Ukraine: Jede Region betrauert ihre eigene Tragödie

Angst und Unsicherheit in Donezk, Unzufriedenheit auf dem Maidan

"Was soll ich darauf schreiben? Es ist schwierig. Hier in Polen sind wir über unsere ukrainischen Nachbarn besorgt", sagt eine Verkäuferin am Busbahnhof in Warschau. Ihre Botschaft: "Frieden für die Ukraine."

Eine Verkäuferin in Warschau. Bild: Faces of Ukraine/ Simon Erhardt

Frieden wünschen sich auch die Menschen in Donezk. "Ich will nicht, dass meine Tochter ihre Kindheit im Schutzraum verbringt. Jeden Tag weint sie und fragt, wann der Papa zurückkommt", erzählt Julia. Ihr Mann ist als Freiwilliger dem Bataillon Wostok beigetreten und kämpft gegen "ukrainische Besatzer".

Sereja und Irina bei einem Flashmob in Donezk. Bild: Faces of Ukraine/ Simon Erhardt

Am 1. Juni, dem internationalen Kindertag, hat Julia einen Flashmob am Leninplatz in Donezk organisiert. Kinder aus der ganzen Stadt und den umliegenden Dörfern entwarfen dafür eigene Schilder: "Rettet die Kinder von Donbass".

Sie hoffen, ihre leise Stimme wird in den politischen Wandelgängen in Kiew gehört. Sereja erzählt von den Täuschkörpern, die er am 26. Mai beobachten konnte, als der Flughafen in Donezk durch die ukrainische Artillerie beschossen wurde. Eigentlich hatten sich er und seine Schwester Irina auf den Sommer und Angeln bei der Oma in Stawropolski Krai gefreut. Die beiden haben die Tage bis zur begehrten Schulpause gezählt. Doch dann kam der Krieg in ihre Heimatstadt. "Das Flugzeug fliegt und aus ihm fallen drei Behälter, aus denen jeweils drei Täuschkörper kommen", erzählt Sereja aufgeregt.

Familien in Donezk und Umgebung versuchen, ihre Kinder zu den Großeltern zu bringen. Hauptsache in Sicherheit. "Aber sicher ist es nirgendwo", sagt eine junge Mutter. "Heute haben wir Schüsse im Dorf Schirokoe gehört." In der Stadt selbst bleiben viele Geschäfte seit Tagen geschlossen. Bargeld abzuheben, ist auch ein Problem. Nur wenige Banken zahlen über 1000 Hrivna (ca. 62 Euro) auf einmal aus.

An der Donbass-Arena wurden alle Fußballspiele abgesagt. Auf den Straßen sieht man nur wenige Autos, dafür sind die Busse und Straßenbahnen aber voll. "Ich habe den Eindruck, im Bus ist sicherer als im Auto", sagt eine ältere Dame. "Wichtig ist, nicht in der Nähe des Flughafens aufzutauchen. Dort schießen immer noch die Scharfschützer." Und das nach zwei Wochen.

"Noch nie war das Wort Frieden so aktuell und gewünscht wie jetzt", sagt die Ärztin Lilia. "Die USA wollen unser Land und alles wegen der Schiefergas-Beschaffung in Slawjansk. Deswegen sterben unsere Leute." Sie meint, die Regierung in Kiew könne nicht auf Donbass hoffen. "Wir sind Novorussia und mit der Ukraine wollen wir nichts zu tun haben."

Kyrill Rudenkto ist Pressesprecher der sogenannten Volksrepublik Donezk (DNR): "Es hätte nie die DNR gegeben, wenn es nicht die aggressive Politik der faschistischen Regierung in Kiew gegeben hätte."

Die Fahne der Volksrepublik Donezk. Bild: Faces of Ukraine/ Alisa Bauchina

Das Wort Faschist hört man hier fast überall. Als solcher wird jeder bezeichnet, der die Kiewer Macht unterstützt, sondern auch alle, die die "Ideale und Prinzipien der DNR nicht teilen". Diejenigen, die für den Erhalt der geeinten Ukraine plädieren, werden oft als "Verräter" bezeichnet. "Wie können wir mit diesen Faschisten unter einem Dach leben?", fragt Alexei, Rentner und aktiver Teilnehmer der Pro-DNR-Demos. Für ihn ist die Ukraine eine "Seite der Vergangenheit für Geschichtsbücher", seitdem Donbass die ersten Opfer der Anti-Terror-Operation zu Grabe getragen hat. "Wir werden die ermordeten Kinder von Slawjansk und Kramatorsk nie vergessen."

Fragt man die Menschen auf der Straße, ob sie mit den Wahlergebnissen zufrieden sind, schütteln viele den Kopf. "Der Maidan hat gegen Oligarchen gekämpft, um den Multimilliardär Poroschenko an die Macht zu bringen?", sagt eine Passantin in Yasinovataja in der Nähe von Donezk. Sie ist nicht wählen gegangen.

Auf dem Maidan wirken viele unzufrieden. Hört man sich um, was die Menschen erzählen, dann werden einige Sachen klar. Für viele war der Maidan ein Symbol der Freiheitsbewegung. Olga und Evgeni waren seit November 2013 auf dem Maiden, um gegen die Politik von Janukovitch zu protestieren. Die beiden studieren Film und drehten schon kleine Dokus über die Maidan- Aktivisten. Umsonst. Beide sind zur Zeit arbeitslos und leben von Spenden der Maiden-Sympathisanten.

Die letzte Dokumentation handelt von einem 13-jährigen Waisenkind. "Ein kleiner mutiger Zigeuner", sagt Olga. Er war seit dem Beginn der Proteste auf dem Maiden. Als ein wahrer Held wird er von Olga und Evgeni bezeichnet. Ob Poroschenko ein Held ist? "Jeder ist besser als Janukovitch", sagt die Studentin. "Mal gucken, was der neue Präsident so machen wird. Der Maidan bleibt als Mahnung für die Politiker, die dem Volk dienen müssen." Die Menschen im Osten der Ukraine nennt sie Separatisten. "Diejenigen, die sich eine Abspaltung wünschen, sind Separatisten", erwidert Olga und Evgeni fügt hinzu. "Und die für den Beitritt zu Russland Schreienden sind Terroristen."

Ein Mann füttert Tauben auf dem Maidan in Kiew © Foto: Faces of Ukraine/ Alisa Bauchina

Die beiden erzählen von der schlimmsten Nacht ihres Lebens, dem 18. Februar. Geschossen wurde nicht nur auf die Demonstranten, sondern auch auf die Polizisten. Aus der Menschenmenge. "Hinter uns stand jemand und hat auf die Polizisten geschossen. In Panik sind wir wie Hasen in verschiedene Richtung gerannt", sagt Evgeni und schweigt erdrückend. Er wirkt traumatisiert. Für ihn ist es "irrelevant", wer geschossen hat, sondern entscheidend ist, dass "tatsächlich geschossen wurde".

Die Ukraine ist ein großes Land. Genau so groß ist die Spanne zwischen den verschiedenen Meinungslagern. Viele wollen nicht miteinander verhandeln. Die Spaltung durchzieht das Volk. Jede Region betrauert ihre eigene Tragödie - die Schüsse auf dem Maiden, der Brand im Gewerkschaftshaus in Odessa oder die Opfer der Auseinandersetzungen zwischen der ukrainischen Armee und den Befürwortern der Volksrepublik Donezk.

Simon Erhardt (29), Grafik-Designer, Filmemacher (Erfahrung als Kameramann und Fotograf), und Alisa Bauchina (26), freiberufliche Journalistin (Erfahrung im journalistischen Bereich u.a. Radio, Print, Reportagen), wollten aus der Ukraine eine unabhängige Berichterstattung über Social-Media-Kanäle und einen eigenen Blog realisieren. Sie berichten seit Mai im Blog Faces of Ukraine, auf Facebook oder auf YouTube. Bauchina und Erhardt suchen weiterhin nach Menschen, die ihr Vorhaben durch Crowdfunding unterstützen.

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