Raketenangriff auf Sitz der Separatisten im ostukrainischen Lugansk

02.06.2014

Die selbsternannte "Volksrepublik Lugansk" macht ukrainische Luftwaffe für den Angriff verantwortlich, bei dem sieben Menschen starben

Am Montag war die ostukrainische Stadt Lugansk Schauplatz von schweren Auseinandersetzungen zwischen den Kämpfer der selbsternannten "Volksrepublik Lugansk" (Luganskaja Narodnaja Respublika, LNR) und der ukrainischen Armee. Lugansk ist das östlichste Gebiet der Ukraine. Hier leben 2,2 Millionen Menschen.

Bereits am Sonntagmorgen um sechs Uhr hatten LNR-Kämpfer einen Standort der radioelektronischen Aufklärung der ukrainischen Streitkräfte in Lugansk gestürmt.

Am Montagmorgen um vier Uhr folgte ein Angriff von LNR-Kämpfern auf den Standort der ukrainischen Grenzschutzeinheit in Lugansk. Während der Kämpfe spielten die Grenzschützer mit großer Lautstärke die ukrainische Nationalhymne ab.

Am Montagvormittag gab es dann einen Waffenstillstand. Doch dann flammten die Kämpfe erneut auf und hielten bis zum Abend an. An den Kämpfen sollen bis zu 500 LNR-Kämpfer beteiligt gewesen sein. Sieben ukrainische Grenzschützer seien verletzt und fünf LNR-Kämpfer getötet worden, berichtet die ukrainische Nachrichtenagentur UNIAN.

Ukrainische Grenzschützer warten auf Verstärkung

Der ehemalige Leiter der Auslandsaufklärung der Ukraine, Nikolai Malomusch, erklärte, dass sich eine schnelle Eingreiftruppe der ukrainischen Armee erst "mit großer Verspätung" in Marsch gesetzt habe, um den Grenzschützern zu helfen.

Ukrainische Kampfflugzeuge seien zwar am Himmel aufgetaucht, hätten aber nicht schießen können, da es sich um ein bewohntes Gebiet handelt, erklärte der Pressesprecher der ukrainischen Grenztruppen, Oleg Slobodjan. Die Nachrichtenagentur UNIAN berichtete, dass die LNR-Kämpfer auch aus Wohnhäuser schießen. Belege dafür gab es jedoch nicht. Direkt neben dem Standort der Grenzschutz-Einheit steht eine Kirche.

Wie der ukrainische Militärexperte und Leiter der Gruppe "Informations-Widerstand", Dmitri Tymtschuk, am Nachmittag per Facebook erklärte, hätten die verschiedenen Einheiten der ukrainischen Grenzschützer durch den Angriff der LNR-Kämpfer ihr "Koordinierungs-Zentrum verloren".

Verwüstungen in der Gebietsverwaltung von Lugansk

Heute Nachmittag um 15 Uhr örtlicher Zeit kam es zu einem weiteren schweren Zwischenfall. Ein Sprengkörper, dessen Herkunft bisher nicht zweifelsfrei festgestellt wurde, riss in der Höhe der dritten Etage ein Loch in die Außenwand der Gebietsverwaltung von Lugansk und verwüstete das dahinterliegende Bürozimmer.

Weitere schwere Beschädigungen an dem Gebäude gab es in der Höhe des Erdgeschosses. Durch die Explosion des Sprengkörpers starben nach Angaben der "Volksrepublik" sieben Personen, unter ihnen die Gesundheitsministerin der "Volksrepublik", Natalja Archipowa. Vor dem Gebäude lagen Leichen. Teile der Fassade waren abgesplittert. Aus dem Fenster des zerstörten Bürozimmers quoll schwarzer Rauch. Feuerwehrleute waren im Einsatz.

Kassetten-Bombe?

Die Luftwaffe der Ukraine habe eine Kassetten-Bombe auf die Gebietsverwaltung abgeschossen, heißt es in einer Erklärung der "Volksrepublik". Eine Kassetten-Bombe besteht aus einem Behälter mit mehreren kleinen Bomben.

Ein Video, welches von einer Überwachungs-Kamera in der Nähe der Gebietsverwaltung aufgenommen wurde, scheint die These von der Kassetten-Bombe zu bestätigen, denn es sind deutlich mehrere Rauchwolken zu sehen, die auf mehrere Explosionsherde schließen lassen.

Die "Volksrepublik" rief die Bürger über ihre Website auf, das Gelände um die Gebietsverwaltung nicht zu betreten, da dort noch nichtexplodierte Bomben lägen. Weil ukrainische Kampfflugzeuge weiter über der Stadt kreisten, wurden die Bewohner der Stadt aufgerufen, sich in Keller von Schulen, Krankenhäusern und Wohnhäusern zu begeben.

Auf der Website der "Volksrepublik" wurde eine Liste von Kellern veröffentlicht, die 50 bis 600 Personen fassen. Das russische Außenministerin sprach von einer "Strafaktion" gegen die Bevölkerung, die an Härte zunehme.

Eine völlig andere Erklärung für die Explosion vor der Gebietsverwaltung von Lugansk hatte der Leiter der Kiew-treuen Innenbehörde in der Stadt. Der Beamte erklärte - unter Berufung auf namentlich nicht genannte Augenzeugen - , die Explosion vor der Gebietsverwaltung sei durch ein Flugabwehrrakete entstanden, die vom besetzten Gebäude des ukrainischen Geheimdienstes auf ein Flugzeug der ukrainischen Luftwaffe abgeschossen wurde.

"Spezialisten" hätten erklärt, dass die Rakete ein Ziel suchte, welches Wärme ausstrahlte. In diesem Fall sei es die Klimaanlage am Fenster der Gebietsverwaltung gewesen. Belege für diese Behauptung wurden nicht vorgelegt.

"Umfassende Operation gegen Terroristen"

Wie der Kiewer Militärexperte und Leiter der Gruppe "Informations-Widerstand", Dmitri Tymtschuk, am Nachmittag per Facebook erklärte, beginnen die ukrainischen Sicherheitskräfte in Lugansk eine "umfassende Operation zur Neutralisierung der terroristischen Gruppen in der Stadt."

"Neutralisiert und vernichtet" würden die Kämpfer-Gruppen, welche sich bei der Gebietsverwaltung, dem Geheimdienst SBU und dem Standort des Grenzschutzes aufhalten. Eingesetzt würden Luftwaffe und schwere Waffen.

Es hat von Kiewer Militärs in den letzten Wochen schon zahlreiche derartige Ankündigungen gegeben. Doch der militärische Durchbruch gegen die Separatisten wurde - trotz Unterstützung ausländischer Söldner auf Seiten der ukrainischen Streitkräfte - bisher nicht erreicht.

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