Hat Deutschland bald zu viele Akademiker?

17.05.2014

Forscher befürchten, dass sich die steigenden Studentenzahlen negativ auf die Wirtschaft auswirken

Im Jahr 1996 lag die Studienanfängerquote in Deutschland bei 26 Prozent und damit deutlich unter dem OECD-Durchschnitt. Den erreicht die von der Kanzlerin zur Bildungsrepublik umetikettierte Bundesrepublik auch heute noch nicht, doch die Studienanfängerquote ist seit Mitte der 90er Jahre um rund 30 Prozent gestiegen. Entsprechende bildungspolitische Weichenstellungen, aber auch doppelte Abiturjahrgänge und die Abschaffung von Wehr- und Zivildienst sorgten dafür, dass im Wintersemester 2013/14 gut 2,6 Millionen Studierende an den deutschen Hochschulen eingeschrieben waren.

Eine Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung in Hannover und des Soziologischen Forschungsinstituts an der Georg-August-Universität Göttingen befürchtet allerdings, der Boom könne negative Auswirkungen auf die Wirtschaft haben.

Bildungsabschlüsse und demografischer Wandel

Einige Beobachter warnten schon vor Jahren vor der "überfüllten Bildungsrepublik", doch mittlerweile geht es nicht mehr nur um Wohnungsnot, Platz- und Professorenmangel. Seit 2011, so rechnen die Forscher vor, hat sich die Zahl der Studienanfänger mit 500.000 Personen auf dem Niveau eingependelt, das bis dahin nur die Jugendlichen erreichten, die mit einer dualen Ausbildung ins Berufsleben starteten.

Der demografische Wandel soll diese Situation in den nächsten Jahren verschärfen. Die Autoren der Studie gehen davon aus, dass die Zahl der Personen "im besonders bildungsrelevanten Alter", will sagen: die Zahl derjenigen unter 30 Jahre, von rund 25 Millionen (2010) auf 19,5 Millionen (2035) sinken wird. Dem Rückgang um 21,6 Prozent entspricht nach den vorliegenden Berechnungen eine Verkleinerung der jeweiligen Absolventengruppen, von denen vor allem die Auszubildenden betroffen sind.

Die bisher größte Absolventengruppe, die mit einem beruflichen Abschluss (2010: 950.000 Jugendliche), wird bis 2025 um etwa ein Viertel schrumpfen. Da in dieser Gruppe auch die Absolvent(inn)en des dualen Systems enthalten sind, signalisiert die Bildungsvorausberechnung einen erheblichen Rückgang des Fachkräftepotentials auf der mittleren Ebene, der eine fachkräfteintensive Wirtschaft vor Anpassungsprobleme stellen dürfte.

Martin Baethge, Christian Kerst, Michael Leszczensky, Markus Wieck: Zur neuen Konstellation zwischen Hochschulbildung und Berufsausbildung

Der mittlere Fachkräftebereich sei nämlich das "Rückgrat der deutschen Wirtschaft" und werde es auch bis 2030 bleiben. Der Bedarf an Fachhochschulabsolventen werde dagegen ebenso sinken wie der Bedarf an ungelernten Arbeitskräften. Bei den Hochqualifizierten steige der Arbeitskräftebedarf – allerdings nur um etwa ein Sechstel. Infolgedessen rechnen die Forscher mit möglichen Engpässen in den produktionsbezogenen Beschäftigungsbereichen bei den be-, verarbeitenden und instandsetzenden Berufen, in Warenhandel und Vertrieb oder in Gastronomie und Reinigungsberufen. Dass die Attraktivität einer akademischen Ausbildung unter diesen Projektionen leidet, ist gleichwohl unwahrscheinlich, denn die Untersuchung zeigt auch, dass sich ein Studium in vielen Fällen tatsächlich lohnt, vor allem in der Langzeitperspektive.

Betrachtet man die langfristigen Arbeitsmarkterträge einer beruflichen Ausbildung und eines Studiums zehn oder 20 Jahre nach Erwerb der Studienberechtigung, so zeigt sich, dass Personen mit einem Studium deutlich besser abschneiden, beispielsweise beim Einkommen oder der beruflichen Stellung.

Martin Baethge, Christian Kerst, Michael Leszczensky, Markus Wieck: Erklärung zur Studie

Mögliche Lösungsansätze

Mit ihrer Warnung vor einem drohenden Ungleichgewicht zwischen akademischen und beruflichen Fachkräften stehen die Autoren nicht allein. Auch Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung, forderte auf einer Tagung im April mehr Wertschätzung für die berufliche Bildung, die "in den letzten Jahren unter der zunehmenden Akademisierung gelitten" habe. Sein Institut fördert deshalb im Auftrag des Bundesbildungsministeriums 17 Modellversuche unter dem Titel "Neue Wege in die duale Ausbildung - Heterogenität als Chance für die Fachkräftesicherung".

Da Projektionen naturgemäß keine belastbaren Daten bieten, setzen auch die Autoren aus Hannover und Göttingen auf mehr Flexibilität – zumal damit, unabhängig von der tatsächlichen Entwicklung, fortdauernde Probleme des deutschen Bildungssystems behoben werden könnten.

Denjenigen, die maximal über einen Hauptschulabschluss verfügen und als Geringqualifizierte bislang weder für die Bildungs- noch für die Arbeitsmarktpolitik übermäßig interessant waren, sollen Möglichkeiten einer voll qualifizierenden Ausbildung eröffnet werden. Außerdem fordern die Wissenschaftler mehr Studienangebote für Auszubildende und klarere Anerkennungsregeln für Studienabbrecher, wenn sie nach dem vorzeitigen Ende der akademischen Laufbahn eine Ausbildung beginnen wollen. Dieses Thema hat auch Bundesbildungsministerin Johanna Wanka für sich entdeckt und Anfang März entsprechende Pilotprojekte angekündigt, deren Umsetzung und Auswertung allerdings noch geraume Zeit in Anspruch nehmen dürfte.

Von den Hochschulen verlangen die Forscher bessere Angebote für beruflich Qualifizierte, die Anerkennung von Kompetenzen, die außerhalb der Hochschulen erworben wurden und die Ausdifferenzierung von Anerkennungsverfahren. Die Forderungen entsprechen damit weitgehend den Empfehlungen des Wissenschaftsrats, der Mitte April entschieden dafür plädierte, die berufliche und akademische Bildung (wieder) in eine "funktionale Balance" zu bringen, beide Wege in der Sekundarstufe II gleichberechtigt vorzustellen und alle öffentlich finanzierten Angebote in diesem Bereich in einem Internetportal "Bildungsnavigator" zu bündeln.

Um möglichst alle gesellschaftlichen Talentpotenziale zu erschließen, spricht sich der Wissenschaftsrat dafür aus, die Durchlässigkeit zwischen Berufs- und Hochschulbildung in beide Richtungen zu erhöhen. Er schlägt vor, bei der Hochschulzulassung beruflich Qualifizierter ohne Abitur auf die Fachbindung und den Nachweis von Berufserfahrung zu verzichten. Zudem sollte verstärkt eine Anrechnung beruflich erworbener Kompetenzen auf Studienleistungen ermöglicht werden, um Redundanzen in den Ausbildungsinhalten zu vermeiden und Zeitverluste gering zu halten. In gleicher Weise sind Übergänge von der akademischen in die berufliche Bildung zu erleichtern und stärker auszugestalten.

Wissenschaftsrat

Offene Fragen und Forschungslücken

Über eine höhere Durchlässigkeit zwischen akademischer und beruflicher Qualifizierung wird seit Jahren diskutiert und tatsächlich gibt es mit den Möglichkeiten des dualen Studiums oder den Studienangeboten für beruflich Qualifizierte ohne schulische Studienberechtigung bereits erfolgversprechende Modelle. Sie werden allerdings nur sporadisch genutzt, was möglicherweise mit der tiefgreifenden Verunsicherung zusammenhängt, die mit der Bildungs- und Berufswahl seit geraumer Zeit einhergeht. Auch die Autoren der aktuellen Studie verweisen freimütig auf viele offene Fragen sowie Forschungs- und Datendesiderate, die Empfehlungen, wie sie von "Experten" unter anderen Umständen vielleicht erwartet werden könnten, vorerst unmöglich machen.

Bis dato sei beispielsweise vollkommen ungeklärt, ob es gelinge, den Bachelor-Abschluss "tatsächlich als Berufseingangszertifikat und nicht nur als Durchgangsqualifikation für ein Master-Studium im Bewusstsein der Studierenden zu verankern". Und im Bewusstsein ihrer späteren Arbeitgeber, wird man wohl hinzufügen müssen … Vor allem aber fehle es an Erkenntnissen aus qualitativen und quantitativen Forschungen, ohne die keine verlässlichen Prognosen möglich seien.

Qualitative Forschung müsste sich in erster Linie auf Rekrutierungspraktiken und Arbeitseinsatzorganisation von Unternehmen mit Blick auf die unterschiedlichen, vor allem die neuen Qualifikationsgruppen beziehen. Die quantitative Forschung hätte Übergangs- und Berufsverläufe im Vergleich von Personengruppen mit unterschiedlichen Ausbildungsabschlüssen ins Zentrum zu rücken.

Martin Baethge u.a.: Zur neuen Konstellation zwischen Hochschulbildung und Berufsausbildung

Der ewige Fachkräftemangel

Natürlich darf die Zahl der Erwerbstätigen nicht gleichgesetzt werden mit gut ausgebildeten Fachkräften und natürlich gibt es ein Missverhältnis zwischen den Qualifikationen, die Unternehmen heute suchen, und den Profilen, mit denen sich Arbeitnehmer bewerben – das bezweifelt niemand. Das ist aber weniger ein demografisches Problem als eine Folge falscher Bildungspolitik. Und es ist vor allem auch ein hausgemachtes Problem der Unternehmen.

Dass sich die Gewichte zwischen der beruflichen und der akademischen Ausbildung in den vergangenen Jahren deutlich verschoben haben, steht außerfrage. Die OECD trägt mit ihrer alljährlichen Mahnung, die Studienanfängerquote in Deutschland deutlich zu erhöhen, maßgeblich zu dieser Entwicklung bei und vielleicht können die deutschen Unternehmen 2030 tatsächlich nicht auf das Humankapital zurückgreifen, das sie gerne hätten.

Die Studie aus Hannover und Niedersachsen liest sich dennoch streckenweise wie die möglichst zukunftstaugliche Verlängerung einer leidigen Debatte (Unseren täglichen Fachkräftemangel gib uns heute!). Lassen die Zahlen und Szenarien dem Betrachter doch kaum eine andere Wahl, als sich um den Fachkräftemangel von morgen und übermorgen zu sorgen, auch wenn er an den heutigen nicht wirklich glauben mag.

Der bildungs- und wirtschaftspolitischen Debatte fehlt die gesellschaftspolitische Dimension. Denn vielleicht müssen sich die Schüler und Studenten des Jahres 2014 ff. gar nicht auf die Bedürfnisse der Unternehmen im Jahr 2030 ff. einstellen. Vielleicht funktioniert das "deutsche Produktions- und Innovationsmodell, das der deutschen Wirtschaft in den letzten Jahrzehnten eine Spitzenposition in der Welt gesichert hat" (O-Ton der Presseerklärung des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung), auch dann, wenn sich die Unternehmen auf die Lebensentwürfe und Erwerbsbiografien ihrer Mitarbeiter einstellen.

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