Industrialisierte Fleischproduktion

24.05.2014

Tierhaltung im Neoliberalismus

Die Art und Weise, mit der im Rahmen industrieller Fleischproduktion mit Tieren verfahren wird, sagt viel über das Natur- und Zivilisationsverständnis unserer Gesellschaft und den vorherrschenden Zeitgeist aus. Hier sollen Aussagen analysiert werden, wie sie von Vertretern dieser Fleischindustrie be-ziehungsweise von Mitarbeitern des Unternehmens "Danish Crown" getätigt werden. Ergänzt werden soll dies um die politische Dimension durch die Darstellung eines Interview-Ausschnittes mit dem Sprecher des EU-Agrarkommissars. Die Aussagen der Fleischindustrie sowie des Sprechers des EU-Agrarkommissars wurden vom Autor der TV-Reportage "Nie wieder Fleisch" von Jutta Pinzler et al. mitgeschrieben (NDR, 2012).

Bei der hier dargestellten Fleischproduktion geht es konkret um die industrielle Massentierhaltung von Schweinen. Die Tiere werden in wenigen Wochen geboren, gemästet und geschlachtet. Ohne auch nur ein Mal im Leben echte Erde betreten, frische Luft geatmet, geschweige denn Natur und Instinkt entsprechend im Boden gewühlt zu haben. Die Zeitabschnitte von Säugen, Aufzucht durch die Muttersau und Schlachtung bemessen sich ausschließlich am Optimum ökonomischer Effizienz. Dies wird besonders deutlich im Lichte der folgenden Aussagen.

Wirtschaftlich betrachtet, habe ich einfach zu wenig Ferkel pro Sau produziert, als die Tiere draußen waren. Bei Freilandhaltung ist die Sterblichkeit im Schnitt zehn Prozent höher als im Stall. Draußen gab es bis zu 24 Ferkel pro Sau. Drinnen überleben um die 30 Ferkel. Das ist ökonomisch betrachtet ein großer Unterschied.

Züchter und Mitarbeiter von Danish Crown Peter Hjort Jensen in der NDR-Reportage

Es wäre besser, wenn wir das nicht machen müssten. Aber letztendlich müssen wir mit der Produktion von Schweinen Geld verdienen. Ich glaube, das hier [der sterile Massenaufzucht- und Schlacht-betrieb, in dem er arbeitet] ist ein guter Kompromiss. […] Als ich noch ein Kind war, liefen die Schweine noch frei rum und haben dann ihre Ferkel bekommen. Das waren pro Jahr 15 Ferkel. Jetzt produzieren sie jährlich 31 Ferkel. Das ist der Unterschied.

Mitarbeiter von Danish Crown Karl-Eric Pederson in der NDR-Reportage

Diese beiden Zitate von Landwirten, die für die Fleischindustrie und für einen Betrieb der sogenannten Massentierhaltung arbeiten, drehen sich um ein Kernargument: Die Wirtschaftlichkeit, die einem würdigen Umgang mit den Tieren entgegensteht und welcher der Vorrang eingeräumt wird ("es wäre besser …" versus "müssen […] Geld verdienen"). Es wird hierbei gar nicht explizit begründet, weshalb die "Produktion" von 24 oder 15 Ferkeln pro Sau und Jahr "zu wenig" sei. Implizit wird als Grund eine Wettbewerbssituation und der Zwang zur Anpassung an Marktbedingungen als selbstverständlich angenommen. Im Zuge dieser Anpassung müssten Effizienzsteigerungen um jeden Preis realisiert werden. Diese vermeintlichen Zwänge scheinen jegliche Notwendigkeit zur moralischen Rechtfertigung aufzuheben. Im Sinne von Effizienzsteigerungen und Unternehmensgewinnen müsse dementsprechend alles technisch Machbare auch tatsächlich umgesetzt werden, so die Annahme.

Was diese beiden Mitarbeiter komplett ausblenden, ist die Frage nach dem Marktsegment. Die Firma, für die sie arbeiten, bedient ein Segment für möglichst kostengünstiges Fleisch. Verschwiegen wird, dass auch andere Märkte bestehen – etwa der Markt für nachhaltige und oder für ökologische Produkte. Es geht also nicht nur um die Frage, ob die Kosten um jeden Preis gesenkt werden müssen, sondern auch um die Frage, welchen Weg der Produzent bewusst beschreitet, welche Produkte produziert werden und ob es Fleisch sein muss. Mal abgesehen von der Pfadabhängigkeit eines Unternehmens, könnte es ebenso gut Tofuprodukte, Sojasauce, Biomüsli oder andere, umweltverträglichere Eiweißlieferanten herstellen.1 Es gibt weder eine betriebs- noch volkswirtschaftliche, noch eine ökologische und erst recht keine moralische Notwendigkeit für die Produktion von Schweinefleisch.

Mit beiden Aussagen wird der ökonomische Wettbewerb als Regulator für die Fleischproduktion akzeptiert. Die Verhältnisse würden durch ihn determiniert und die Konsumenten und Hersteller müssten sich schlicht und einfach anpassen. Ethische und ökologische Fragen trauen sich die Interviewten nicht, deutlich zu stellen. Andere Mitarbeiter kommen sogar überhaupt nicht auf die Idee, moralische Maßstäbe in Erwägung zu ziehen:

Wir bekommen lebendige Schweine und schlachten sie. Wir trennen und unterteilen das Fleisch in bestimmte Kategorien. In der Autoindustrie oder ähnlichen Unternehmen ist es ja so, dass man erst einzelne Teile bekommt und die baut man zusammen. Am Ende hat man dann ein neues Auto. Bei uns ist es andersherum. Wir teilen und separieren. Das ist der Unterschied.

Per Laursen – Direktor des Danish-Crown-Schlachthofs Horn in der NDR-Reportage

Biologische Vermögenswerte, die beim Danish Crown-Konzern lebendige Tiere umfassen, werden zum beizulegenden Zeitwert bewertet, sofern ein aktiver Markt besteht, abzüglich erwarteter Verkaufskosten, oder zu Anschaffungskosten.

Aus dem Jahresbericht des Danish-Crown-Konzerns 2010/2011

Dort, wo zumindest noch einer der beiden oben zitierten Landwirte und Schweinezüchter moralische Bedenken zu dieser Art von Fleischproduktion äußert, legt der zitierte Herr Laursen eine deutlich konsequentere Ideologie bezüglich seiner Arbeit an den Tag. Er sieht die Einzelteile ehemals lebendiger Schweine als reine Produktionsgüter ähnlich wie Schrauben und Blechteile für die Automobilproduktion. In dieselbe Kerbe schlägt der Geschäftsbericht von Danish Crown. Lebendige Tiere werden als "biologische Vermögenswerte" bezeichnet. Man versucht nicht einmal mehr, den Anschein von Respekt oder gar Mitgefühl gegenüber den Lebewesen auszudrücken, aus denen man seine Gewinne zieht.

Diese Wahrnehmung verstärkt sich bei der Lektüre der Internetseite und weiteren Aussagen des Unternehmens:

"Wussten Sie?

  • … dass Danish Crown einen Internetkatalog mit mehr als 200 Zerlegungen von Schweine- und Rindfleisch entwickelt hat.
  • … dass der Schlachthof in Horsens eine überdachte Fläche bedeckt, die ungefähr 10 Fußballfeldern entspricht, d.h. ca. 75.000 m² oder 7,5 ha.
  • … dass Danish Crown der größte Fleischexporteur der Welt ist. Die Ausfuhr beträgt jährlich 3 Mio. Euro. […] Danish Crown liefert Schweinefleisch an Kunden in der ganzen Welt.
  • … dass Danish Crown jährlich 16,3 Mio. Schweine in Dänemark schlachtet. Wenn sie hintereinander stünden, entspräche das einer Länge von 24.000 km – oder gut ein halbes Mal um die Erde."

Zitate von der Internetseite www.danishcrown.com (Zugriff 03/2012).

Danish Crown exportiert jetzt schon in 130 Länder. Es bleiben also nicht mehr viele Märkte übrig.

Zitat aus der oben genannten TV-Reportage von Anne Villemoes, Sprecherin Danish Crown

Aus diesen Zitaten sprechen zwei Aspekte einer Weltanschauung: Zum einen wird, wie oben schon festgestellt, erneut klar, dass man ein materialistisches Verhältnis zur "Ware" hat, die man produziert. Man spricht von Produktionsfaktoren, die in "mehr als 200" Fleischprodukte "geteilt und separiert" werden. Hinzu kommt in den Kurzzitaten das Protzen mit Größe und erfolgreichen Globalisierungsaktivitäten. Man möchte mit Größe eine vermeintliche Überlegenheit manifestieren und durch die Bilder Macht- und Weltbeherrschungsansprüche darlegen.

Screenshots von der Website danishcrown.com

Dies wird auch anhand der Abbildung (unten) deutlich, auf welcher ein recht beleibter Mann in Weiß gekleidet – vermutlich ein Mitarbeiter eines Schlachthofs – auf einer viel kleineren Ziege reitet. Mit einer Hand hält er das Halsband um den Hals des Tieres eng angezogen, mit der anderen hält er der Ziege eine an einem Stock baumelnde Möhre vor. Vermutlich als Köder, damit sie sich vorwärts bewegt. In Kombination mit der Überschrift "Danish Crown auf der ganzen Welt" kann dieses Bild metaphorisch so gedeutet werden, dass die globale Expansion des Unternehmens auf dem Rücken der Tiere vorangetrieben wird. Diese würden von den Menschen dominiert und manipuliert, damit sie sich in ihrem Sinne verhielten. Ein seltsames Bild, das die Respektlosigkeit gegenüber tierischem Leben abermals unterstreicht.

Auf dem oberen Bild sind einige Mitarbeiter von Danish Crown zu sehen, die sich auf einer Wiese vor einem sehr großen Schlachthofgebäude des Unternehmens befinden. Sie werfen fröhlich Bälle in die Luft, auf denen Weltkugeln abgebildet sind. Dieses Bild soll wohl vermitteln, wie die Firma mit spielender Leichtigkeit ihre Internationalisierungsstrategie verfolge. Der Spruch "Der globale Arbeitsplatz" stützt diese Interpretation. Die dargestellte Leichtigkeit steht im offensichtlichen Widerspruch zum im Text vielfach unterstrichenen harten Wettbewerb, der auf dem Unternehmen und vor allem auf den Mitarbeitern laste.

Von Christopher Stark ist im Mandelbaum Verlag das Buch "Neoliberalyse – Über die Ökonomisierung unseres Alltags" (348 Seiten, 19,90 Euro) erschienen. Dieser Artikel ist ein Kapitel aus dem Buch. Es geht in "Neoliberalyse" darum aufzuzeigen, dass wir alle vom ökonomischen Denken in allen Lebensbereichen betroffen sind und wie wenig wir uns diesem Paradigma entziehen können. Dass sich im Zuge dieser universellen Ökonomisierung sogar das Verhältnis unseres Ichs zu unserem Körper verändert, hat Stark im bereits auf Telepolis online publizierten Kapitel "Quantified Self" – die Vermessung des Selbst" verdeutlicht.

Weitere interessante Aussagen finden sich im Geschäftsbericht der Firma:

Beim Landwirt haben die Tiere die bestmöglichen Verhältnisse für ein gutes und gesundes Anwachsen, um dadurch Schweinefleisch von ernährungsmäßig hoher Qualität zu erzielen. Im Schlachthof werden die Schweine schonend behandelt, was zu einer hohen Fleischqualität führt […] Die dänische Fleischbeschau ist eine der strengsten der Welt, in der Primärlandwirtschaft sowie in den Schlachthöfen. […]

Die Messung des Wohlbefindens [der Mitarbeiter] wurde dieses Jahr in der Muttergesellschaft zum dritten Mal, in der Tulip Food Company zum zweiten Mal und bei den Angestellten in den schwedischen und deutschen Abteilungen der Tulip Food Company erstmalig durchgeführt. Die Konzernunternehmen arbeiten laufend an der Verbesserung des gesundheitlichen Zustands der Mitarbeiter. […]

Sowohl von den Ressourcen als auch aus wirtschaftlicher Betrachtung ist es daher wichtig, die Verwendung aller Teile des Tieres zu optimieren. […] In den letzten Jahren war die Aufmerksamkeit stark auf genau diese Art von Ressourcenverschwendung gerichtet, die als eine der größten unsichtbaren Klimabelastungen bezeichnet wird.

Aus dem "Jahresbericht 2010/11 – Danish Crown-Konzern"

Diese drei Absätze aus dem Geschäftsbericht können als typische Relativierungsversuche von Unternehmen verstanden werden, deren Kerntätigkeiten umstritten und/oder nicht mit den Moralvorstellungen größerer Bevölkerungsgruppen vereinbar sind. Man versucht sich hier als ökologisch, als ressourcensparend und sogar als tierfreundlich zu präsentieren. Darüber hinaus wird betont, man sei ein guter Arbeitgeber und behandle seine Angestellten fair. Der Verweis auf die vermeintlich klimafreundliche Strategie des Unternehmens muss klar als Greenwashing bezeichnet werden. Im Sinne der Selbstvermarktung soll das Bild des Unternehmens in der Öffentlichkeit positiv verändert werden, während die unökologischen Konzernaktivitäten unverändert fortbestehen. In Wirklichkeit zählt nämlich ausgerechnet die Fleischindustrie unbestrittenerweise zu den größten Ressourcen-Verschwendern unter allen Industriezweigen.2

Ebenso widersprüchlich mutet die Andeutung an, man bemühe sich in besonderer Weise um das "Wohlbefinden" der Mitarbeiter. Dies wird anhand folgender Aussagen eines sogenannten Gewerkschaftsvertreters innerhalb der Firma deutlich.

Ich heiße Lars Mose und bin 39 Jahre alt. Ich arbeite seit vierzehn Jahren bei Danish Crown. Seit sechs Jahren bin ich dort auch Gewerkschaftsvertreter. Wenn das Unternehmen Einschnitte macht, muss ich den Leuten klarmachen, dass das gut und richtig ist. Sag ich aber zum Beispiel, "das liegt am starken Wettbewerb oder so ähnlich", ja dann frage ich mich, wen vertrete ich hier eigentlich? Und ruft man Arbeitermacht und vermittelt nicht, tja dann gibt es nur einen Weg und der führt mit Garantie ganz nach unten. Dann gibt es irgendwann keine fleischverarbeitenden Unternehmen mehr in Dänemark.

Wenn ein Problem auftaucht, müssen wir das später wieder in Ordnung bringen. […]

"Na Leif, wie läuft die Arbeit hier?" [Frage an einen Mitarbeiter, der gerade Körperteile eines Schweins mit einem Messer zerteilt]
"Na ja, wir haben den ganzen Tag eine Menge zu tun – und manche Tage sind eben besser als andere."
[Lars Mose:] "Tja, das stimmt schon. Kurz nachdem wir hier anfingen, wurden die Akkordsätze gesteigert. Früher war das anders, da hatten wir mehr Verhandlungsspielraum. Seit wir hier hingezogen sind, ist das nicht mehr möglich. Heute konkurrieren wir mit den Polen. Die arbeiten natürlich billiger als wir, also müssen wir genau die vereinbarten Akkordzahlen erreichen.

Verhandlungen sind heute schwierig. Wenn wir hier bleiben, gibt es kaum Spielraum [tote Schweine ziehen im Film vorbei]. Wir arbeiten in einem Unternehmen, das schnell agieren muss und in dem die Prozesse ständig optimiert werden. Deswegen muss ich meinen Kollegen immer wieder erklären: Wir haben leider keine Wahl, wenn wir überleben wollen. Manchmal ist das für die Betroffenen schwer zu akzeptieren. Da stehe natürlich gerade ich als Gewerkschaftsvertreter vor einem Dilemma. Vor 10 Jahren konnten wir die Interessen der Arbeitnehmer leichter vertreten. Das tun wir natürlich immer noch. Aber es gibt immer öfter Situationen, in denen das nicht so aussieht. Manchmal ist es zwar schwieriger und man muss sich einiges gefallen lassen. Aber ich freue mich immer, wenn sich ein Problem lösen lässt. Und wenn die Kollegen zufrieden sind, weil ich ihnen so oder so helfen konnte.

Aus einem Firmenvideo von www.danishcrown.com

In diesem Zitat erklärt ein Gewerkschaftsvertreter, der eigentlich die Interessen der Mitarbeiter vertreten sollte, weshalb alle von der Geschäftsführung gesetzten Bedingungen von den Arbeitnehmern akzeptiert werden müssten. Er spricht wie ein einzeln für sich agierender Vertreter der Arbeitgeberseite von "Einschnitten" und "Konkurrenz" mit ausländischen Betrieben, von seiner Meinung nach legitimerweise gesteigerten Akkordzahlen und dass man sich "einiges gefallen lassen" müsse. Kein Wort von Gewerkschaftsthemen wie Arbeitnehmerrechten, Gehaltssteigerungen, sozialer Gerechtigkeit. Es kann bezweifelt werden, dass dieser Mensch ein Vertreter einer echten, unabhängigen Gewerkschaft ist. Wahrscheinlicher erscheint es, dass er in einer arbeitgebernahen Pseudo-Gewerkschaft organisiert ist (ähnlich wie die "christlichen" Gewerkschaften in Deutschland).

Herr Mose vertritt eine bestimmte Haltung, welche die Schaffung und den Erhalt von Arbeitsplätzen als höchstes Ziel erklärt. Alle anderen möglichen gesellschaftlichen Ziele werden diesem Hauptziel untergeordnet. Zudem propagiert Mose die uneingeschränkte Anpassung an den globalen Weltmarkt. Er erklärt es für unvermeidlich, in einen Unterbietungswettbewerb um Dumpinglöhne mit benachbarten Ländern einzutreten.

Es darf bezweifelt werden, dass ein solcher Unterbietungswettbewerb mit deutlich ärmeren Volkswirtschaften auf lange Sicht zu gewinnen sein wird, ohne dass der Lebensstandard, in diesem Falle Dänemarks, deutlich sinkt. Die Frage nach alternativen Möglichkeiten wird auch von Herrn Mose nicht gestellt. Wenn man es genau betrachtet, nimmt er seine eigene Weltanschauung damit nicht ernst. In der liberalen Wirtschaftstheorie spricht man von komparativen Kostenvorteilen und davon, dass eine zwischenstaatliche Arbeitsteilung sinnvoll sei. Demnach kommt es zu Wohlstandssteigerungen, wenn Volkswirtschaften einen Fokus auf bestimmte Wirtschaftszweige legen und Güter, die woanders günstiger produziert werden können, durch zwischenstaatlichen Handel beschaffen, anstatt diese Güter selber zu produzieren.

Wer in diesem Sinne den Markt als höchsten Regulator wirtschaftlicher Aktivität sieht, muss logischerweise auch Flexibilität im Denken propagieren. Wird die Marktargumentation konsequent zu Ende geführt, müsste möglicherweise eingestanden werden, dass der Fortbestand einer Fleischfabrik in Nord-Westeuropa ökonomisch gar nicht sinnvoll ist und dass an der Stelle, an der früher eine Fleischfabrik stand, schon bald etwas Neues, dem Standort Angemesseneres stehen müsste – etwa eine Fabrik für Windkraftanlagen oder Tofuwurst.

Wie schon oben angemerkt, könnte das Unternehmen durch entsprechende Änderungen des Fokus von Massenfleisch auf andere Produkte den Teufelskreis eines aussichtslosen Unterbietungswettbewerbs durchbrechen. So ließen sich mit neuartigen ökologischen Ersatzprodukten mit Sicherheit eine höhere Gewinnmarge und bessere Arbeitsbedingungen realisieren als mit Standardprodukten, die vollkommen austauschbar sind. Es müsste gelten, positive gesellschaftliche Trends aufzugreifen, anstatt einen objektiv betrachtet gesellschaftsschädigenden Pfad weiter zu verfolgen.

Insgesamt werden an diesem Zitat die Widersprüche eines kapitalistischen und rein marktgesteuerten Systems deutlich. Das Wohlergehen der Menschen steht in direktem negativen Verhältnis zur sogenannten Wettbewerbsfähigkeit.

Die Marktargumentation bezüglich der Fleischproduktion soll an dieser Stelle von Roger Waite, Sprecher des EU-Agrarkommissars, auch von der politischen Seite aufgenommen und vertieft werden3:

Wir haben Tierschutzregeln, die strenger sind als woanders in der Welt. Und es gibt auch – was weiß ich – in Australien, den USA – es gibt genau die gleiche Produktion. Also die versuchen – diese Großerzeuger in Europa – die versuchen mitzumachen. Aber auch mit strengeren Regeln als zum Beispiel woanders in der Welt. Wenn wir weiter Fleisch produzieren wollen, müssen wir immer noch importieren. Die einzige andere Möglichkeit wäre, dass wir unser Getreide ganz, ganz, ganz … sehr reduzieren und mehr pflanzliche Eiweißpflanzen haben. Und das ist eher unwahrscheinlich. Also der Markt … in der Hinsicht muss der Markt entscheiden."

[Frage der Journalistin:] "Aber haben wir nicht eine Verantwortung gegenüber – jetzt – den Menschen in Südamerika zum Beispiel?"

Waite: "Ähm, äh … wir haben natürlich äh … eine Verantwortung ab … äh … und ähm … wir sehen, wie das äh … gemacht wird … und äh … auf äh … Regierungsebene natürlich reden wir auch mit den Brasilianern äh … äh und anderen Ländern. Aber ähm, wie ich sage – der Markt entscheidet. Und äh … so ist das.

[…] Der Markt wird entscheiden. Ich denke nicht, dass die gemeinsame Agrarpolitik die Probleme von Welthunger oder Probleme von Hunger in Afrika alleine lösen wird. Wir haben andere Politiken – Entwicklungspolitik zum Beispiel und Investition – die wir da machen wollen. Es ist klar – längerfristig muss in Afrika mehr produziert werden – oder Asien – oder wo. Aber für uns ist wichtig in Europa, dass wir unser Produktionspotential beibehalten, damit wir nicht zu viel importieren.

Aus der NDR-Reportage

Waite spricht in diesen Zitaten über die Fleischindustrie Europas, ihre Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weltmarkt sowie über Tierschutz und Entwicklungspolitik. Für ihn stehen die Interessen der europäischen Fleischindustrie über Aspekten der Nachhaltigkeit, des Tierschutzes und würdiger Verhältnisse für die Menschen in Südamerika und Afrika. Zugleich versucht er, die mit den Fragen der Journalistin implizierte Kritik zu entschärfen, indem er in puncto Tierschutz auf die angeblich vergleichsweise strengeren Tierschutzgesetze in Europa verweist, in Bezug auf die negativen Auswirkungen europäischer Agrarpolitik auf Entwicklungsländer und auf das komplette Versagen der sogenannten "Entwicklungspolitik" hat er keine Antworten. Vielmehr verweist er auf die Regulation durch den Markt. Obwohl die Probleme ja ausgerechnet durch den freien Markt entstehen! Dieser Widerspruch scheint ihm jedoch nicht aufzufallen. Wie genau und mit welchen Mechanismen der Markt diese Probleme löst oder ob er sie gar noch verstärkt, wird außen vorgelassen. Der Hinweis auf den Markt stellt somit keinen Beweis dar, sondern eine oberflächliche Ausrede. Dies wird im Gespräch besonders deutlich, da der Interviewte an einer Stelle verbal ins Stocken gerät und dann als erlösendes Argument auf eben auf jenen Markt verweist.

Ohne vom eigenen Argument überzeugt zu sein, schlägt Waite als Lösung vor, eiweißhaltige Pflanzen verstärkt in Europa anzubauen und dadurch weniger (prekär produzierte, genetisch veränderte Sojabohnen) importieren zu müssen.4 Dies sei aber nicht wahrscheinlich, fährt er sogleich fort. Wenig verwunderlich, denn er ist Vertreter eines europäischen Agrarpolitikers, der sich offenbar seinerseits der europäischen Agrarindustrie verpflichtet fühlt, die ohne Rücksicht auf Verluste billige Weltmarktnahrung produzieren möchte. Insgesamt ist aber nicht deutlich, wie durch die angesprochenen Maßnahmen "Entwicklungspolitik" und "Gespräche auf Regierungsebene" eine tatsächliche Verbesserung der Umstände erreicht werden soll.

In den Aussagen des Sprechers kommt eine zutiefst neoliberale Grundideologie zum Tragen, die keine anderen als wirtschaftliche Argumente im Sinne seines Arbeitgebers und der Agrarindustrie zulässt. Die hier erkennbar werdende Grundauffassung von Wirtschaft und Welthandel trägt darüber hinaus merkantilistische Züge, zumal das Verlangen nach einem würdigen Leben in Entwicklungs- und Schwellenländern mit dem Hinweis auf die höhere Priorität des Gewinnstrebens der europäischen Landwirtschaft und Agrarindustrie abgewiesen wird. Die direkten Fragen der Journalistin sind Herrn Waite merklich unangenehm, vermutlich weil er weiß, dass seine Antwort für seine Zuhörer nicht befriedigend sein kann oder weil er sich in Widersprüche verstrickt, die er in seiner Rolle als Sprecher für den Agrarkommissar vertreten muss.

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