"Mit dem gebotenen Hohn"

24.05.2014

Zeit-Herausgeber Josef Joffe äußert sich zum Vorwurf der zu engen Vernetzung mit den Eliten, Medienwissenschaftler Uwe Krüger antwortet auf die Kritik Joffes

Dass führende Journalisten deutscher Leitmedien mit Lobbyverbänden verbandelt seien und eine entsprechend ähnliche Meinung, insbesondere bei außenpolitischen Fragen, vertreten, hatte man vor gar nicht langer Zeit noch als realitätsfremde Verschwörungstheorie betrachtet. Wissenschaftler, die dazu forschten, wurden weitgehend ignoriert. Die ZDF-Satiresendung "Die Anstalt" hat mit einem Beitrag zum Thema nun Bewegung in die Debatte gebracht - und führende Leitartikler (Leitartikler und Machteliten) erstmals zu Stellungnahmen und Rechtfertigungen genötigt.

Zeit-Herausgeber Josef Joffe, bekannt für dezidiert pro-amerikanische Positionen und gut vernetzt in Elitenkreisen, wollte den investigativen Kabarettbeitrag so jedenfalls nicht auf sich sitzen lassen. Zum einen sandte er ein Unterlassungsbegehren ans ZDF (das laut Aussage einer Sprecherin des Senders gegenüber Telepolis vom ZDF allerdings zurückgewiesen wurde), zum anderen formulierte er Anfang des Monats auch einen Beschwerdebrief, gerichtet direkt an den ZDF-Chefredakteur Peter Frey, und ließ diesen im P.S. wissen:

Nachdem bei der Zeit viele Protest- und Kündigungsbriefe eingegangen sind, erlaube ich mir, diesen Einsendern eine Kopie dieses Schreibens zu schicken.

Joffe war offenkundig verärgert und wollte seinen Unmut zumindest halböffentlich kundtun. So fand sein Brief über mehrere Ecken nun auch den Weg in die Telepolis-Redaktion. Was der Herausgeber der renommierten Wochenzeitung dort an Argumenten anführt, lässt sich frei übertragen so zusammenfassen:

  • Bei den Think Tanks, mit denen man mehr oder minder eng verbunden sei, handle es sich nicht um "Lobbys",
  • alles sei transparent, nichts werde verheimlicht,
  • es gebe keine einheitliche Meinung in diesen Institutionen, sondern kontroverse Debatten,
  • dass viele transatlantische Verbände "mehr Rüstung" forderten, sei so richtig wie selbstverständlich.

Ein letztes Argument versieht Joffe mit der Überschrift "Eitelkeitsverweis" und schreibt:

Ich glaube für alle "Ko-Konspiratoren" zu sprechen, wenn ich mit dem gebotenen Hohn zurückweise, wir dächten und schrieben alle irgendwie gleich.

Im Übrigen solle sich das ZDF um Faktentreue bemühen. Der Beitrag der "Anstalt" sei "kein guter Journalismus" und die ihm zugrundeliegende Dissertation des Medienwissenschaftlers Uwe Krüger (Journalismusforschung:"Ganz auf Linie mit den Eliten") "keine gute Wissenschaft".

Telepolis befragte Uwe Krüger nun zu diesen Aussagen.

Herr Joffe sagt, Sie hätten mit Ihrer Doktorarbeit zu Elitenetzwerken in den Medien eine "Verschwörungstheorie konstruiert". Wie kommentieren Sie diese Einschätzung?

Uwe Krüger: Weder behaupte ich eine Verschwörung noch behaupte ich, dass in diesen Organisationen Gehirne gewaschen werden. Ich stelle die These auf, dass in diesen Organisationen bzw. auf diesen Veranstaltungen ein außen- und sicherheitspolitischer Eliten-Diskurs läuft, an dem die Journalisten teilnehmen und in dessen Rahmen sie sich dann auch in ihren Artikeln bewegen. Diese Vermutung basiert auf Inhaltsanalysen von Artikeln zu den Themen erweiterter Sicherheitsbegriff, Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr und Münchner Sicherheitskonferenz. Im Übrigen vermute ich, dass nur solche Journalisten Mitglied einer Organisation werden, die schon vorher in grundlegenden Fragen mit ihr übereingestimmt haben.

Joffe meint, die außenpolitischen Institutionen, in denen er und andere Journalisten eingebunden sind, wären keine Lobbys. Stimmt das so aus Ihrer Sicht?

Uwe Krüger: Die meisten dieser Institutionen dienen der Festigung und Vertiefung der transatlantischen Partnerschaft. Insofern geht es schon um Interessengruppen, die in bestimmten politischen Fragen eine gemeinsame Meinung vertreten und dieser Geltung zu verschaffen suchen.

Der Herausgeber der Zeit verweist darauf, dass nichts im Geheimen geschehe und nennt die Münchner Sicherheitskonferenz als Beispiel transparenter und öffentlicher Debatten. Ihre Erwiderung dazu?

Uwe Krüger: Die Münchner Sicherheitskonferenz ist mit ihrem Livestream im Internet tatsächlich eine recht transparente Veranstaltung, sieht man einmal vom Hinterzimmer-Bereich und den Abendveranstaltungen ab. Das gilt aber längst nicht für alle fraglichen Organisationen - Stichwort Bilderberg oder Trilaterale Kommission.

Joffe weist den Vorwurf der Uniformität der Meinungen in den mit Think Tanks vernetzten Leitmedien zurück. Ihre Arbeit kommt allerdings zu einem anderen Ergebnis. Was stimmt?

Uwe Krüger: Man kann ja hitzig über Details diskutieren, während man sich in den großen Fragen einig ist. Meine Inhaltsanalyse ergab ein konsonantes Meinungsbild verschiedener Zeitungen in solchen "großen Fragen": dass Sicherheit breit zu definieren ist, deutsche Interessen weltweit zu verteidigen sind, Deutschland sich stärker militärisch engagieren sollte und die Partnerschaft mit den USA pflegen sollte und dass die Bundesregierung die deutsche Bevölkerung von alledem stärker überzeugen sollte.

Stefan Kornelius, Außenpolitikchef der Süddeutschen Zeitung, hat sich gegenüber dem NDR-Medienmagazin ZAPP ebenfalls von Ihrer Arbeit distanziert. Er hält Ihre Schlussfolgerungen für "wahnsinnig gewagt". Überrascht es Sie, dass eine Satiresendung wie die "Anstalt" einige der führenden Journalisten Deutschlands nun zu Stellungnahmen nötigt, die diese Personen in der Vergangenheit Ihnen gegenüber auf Anfrage noch verweigerten?

Uwe Krüger: Ich nehme an, dass der Druck nach einer Fernsehsendung mit Millionenpublikum recht hoch geworden ist. Sichtbar sind jedenfalls Shitstorms unter Online-Artikeln, und offenbar gab es auch Abbestellungen von Abos.

Was fordern Sie von Journalisten wie Joffe und Kornelius, oder allgemeiner gesagt, von den politischen Redaktionen der Leitmedien?

Uwe Krüger: Ich fordere mehr Distanz zu Eliten und Machthabern: sich nicht einbinden zu lassen, an Veranstaltungen zwar teilzunehmen, aber nicht Mitglied, Beirat oder Kurator zu werden, und sich ernsthaft mit anderen Perspektiven und Diskursen auseinanderzusetzen. Wer etwa jedes Jahr an der Münchner Sicherheitskonferenz teilnimmt, sollte auch die Gegenveranstaltung, die Münchner Friedenskonferenz, besuchen, um neben dem offiziellen Sicherheitsdiskurs einen alternativen Friedens- und Gerechtigkeitsdiskurs kennenzulernen.

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