"Der Moderator bedauert den Verlauf des Gesprächs"

07.05.2014

Wie im öffentlichen-rechtlichen Rundfunk mitunter mit abweichenden Meinungen umgegangen wird

Es ist vielleicht ein kleiner Hinweis darauf, wie (öffentlich-rechtliche) Medien mitunter die öffentliche Meinung verwalten, was seit der Ukraine-Krise des öfteren zu beobachten ist. Gestern wollte Christopher Ricke vom Deutschlandradio ein Interview mit dem Anwalt Mehmet Daimagüler machen, der im NSU-Prozess zwei Familien der Opfer Abdurrahim Özüdogru und Ismail Yasar aus Nürnberg vertritt.

Schon lange schwelt ein Streit zwischen vielen Nebenklägern und dem Gericht sowie der Bundesanwaltschaft. Die Nebenkläger wollen Aufklärung über den NSU und viele offene Fragen, Gericht und Bundesanwaltschaft konzentrieren sich auf die Angeklagten und verweigern auch mitunter den Nebenklägern Akteneinsicht. Vorgeworfen wird den Nebenklägern, dass sie etwas fordern, was ein Strafprozess nicht leisten könne, den sie politisieren und unnötig in die Länge ziehen würden, während die Nebenkläger dem Gericht mangelnden Aufklärungswillen vorwerfen.

Mehmet Daimagüler hat auch mit seiner Kritik am Verfassungsschutz und den nach dem Bekanntwerden des Versagens der Sicherheitsbehörden umgesetzten Reformen nicht hinter den Berg gehalten. Man wusste also auch beim Deutschlandradio, wen man zu einem Interview einlud. Erst einmal ging auch alles seine geordneten Bahnen. Daimagüler wies den Vorwurf zurück, dass die Nebenkläger den Prozess verzögern würden. Dann machte er noch einmal klar, dass die Opferangehörigen und deren Anwälte wollen, dass auch die "Hintergründe" untersucht werden sollen, also etwa, ob es weitere Helfer gab und welche Rolle die V-Leute gespielt haben: "Wir können doch nicht gut schlafen, wenn wir das Gefühl haben, dass Teile der NSU auch noch auf freiem Fuß sind, oder?"

Dann beginnt das Interview aber Ricke, der sich als "Journalist, Moderator, Trainer " präsentiert, zu entgleiten. Er konstatiert, dass doch Konsequenzen aus dem Versagen der Ermittler gezogen worden seien, was das Risiko mindern würde. Daraufhin wagt es der Interviewte zurückzufragen, was denn verändert worden sei, worauf Ricke offenbar keine wirkliche Antwort wusste und auf seiner Rolle beharrte:

Ricke: Na ja, die Fragen, die muss ich ja jetzt heute stellen, weil ich ja auch nicht der Jurist bin, aber ich erinnere mich an -

Daimagüler: Sie haben ja nicht gefragt, sondern festgestellt.

Ricke: Dann gebe ich Ihnen doch gern die Antwort. Also: Wir haben personelle Wechsel bei Landesverfassungsschutzämtern. Wir haben Reformen beim Verfassungsschutz. Wir haben den Untersuchungsausschuss, wir haben Aufarbeitung -

Daimagüler: Nein, ernsthaft, welche Reform haben wir denn beim Verfassungsschutz?

Ricke: Herr Daimagüler - kurz zur Rollenverteilung: Sie sind Vertreter der Nebenklage, ich stelle hier die Fragen - einverstanden?

Daimagüler: Nein. Sie machen ja keine Fragen, sondern ...

Ricke: Okay. Dann danke ich Ihnen ganz herzlich für dieses Gespräch!

Wer das Spiel nicht brav mitspielt, dem wird die Rede abgeschnitten. Daimagüler hatte Recht, dass Ricke Behauptungen aufstellte, die er nicht näher erläuterte, aber implizit verlangte, dass Daimagüler sie teilen müsste, wenn er nicht renitent übers Ziel hinausschießt, was offenbar dann erreicht ist, Kritik an der Reform des Verfassungsschutzes zu äußern, der zwar nun die V-Leute strenger kontrollieren und die Vernichtung von Akten besser regeln, aber letztlich mehr Rechte erhalten soll, zudem soll, sagte der Bundesinnenminister de Maizière, eine "bessere Analysefähigkeit" erfolgen, es wird also wohl personell und technisch aufgestockt. Wie weit die parlamentarische Kontrolle ausgebaut wird, steht in den Sternen.

Man kann also durchaus verschiedener Meinung sein, was in einer Demokratie auch im öffentlichen-rechtlichen Rundfunk ausdiskutiert werden sollte. Das schroffe Abwürgen ist nicht nur sehr unhöflich, sondern auch höchst unprofessionell und widerspricht jeder demokratischen Kommunikationskultur. Anstatt sich deutlich für den Fehltritt persönlich zu entschuldigen, meint der Sender, er könne es so richten: "Anmerkung der Redaktion: Der Moderator bedauert den Verlauf des Gesprächs." Damit wird die Haltung des Redakteurs im Grund noch einmal verstärkt. Das Gespräch ist halt dumm verlaufen, das bedauert der Moderator, seinen Anteil daran verschweigt er lieber, was klammheimlich die Schuld dem Interviewgast zuweist, der es wagte, sich nicht an die vom Moderator verordnete, aber nicht begründete Affirmation zu halten, dass doch jetzt alles gut sei.

Wie die Hörer/Leser reagieren, kann man nicht nachprüfen: "Wir behalten uns vor, Kommentare vor Veröffentlichung zu prüfen." Man sieht also nicht, was zensiert wird. Auffällig ist, dass bei einem solchen Vorgang angeblich nur 5 Kommentare regelkonform waren. Man kann aber schon erschließen, dass das Verhalten des Moderators nicht gut aufgenommen wurde. Man müsste erwarten, dass sich auch die Redaktion öffentlich entschuldigt - gegenüber dem Gast und der Öffentlichkeit. Dass dies nur derart verdruckst erfolgt, spricht Bände.

Update 8.5.2014: Der Redaktion ist offenbar doch klar geworden, dass sich mit der mageren Erklärung der Fehltritt des Moderators nicht wieder gut machen lässt. Nun wurde eine weitere, allerdings undatierte "Anmerkung" nachgeschoben, die erste aber gelöscht, als hätte es sie nie gegeben. Aber erfreulich ist doch, dass die Redaktion den Mut zu einer expliziten Selbstkritik gefunden und der Moderator sich zu einer Entschuldigung durchgerungen hat:

"Anmerkung der Redaktion: Nach der Sendung wurde intern lange über die Interviewführung diskutiert. Auch aus der Redaktion gab es heftige Kritik an der Gesprächsführung. Der Moderator Christopher Ricke bedauert sein nicht überzeugendes Vorgehen. Wir bemühen uns stets, einem hohen journalistischen Anspruch gerecht zu werden, was Objektivität und Professionalität betrifft. Am Dienstagmorgen haben wir unserem eigenen Anspruch nicht vollends genügt. Der Moderator hatte inzwischen Gelegenheit zu einem ausführlichen Telefonat mit Herrn Daimagüler. Herr Ricke hat sich persönlich für den Verlauf des Gesprächs entschuldigt. Redaktion und Herr Daimagüler haben einvernehmlich vereinbart, bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit erneut ein Telefoninterview zum NSU-Prozess im Deutschlandradio Kultur zu führen."

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