Der Kampf ums Endlager

05.06.2014

Frankreichs erstes Endlager für hochradioaktiven Atommüll gilt als unterirdisches High-Tech-Projekt und bleibt dennoch umstritten

Zwischen Paris und Nancy soll das erste französische Endlager für hochradioaktiven Atommüll entstehen. Doch auch im Land der Atomkraft gibt es Widerstand. Die Energiekonzerne versuchen indes alles, um die Öffentlichkeit von dem Mammutprojekt zu überzeugen und kaufen sich in die Region ein. Ab 2030 sollen dort 240.000 Fässer für bis zu 100.000 Jahre gelagert werden.

Deutschland weiß noch nicht, wohin mit seinem Atommüll. Die Bundesländer spielen in der aktuellen Endlager-Kommission "Reise nach Jerusalem", um bloß nicht als Standort für die strahlenden Fässer ins Gespräch zu kommen. Da lohnt ein Blick ins Nachbarland: In Frankreich hat man das Problem Atommüll mit einer altbewährten Methode gelöst. Und zwar mit viel Geld. Was den Betreibern Areva und EDF fehlt, ist nur noch die Baugenehmigung.

Während in deutschen Atomlagern Gesteinsbrocken von der Decke stürzen und rostige Atommüllfässer in feuchten Höhlen vergammeln, plant Frankreich ein High-Tech-Endlager. Auserkoren wurde eine Region gut 250 Kilometer südöstlich von Paris, im Department Meuse, mit einer Bevölkerungsdichte von 31 Einwohnern pro Quadratkilometer ein französisches Mecklenburg-Vorpommern.

Unter verschlafenen Wäldchen und der weiten Hügellandschaft rund um das kleine Dorf Bure soll ab 2018 das erste französische Endlager für hochradioaktiven Müll errichtet werden. Bisher haben die Atom- und Energiekonzerne Areva und EDF schon über 1,6 Milliarden Euro in ein unterirdisches Labor investiert. Rund 16 Milliarden werde Cigéo, wie das Projekt heißt, insgesamt kosten, glaubt man den Schätzungen der Betreiber.

"Nichts ist dem Zufall überlassen, alles wird vollautomatisch gesteuert"

Zwei Kilometer vom Dorf Bure entfernt, haben die Geologen bereits ein ausgefeiltes Tunnelsystem in 500 Meter Tiefe gegraben sowie ein Technologiezentrum, ein Archiv und sogar ein Hotel gebaut. "Alle Länder, die Atomkraft besitzen, haben sich nach vielen Tests mittlerweile zur Untergrundspeicherung bekannt", erklärt der Physiker Gregory Kegelaer, der für die französische Atommüllbehörde ANDRA tätig ist.

Eingang zum ANDRA-Forschungszentrum. Bild: Ji-Elle; gemeinfrei

Sein Job ist es, die Öffentlichkeit von der Sicherheit des Projektes zu überzeugen. Kegelaers Kollegen bauen seit 1998 aufwendig isolierte Tunnelsysteme in einer tief unter der Erdoberfläche liegenden Tongesteinsschicht. Getestet werden die Stabilität der Transport- und der Lagertunnel. In letztere sollen später die Atommüllfässer von Robotern eingeführt werden. "Nichts ist dem Zufall überlassen, alles wird vollautomatisch gesteuert", begeistert sich Kegelaer. Anhand aufwendiger Modellen erklärt der Physiker die Fortschritte der Unter-Tage-Forschung:

Experimente mit radioaktiven Material haben ergeben, dass die radioaktiven Teilchen im Falle einer Freisetzung allein rund 100.000 Jahre brauchen, um aus der Tonschicht heraus in die umliegende Erdschicht zu wandern.

"Nur eine künstlich unter Tage errichtete Anlage ist wirklich vernünftig"

Während die Franzosen Tongestein favorisierten, würden die Schweden und Finnländer bei der Atommülllagerung eher auf Granitstein setzen und Deutschland auf Salzstöcke. Allerdings sei diese Idee, Atommüll in alten Minen oder Salzstöcken unterzubringen keine sehr gute gewesen, räumt der ANDRA-Mitarbeiter ein. Zwischen den Zeilen erkennt man klar die Botschaft: Deutschland müsse erkennen, dass nur eine künstlich unter Tage errichtete Anlage wie das Cigéo wirklich vernünftig ist.

Hier werde es kein Wasser geben, das eindringt und kontaminiert wird und auch keine herunterbrechenden Gesteinsbrocken, wie erst vor kurzem im Zwischenlager Asse. Die aktuellen Zwischenfälle im neuen US-amerikanischen Endlager Waste Isolation Pilot Plant in New Mexiko (siehe Unfall in US-Atomlager verstärkt Zweifel an Lagerung von Atommüll in Salz) hingegen sind nach Ansicht von Kegelaer "Logistikprobleme". Dort wurden nach unbestätigten Angaben 20 Arbeiter verstrahlt, nachdem es zu einem Brand gekommen war.

Überzeugungsarbeit und Geld, das verteilt wird

Allerdings sind längst nicht alle so begeistert vom Cigéo wie Gregory Kegelaer. Die Liste der Gegner ist lang: Naturschützer, Atomkraftgegner, Anwohner und sogar Skeptiker aus den deutschen Anrainerstaaten. Aus diesem Grund bemühen sich die staatliche Atombehörde und die Konzerne, so viel wie möglich Überzeugungsarbeit zu leisten: Eine eigens für die Region gegründete Gesellschaft verteilt großzügig Gelder der Energieversorger: 30 Millionen Euro pro Jahr bekommen jeweils das Departement Meuse sowie Haute Marne, deren Untergrund betroffen ist.

Restaurierte Rathäuser, neue Hotels, Sportplätze, neue Straßen und Abwassersysteme wurden dort in den letzten Jahren finanziert wie in wohl keiner anderen Gegend Frankreichs. In Zeiten klammer Kassen verwandelt sich die Region in ein Land, wo plötzlich Milch und Honig fließen. Jeder Bürger, Unternehmer oder Gemeinderat muss nur einen Antrag auf ein Projekt einreichen und bekommt dieses mit großer Wahrscheinlichkeit auch bezahlt.

"Sie kaufen sich die Gewissen der Leute", heißt es bei den Atomkraftgegnern, die sich vor zehn Jahren im Dörfchen Bure ein altes Bauernhaus zugelegt haben. Im Haus des Widerstands, wie es von seinen Bewohnern genannt wird, leben eingefleischte Atomkraftgegner. Die Stammbesetzung des Hauses wechselt mindestens einmal im Jahr, damit sich "nichts einschleift".

"Niemand glaubt dieses Märchen"

Manche Gäste kommen nur übers Wochenende, um die Aktivisten zu unterstützen, so wie Bernadette und Gilles, die aus Paris angereist sind. Das Ehepaar ist um die 50, hat zwei Kinder und wirkt nicht so, als würden sie ständig in selbstverwalteten Hausprojekten leben: "Gegen dieses Wahnsinnsprojekt muss einfach was unternommen werden", meint Bernadette, die früher als Krankenschwester gearbeitet hat.

Niemand glaubt dieses Märchen von den 100.000 Jahren Sicherheit - deshalb muss ein für allemal Schluss sein mit der Atomkraft.

Der Bürgermeister von Bure sieht das Endlager etwas pragmatischer. Mit dem Geld von ANDRA hat sein 90-Seelen Dorf eine 900.000 Euro teure Festhalle und ein Drei-Sterne Hotel bekommen: "Ohne Andra wäre das hier alles heute eine Wüste", so Gérard Antoine. Der alte etwas ängstlich wirkende Mann spricht nicht gerne mit den Medien. Aufgrund seiner Haltung hätte er schon Morddrohungen bekommen und müsse ständig mit Beschimpfungen leben.

Natürlich sei das alles nicht einfach, räumt er ein - schöner wäre es gewesen, wenn sie eine große Fabrik mit vielen Arbeitsplätzen gebaut hätten. Aber man könnte sich die Investoren eben nicht aussuchen. Doch das letzte Wort sei ja noch nicht gesprochen und der Atommüll noch nicht da.

Das soll bis 2025 auch so bleiben. Denn erstmal brauchen die Betreiber eine Baugenehmigung für die richtige Anlage, die ab 2018 gut zwei Kilometer nördlich von der heutigen Versuchsanlage gebaut werden soll. Eine einberufene öffentliche Debatte im vergangenen Jahr zeigte, dass es - den Millionen zum Trotz - noch erhebliche Skepsis gegenüber dem Projekt gibt: Auch das Saarland und Rheinland-Pfalz machten Eingaben und meldeten vor allem hinsichtlich der zu erwartenden Atomtransporte Bedenken an.

Ein bis zwei Atomtransporter pro Tag

Laut Andra sollen nach einer Pilotphase ab 2030 ein bis zwei Atomtransporter pro Tag im Endlager ankommen. Sollte der strahlende Müll mit dem Zug herangefahren werden, müsste das Lager noch an das Bahnnetz angeschlossen werden. Dann wären es bis zu zwei Züge pro Woche.

"Die öffentliche Debatte war eine große Farce", sind sich die Bewohner im "Haus des Widerstands" einig. Die Entscheidung stehe längst fest, die Diskussion um die Baugenehmigung sei nur noch eine große Show. Nach Milliardeninvestitionen werde man sich kaum plötzlich umentscheiden, so die Gegner einhellig. Dennoch haben sie die Hoffnung noch nicht aufgegeben: In den nächsten Monaten wollen sie mit vielen Aktionen auf das "Wahnsinnsprojekt" aufmerksam machen.

Auch Eric Sutre hat mit dem "Wahnsinn" zu tun. Mit seinen längeren graumelierten Haaren und seiner Lederjacke könnte er sogar als Atomkraftgegner durchgehen. Sutre ist jedoch Sprecher der Versuchsanlage von Bure. Vor den Gegnern des Projektes fürchten er und seine Kollegen sich nicht; er erklärt betont gelassen:

Es gibt immer Leute, die gegen industrielle Großprojekte protestieren - das ist überall so.

Trotzdem interessiert sich der Geologe und heutige Kommunikationsbeauftragte von ANDRA für "seine Gegner". Er lässt sich öfters auf den Versammlungen der Bewegung blicken und diskutiert auch schon mal mit: "Ich habe großen Respekt vor der Überzeugung und dem Durchhaltevermögen dieser Leute", so Sutre. "Einmal haben hier Gegner vor dem Zentrum gecampt - allerdings haben sie nicht lange ausgehalten - denn hier ist einfach nichts, weder Presse noch Publikum." Außer ein paar Sachschäden oder kurzweilige friedliche Protestaktionen erwartet der Andra-Sprecher nicht viel von der Anti-Atomszene.

Für Sutre ist die Sache klar: Der Müll muss irgendwo hin. Und einen höheren Standard als die Versuchsanlage in Bure mit einem derart langen Vorlauf an öffentlichen und wissenschaftlichen Austausch habe es so noch nie gegeben. Die Region sei wie für die Sache gemacht: Nur drei Bauern gäbe es in der Umgebung und viele Hausbesitzer, die sich aber nicht viel für das Projekt interessierten. Einige seien sogar stolz auf die neue "Attraktion" im Dorf und führten ihre Verwandten und Freunde zur Versuchsanlage.

Allerdings bleibt abzuwarten, ob die Anwohner auch nach 2030 noch in der Gegend wohnen bleiben, wenn jede Woche LKW mit Atommüll durchs Dorf fahren.

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