Die langsamen Fortschritte der Integration

06.06.2014

Deutschland ist längst ein Einwanderungsland und obendrein auf Zuwanderung angewiesen. Doch von einer überzeugenden "Willkommenskultur" kann noch keine Rede sein

Die Bertelsmann-Stiftung hat ihr eine Umfrage gewidmet, die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände einen Unternehmensleitfaden und das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie sieht die Entwicklung einer "offeneren" Willkommenskultur als Teil der deutschen Zukunftssicherung und betreibt deshalb ein Online-Portal mit dem sinnfälligen Titel "Make it in Germany".

Eine Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung attestiert der Bundesrepublik nun tatsächlich Fortschritte bei der Integration von Migranten. Trotzdem erschwert eine Reihe (hausgemachter) Probleme das Zusammenleben in einem Land, das mittlerweile eine höhere Zuwanderung verzeichnet als Kanada oder Australien.

Was bedeutet Integration?

Wenn über das Themenspektrum Migration und Integration diskutiert wird, geht es hierzulande nicht nur um politische Aktionen und sozio-ökonomische Daten, sondern auch und vor allem um die Definitionshoheit. Dass Deutschland kein Einwanderungsland sei, behauptete bereits der schwarz-gelbe Koalitionsvertrag von 1982. Neun Jahre später wollte Bundeskanzler Kohl in seiner Regierungserklärung noch einmal festgestellt wissen:

Die Bundesrepublik Deutschland ist kein Einwanderungsland.

2010 übernahm CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt den Staffelstab und warnte vor einer Million "Integrationsverweigerern". Deshalb, so äußert der heutige Bundesverkehrsminister, dürfe es "keine Zuwanderung aus Kulturkreisen geben, die unsere deutsche Leitkultur ablehnen".

Sozialdemokraten, Grüne und Linke sahen das völlig anders. Mittlerweile haben sich viele Positionen angenähert, doch im politischen Wettstreit kann man auch rückblickend das letzte Wort haben. So heißt es in dem Entwurf Deutschland 2020, das Bausteine eines sozialdemokratischen Modernisierungsprogramms enthalten soll:

Deutschland ist ein Einwanderungsland. Über Jahrzehnte wurde dies vor allem von Konservativen ignoriert.

Das Berlin-Institut, das 2009 eine erste, seinerzeit viel diskutierte Integrations-Studie mit dem Titel Ungenutzte Potenziale herausgegeben hatte, tut also gut daran, das eigene Verständnis des zentralen Begriffs, der ähnlich schillernden Deutungen unterworfen ist, halbwegs präzise zu definieren.

Die Autoren Franziska Woellert und Reiner Klingholz beziehen sich auf den Soziologen Han Entzinger, der eine gelungene Integration als "Verwischen von Grenzen" beschreibt.

Aus kultureller Sicht bedeutet das die Anerkennung dessen, was vormals als fremd empfunden wurde. Aus sozio-ökonomischer Sicht heißt dies, dass Integration dann gelungen ist, wenn die durchschnittliche wirtschaftliche und soziale Lebenslage der Migranten beim Mittelwert der Gesellschaft angekommen ist.

Berlin-Institut: Neue Potenziale: Zur Lage der Integration in Deutschland

Teilweise Angleichung der Lebensverhältnisse

Derzeit leben rund 7 Millionen Ausländer in Deutschland und weitere 8,6 Millionen Menschen, die sowohl einen deutschen Pass als auch einen Migrationshintergrund haben. Selbst wenn Jahr für Jahr im Saldo 200.000 Menschen dazukommen, wird die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter (20-64) bis 2050 um rund elf Millionen abnehmen, schätzt das Statistische Bundesamt.

Unter diesem Gesichtspunkt ist die Entwicklung einer Willkommenskultur weniger ein Entgegenkommen der einheimischen Bevölkerung als eine ökonomische Notwendigkeit. Infolge der wirtschaftlichen Entwicklung und der Zuzugserleichterungen, die von der Bundesrepublik und der EU beschlossen wurden, hat sich die Lage im Vergleich zu 2009 verändert.

Die Autoren konstatierten bei vielen Migranten ein hohes Bildungs- bzw. Ausbildungsniveau, ein deutliches Chancenplus von Migrantenkindern gegenüber ihrer Elterngeneration und eine Angleichung der Lebensverhältnisse von ursprünglich ausländischer und einheimischer Bevölkerung.

Auch sie (die Migranten, Erg. d. Red.) werden im Laufe der Zeit als Gruppe älter, bekommen weniger Kinder, heiraten seltener und trennen sich häufiger. Sie leben vor allem in den Stadtstaaten und wirtschaftlich starken Regionen.

Berlin-Institut: Neue Potenziale: Zur Lage der Integration in Deutschland

Die "am besten integrierte Gruppe" kommt nach Einschätzung des Berlin-Instituts aus den Mitgliedsländern der EU-27 (ohne Südeuropa). Die Migranten seien ohnehin rechtlich gleichgestellt, brächten darüber hinaus durchgängig hohe Qualifikationen mit und kämen oft mit einer Jobperspektive nach Deutschland. Von einer Armutszuwanderung kann deshalb keine Rede sein - von verpassten Chancen, die eine frühzeitige Integration der in Deutschland lebenden Ausländer ermöglicht hätte, dagegen schon.

Denn die Situation für Migranten aus Italien, Spanien, Griechenland, Portugal und der Türkei ist weit weniger erfreulich - insbesondere wenn es sich um die Generation der sogenannten "Gastarbeiter" handelt. Die fehlenden Integrationsangebote vergangener Jahrzehnte können nicht mehr kompensiert werden und auch viele Kinder und Enkel haben es schwer - vor allem, wenn die Eltern arbeitslos sind, maximal einen Hauptschulabschluss besitzen und das Haushaltseinkommen unterhalb der Armutsgrenze liegt.

So liegt in der türkischen Migrantengruppe der Anteil jener mit Hochschulreife bei den direkt Zugewanderten bei 15 Prozent, bei ihren hierzulande geborenen Nachkommen bei immerhin 25 Prozent, aber dennoch weit unter dem Wert der Einheimischen von 43 Prozent. Nach wie vor vererben also viele der Migranten ihren geringen Bildungsstand an ihre Kinder.

Berlin-Institut: Neue Potenziale: Zur Lage der Integration in Deutschland

Durchaus wahrscheinlich, dass sich die Lage bei schwierigeren wirtschaftlichen Rahmenbedingungen noch kritischer darstellen würde. Denn die Willkommenskultur zielt fast ausschließlich auf erstklassig ausgebildete Menschen mit guten Berufsperspektiven.

Auch wenn die doppelte Staatsbürgerschaft, wie jüngst verabredet, Realität wird, ist der Verdacht, dass Migranten "nur als Fachkräfte gewollt" werden, kaum von der Hand zu weisen.

Methodische Probleme oder: Wie misst man Integration?

Die Studie des Instituts basiert auf einem Instrumentarium, das schon vor fünf Jahren kritische Einwendungen provozierte. Die Aufteilung in acht Migrantengruppen (Aussiedler, Migranten aus der Türkei, Südeuropa, den sonstigen EU-27-Ländern, dem ehemaligen Jugoslawien, aus dem Fernen Osten, dem Nahen Osten und Afrika) begründen die Autoren mit dem Ziel, einen "komplexen Wirkungszusammenhang aufzuschlüsseln und in handhabbare Erkenntnisse herunter zu brechen".

Der "Index zur Messung von Integration" vergleicht anhand von 20 Indikatoren die sozio-ökonomische Situation der acht Migrantengruppen mit der einheimischen Referenzgruppe und kommt zwangsläufig zu mitunter stark vereinfachenden und pauschalisierenden Ergebnissen.

Dass auch die Möglichkeit besteht, viel tiefer ins jeweilige Detail zu gehen, zeigt eine aktuelle Auswertung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), in der es um die viel diskutierte Zuwanderung von Rumänen und Bulgaren geht. Migranten beider Nationalitäten bilden in der Untersuchung des Berlin-Instituts nur eine Teilmenge der "sonstigen Länder der EU-27 (ohne Südeuropa)".

In den ersten vier Monaten des Jahres 2014 ist die in Deutschland lebende Bevölkerung aus Bulgarien und Rumänien nach Berechnungen des IAB um 40.000 Menschen gewachsen, bis Ende Dezember könnte die Anzahl der Zuwanderer in diesem Jahr auf 160.000 steigen. Um eine "Gruppe" handelt es sich deshalb noch lange nicht, denn die Forscher stellten erhebliche Unterschiede fest - zum Beispiel hinsichtlich der sozialen und ökonomischen Situation.

Die Arbeitslosenquote der Bulgaren betrug im April 2014 15,8 Prozent (Vorjahresmonat: 14,8 Prozent), die der Rumänen 8,1 Prozent (Vorjahresmonat: 8 Prozent). Die SGB-II-Leistungsbezieherquote der Bulgaren betrug im Februar 2014 18,8 Prozent (Vorjahresmonat: 13,8 Prozent), die der Rumänen 8,6 Prozent (Vorjahresmonat: 7,5 Prozent).

IAB: Zuwanderungsmonitor Bulgarien und Rumänien (Mai 2014)

Auch eine Querverbindung zum Wohnort der Migranten führt zu aufschlussreichen Ergebnissen. Die Arbeitslosenquote unter den Bulgaren und Rumänen war im März 2014 in Duisburg (31,2 Prozent), Dortmund (29,2 Prozent) und Berlin (24,0 Prozent) besonders hoch - in Stuttgart (8,1 Prozent), München (8,5 Prozent) und Karlsruhe (8,7 Prozent) dagegen deutlich niedriger.

Die in Deutschland lebenden Bulgaren und Rumänen weisen kontinuierlich steigende Beschäftigungsquoten auf und auch die Art der Erwerbstätigkeit wird im IAB-Monitor aufgeschlüsselt. Die Autoren prognostizieren daraus für die zweite Jahreshälfte einen weiteren Anstieg der Beschäftigungs- und einen Rückgang der Arbeitslosenquoten. Schließlich muss sogar ein leidiges Klischee der genauen Analyse weichen:

Die Kindergeldbezieherquoten steigen zwar, liegen aber unter dem Niveau des Bevölkerungsdurchschnitts und des Durchschnitts der ausländischen Bevölkerung. Es gibt keine statistischen Hinweise, dass besonders kinderreiche Familien aus Bulgarien und Rumänien in großem Umfang nach Deutschland ziehen.

IAB: Zuwanderungsmonitor Bulgarien und Rumänien (Mai 2014)

Vier Baustellen

Das Berlin-Institut hat seine Handlungsempfehlungen zum Gesamtthema Integration "in vier Baustellen" gegliedert:

Migranten mit niedriger Qualifikation benötigen besondere Aufmerksamkeit, damit sie und vor allem ihre in Deutschland geborenen Kinder faire Chancen auf gesellschaftliche Teilhabe erhalten. Im Bildungsbereich müssen sich Lehrkräfte und Infrastruktur noch stärker auf eine vielfältige Schülerschaft einstellen.

Des Weiteren muss die Öffnung des Arbeitsmarktes auch für Menschen mit ausländischen Abschlüssen vorangetrieben werden. Nicht zuletzt bedarf es einer einheitlichen Datenlage und -interpretation zur Zuwanderung und Integration in Deutschland, auf deren Grundlage Politikentscheidungen getroffen und kontrolliert werden können.

Berlin-Institut: Neue Potenziale: Zur Lage der Integration in Deutschland

Dagegen ist wenig zu sagen, aber diese Sätze sagen auch nicht viel aus. Nach einer aktuellen Studie der Universität Leipzig treffen Migranten derzeit auf rund 20 Prozent ausländerfeindliche Deutsche - und wenn es sich um Asylsuchende, Muslime oder Sinti und Roma handelt, liegt der Anteil der abweisenden Einheimischen noch deutlich höher.

Eine Differenzierung der Schwierigkeiten, die über Gruppen-Einteilungen nicht zu erreichen ist, wäre also dringend vonnöten. Denn wer Grenzen verwischen will, müsste erst einmal so präzise wie möglich wissen, wo diese Grenzen überhaupt verlaufen.

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