Die Stadt: Erfindung oder Erfahrung?

08.06.2014

Smart City löst in Europa geteilte Reaktionen aus

In New Songdo, der buchstäblich aus dem (Meeres-)Boden gestampften koreanischen Smart City, hinterlässt jeder Schritt einen elektronischen Fußabdruck. Sensoren nehmen das Geschehen der Stadt auf, Video-Konferenzsysteme sind allgegenwärtig und die in der zentralen Kontrollstelle der Stadt gesammelten Daten sind im Smart Grid mit den Arbeitsstätten, Haushalten und Smart Phones verknüpft. Fußwege sind in diesem realmaßstäblichen Simulationsraum Luxus. In einem neuen Quartier von Graz dagegen legen die Smart-City-Planer Wert darauf, dass die Fußwege zum Pkw-Stellplatz länger sind als zur Bushaltestelle und den E-Bike-Sammelplätzen. Was ist Smart City, und wo ist sie?

Smart City (Kücheninseln, Stadtinseln und neu entdeckte Nachbarn) ist überall und nirgends. Sie ist einerseits die Realisierung der Idealstadt Le Corbusiers, der das "Gehirn der Stadt" im zentralen Hochhaus unterbringen wollte. Aus seinem Straßenraster ist Smart Grid geworden im Zuge der Anpassung des Baus der Stadt an die Architektur des digitalen Netzes. Smart City ist übertragbar auf jeden Ort.1 Sie wird zum Exportschlager. Andererseits stellen sich viele Smart-City-Projekte in den kompakten europäischen Städten als neuer Wein in alten Städten heraus. Smart ist dann ein neues, "IKT-gestütztes" Etikett, das dem hohl gewordenen Begriff der Nachhaltigkeit angeklebt wird. Die semantische Schwammigkeit wird durch Titel wie Zukunftsstadt oder Morgenstadt getoppt.

Vision von Smart Buildings als dezentralen Energiepuffern in einem Smart Grid. Bild: Siemens

Smart-City-Technologien setzen an den Schnittstellen der Kommunikations-, Ressourcen- und Infrastruktursysteme an. In sich vernetzt werden Bereiche wie Energie, Abfallwirtschaft und Mobilität, etwa indem alle Betreiber von Verkehrsmitteln in einem Verbund elektronisch zusammengefasst werden, der dem Nutzer per Smart-Phone-App die jeweils optimale Kombination von Bahn bis Fahrrad anbietet. Die Systeme werden aber auch untereinander vernetzt und zu kleineren und kleinsten Einheiten heruntergebrochen wie Gebäudemanagement und Smart Meter. Das Zauberwort heißt Integration. Gezaubert wird insofern, als auch die administrativen Prozesse einbezogen sind, die Verwaltung und das politische Management der Städte. Suggeriert wird, dass die Integrationstechnologien der Stadtentwicklungsplanung ganz aktuell auf die Sprünge helfen.

Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Schon vor Jahrzehnten wurde beklagt, dass eine integrierte Stadtentwicklungsplanung als ressortübergreifende Querschnittsaufgabe sich an der Resistenz der Ämter bricht. Diese Erfahrung wiederholt sich jetzt nur, wo die integrativen Leistungen der Elektronik aufgebürdet werden. Die einzelnen Ämter haben, vorsichtig ausgedrückt, unterschiedliche Geschwindigkeiten. Der "Medienbruch", der Abriss digitaler Prozesse und der Rückgriff auf papierenen Formularkram, ist nach wie vor behördenspezifisch.

Smart Grid: Energie- und Kommunikationsdatenflüsse gehen in beide Richtungen. Bild: Siemens

Der Bruch kann auch in der Realität liegen. Werden den Bürgern E-Government-Plattformen geboten, um zum Beispiel wilde Müllablagerungen zu melden, müsste auch der Kehrmodus umgestellt werden. Das ruft viele Widerstände bis zur Gewerkschaft auf den Plan. Eher ist die Enttäuschung der menschlichen Störungsmelder, dass nichts geschieht, in Kauf zu nehmen, und tatsächlich geht die Nutzerfrequenz solcher Portale nach der ersten Euphorie meist zurück.

Wartendes Verharren und vorauseilende Sprechblasen

Auf einer Tagung zu Smart Cities 2013 gab sich der Veranstalter, das Deutsche Institut für Urbanistik, bedeckt. Presse nicht zugelassen, um den "Teilnehmern aus Kommunen und Wissenschaft einen geschützten Rahmen (zu) bieten."2 Woher die Ängstlichkeit? Liegt es am Auftritt des deutschen DIN-Institutes und der DKE? Smart City soll genormt werden. China und Japan, aber auch Frankreich und Kanada machen Druck. Nicht nur sollen technische Metriken und Indikatoren aufgestellt werden, nicht nur geht es um Einzelheiten wie Datenschutz oder Anzahl der Feuerwehrleute, sondern auch die Managementsysteme und urbanen Planungsprozesse hätten internationalen Standards zu folgen.

Energiezentrale für Geothermie (Erdwärme) im neuen Münchner Stadtteil Freiham. Bild: Mario Sedlak

DIN, CENELEC und ISO - die Zange aus deutschen, europäischen und internationalen Normen lehrt den Deutschen Städtetag das Fürchten. Die Verbindlichkeit von Normen erhöht den Kostendruck. Der politische Normierungsdruck hingegen dürfte von Interessen durchdrungen sein, die mit den Namen der Global Player zu umschreiben sind wie IBM, GE und Siemens, aber auch weniger bekannten wie Cisco.

Die Reaktionen auf solche Interventionen sind unterschiedlich, aber im Vergleich zu asiatischen Ländern ist "wartendes Verharren" europäischer Stadtverwaltungen nicht unüblich. Ist das Zögern, dem Fortschritt hinterher zu rennen, zu brandmarken, oder liegt darin nicht unbewusste Weisheit? Die Allergie gegen Zerstörungen zugunsten von Neubauten mag hierzulande größer sein als anderswo, und die Historie der Städte ist zumindest an ihrer Struktur noch ablesbar. Es mag umstritten sein, vom "organischen Wachstum" der Kommunen zu reden, aber wenn Anthony Townsend3 von "Architektur ohne Architekten" spricht, meint er, dass Gestalt und Idee von Städten erst im Nachhinein zu erkennen sind. Stadt ist, worauf wir Erfahrungen machen.

Der "Science Turm" als Krone einer auf einer Industriebrache geplanten Smart City in Graz. Bild: Markus Pernthaler Architekt ZT GmbH

Diese Erfahrung macht empfindlich gegenüber Planstädten, die kraft einer Vision vom besseren Leben entworfen und in die Landschaft projiziert werden. Die Realisierung mündet in Dystopie. Townsend bezieht sich auf Gartenstädte, die ihr Erfinder, Ebenezer Howard, wie einen Mechanismus des natürlich-harmonischen Lebens vorgezeichnet hat. Aus der durchgrünten Stadt wurde im 20. Jahrhundert die autogerechte Stadt. Solche Fehlschläge sieht Townsend auch für aus dem Geist digitaler Netzwerke entworfene Städte voraus. Wenn sie "Top down" wie von einem Renaissanceherzog umgesetzt werden, bleibt vom Heilsversprechen einer sozialen Harmonie nichts, wenn nicht das Gegenteil, übrig.

Fehlschläge hat Townsend bereits in der amerikanischen Gegenwart ausgemacht. Smart-City-Projekte wurden in Public-Private-Partnership umgesetzt mit dem Risiko, das Netz zurückkaufen zu müssen, wenn der privatwirtschaftliche Partner etwa wegen Insolvenz ausfällt. Allein bei einem Wechsel des Betreibers stellt sich die Frage nach der Datensicherheit in der PPP-Gemengelage. Nicht minder paradox wirken sich Privatisierungen von Stadtwerken, Wasserbetrieben usw. in Deutschland aus. Sie sind damit sowohl der Steuerung als auch der "Daseinsvorsorge" der Städte entzogen, und ganzheitliche Ansätze einer "Digital City" sind erschwert.

Die Fassade versorgt den Science Turm mit Strom. Bild: Markus Pernthaler Architekt ZT GmbH

Karlsruhe ist "Smarter City", und New Songdo ist "the greenest, smartest and most beautiful new city in the world". Die Komparative und Superlative sprudeln nur so heraus, wenn Smart-City-Projekte nicht mehr nur kommunalen Stadtplanern, sondern der Wirtschaftsförderung, dem Stadtmarketing oder großen Entwicklern anheimgegeben sind. Einfach super smart. Kompetenz, Innovation und Kooperation sind die Begriffe, die wie gestanzt in jedem zweiten Satz auftauchen. Die Frage ist, wer mit dem Dreschen solch leeren Marketing-Strohs wen übers Ohr haut: die Wirtschaftsförderungs-Abteilung ihre potentiellen Geschäftspartner oder die Industrie ihre potentiellen städtischen Kunden. Die Antwort dürfte einfach sein.

Die Worthülsen nützen nicht minder Drittmittel-geschwängerten wissenschaftlichen Einrichtungen, um ihre auf EU-Förderung abzielenden Antragsschablonen zu füllen. Und dem Endverbraucher wird Smart Grid eine Happy Hour bescheren, heißt es in einer VDE-Zeitschrift. Was ist das für eine Glücksstunde, wenn die Waschmaschine nachts um zwei Uhr ihren Schleudergang hochfährt? Und was ist das für eine Schrecksekunde, wenn ich mit dem Smartphone von Ferne in die Abgründe meines Kühlschranks blicke?

Die Smartphone-Mätzchen täuschen darüber hinweg, dass nicht die Überwachung einfacher Haushaltsdinge das Ziel ist, sondern dass die Bündelung aller digitalen Informationen über die Smart Cities hinaus in nationale Datenbanken eingehen soll. Dies ist der Umschlagspunkt in militärische Interessen. Schutz vor Cyberangriffen wird für Smart Cities zentrale Bedeutung bekommen, wenn sie Blackouts vermeiden wollen. Der oberste Garant auch des Schutzes vor digitalen Angriffen ist das Militär, das den Cyberwar probt. Das Pentagon hat Cyber-City-Simulationen entworfen, bei denen wie in klassischen Manövern zu Übungszwecken zwei Gruppen eingeteilt werden: die (bösen) Angreifer und die (guten) Verteidiger. Um Hacker abzuwehren, müssen die Verteidiger ihrerseits die Netze der Angreifer hacken. Im Ergebnis überbieten sich Angreifer und Verteidiger gegenseitig im Hacken. Fast wie im realen Krieg.

Dieses Aufschaukeln zu allgemeiner Zerstörung hat einen ganz einfachen Ausgangspunkt, das sogenannte Verletzungsparadox: Versuche, die Netzwerke der Länder oder Städte gegen alle Risiken abzusichern, vergrößern ab einem gewissen Punkt das Risiko des Angriffs oder Unfalls.4

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