Die offene Menschenverachtung der Polizei

Bondage im Kinderbett oder: Wie man einen Skandal erzeugt, Teil 2

Wie bereits im ersten Teil aufgeführt, sind die Fakten hinter dem großen Skandal in Aschersleben tatsächlich ein Hinweis auf einen Skandal, wenn auch in anderer Hinsicht als seitens der Medien kolportiert. Während der Skandal dort darin gesehen wird, dass sich die "Führungsspitze eines Pädophilen-Netzwerkes" offen treffen kann, ist der tatsächliche Skandal, dass hier 11 Menschen, bei denen keinerlei Hinweis darauf besteht, dass sie Straftaten begehen werden, durch die Polizei beobachtet und schließlich verhaftet, erkennungsdienstlich behandelt und mit "freiwilligen Durchsuchungen" bedacht werden. Wichtig ist, dass keinerlei Haftbefehle ausgestellt wurden, es gab auch laut Aussage der Strafverfolger selbst keinerlei Hinweis darauf, dass hier Straftaten geplant, versucht bzw. durchgeführt werden sollten. Für den Anfangsverdacht reichten somit die Tatsache, dass 11 Pädophile sich, zusammen mit einem Kind, persönlich treffen sowie die "Informationen" des RTL-Journalisten.

Wie auch im Girl Lover Forum (GLF) angemerkt, ist das Ganze für RTL der Coup schlechthin. Wäre die Polizei nicht eingeschritten, hätte man die demnächst im Fernsehen zu findende "Undercover-Reportage" des Journalisten mit einem "und die Polizei schaut tatenlos zu" garnieren können, so aber ist ein "die Informationen unseres Journalisten führten zu 11 Festnahmen, 1 Kind konnte gerettet werden" der Zuckerguss auf der Undercover-Torte. Was von den Undercover-Ermittlungen zu halten ist, die schon in Bezug auf das "Bondage-Kinderbett" als sensationsheischend entlarvt werden konnten, erinnert an das Format Tatort: Internet, welches ebenfalls die Angst vor dem "überall lauernden Pädophilen, der sich dauernd an Kinder heranmacht" schüren sollte.

Die sollen sich keinen schönen Tag machen

Die Polizei sekundierte hier dem offensichtlichen Geltungsbewusstsein des Journalisten. Sie hat hier nicht nur versäumt, manch "Information" selbst zu überprüfen, anstatt diese papageienhaft zu wiederholen (siehe "Kinderbett und Bondage"), sie offenbart in ihren Verlautbarungen auch eine erschreckende Menschenverachtung gegenüber Pädophilen, die bei den Trägern des Gewaltmonopols nicht anzutreffen sein sollte.

Es ist nichts Neues, dass manchem Menschen der Pädophile, gleichgültig ob er sich jemals strafbar macht, per se schon als solche Gefahr erscheint, dass ihm radikale Maßnahmen bis hin zur Todesstrafe als angemessen erscheinen. Von den Trägern des Gewaltmonopols, die eine besondere Verantwortung tragen, wäre jedoch Besonnenheit und Unvoreingenommenheit zu erwarten. Stattdessen scheut sich die Polizei nicht, den Medien noch quasi mit stolzgeblähter Brust ins Mikrophon zu diktieren, man habe hier nicht nur die Identitäten feststellen, sondern den Teilnehmern des Treffens auch signalisieren wollen, "dass sie bekannt sind". Bekannt ist hier dann eher mit "wir beobachten euch die ganze Zeit" zu übersetzen, was deutlich macht, dass allein die sexuelle Neigung ausreicht, um den Verdacht gegenüber den Personen als angemessen anzusehen.

Doch die Polizei geht noch weiter, wenn sie mitteilt, dass verhindert werden sollte, dass "die traute Runde sich noch einen schönen Tag macht". Dies offenbart, dass laut diesem Strafverfolger, der immerhin der Leiter der Zentrale Kriminalitätsbekämpfung ist, Pädophile am Ende der Nahrungskette stehen – sie sollen sich nicht austauschen, sie sollen sich nicht treffen, sie sollen keinen schönen Tag haben. Wichtig ist erneut, dass es hier um Menschen ging, die in keiner Weise straffällig geworden waren. Allein die Tatsache, dass Pädophile sich treffen, reichte aus, um zu vermuten, dass auch Straftaten geplant oder durchgeführt werden. Und selbst wenn dem nicht so ist, wird die Beobachtung, Verhaftung und erkennungsdienstliche Behandlung noch als Dienst der Prävention und der Abschreckung verkauft, statt auch nur in irgendeiner Form einmal zu überlegen, ob man hier nicht weit über das Ziel hinausgeschossen ist.

Im GLF wird denn auch zu Recht geschrieben, dass es kaum verwundere, wenn sich Pädophile nur noch verschlüsselt austauschen, Pseudonyme nutzen und extrem vorsichtig sind, wenn es darum geht, die Identität jemandem zu offenbaren. Wem denn auch? In den Foren ist jederzeit davon auszugehen, dass ein sensationsheischender Journalist sich einschleust und einen Polizeieinsatz initiiert oder in anderer Weise ein Forum als "Hort des Bösen" präsentiert oder gar zu Zwangsouting schreitet; Selbsthilfegruppen dürften schnell Anfeindungen ausgesetzt werden und Therapieplätze sind rar. Das Outing gegenüber Nichtpädophilen dürfte ebenso schnell zu Ausgrenzung führen, da selbst harmlose Aktivitäten wie Kaffeetrinken oder der Besuch eines Kinderflohmarktes (auch Pädophile haben Familien, so dass auf Kinderflohmärkten auch schlicht und ergreifend Geschenke gekauft werden können und nicht zwangsläufig "nach dem nächsten Opfer gespäht wird", wie die derzeitigen Medienberichte suggerieren) schon als verdächtig bzw. als Anlass für Anfangsverdacht samt der Folgen bis hin zur Verhaftung führen können.

Die Anzahl der Pädophilen mag, gemessen an der Gesamtbevölkerung, gering erscheinen, dennoch stellt sich die Frage, wie die Gesellschaft mit diesen Menschen umgehen will und inwiefern sie weiter den reißerischen Ansätzen, wie sie sich derzeit in den Medien zu finden, auf den Leim gehen will. Es ist niemandem geholfen, wenn Pädophile nur noch ausgegrenzt werden und ihr Leidensdruck immer stärker zunimmt. Mehr Aufklärung darüber, was Pädophilie ist und was es eben nicht ist, wäre wichtig, wird jedoch von kaum einer Seite aus gewünscht oder gefördert. Wenn die Polizei unwidersprochen sagen darf, dass sie einen Einsatz wie in Aschersleben auch deshalb für gerechtfertigt hält weil sich die Betroffenen so "keinen schönen Tag mehr machen konnten", dann ist dies ein Zeichen dafür, dass Pädophile sich ggf. seitens der Polizei wenig Hilfe erhoffen können, wenn sie aufgrund ihrer Neigung einmal angefeindet oder angegriffen werden.

Dass Herr Hermann am Schluss der Pressekonferenz das 5jährige Mädchen, das vorübergehend dem Jugendamt übergeben wurde, noch als Objekt bezeichnet, verwundert nur noch wenig, spricht er doch vorher bereits davon, dass das Mädchen missbraucht wurde – indem sie zum Treffen mitgenommen wurde, den Kinderflohmarkt besuchte, und im Zoo auf dem Spielplatz spielen durfte. Die nicht belegte "Lockvogelthese" macht das Mädchen kurzerhand zum Missbrauchsopfer.

Bedauerlich ist, dass bei Meldungen wie die über den "Kinderpornoring in Aschersleben" keinerlei Kontrollinstanz mehr funktioniert. Die Berichterstattung über "ausgehobene Pädoringe", "Kinderpornoringe" usw. beschränkt sich auf einen kurzfristigen medialen, oftmals überzogenen Panik-Chor, die leisen Stimmen werden längst nicht mehr vernommen. Selbst das Nachrichtenmagazin, das sich mit einem großen Rechercheteam brüstet, hat sich (zumindest was seine Onlinepräsenz angeht) längst dem Boulevard angebiedert und titelt beispielsweise im Fall Aschersleben sogar von einem Kinderpornoring.

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