Leitartikler und Machteliten

23.05.2014

Herausgeber der ZEIT beschwert sich beim ZDF - Satire-Sendung "Die Anstalt" erhält Unterlassungserklärungen

Leitende Redakteure der Wochenzeitung Die Zeit haben über Jahre deutsche Politiker zu verschwiegenen Bilderberg-Konferenzen eingeladen, darunter auch Helmut Kohl. Auch Spitzenjournalisten von anderen großen Medien sind in diversen Elitenetzwerken aktiv. Seitdem die Satire-Sendung "Die Anstalt" vor einem Millionenpublikum auf die Netzwerke deutscher "Alpha-Journalisten" aufmerksam gemacht hat, brodelt es hinter den Kulissen.

Josef Joffe, Herausgeber der Zeit, beschwerte sich beim Chefredakteur des ZDF, Peter Frey über angeblich falsche Darstellungen in der Satire-Sendung. Die "Anstalt"-Redaktion durfte sich mit Unterlassungserklärungen auseinandersetzen, die ihr der Herausgeber und ein Redakteur der liberalen Zeitung haben zukommen lassen. Und Stefan Kornelius, Leitartikler der Süddeutschen Zeitung, wies gegenüber dem NDR-Medienmagazin Zapp Kritik an seiner Nähe zur Elite zurück.

Doch was hat es mit den Verbindungen zwischen Journalisten zu Think Tanks und Elite-Zirkeln auf sich? Wirken sich die Verbindungen in den Einflusssphären der diskreten Elite-Macht auch auf die Berichterstattung aus? Oder aber: Ist die Kritik möglicherweise gar nicht gerechtfertigt? Ein Debattenbeitrag.

Screenshot aus dem Video der Sendung vom 29. April

Dürfen Journalisten in Elite-Zirkeln zusammen mit den Mächtigen sitzen?

Seitdem die Satire-Sendung "Die Anstalt" zur besten Sendezeit im ZDF die vielfältigen Interaktionsmuster von Journalisten in Think Tanks und politischen Netzwerken für ein Millionenpublikum transparent gemacht haben, rumort es hinter den Kulissen des ein oder anderen Medienbetriebs. Die Frage zwischen Nähe und Distanz von Journalisten und den big shots aus Politik und Wirtschaft hat eine neue Dynamik bekommen. Die Diskussion ist keine einfache.

Haben sich deutsche Spitzenjournalisten durch ihre engen Verbindungen in elitäre Netzwerke von den Reichen und Mächtigen vereinnahmen lassen? Für den Journalismus wäre das eine besorgniserregende Erkenntnis. Oder aber entbehren die Vorwürfe, die jüngst geäußert wurden, jeder ernstzunehmenden Grundlage? Dann wäre das auch bitter. Nämlich für die Kollegen, denen zu Unrecht Vorwürfe gemacht werden.

Durch "Die Anstalt" hat nun ein Millionenpublikum von den Verflechtungen deutscher Top-Journalisten in machtelitäre Strukturen erfahren. Und das kommt für die Medien zu einer Unzeit. Gab es jemals einen größeren Konflikt zwischen den Deutungsnarrativen der Leitmedien und den ihrer Leser als gegenwärtig? Die unterschiedlichen Interpretationen der Ukraine-Krise zeigen einen wohl sehr grundsätzlichen Konflikt, der schon seit vielen Jahren schwelt, nur nochmal hoch aufgelöst.

Man muss nicht lange in den Foren der großen Medien lesen, um bei zentralen gesellschaftlichen und politischen Themen den Unmut von Mediennutzern über einen ihrer Meinung nach viel zu unkritischen, weichgespülten und einseitigen Journalismus zu finden. Von einer Hofberichterstattung und, ja, manchmal wird es richtig deftig: von "Medienhuren" ist da die Rede.

Das Verhältnis zwischen Leitmedien und ihren Nutzern ist also nicht das Beste - um es vorsichtig zu formulieren. Und gerade in dieser Situation ist eine Diskussion entstanden, die geradezu in den Kern dessen stößt, was die Leitmedien oder besser: ihre Qualität, ausmachen. Es geht um nichts Geringeres als um die Glaubwürdigkeit der großen Publikationsorgane.

Müssten Journalisten eigentlich nicht einen professionellen Abstand zu denjenigen wahren, über die sie schreiben und auf die sie mit einem kritischen Auge blicken sollten? Natürlich. Und wäre das der Gradmesser, dann würden die Journalisten, die sich immer wieder durch die erlauchten Hallen der informellen Elite-Macht bewegen, alles andere als gut wegkommen. Doch so einfach ist es nicht. Es gibt auch noch eine andere Seite.

"Hintergrundinformationen und Kontakte sind für Journalisten Schwarzbrot. So lange die Kollegen sich nicht instrumentalisieren oder korrumpieren lassen ist das in Ordnung", sagte einmal der Leiter der Evangelischen Journalistenschule zu Telepolis.

Und damit hat er Recht. Journalisten sind natürlich auf gute Kontakte angewiesen. Gute Kontakte können zu guten Informationen führen. Gute Informationen können zu einer guten Geschichte führen. Und davon lebt letztlich auch der Journalismus. Kann man einem Journalisten also pauschal vorwerfen, dass er sich dort bewegt, wo für ihn, für sein Ressort, für sein Fachgebiet oder Thema wichtige Kontakte entstehen können? Anders gefragt: Kann man also einem Journalisten pauschal vorwerfen, dass er auch in einem Think Tank vorbeischaut?

Nein, gewiss nicht. Ist die Diskussion also zu Ende? Nein, denn so einfach, wie gerade eben dargestellt, sind die Verhältnisse leider nicht.

Heimliche Komplizenschaft zwischen Machteliten und Alpha-Journalisten?

Die akademische Grundlage für die aktuelle Diskussion um die Frage, inwieweit die Vernetzung deutscher Spitzenjournalisten sich negativ auf eine ausgewogene Berichterstattung auswirkt, bietet der Journalismusforscher Uwe Krüger mit seiner Studie "Meinungsmacht. Der Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha-Journalisten". Eine Studie, die letztlich auch Grundlage für den Beitrag in "Die Anstalt" war und die genügend Zündstoff bietet. Krüger wollte wissen, wie eng der Kontakt zwischen deutschen Spitzenjournalisten und anderen Eliten ist. Eine aufwändige Netzwerkanalyse brachte ans Licht: Führende Leitartikler und Top-Journalisten sind eng in Elite-Netzwerke eingebunden und ihre Sicht auf "die Verhältnisse", wie sie in ihren Artikeln zum Vorschein kommt, deckt sich erstaunlich oft mit der Sicht des "Eliten-Milieus" in dem sie unterwegs sind (Journalismusforschung:"Ganz auf Linie mit den Eliten").

Ist das der Beweis für eine heimliche Komplizenschaft zwischen Machteliten und Alpha-Journalisten? Hofberichterstattung im 21. Jahrhundert? Nein. Aber durch seine Forschung hat Krüger etwas herausgefunden, was ernst zu nehmen ist.

Erstens: Mancher Journalist hat nicht nur Kontakte zu elitären Kreisen, nein, er ist sehr, sehr eng mit den informellen Zirkeln der Macht vernetzt. Zweitens: Die von ihm analysierte Berichterstattung kennzeichnet sich gerade nicht durch eine kritische Haltung zu diesen Zirkeln, sondern sie spiegelt eine starke inhaltliche Nähe zu den in diesen Netzwerken vorhandenen Meinungen und Sichtweisen wider.

Das bedeutet zunächst einmal, dass zur Kenntnis genommen werden muss, wie eng diese Verzahnung zwischen führenden Journalisten und Organisationen und Gruppen mit politischer Ausrichtung ist. Daraus ergibt sich die Grundlage für die gegenwärtige Diskussion. Die Frage, nach der Nähe zwischen Journalisten und dem machtelitären Milieu muss neu gestellt und muss im Hinblick auf die neuen Erkenntnisse, wie sie die Studie zu Tage fördert, neu beantwortet werden.

Der Leiter der RTL-Journalistenschule, Leonhard Ottinger, sagte einmal gegenüber Telepolis im Hinblick auf die Frage, wie er es bewertet, wenn die Weltelite sich unter Ausschluss der Öffentlichkeit mit Journalisten zu einer dreitägigen Geheimkonferenz trifft ("Einen 'Schweigepakt' kann ich mir nur schwer vorstellen"):

Politiker, Führungskräfte und Journalisten treffen sich in unterschiedlichsten Konstellationen immer wieder zu Hintergrundgesprächen, vertraulichen Runden etc. Wenn die Beteiligten sich darauf verständigen, dass Gesprächsinhalte nicht sofort an die Öffentlichkeit getragen werden sollen, ist dies eine nicht unübliche Verabredung.

Und Theo Sommer, ehemaliger Chefredakteur der Zeit und selbst über mehrere Jahre aktiv eingebunden in einem verschwiegenen Zirkel der Machtelite, mochte auch keine Kritik gelten lassen. Er sagte in einem Interview mit Uwe Krüger:

Ich habe nie empfunden, dass ich da Verrat an meiner Profession übe. Ich darf zwar nicht berichten über die Tagung, habe aber als Journalist durchaus meinen Nutzen davon. In diesen zwei, drei Tagen habe ich doch so viel gehört, was ich als Leitartikler in den nächsten sechs Monaten irgendwo unterbringen kann.

Beide Aussagen muss man zur Kenntnis nehmen und sie sind für die Debatte wertvoll. Zeigen sie doch, dass es - und die Aussagen von Ottinger und Sommer sind hier nur als Beispiele zu sehen - zumindest von einigen Akteuren in den Medien als ganz normal und überhaupt nicht anrüchig empfunden wird, wenn Journalisten sich zu vertraulichen Runden mit den Mächtigen dieser Welt begeben und über das dort Gesagte die Öffentlichkeit nicht umfassend informieren.

Pauschal kann man dieses Verhalten auch nicht verurteilen, aber: Es sollte Konsens unter Journalisten bestehen, dass sich hier auf einem schmalen Pfad bewegt wird.

Zwei Beispiele, die den Unterschied demonstrieren

Wenn man als Journalist schon einen exklusiven Zugang zu den machtelitärsten Zirkeln, die es auf dieser Welt gibt, erhalten, hat, bedeutet das nicht zugleich, dass man denjenigen, die einem diesen Zugang ermöglicht haben, viel zu nahe gekommen ist? Ist man als Journalist dann nicht längst schon "korrumpiert"? Hat man dann nicht längst eine Art Beißhemmung, eine, die man womöglich noch nicht mal mehr selbst bemerkt? Um sich einer Antwort anzunähern, sollen zwei Beispiele angeführt werden.

Vom 27. September bis zum 1. Oktober 1995 fand in San Francisco ein exklusives Treffen der Weltelite statt. Nur drei Journalisten durften an dem Treffen, zu dem 500 zentrale Persönlichkeiten dieser Welt gekommen waren, teilnehmen. Einer davon: Der deutsche Journalist Hans-Peter Martin, der auch für den Spiegel und die Zeit gearbeitet hat.

Ihm gelang es also, Zutritt zu einer handverlesenen Runde zu bekommen. Er "gehörte" quasi plötzlich selbst zu einem sehr erlauchten Kreis. Doch, was machte er?

Er berichtete darüber, was er auf der Konferenz beobachten konnte und was dort so vor sich ging. Zum Beispiel, so schreibt Martin, wurde bei diesem Treffen der Mächtigen eine neue Gesellschaftsordnung skizziert: "Reiche Länder, ohne nennenswerten Mittelstand - und niemand widerspricht", heißt es in dem Buch "Die Globalisierungsfalle", dass 1996 erschien und ein Bestseller wurde.

19 Jahre sind seit dieser Konferenz nun vergangen. Bei Spiegel Online ist gerade unter der Überschrift "Portugals soziale Krise: Millionenfaches Elend" zu lesen:

Portugal verlässt den Euro-Rettungsschirm, doch die Bürger zahlen dafür einen hohen Preis. Harte Sparprogramme haben die Mittelschicht zerstört, soziale Netze zerfetzt. 2,5 Millionen Menschen leben am Rande der Armut.

Zweites Beispiel. Nicht erst seit Spiegel Online 2012 konstatierte, der Grünen-Politiker Jürgen Trittin habe ein "Bilderberg-Problem", ist einer der wohl gewichtigsten Zirkel der westlichen Machteliten auch den Medien ein Begriff. Seit einigen Jahren tauchen hier und da immer mal wieder Berichte über die Bilderberg-Gruppe auf, doch über viele Jahre gab es so gut wie keine Berichterstattung in den Medien.

Der Zirkel der Bilderberger setzt sich zusammen aus wichtigen Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Militär, Geheimdiensten, Medien, Wissenschaft und dem Adel. Wenn sich "die Bilderberger" einmal im Jahr zu einer dreitägigen Konferenz unter Ausschluss der Öffentlichkeit treffen, wenn man so will: zu einer Geheimkonferenz, dann sind auch Verleger und einige wenige Journalisten anwesend. In Deutschland hatte die Wochenzeitung Die Zeit einen festen Platz im Kreise der gut 140 Bilderberger.

Über viele Jahre nahmen leitende Journalisten der ZEIT an der Konferenz teil, doch sie haben nie darüber berichtet. Ja, sie nahmen nicht nur an den Konferenzen teil, sie waren sogar fest in die Gruppe, im Lenkungsausschuss, integriert und haben deutsche Spitzenpolitiker, die an der Konferenz teilnehmen sollten, eingeladen, darunter auch Helmut Kohl. Das offenbarte der ehemalige Chefredakteur der Zeit, Theo Sommer, in einem Interview:

Theo Sommer: Ich erinnere mich, dass ich in den 1980er Jahren, noch ehe er Kanzler wurde, Helmut Kohl eingeladen habe. Man hat immer versucht, die kommenden Leute mit heranzuziehen. Horst Teltschik hatten wir da, und Genscher sowieso. Wir hatten auch Edmund Stoiber mal dort und Kurt Biedenkopf.

Und auch der Grünen-Politiker Jürgen Trittin bestätigte diese Praxis gegenüber Telepolis ("Ist es nicht eine echte Sauerei, dass in einer Demokratie Interessen verfolgt werden?"):

Eingeladen wurde ich durch den Internationalen Korrespondenten der Wochenzeitung "Die Zeit", Matthias Nass.

Die Beispiele verdeutlichen: In dem einen Fall gelingt es einem Journalist Zugang zu einer exklusiven Zusammenkunft der Mächtigen zu bekommen. Er ist nur einer von insgesamt drei Journalisten, die bei dieser Tagung teilnehmen durften. Durfte man ihm also alleine anhand der Tatsache, dass er an der Konferenz teilgenommen hat, unterstellen, er sei einen Nichtangriffspakt mit den Mächtigen eingegangen? Nein, denn Martin hat das gemacht, was Journalisten tun sollten: Öffentlichkeit herzustellen, wo es nötig ist.

Im zweiten Beispiel wurde aber genau das unterlassen. Es mag sein, dass die Journalisten, die das Schweigegebot der Bilderberg-Konferenzen akzeptierten, Zugang zu wertvollen Informationen erhalten haben, die sie später dann auch in ihren Artikeln verwenden konnten. Doch: Transparenz, was Quellen angeht, gibt es in diesem Fall keine. Der Leser kann die so angebotenen Informationen nicht in ihren jeweiligen Entstehungskontext einordnen, er kennt keine Hintergründe. Und: Welche Rolle spielt der Journalist, der sich auf diese Konferenzen einlässt, seine Leser nicht über die Zusammenkünfte aufklärt und stattdessen hier und da Informationen in seine Artikel eintröpfeln lässt, die möglicherweise sogar "machtelitär kontaminiert" sein können?

Wenn ein Journalist einen Politiker zu einer verschwiegenen Konferenz einlädt und so direkt oder indirekt mit darüber entscheidet, wer ein "kommender" wichtiger Politiker sein wird, ist er dann nicht selbst Akteur? Das ist eine Rolle, die ihm nicht zusteht. Es sind Fragen, die sich selbstverständlich stellen.

Immerhin: Bei der diesjährigen Bilderberg-Konferenz in Dänemark wird kein Journalist der Zeit dabei sein - zumindest, wenn es stimmt, was derzeit an die Öffentlichkeit dringt. (Neue Feindsender?). Demnach wäre das Mandat bei Bilderberg nun an den Chefredakteur der Zeit, Giovanni di Lorenzo, übergegangen, doch dieser habe das Mandat abgelehnt. Warum Giovanni di Lorenzo die Tradition der Zeit bricht und nicht an der Konferenz teilnehmen wird, ist unklar. Die Zeit gibt sich bedeckt und lässt, wie Telepolis berichtete, durch einen Sprecher mitteilen, man wolle nichts weiter dazu sagen.

"Satire ist Satire, dennoch müssen die Fakten stimmen"

Die Zeit erfährt gerade leidvoll was es heißt, wenn ein Redakteur an einem Strategiepapier in Sachen Neuausrichtung der deutschen Außenpolitik für einen Think Tank mitgewirkt hat, dann über dieses Papier in einem Artikel schreibt, aber nicht angibt, dass er selbst an der Erstellung des Papiers beteiligt war (Telepolis berichtete: Chaos bei Zeit Online: Mal gilt der Ethik-Kodex, mal gilt er nicht - Mittlerweile findet sich eine entsprechende Offenlegung unter dem Artikel). Von den über 500 Kommentaren unter dem aktuellen Artikel des Autors finden sich viele Leserstimmen, die die Nähe zu den Denkfabriken, in denen der Autor sich bewegt, kritisieren.

Nun hat sich Josef Joffe, Herausgeber der Zeit, beim Chefredakteur des ZDF in einem Brief beschwert. Es geht um angeblich falsche Behauptungen, die in der "Anstalt" gemacht wurden. Joffe, aber auch ZEIT-Journalist Jochen Bitter, der ebenfalls Gegenstand des satirischen Beitrages war, haben überdies der "Anstalt"-Redaktion noch jeweils eine Unterlassungserklärung zukommen lassen.

Aus dem Brief von Josef Joffe an ZDF-Chefredakteur Peter Frey. Joffe verschickt den Brief auch an Leser, die Kritik äußerten.

Dass die Vertreter einer liberalen Zeitung gleich mit schweren Geschützen gegen zwei politische Kabarettisten auffahren, die bei ihrer satirischen und beispielhaften Darstellung nicht den Maßstab verwendet haben, der an einen "Monitor"-Beitrag angelegt wird, lässt tief blicken.

Doch auch die Waffen der Juristen helfen nicht: Eine sachliche Auseinandersetzung, die auf Argument und Gegenargument basiert, ist dringend notwendig.

Es bringt nichts, wenn Stefan Kornelius, Chefleitartikelschreiber bei der Süddeutschen Zeitung und selbst gut vernetzt, die Kritiken pauschal zurückweist. Kornelius hatte sich mit dem NDR-Medienmagazin ZAPP in Verbindung gesetzt, um in einem Gespräch seine Sicht der Dinge darzulegen:

Und jetzt hat zum Beispiel Krüger in der Studie behauptet, durch diese Nähe entstünde auch eine inhaltliche Affinität, wir würden das übernehmen. Das halte ich für wahnsinnig gewagt, das ist eine extrem schwierige kommunikationswissenschaftliche These. Er beansprucht quasi, in unsere Hirne reinzukriechen und zu sagen: Nur weil wir da Mitglied sind, beten wir das wieder, was die sagen. (…) Ich finde diese Form diskreditierend und deswegen wehre ich mich jetzt dagegen, weil ich erstens diese Institutionen nicht in diesem wirklich wüsten Licht sehe.

Würde Krüger so verkürzt argumentieren, dann könnte man die Reaktion von Kornelius verstehen. Doch: Der Journalismusforscher argumentiert differenzierter, setzt sich in seiner Arbeit mit der Theorie der Schweigespirale von Elisabeth Noelle-Neumann auseinander und verwendet für seine Argumentation das "Konzept des sozialen Kapitals" des französischen Soziologen Pierre Bourdieu. In einem Interview mit Telepolis sagte Krüger:

Ich will den Journalisten nicht unterstellen, sie würden solche Sachen schreiben, weil sie in diesen Netzwerken sind und fremde Hände ihre Feder geführt hätten. Denkbar ist auch der umgekehrte Weg: Weil die Journalisten schon vorher eine ähnliche Meinung wie die Eliten hatten, sind sie in dieses Milieu überhaupt erst aufgenommen worden.

Kornelius ignoriert allerdings diese nicht unwichtige These. Er sagt weiter:

Das ist ja eigentlich auch so die Botschaft hinter der "Anstalt", dass da alle Zeitungen, alles, von der ZEIT bis zur FAZ, und die taz kriegt's ja übrigens auch ab in der Studie von Krüger, also alle etablierten Medien kriegen eins aufs Dach. Und da muss man sich ja eigentlich fragen: Ups, was haben wir eigentlich noch für eine Legitimation? Ich glaub schon, dass wir sie haben, weil wir den Job länger machen, weil wir das auch besser eingeübt haben und uns auch stärker journalistisch bemühen. Und das will ich mir nicht kaputtmachen lassen, indem man die Foren, in denen ich journalistisch arbeite, als Quelle arbeite, kaputtmachen lasse.

Kann es nur darum gehen, dass man sich etwas "nicht kaputtmachen" lassen möchte? Ist Uwe Krüger der Raufbold im Sandkasten, der anderen Kindern das Spielzeug zertritt? Natürlich nicht. Es ist nicht konstruktiv, den Kern der Kritik, die im Zusammenhang mit Journalisten und ihren Eliten-Netzwerken geäußert wird, inhaltlich soweit zu reduzieren, dass am Ende ein völlig verzerrtes Bild bleibt.

Mit etwas mehr Ruhe und Sachlichkeit in der Diskussion könnte man nicht nur über die Frage deutscher Spitzenjournalisten und ihrer Nähe zu Eliten-Kreisen diskutieren, man könnte vielmehr auch eine für unsere Gesellschaft und vor allem: für unsere Demokratie nicht unerhebliche Frage stellen: Welche Einfluss haben die vielen Think Tanks, Stiftungen und machtelitären politischen Elite-Zirkel, in denen auch die Meinungsmacher der Leitmedien unterwegs sind, auf die Politik und unsere Gesellschaftsordnung?

Die Machtstrukturforschung

Wenn, wie in dem ersten Beispiel oben angeführt, 1995 auf einer Konferenz der Mächtigen ein Redner eine neue Gesellschaftsordnung skizziert, in der der Mittelstand in den reichen Ländern weggebrochen ist und man nun, 19 Jahre später, die Schlagzeile vom "Millionenfachen Elend in Portugal liest", könnte man doch mal fragen, ob es da eine Verbindung gibt. Oder: Ist so eine Frage bereits Verschwörungstheorie? Nein, natürlich nicht. Sie führt vielmehr zu einem Zweig der Soziologie: Der "power structure research" bzw. der Machtstrukturforschung.

Die Machtstrukturforschung hat längst aufgezeigt, dass es einen vorgelagerten politischen Formationsprozess einer Machtelite gibt. Die Machtstrukturforschung hat uns gezeigt, wie umfassend die Strukturen und verborgenen Interaktionsmuster der Machteliten in dieser Welt sind und wie der Einfluss aus diesen Strukturen auf die Gesellschaft und die Politik aussieht. Wir müssen zur Kenntnis nehmen: Es gibt "Vordenker der Weltpolitik."

Ist es nicht auch Aufgabe eines kritischen Journalismus, die für viele Menschen völlig verborgenen und intransparenten Organisationen und Zirkel der Mächtigen zu durchleuchten und aufzuzeigen, welche Rolle sie spielen? Natürlich. Der Journalist Wilhelm Bittdorf etwa hat einmal im Spiegel die Rolle des mächtigen Council on Foreign Relations in den USA thematisiert. Er zitiert den Machtstrukturforscher G. Williams Domhoff aus seinen Studien:

Der Council ist das entscheidende Verbindungsglied zwischen den großen Konzernen und der Regierung... Die Wichtigkeit dieser Vereinigung für das Verständnis der Grundmotive und Grundlinien amerikanischer Weltpolitik kann kaum hoch genug veranschlagt werden ... Dennoch haben die allermeisten Bürger dieses Landes, das sich für das bestinformierte Gemeinwesen aller Zeiten hält, keine Ahnung von der Existenz eines solchen Gremiums ...

Leider scheint der Journalismus in dieser Beziehung weit zurückgefallen zu sein. Der Artikel stammt aus dem Jahr 1975.

Sollte der Wert der Informationen, die "Bilderberg-Journalisten" auf den Konferenzen erhalten, tatsächlich größer sein als der Wert, den eine Berichterstattung hat, die ihre Leser darüber informiert, dass es diese Konferenzen gibt und was dort gesagt wird?

Der Beitrag aus der "Anstalt", in dem die Hintergründe deutscher Spitzenjournalisten angesprochen wurde, hat die Zuschauer elektrisiert. Sie spüren, dass es hier einen blinden Fleck in ihrem Wissen und in der Berichterstattung der Medien gibt.

Wer zur Bilderberg-Konferenz, zum Treffen der Machtelite am Bohemian Grove samt seines bizarren Rituals oder zur Atlantik-Brücke keinen kritischen Bericht in den Leitmedien findet, dem bleibt nichts anderes übrig, als eben das Internet zu bemühen.

Dem Journalismus der Leitmedien wird immer wieder ein gewaltiger "Bias" vorgeworfen, wenn es um die Deutungsnarrative zu aktuellen gewichtigen gesellschaftspolitischen Themen (siehe Ukraine-Krise) geht.

Vielleicht hängt diese angeprangerte Eindimensionalität in der Berichterstattung gerade auch mit der offensichtlich starken Verwurzelung von so manchem Spitzenjournalist im Eliten-Milieu zusammen. Ihr Habitus, ihre Denke, ihre Selektionskriterien, ja ihre Wahrnehmungs- und Interpretationsschemata entsprechen, das darf man annehmen, in etwa denjenigen, deren Politik und Handeln sie eigentlich kritischer beobachten sollten. Je näher der Kontakt gepflegt, je länger die Verbindungen dauern, umso mehr verschmelzen die beiden Gruppen miteinander, die doch eigentlich viel weiter auseinander stehen sollten. Und daraus resultiert dann ein "Meinungspluralismus" in den obersten Sphären des Journalismus, der leider nicht so pluralistisch ist, wie behauptet.

Die Mediennutzer haben das gemerkt - und lassen es die Medien auch wissen. Es ist an der Zeit, dass die Distanz zwischen Journalisten und Machteliten größer wird.

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