Neue Formen des Arbeitskampfes

01.06.2014

Die Gewerkschaften versuchen sich auf das liberalisierte Umfeld einzustellen und entwickeln moderne Formen des Arbeitskampfes

In den vergangenen Jahren haben die großen DGB-Gewerkschaften immer mehr Mitglieder verloren. Ende 1998 hatten die großen Gewerkschaften zusammen noch 8,8 Mio. Mitglieder. Ende 2013 ließen sich nur noch knapp über 6 Millionen Arbeiter und Arbeiterinnen von diesen vertreten. 2013 war jedoch auch das Jahr, in dem dieser lang andauernde Trend zum ersten Mal gestoppt werden konnte und sich die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder wieder stabilisiert hat. Die veränderten Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt, wie der gestiegene Einsatz von Leiharbeitern, der gewachsene Dienstleistungssektor oder der Austritt vieler Unternehmen aus den Arbeitgeberverbänden, wurden für traditionelle DGB-Gewerkschaften immer mehr zum Problem. Die üblichen Methoden, einen Arbeitskampf zu organisieren, funktionierten in dieser Umwelt nicht mehr und für viele Arbeitnehmer wurde eine Mitgliedschaft daher zunehmend wertlos.

Insbesondere im Dienstleistungssektor haben viele Unternehmen neue Strategien entwickelt, sich die Gewerkschaften vom Hals zu halten. Markus Hoffmann-Achenbach, Gewerkschaftssekretär bei Verdi, äußert gegenüber Telepolis:

Sehr häufig versuchen die Unternehmen nicht einfach einen Betriebsrat zu verhindern, sondern vielmehr ihre eigenen Leute dort hinein zu bekommen.

Insbesondere beim schwedischen Möbelhaus Ikea habe diese Methode bislang sehr gut für das Unternehmen funktioniert. Zuerst wird ein neues Möbelhaus gebaut. Dann werden die wichtigsten Führungsmitarbeiter eingestellt und anschließend ein Betriebsrat gegründet. Erst danach wird die Belegschaft angeheuert.

Auf diese Weise hat man zumindest für die ersten paar Jahre Ruhe, da ein solcher Betriebsrat nicht von den Mitarbeitern, sondern vielmehr von der Geschäftsleitung dominiert wird. Was früher die christlichen Gewerkschaften waren, ist heute das "Ikea-Prinzip".

Amazon: Auch die Gewerkschaften lernen aus ihren Fehlern

Auch der Internetversandhandel Amzon hat grundsätzlich kein Problem mit einem Betriebsrat. Solange in diesem die richtigen Leute sitzen. Gewerkschaftsmitglieder sind nicht willkommen. Dass bei Amazon nun doch gestreikt wird, hat in erster Linie mit der veränderten Struktur innerhalb der Belegschaft zu tun.

Der größte Teil der Mitarbeiter bei Amazon hat derzeit noch einen zeitlich befristeten Arbeitsvertrag. Für einen Streik für bessere Arbeitsbedingungen, keine besonders gute Ausgangsbedingung. Ist es doch jedem Mitarbeiter klar, dass sein Arbeitsvertrag am Ende nicht verlängert wird, wenn er mitstreikt und er dann erneut auf der Straße steht. Hoffmann-Achenbach sagt:

Von den neun Amazon-Standorten sind derzeit nur 2-3 streikfähig.

An den restlichen gäbe es innerhalb der Belegschaft insgesamt noch etwa 40% Zeitverträge. Nur an den Standorten, an denen gestreikt wird, ist der größte Teil der Belegschaft entfristet.

Doch nicht nur die nun teilweise auslaufenden Zeitverträge sind ursächlich für die gestiegene Streikfähigkeit bei Amazon. Denn auch die Gewerkschaften lernen aus ihren Fehlern. Lange versuchten sie über die Einrichtung eines von ihnen dominierten Betriebsrates Einfluss zu bekommen.

Die Belegschaften selbst bekamen dabei von Arbeit der Gewerkschaften so gut wie nichts mit. Es war daher auch nicht immer leicht zu erkennen, welchen Einfluss sie auf das betriebliche Geschehen nahmen.

Wir, die Gewerkschaften, haben es teilweise selbst verbockt, indem wir ausschließlich auf die Betriebsräte und nicht auf die Belegschaft und den Aufbau von gewerkschaftlichen Strukturen innerhalb der Betriebe gesetzt haben.

Hoffmann-Achenbach

Schließlich seien es die Kolleginnen und Kollegen in den Firmen, die sich zusammenschließen um gemeinsam für eine Verbesserungen ihrer Arbeitsbedingungen zu kämpfen.

Neue Hauptakteure der Streiks

Bei Amazon ist es nun nicht mehr die Gewerkschaft, die den Kampf organisiert und entscheidet, wie und wofür gekämpft wird, sondern vielmehr die Belegschaft. In einer Studie der Rosa-Luxemburg-Stiftung mit dem Titel "Partizipative Arbeitskämpfe, neue Streikformen, höhere Streikfähigkeit?" heißt es:

Dass Mitglieder "ihrer" Gewerkschaft einfach loyal folgen, davon geht heutzutage niemand mehr aus. Dieser Vorstellung liegt ein Beteiligungsmodell, beziehungsweise ein "Typus kollektiver Interessenorientierung" zugrunde, der seit Jahrzehnten an Bedeutung verliert. Vielmehr gehen wissenschaftliche Untersuchungen über die Erneuerung von Gewerkschaften davon aus, dass die Beteiligung von Mitgliedern an der Gewerkschaftsarbeit zentral für die Arbeitskampffähigkeit ist.

Bernd Riexinger, ehemaliger Geschäftsführer bei Verdi Stuttgart und Bundesvorsitzender der Partei die Linke, sagte in einer Rede Anfang März 2013 in Stuttgart:

Der so ziemlich blödeste Spruch in Tarifauseinandersetzungen ist: Denk daran, wenn du die Leute auf die Bäume treibst, musst du sie auch wieder herunter holen.

Die Hauptakteure der Streiks sollen, so Riexinger, nicht mehr die hauptamtlichen Gewerkschafter, sondern vielmehr die Belegschaften selbst sein. Diese sollen durch regelmäßige Streikversammlungen in die Lage versetzt werden, eigene Strategien und Ziele zu entwickeln.

Die Demokratisierung der Streiks, deren wichtigstes Forum die Streikversammlung sei, mache die Kolleginnen und Kollegen zu den entscheidenden Akteuren, die zusammen mit den Hauptamtlichen, für den "Verlauf von Arbeitskämpfen und deren Ergebnis verantwortlich sind".

Ziele werden von Mitarbeitern und nicht von der Gewerkschaft festgelegt

Derzeit, so ist aus Gewerkschaftskreisen zu hören, gibt es innerhalb der Gewerkschaften einen Generationenwechsel. Viele junge Gewerkschafter versuchen zunehmend, diese neuen Organisationsstrategien in den Betrieben umzusetzen. Der Erfolg scheint ihnen recht zu geben. Bislang war der Dienstleistungsbereich nicht für große und lange Arbeitskämpfe bekannt, obwohl gerade in dieser Sektor für seine schlechten Arbeitsbedingungen bekannt ist.

Der Arbeitskampf bei Amazon, die 2009 streikenden Reinigungskräfte oder der über ein Jahr dauernde Arbeitskampf im Einzelhandel, in dem Verkäufer und Verkäuferinnen für den Erhalt eines Flächentarifvertrages kämpften, sind nur einige Beispiele, in denen die Gewerkschaften die Streikenden zwar unterstützen, die Ziele jedoch durch die Mitarbeiter selbst definiert wurden.

Stellt sich eigentlich nur noch die Frage, warum eine solche längst überfällige Demokratisierung der Gewerkschaften erst dann kommt, wenn dort bemerkt wird, dass die eigene Macht verloren geht?

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