-Cocktails zu bewerfen. Die Eingeschlossen sprangen in ihrer Verzweiflung aus den oberen Etagen. Unten angekommen werden sie von Männern des Rechten Sektors mit Knüppeln bearbeitet.

Die russischen Fernsehkanäle Pervi und Russia Today stellen die These auf, dass die Maidan-Anhänger und der Rechte Sektor zu Gewalttaten gegen die Regierungsgegner angestachelt werden sollten. Doch was könnte das Ziel so einer Provokation gewesen sein, die angeblich von einem Teil der Polizei gedeckt wurde? Sollte die Protestbewegung gegen Kiew in einem möglichst gewalttätigen Licht stehen, um ihre Ausbreitung in Odessa ein für alle Mal zu stoppen? Gab es in Kreisen der Kiewer Regierung so ein Ziel?

Heute tauchten im Internet neue dramatische Videos auf, die zeigen, dass Anhänger des Rechten Sektors durch einen Seiteneingang in das Gewerkschaftshaus eindrangen, im Innern des Gebäudes Türen aufbrachen und offenbar Jagd auf Menschen machten. Im Gebäude schreit eine Frau - im Schwitzkasten eines Angreifers - "Kinder, tut es nicht."

Die Anhänger des Rechten Sektor gelangten durch den Seiteneingang möglicherweise bis in obere Etagen des Gebäudes. Denn dort wurden aus den Fenstern ukrainische Fahnen geschwenkt. Aus einer oberen Etage soll auch eines der schrecklichsten Fotos stammen (eines der letzten Fotos in dieser Sammlung). Es zeigt in einem Raum ohne Brandspuren eine schwangere Büroangestellte, die erdrosselt worden sein soll.

Westliches Desinteresse am Brand des Gewerkschaftshauses

Nach Angaben der ukrainischen Staatsanwaltschaft starben am 2. Mai in Odessa nach der Straßenschlacht und dem anschließenden Brand im Gewerkschaftshaus 46 Menschen. Etwa 200 Menschen wurden verletzt. Bereits am Sonnabend meldeten internationale Medien, dass allein 38 Menschen beim Brand im Gewerkschaftshaus umgekommen waren.

Doch während das Interesse der westlichen Medien an den brutalen Scharfschützen auf dem Maidan keine Grenzen kannte, mogelt man sich jetzt mit ungenauen Formulierungen am Brand im Gewerkschaftshaus vorbei. Typisch für die Berichterstattung ist folgender Kommentar in einer deutschen Wochenzeitung. "Ob das Feuer gezielt gelegt wurde oder der Brand aus Versehen ausbrach, das ist bis heute nicht geklärt." Bilder von rechten Militanten, die Molotow-Cocktails auf das Gewerkschaftshaus werfen gibt es genug, doch die Autorinnen möchten offenbar nicht an diese Bilder erinnern.

Niemand erwartet, dass westliche Journalisten die Täter der Brandkatastrophe jetzt beim Namen nennen. Aber es gibt Fragen zur politischen Dimension der Vorgänge, die man jetzt schon stellen kann:

  • Warum kamen Polizei und Feuerwehr erst zum Brandort, als schon die Flammen aus den Fenstern schlugen? War das Schlamperei oder Absicht? Durfte sich der Rechte Sektor vor dem Gewerkschaftshaus wohlmöglich mit Genehmigung aus Kiew austoben und seine Macht gegenüber den Regierungsgegner zeigen?
  • Warum nahm die Polizei viele Überlebende der Brandkatastrophe im Gewerkschaftshaus fest, anstatt sie ins Krankenhaus zu fahren. Sollten die Anti-Kiew-Aktivisten öffentlich gedemütigt werden?

Zu diesen allgemeinen Fragen, die sich jeder auch mit der Thematik nicht sonderlich Befasste stellt, kommen noch eine ganze Reihe von im russischsprachigen Internet diskutierten Vorwürfe und Ungereimtheiten, die dringend aufgeklärt werden müssen.

  • Der Augenzeuge Wanja erklärt in einem Video, man habe im ausgebrannten Gewerkschaftshaus nicht 38, sondern 116 Tote gefunden, die an Gas, Knüppelschlägen und Schüssen gestorben seien. Wurden diese Menschen von Mitgliedern des Rechten Sektors regelrecht hingerichtet wie viele Blogger behaupten? Wurden diese Toten bereits an einen unbekannten Ort gebracht, wie viele besorgte Bürger befürchten?
  • Viele Blogger weisen darauf hin, dass in der Menge der Anti-Kiew-Demonstranten Männer mit roten Bändern am Oberarm zu sehen waren Auf einem Foto ist zu sehen, wie diese Männer von Polizisten, die ebenfalls rote Armbänder tragen, instruiert werden. Waren die Männer mit den roten Armbändern Provokateure, die von Teilen der Polizei gedeckt wurden? Auf mehreren Videos ist außerdem zu sehen, dass die Polizisten Steinewerfer mit roten Armbändern durch ihre Reihen ließen (Video 2:27). Außerdem ist zu sehen, dass ein Mitglied einer offenbar irregulären Gruppe hinter eine Polizeireihe stehend immer wieder mit einer automatischen Waffe auf Menschen zielt (6:22).
Wer waren die Männer, die von der Polizei mit ihren Schilden geschützt wurden? Bild: Napaki.Livejournal.com

Die Bilder von den Verbrannten im Gewerkschaftshaus lassen einem den Atem stocken. Auch zu diesen Bildern werden von Bloggern Fragen gestellt:

  • Woran starben die Opfer im Gewerkschaftshaus. Auf Fotos ist zu sehen, dass nicht alle Opfer verkohlt sind. Einige Menschen sind nur am Oberkörper oder Kopf verbrannt, an den Beinen aber unversehrt. Wodurch starben diese Menschen? Wurden sie mit einer brennbaren Flüssigkeit überschüttet? Einige Leichen im Gewerkschaftshaus scheinen Schusswunden zu haben und liegen in Blutlachen.
  • Auf den Treppen des Gebäudes sieht man teilweise Gestühl, das zu Barrikaden zusammengeschoben ist. Wollte da Jemand den Brandopfern Fluchtwege in die oberen Etagen versperren?
  • Offenbar waren im Gewerkschaftshaus - zeitgleich mit den dorthin geflüchteten Anti-Kiew-Demonstranten - auch radikale Maidan-Anhänger und Mitglieder des Rechten Sektors. Auf einigen Videos sieht man, wie ukrainische Flaggen aus den Fenstern geschwenkt werden. Haben sie auch Jagd auf Menschen gemacht und eine schwangere Büroangestellte erdrosselt, die auf einem der Fotos zu sehen ist?
  • Wer waren die Leute, die auf dem Dach des Gewerkschaftshauses, von unten leicht erkennbar, Molotow-Cocktails aufgereiht hatten und mindestens eine Flasche auch anzündeten. Augenzeuge Wanja sagt, es seien Leute vom Rechten Sektor gewesen. Stimmt das?
Wer waren die Männer? Bild: Napaki.Livejournal.com

Alternative Aufklärung nötig

Es war abzusehen, dass es nach dem Brand im Gewerkschaftshaus zu Spekulationen kommt. Denn das Innenministerium hatte die abstruse Behauptung aufgestellt, die "Separatisten", hätten sich selbst angezündet. Eine faire juristische Aufarbeitung der Tragödie erwartet wohl kaum Jemand.

Im Gebäude hielten sich offenbar auch Pro-Kiew-Anhänger auf - oder taten die Männer nur so? Bild: Napaki.Livejournal.com

Doch es wäre für die ukrainische Regierung ein Leichtes, Zweifel der Öffentlichkeit auszuräumen. Sie bräuchte nur Juristen der OSZE, der EU und Russlands zu den Untersuchungen vor Ort hinzuzuziehen. Doch daran hat Kiew jetzt - kurz vor der Präsidentschaftswahl - wohl absolut kein Interesse. Lieber versucht man die Trauer und die Wut der Menschen über die Toten von Odessa auf Russland und "von Russland gesteuerte Kräfte" zu lenken.

Die "Bewegung Süd-Ost", die angeblich alle Vertreter der russischsprachigen östlichen Regionen der Ukraine vereint, hat jetzt angekündigt , dass sie eine Arbeitsgruppe zu Untersuchung der Vorfälle in Odessa gründen will. Zur Aufklärung des Verbrechens will man Experten hinzuziehen, die von der neuen Macht in Kiew aus politischen Gründen gekündigt wurden. Damit die Untersuchung auch im Ausland Beachtung findet, müssten aber wohl auch Experten aus anderen Ländern an dieser alternativen Aufklärung beteiligt werden.

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