Bondage im Kinderbett oder: Wie man einen Skandal erzeugt

Teil 1: Von Kinderbetten und konspirativem Verhalten

"Polizei hebt Pädophilen-Netzwerk aus", lauten die derzeitigen Schlagzeilen. Doch der Skandal um das "Pädophilen-Netzwerk" ist ein Skandal in ganz anderer Hinsicht.

Vor Beginn der Auseinandersetzung mit dem derzeitigen "Schlag gegen ein Pädophilen-Netzwerk" sei noch einmal darauf hingewiesen, dass Pädophile (wie andere Menschen auch) Straftaten begehen können - doch ihre bloße Neigung ist nicht strafbar und muss nicht zwangsläufig zu Straftaten führen. Diese Einleitung ist mittlerweile wichtig geworden, da in vielen Köpfen die Ansicht herrscht, dass Pädophilie automatisch Straftaten begehen und Kinder sexueller Gewalt aussetzen.

In den Medienberichten, die sich mit dem Polizeieinsatz in Aschersleben befassen, ist von einem Schlag gegen "die Führungsspitze eines Pädophilenrings" die Rede - und auch die sonstigen in den Berichten auftauchenden "Informationen" sind verstörend. Das Setzen des Wortes "Informationen" in Gänsefüßchen ist hier jedoch berechtigt und soll im folgenden erläutert werden.

Zunächst jedoch die Fakten:

11 Forennutzer des "Girl Lover Forum" (GLF) hatten sich zu einem persönlichen Treffen verabredet, dabei war auch die 5-jährige Nichte einer der Personen. Ein 54jähriger Mann aus Aschersleben hatte zu dem Treffen persönlich eingeladen. Ein solches Treffen findet jährlich anlässlich des "Alice Day" statt. Am Samstag, dem 3. Mai, an dem die Polizei einschritt, waren alle 11 Personen anwesend. Ziel des Polizeieinsatzes war die Identitätsfeststellung der anwesenden Personen sowie eine erkennungsdienstliche Behandlung. Die Personen wurden den gesamten Tag über durch die Polizei beobachtet, wobei es zu keinen Straftaten bzw. deren Versuch kam.

Die Gruppe suchte erst einen Kinderflohmarkt auf, fuhr dann zum Zoo nach Aschersleben und verweilte dort. Ein geplanter Grillnachmittag oder Grillabend wurde nicht durchgeführt, stattdessen blieb die Gruppe länger im Zoo, besuchte dort das Dschungelcafé und ließ die 5jährige Nichte auf dem dortigen Kinderspielplatz spielen. Da der Grillabend als Möglichkeit zum Zugriff durch die Strafverfolger nicht mehr zur Verfügung stand, wurde stattdessen ein Zugriff bei der Abreise vom Zoo initiiert. Alle 11 Personen wurden festgenommen, das 5jährige Kind wurde dem Jugendamt und später dem Vater übergeben. Der RTL-Journalist, der der Polizei den Tipp gab, das es zu dem Treffen kommen würde, war mit versteckter Kamera bei dem Treffen dabei, wie RTL mitteilte.

Nach den erfolgten polizeilichen Maßnahmen wurden alle festgenommenen Personen freigelassen, zwischenzeitlich wurden "freiwillige Durchsuchungen" sowie erkennungsdienstliche Behandlungen durchgeführt, Datenträger wurden konfisziert.

Konspirativ agierende Pädophile

Das "Pädophilen-Netzwerk wird von Seiten der zuständigen Strafverfolger in ihrer Pressekonferenz als "konspirativ" bezeichnet. Die dort teilnehmenden Personen würden sich bemühen, ihre Identität nicht preiszugeben und weiterhin sogar angeben, auf welche Altersgruppen bei Kindern sich die sexuelle Neigung bezieht.

Tatsächlich steckt hinter dem "Netzwerk" die seit Jahren bestehende Seite "Girl Lover Forum", in der sich Pädophile und Nichtpädophile austauschen. Bei Registrierung gibt der Pädophile an, auf Mädchen welchen Alters sich die Neigung konzentriert. Das konspirative Verhalten besteht im wesentlichen darin, dass die Pädophilen pseudonym agieren und ihre Identität nicht preisgeben, es besteht jedoch auch ein offener Bereich, der Gästen die Möglichkeit bietet, zu lesen und zu schreiben. Würde die Nutzung eines Forums unter Pseudonym bereits als konspirativ angesehen werden, so wäre jedes Forum, in dem die Nutzer derart agieren (somit auch die Foren auf Heise.de) als konspirativer Treffpunkt anzusehen. In diesem Fall ist klar, dass hier erneut der Gedanke, dass bereits das Nutzen von Pseudonymen als konspirativ angesehen wird, als Mittel zur Verschleierung von Planung oder Durchführung von Straftaten gedeutet wird. Dies kommt der Forderung nach Realnamen und einer überprüfbaren Identifizierung von Internetnutzern entgegen, die immer wieder erhoben wird.

Weiterhin soll angemerkt werden, dass es nicht verboten ist, sich "konspirativ zu verhalten". Bedenkt man, dass ein Treffen von 11 Nutzern des GLF, die sich teilweise als pädophil bezeichnen, nun zu 11 vorübergehenden Verhaftungen führte (ohne dass trotz sorgfältiger Beobachtung in irgendeiner Form eine versuchte Straftat festgestellt wurde bzw. der Hinweis darauf vorhanden war), ist eine gewisse Vorsicht in Bezug auf die Preisgabe von Realnamen etc. nicht nur verständlich, sondern auch anzuraten.

Der Kern der Gruppe

festgenommen wurden (ohne dass es Haftbefehle gab oder seitens der Polizei davon ausgegangen wurde, dass es zu Straftaten kommen würde, wie sie selbst auf der Pressekonferenz mitteilt) werden als Kern der Gruppe angesehen. Diese Ansicht stützt sich darauf, dass sie persönlich zu dem Treffen eingeladen worden sind.

Nun ergeben sich in Foren immer wieder auch enge Kontakte von Personen untereinander, die auch zu persönlichen Treffen führen können. Vor etlichen Jahren trafen sich beispielsweise etwa zehn Leute, die sich aus dem Heise-Forum kannten, um ein Wochenende lang gemeinsam zu essen, zu trinken, zu reden. Dennoch ist diese Gruppe nicht als "Kern des Heiseforums" anzusehen, es hat sich lediglich durch das Forum ergeben, dass ein persönliches Treffen initiiert und durchgeführt wurde. Dass solche Treffen oft nur eine bestimmte Anzahl von Nutzern betreffen ist nicht ungewöhnlich, da ein gemeinsames Interesse (oder wie im GLF eine gemeinsame Neigung) nicht automatisch auch zu einer starken Sympathie führen muss. Dass es sich bei den elf Personen um den "Kern der Gruppe" handelt, ist insofern eine vage Vermutung ohne Basis.

Fesselspiele im Kinderbett

Die Polizei, die hier durch einen Tipp eines RTL-Journalisten eingebunden wurde und unter Einsatz von immerhin 140 Beamten gegen 11 Personen einschritt (die Zahl 140 umfasst die insgesamt eingebundenen Personen bei der Strafverfolgung, bei der Verhaftung der Pädophilen waren weniger beteiligt), sah die Gefährlichkeit der sich treffenden Pädophilen gegeben. Dies wurde unter anderem dadurch untermauert, dass in dem betreffenden Forum sogar darüber debattiert worden war, "wie man ein stabiles Kinderbett aufbauen sollte, falls man irgendwelche Fesselpraktiken durchspielen möchte". Auf diesen Punkt bezog sich Holger Hermann, Leiter der Zentralen Kriminalitätsbekämpfung, in der Pressekonferenz ausdrücklich.

In den Köpfen der Leser der Medienberichte dürfte dies ausreichen, um sich den sabbernden, geilen Pädo vorzustellen, der vorhat, Kinder für seine sexuellen Bondagepraktiken zu missbrauchen und sich dafür sogar noch Tipps holt. Es ist daher wenig verwunderlich, dass diese "Information" schockiert. Die Polizei erhielt diese "Information" am 25.4., am sogenannten "Alice Day" (an dem Lewis Carroll erstmals auf jene Alice traf, der das Buch "Alice im Wunderland" gewidmet ist). Erst am 2. Mai erfolgte der Zugriff, es war insofern genug Zeit um die "Information" zu überprüfen.

Was steckt also dahinter?

Am 2.2.2010, also vor über vier Jahren, schreibt ein Gast im offenen Forum des Girl Lover Forum (GLF). Er fragte danach, ob Sex im Kinderbett erlaubt sei. Diese dümmlich-provokante Frage wurde größtenteils sarkastisch beantwortet., mit Kommentaren wie "im Prinzip ja, aber besser nehmen größeres Bett, hat man mehr Platz zum Spielen". Ein Forennutzer zitierte die Regeln, die bei der Anschaffung eines Kinderbettes zu beachten seien und welche im Verbraucherinformationssystem Bayern zu finden sind. Bei diesen Anschaffungsregeln/-tipps findet sich auch ein Hinweis zum Thema Spielzeug:

Vermeiden Sie deshalb lose Bänder! Schnüre dürfen höchstens 22 cm freie Länge haben und müssen mindestens 1.5 mm dick sein. Kordeln, Bänder oder Knöpfe dürfen nirgendwo hängen bleiben können.

Vor diesen Passus setzte der Forennutzer den durch einen Smiley gekennzeichneten Kommentar: "Bei Bondage besonders zu beachten". Und nach einem weiteren Kommentar war das Thema dann auch erledigt. Vier Jahre später sollten diese süffisanten Kommentare auf eine Frage eines Gastes dann der Beleg für die Gefährlichkeit der sich treffenden Pädophilen sein.

Der Lockvogel im Zoo

Für die Strafverfolgung war es wichtig, die Pädophilen lange zu beobachten, unter anderem auch deshalb, weil einer der Anwesenden seine minderjährige Nichte bei sich hatte. Diese, so ist es in den Berichten zu lesen, sollte auf einem Kinderspielplatz, auf einem Kinderflohmarkt sowie im Zoo als Lockvogel dazu dienen, in Kontakt mit anderen Kindern zu kommen:

Den Angaben zufolge sollen die Mitglieder der Organisation sogar eigene Kinder eingesetzt haben, um Kontakte zu späteren Opfern herzustellen.

(Quelle: LVZ)

Tatsächlich hatten die zehn Männer und eine Frau neben einem gemeinsamen Grillen auch ein Kaffeetrinken sowie Besuche eines Kinderflohmarktes sowie des Zoos geplant. Gemeinsam mit dem minderjährigen Kind waren sie im Zoo im sogenannten "Dschungelcafe" bei Kaffee und Kuchen eingekehrt und hatten die 5jährige Nichte eines der Teilnehmer am nebengelegenen Kinderspielplatz spielen lassen. Für die Vermutung, dass sowohl der Besuch des Kinderflohmarktes und des Dschungelcafés mit der 5jährigen Nichte nur stattfanden um Kontakte zu anderen Kindern anzubahnen, gab die Polizei keinerlei Begründung ab. Auch die durchgehende Beobachtung der Treffenteilnehmer hatte, wie Herrmann auf der PK sagte, keinerlei Anlass dazu gegeben, einzuschreiten, was letztendlich der Lockvogelthese widerspricht. Es macht den Anschein, als wäre diese These lediglich der Polizei unterbreitet worden, um das Ganze ein wenig "aufzupeppen" und die Dringlichkeit, ähnlich wie bei dem Kinderbettkommentar, zu unterstreichen.

Dass Menschen, die mit einem 5jährigen Kind unterwegs sind, auch mit anderen Eltern in Kontakt kommen, ist nicht verwunderlich, doch die Angst vor dem hinter dem Busch lauernden Pädo, der sich die Kinder schnappt wie der schwarze Mann, ist allgegenwärtig. Die Menschen in Aschersleben sind jedenfalls entsetzt und verängstigt, das Dschungelcafé ist verwaist, wie die FAZ vermeldet.

In dem Artikel wird die Begegnung mit einer Mutter geschildert:

Ihrer Tochter hat sie Verhaltensregeln eingeschärft: 'Man darf nicht mit Fremden reden und die Tür nicht aufmachen', sagt das Mädchen prompt. Die Mutter ergänzt: 'Und nicht mitgehen.'

Hier fragt man sich, wieso diese Verhaltensregeln nicht sowieso schon Usus sind, wobei das "nicht mit Fremden reden" ja, sollte die Lockvogelthese Bestand haben, sowieso nur entfernt helfen würde, da darunter ja stets Erwachsene verstanden werden.

Morgen in Teil 2: Die offene Menschenverachtung der Polizei

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