Dschihadisten-Blitzkrieg

12.06.2014

ISIL auf dem Weg nach Bagdad

Angaben irakischer Militärs zufolge hat die Terrorgruppe Islamischer Staat Irak und Levante (ISIL) neben der zweigrößte irakischen Stadt Mosul, der Ölstadt Baidschi, der kompletten Provinz Niniveh und Teilen der Regionen al-Anbar und Kirkuk auch die in der Provinz Salah ad-Din gelegene 100.000-Einwohner-Stadt Tikrit weitgehend unter ihre Kontrolle gebracht. Tikrit liegt nur mehr 150 Kilometer vor der irakischen Hauptstadt Bagdad, die im letzten Jahrzehnt in einen schiitischen Osten und einen sunnitischen Westen zerfiel.

Erst gestern wurde bekannt, dass bei der Einnahme der 1,8-Millionen-Stadt Mosul am Dienstag 48 Personen aus dem dortigen türkischen Konsulats gefangen genommen wurde. Unter den Familienangehörigen der Diplomaten sollen sich mindestens drei Kinder befinden. Außerdem fielen den Salafisten zahlreiche schwere Waffen in die Hände, die die irakische Armee auf ihrer Flucht zurückließ - und mindestens einen funktionstüchtigen Militärhubschrauber. Weil ISIL auch etwa zweieinhalbtausend Gewaltverbrecher aus Gefängnissen befreite, spricht viel dafür, dass diese Waffen nicht in Arsenalen verstauben, sondern bald zum Einsatz kommen werden.

Der Aufstieg der al-Qaida-Abspaltung ISIL hat mehrere Gründe: Eine sehr wichtige Rolle spielt der seit 2011 tobende Bürgerkrieg in Syrien, wo die Terrorgruppe erhebliche finanzielle Unterstützung aus den Golfstaaten bezog, Waffen kaufte, Fanatiker aus der ganzen Welt anlockte und bereits im letzten Jahr große Teile des Nordostens erobern konnte - darunter die Städte Manbidsch (66.000 Einwohner) und ar-Raqqa (200.000 Einwohner). Durch Lösegelderpressungen und "Steuern" (Schutzgeld) konnten die Salafisten dort ihre finanzielle Situation Situation weiter verbessern und im Dezember Falludscha (310.000 Einwohner) und große Teile der irakischen Provinz al-Anbar (1,7 Millionen Einwohner) erobern.

Löse- und Schutzgelder werden offenbar bereitwillig gezahlt, weil ISIL dort, wo die Gruppe auftaucht, köpft, kreuzigt und brandschatzt: Auch in Mosul steckte man neben Polizei- und Verwaltungsgebäuden umgehend Kirchen und schiitische Moscheen an und verkündete dabei der Bevölkerung via Lautsprecherwagen, dass die Stadt nun neue Herren habe.

Im deutschen Außenministerium betrachtet man den ISIL-Blitzkrieg mit "allergrößter Sorge" und rät den streitenden Schiiten, Sunniten und Kurden im irakischen Parlament, sich umgehend auf eine Regierung zu einigen. Ministerpräsidenten Nuri al-Maliki hat nach dem Versagen seiner Streitkräfte den Regierungschef der autonomen Kurdenregion um Hilfe gebeten. Vorausgesetzt, dieser Plan hat Erfolg, hat er damit möglicherweise Kirkuk und vielleicht auch Mosul an die Kurdenregion abgetreten. Dass man auch schiitische Freiwilligenmilizen aufstellen will, zeigt, wie gescheitert der Irak ist: Ein Staatsgebilde, mit dem sich sogar die Soldaten so wenig identifizieren, dass sie im Ernstfall die Uniform ablegen und flüchten.

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