"Warum andere auf Ihre Kosten immer reicher werden"

12.05.2014

Aufgezeigt werden soll mit einem Buch, wie das staatliche Geldsystem soziale Ungerechtigkeit erzeugt und systematisch von der Unter- und Mittelschicht zu Superreichen umverteilt wird

Philipp Bagus und Andreas Marquart haben am Freitag in der Münchner Verlagsgruppe das Buch "Warum andere auf Ihre Kosten immer reicher werden veröffentlicht, in dem sie das Geldsystem dafür verantwortlich machen, dass die Schere zwischen Superreichen auf der einen, und Mittel- und Unterschicht auf der anderen Seite immer weiter auseinander geht. Für sie handelt es sich bei unserem "staatlich monopolisiertes Zwangsgeldsystem um den größten Betrug der Menschheitsgeschichte." Telepolis hat das Buch gelesen und mit dem Volkswirtschaftler Philipp Bagus darüber gesprochen, der in Madrid lebt und als Professor an der "Universidad Rey Juan Carlos" lehrt.

Zentral stellen Bagus und Marquart in ihrem Buch das staatliche Geldmonopol und das Papiergeldsystem in Frage, in dem die "rote Linie längst überschritten wurde". Sie wollen sich nicht mehr mit Nebenkriegsschauplätzen beschäftigen, ob "die EZB die Zinsen auf Null senken" oder "unbegrenzt Staatsanleihen von Bankrottländern kaufen" soll. Darüber würde nur von entscheidenden Fragen abgelenkt. "Denn es ist an der Zeit die Systemfrage zu stellen", erklärte Bagus im Interview mit Telepolis. Und damit beschäftige sich das Buch, erklärt er:

Wir glauben, dass das Geldsystem das größte Problem der westlichen Gesellschaften überhaupt ist, das viele nachgelagerte Probleme hat, wo man auf den ersten Blick gar nicht sieht, dass die etwas mit dem Geldsystem zu tun haben, wie Umverteilung, Regulierung und Interventionsspirale. Das hängt alles damit zusammen. Aber niemand spricht darüber und niemand packte es an, weil es zu komplex ist und die Leute es nicht verstehen. Man muss das Problem also so den Leuten näherbringen, damit sie es verstehen. Das ist die größte Herausforderung gewesen, das Geldsystem für jedermann verständlich darzulegen.

Tatsächlich versuchen Bagus und Marquart komplexe Vorgänge vereinfacht und beispielhaft herunterzubrechen. Sie zeigen die Entstehung von Geld auf, wie aus Tauschgeschäften mit der Zeit ein universelles Tauschmittel gefunden werden musste, weil der Schmied für das Beschlagen des Pferdes des Schusters als Gegenleistung nicht unbedingt in diesem Moment neue Schuhe brauchte. So hätten sich Gold und andere Edelmetalle als Tauschmittel - ganz ohne Staat - herausgebildet. Darüber ist es einfacher Handel zu treiben, als zum Beispiel Kartoffeln gegen Schuhe oder eine Dienstleistung zu tauschen. Letztlich sei Geld mit einer entscheidenden Bedeutung entstanden. Im Buch wird ausgeführt:

Das Entstehen von Geld, einem allgemein akzeptierten Tauschmittel, ermöglicht erst das Entstehen von komplexen arbeitsteiligen und wohlhabenden Gesellschaften. Oder anders ausgedrückt: Ohne Geld keine Zivilisation.

Beschrieben wird, dass Geld aber noch weitere Funktionen wie die Wertaufbewahrung hat, um die eigene Kaufkraft in der Zukunft zu erhalten. Diese Funktion könne das Geld nur erfüllen, wenn es auch wertstabil sei. Deshalb hätten die Menschen über Jahrtausende hinweg Edelmetalle gewählt, wird für ein Geldsystem geworben, dass an Gold gebunden ist und Kredite stets zu 100% mit Gold abgedeckt sein muss. Weil es sich dabei auch um eine Ware handelt, nennen sie es "Warengeld" und in Abgrenzung zum Papiergeld "gutes Geld". Es sei schon deshalb beständig, weil es nicht beliebig vermehrbar ist. "In einer Volkswirtschaft, in der es gutes Geld gibt - wir nehmen an, es wäre Gold - wird die Geldmenge nur zunehmen, wenn neues Gold hinzukommt. Und das muss und musste schon immer mit sehr viel Aufwand aus dem Boden geholt werden." Edelmetalle seien von Vorteil gegen anderen Waren (wie zum Beispiel Weizen), weil sie nicht verkonsumiert werden. So sei in den letzten 150 Jahren die weltweite Goldmenge jährlich nur um etwa 2% gewachsen.

Im Gegenteil dazu stehe eine beliebig ausweitbare Geldmenge über Papiergeld - schlechtes Geld- ", das fatale Folgen in einer Volkswirtschaft zeitige. Bagus und Marquart verweisen auf Daten der Europäischen Zentralbank (EZB) wonach sich die Geldmenge M2, die Bargeld und Bankeinlagen bis zu einer Laufzeit von zwei Jahren umfasst, allein seit Einführung des Euros etwa verdoppelt habe. Daraus stellen sie den Lesern einfache Fragen: "Hat sich Ihr Kontostand in diesem Zeitraum auch verdoppelt? Nein? Hat sich dann wenigstens Ihr Einkommen verdoppelt? Auch nicht?"

Unheilige Allianz von Banken und Staat

Es handelt sich um rhetorische Fragen. Es ist klar, dass die übergroße Mehrheit der Bevölkerung diese Fragen klar verneinen kann. In Krisenländern musste der Großteil der Bevölkerung sogar in den letzten sechs Jahren feststellen, wie die Kontostände genauso gesunken sind wie die Löhne und die Umverteilung nicht nur über die Ausweitung der Geldmenge und Inflation vorgenommen wurde.

Sie fordern die Leser nun dazu auf, über die Folgen der Geldmengenausweitung nachzudenken. "Wenn sich die Geldmenge im Euroraum verdoppelt hat, mein Kontostand aber nicht, dann muss der Kontostand eines anderen ja umso stärker zugenommen haben. Wenn derjenige vielleicht schon vorher mehr Geld hatte als ich, dann hat er jetzt ja noch mehr als ich. Dann ist der, der ohnehin schon reicher war als ich, jetzt noch reicher, und ich bin im Vergleich zu ihm relativ ärmer."

Dahinter steht ein Umverteilungsvorgang im großen Stil, hinter dem Bagus und Marquart ein staatlich monopolisiertes Zwangssystem sehen, mit dem der "größte Betrug der Menschheitsgeschichte" organisiert werde. "Moment, wir müssen das noch exakter formulieren: Es handelt sich um den größten Betrug an den Bürgern." Gegenüber Telepolis führt Bagus aus, worin dieser Betrug bestehe.

Das Geldsystem ist im Grunde genommen ein zentralplanwirtschaftliches System. Es wird den Bürgern vorgegaukelt, es wäre das Beste, wenn der Staat ein staatliches Geld und eine Zentralbank in die Welt setzt, mit Planern, welche den optimalen Zins und die optimale Geldmenge festlegen, ob sie Staatsanleihen ankaufen, usw. Und das alles soll zum Wohl der Bürger sein. Dabei wird aber verschwiegen, dass über die Ausweitung der Geldmenge immer auch eine Umverteilung mit vorgenommen wird. Die, die das neue Geld zuerst bekommen, profitieren auf Kosten derer, zu denen das Geld zuletzt kommt und manche erreicht es am Ende gar nicht. Doch deren Preise steigen schneller als ihr Einkommen. Es sind die ärmeren Leute, die Festeinkommensbezieher, Sparer, die keine Zinsen mehr bekommen. Es profitieren die, die das Geld zuerst bekommen, vor allem also der Staat und die Banken, die den Staat finanzieren.

Bagus

Für die Ausweitung der Geldmenge ist nach Ansicht der Autoren zunächst nicht zentral die Zentralbank verantwortlich. Vor allem wird auf die Tatsache abgestellt, dass mit der Ablösung vom Gold, die USA gab zuletzt die Golddeckung 1972 auf, Banken Geld praktisch "aus dem Nichts" sogenanntes "Fiatgeld" schaffen können. Das geht zurück auf den Bibelspruch in lateinischer Sprache zurück: "Fiat lux" (Es werde Licht). "Fiat Geld" bedeutet analog dazu: "Es werde Geld."

Geld schaffen Banken darüber, dass das Papiergeld an nichts mehr gebunden ist und sie das Geld ihrer Kunden verleihen. Vorgehalten werden muss dafür lediglich eine Mindestreserve. Ob die ihren Namen verdient, da nur 1% vorgehalten werden muss, darf hinterfragt werden. Von 1000 Euro auf einem beliebigen Konto kann die Bank also 990 Euro verleihen. Nur 10 Euro muss sie bei der EZB als Sicherheit parken oder als Bargeld vorhalten. Während auf dem Kontoauszug des Besitzers weiter ein Guthaben von 1000 Euro verbucht ist, sind durch einen Kredit bis zu 990 auf einem anderen Konto gutgeschrieben worden.

Bagus und Marquart fragen, woher diese 990 Euro stammen, die es zuvor nicht gab? "Die Antwort ist so kurz wie unglaublich: aus dem Nichts. Sie sind gerade eben wieder Zeuge geworden, wie neues Geld erschaffen wurde." Dieses Geld kann wieder, abzüglich der Mindestreserve, verliehen werden. Es wird z. B. zur Zahlung einer Rechnung benutzt, auf ein neues Konto überwiesen und kann von der gleichen oder einer anderen Bank wieder verliehen werden. Die Vermehrung kann theoretisch soweit gehen, dass aus den ursprünglichen 1000 Euro insgesamt 99.000 Euro aus dem Nichts geschaffen werden. Es ist klar, was passiert, wenn plötzlich zu viele Menschen Geld abheben wollen. Dann kommt es zu Vorgängen wie in Zypern vor gut einem Jahr, mit Beschränkungen für den Kapitalverkehr, auf Konten kann nur noch sehr beschränkt zugegriffen werden, Überweisungen nicht getätigt, Kreditkarten nicht benutzt werden, etc.

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