"Der Arbeitsmarkt ist kein Kartoffelmarkt"

06.05.2014

Heiner Flassbeck erklärt im Telepolis-Gespräch, warum das von Schäuble praktizierte Wirtschaftsmodell die deutsche und die europäische Ökonomie an die Wand fahren wird

Der ersten Reihe rechts fröstelte etwas, als der Vortragende des gestrigen Telepolis-Gesprächs Telepolis-Gespräch: Wege aus der Krise, der Ökonom Heiner Flassbeck, ein "paar Grundbotschaften" zum Zusammenhang Deflation und Arbeitsmarkt servierte. Das Fenster neben dem Referenten stand weit offen und der Frühling draußen war nur Humbug, kalt und frisch strömte die Luft herein. Und der freundliche Redner Heiner Flassbeck zerlegte das deutsche Wirtschaftshoch in seine kalten Bestandteile.

Hat die ökonomische Theorie versagt?, war die zentrale Frage, an der sich Flassbecks Einsichten immer wieder neuen Schwung besorgten. Aus der Sicht Flassbecks ist das eine rhetorische Frage. Freilich haben die Ökonomen, die einzig das Ohr der Politiker finden, versagt.

Aus der Perspektive des Keynesianers suggerieren die Fragen, die auf dem Veranstaltungsplakat standen, bereits die falschen Antworten. Weil man von der Aufzählung "Sparen, Geld drucken oder Wettbewerbsfähigkeit steigern?", schon auf das falsche orthodoxe makroökonomische Gleis geschickt wird und bei der Steigerung von Wettbewerbsfähigkeit unwillkürlich an Lohnsenkungen denkt.

Nicht so Flassbeck; für ihn sind Lohnsteigerungen das Gebot nicht nur einer Solidarität auf allen Ebenen, national und international und darin eingeschlossen die langfristigen ökonomischen Interessen der Arbeitgeber, sondern auch eine absolute Notwendigkeit, wenn die Volkswirtschaften im Euroraum nicht gegen die Wand fahren sollen. Bis 2017 könnte das passieren, prophezeite der Professor für Ökonomie und meine Nebenfrau zog sich die Jacke zu.

Der Lohnsenkungs-Idee liege eine irrige Annahme mit üblen Konsequenzen zugrunde, erklärte Flassbeck, nämlich die Analogie zu Kartoffelmärkten. Die Regel "Gibt es viele Kartoffeln, so fallen die Preise" werde schlicht auf den Arbeitsmarkt übertragen: "Gibt es viele Arbeitskräfte, dann sinken die Löhne." Allerdings fragen Kartoffeln keine Güter nach...

"Lohndeppen" und der "klarste Zusammenhang der Welt"

Der Unterschied zwischen Einzelwirtschaft und Gesamtwirtschaft werde verdrängt, so der Vorwurf Flassbecks an die herrschende Wirtschaftspolitik. In Deutschland herrsche das vorneweg von Finanzminister Schäuble propagierte und für eine Volkswirtschaft grundverkehrte "Modell der schwäbischen Hausfrau". Seit 15 Jahren gebe es keine Reallohnerhöhungen mehr. Die Bild-Zeitung hielt in einer infamen Verdrängung all dessen, wofür sie mit ihrer öffentlichen Meinungsmache eintritt, den deutschen Arbeitnehmern vor, dass sie "Lohndeppen" seien.

Dabei werde der "klarste Zusammenhang der Welt" nicht erkannt, der zwischen dem Druck auf Arbeitslöhne, der diese so niedrig wie möglich hält, und der Krise, in der wir stecken. Europa sei jetzt im deflationären Bereich und dies habe genau damit zu tun: Der Druck auf Löhne erzeugt die Deflation. Wie das Beispiel Japan, wo man seit 20 Jahren in einer Deflation stecke, zeige, helfen monetäre Maßnahmen, Instrumente der Geldpolitik, bei diesem Problem nicht weiter. Dogmen der Ökonomen, die sich wie Anhänger einer Religion verhalten, verstellen den Blick, so Flassbeck.

Lohnstückkosten, Preise und Schulden

Schaue man sich das Problem in Europa genauer an, so stünden nicht mehr die Staatsschulden Griechenlands und anderer südlicher Länder im Vordergrund und auch nicht das Bankensystem Zyperns, sondern Lohnstückkosten und Preise. Das Problem der Währungsunion liege in Deutschland, das die Warenströme mit seinen billigen Produkten aufgemischt hat. Wurden die deutschen Produkte deswegen mehr gekauft, weil sie so viel besser waren?, lautete die dazu gehörige Frage Flassbecks. Nein, sondern weil sie viel billiger waren.

Um diese für die Währungsunion fatale Politik zu illustrieren, verglich der Ökonom die zwei großen Volkwirtschaften des Euro-Raums, Frankreich und Deutschland, miteinander. Beide starteten mit etwa gleichen Bedingungen und ähnlicher Produktivität in die Währungsunion, allerdings habe sich Frankreich mit den Lohnstückkosten an die 2 %-Steigerungslinie für das entsprechende Inflationsziel gehalten; Deutschland dagegen nicht. So seien deutsche Güter immer um 20 bis 30 Prozent billiger gewesen, was eine Lücke bei der französischen Binnennachfrage schlug. Mit den entsprechenden Konsequenzen auf den Arbeitsmarkt dort. Und in den anderen Ländern des Euro-Raums, die mit demselben Phänomen zu kämpfen haben.

"Deutschland hat seine Arbeitslosigkeit exportiert", spitzte Flassbeck diese Beobachtung zu. Verschuldet haben sich die anderen Länder, in Deutschland werde gespart."Die Defizite der anderen" können allerdings nur bezahlt werden, wenn diese auch Geld haben, um die Schulden zu bezahlen. Folge Deutschland weiter seiner Lohnpolitik nach dem "falschen Dogma der neoklassischen Ökonomie: 'Werden die Löhne gesenkt, gibt es mehr Arbeitsplätze'", dann gebe es keine Zukunft für die europäische Währungsunion.

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