Die Generation Y und die schöne neue Welt

12.06.2014

"Wie tickt die Generation Y?" ist eine der derzeit beliebtesten Fragen aus der Rubrik "Keiner fragt, Journalisten antworten"

Die Generation X war gestern. Jetzt ist die Generation Y. Sozialwissenschaftler forschen nach den Motiven hinter der Konstruktion von Generationenmetaphern, die sie eher als kurzlebige Lifestyle-Produkte denn als ernstzunehmende Theorien betrachten. Eine ihrer Thesen lautet: Schwache Persönlichkeiten suchen Halt und Bestätigung durch Gruppenzugehörigkeit. Das gelingt nur durch Exklusivität und so darf sich längst nicht jeder der zwischen 1980 und 1995 Geborenen der Generation Y zurechnen.

"Deutschland geht es gut", verkündet Bundeskanzlerin Merkel bei jeder sich bietenden Gelegenheit. In der Hamburger Innenstadt sind Flaschensammler aus dem Straßenbild verschwunden, seit die Stadt dort im April 160 solarbetriebene Hightech-Mülleimer aufstellen ließ. Kostenpunkt: jeweils 5.000 Euro.

Angeblich geht es der Stadt Hamburg ausschließlich um die Sauberkeit. Stephan Karrenbauer, Sozialarbeiter beim Straßenmagazin Hinz & Kunzt, hat eine andere Deutung, die er Zeit Online verriet: "Das Ganze ist Teil einer gezielten Innenstadtarchitektur. Bestimmte Menschen will man hier nicht mehr sehen."

Aus der Medienwirklichkeit ist unterdessen die Generation Praktikum verschwunden. So leitete etwa Susanne Führer im Deutschlandradio Kultur ein Gespräch über die Zukunft der Arbeit wie folgt ein:

Man könnte ja sagen, es geht uns prima hier. In Spanien und Portugal sind 50 Prozent der jungen Menschen arbeitslos, in Deutschland gibt es die Generation Y, die sich die Jobs aussuchen kann und dabei immer noch auf die Work-Life-Balance achtet.

Ihr Interviewpartner, der Soziologe Klaus Dörre, entgegnete, auch in Deutschland gebe es eine "stark gespaltene Generation". Die meisten jungen Leute landeten nach dem Studium oder einer Berufsausbildung in atypischen Beschäftigungsverhältnissen. Weiter erklärte Dörre, rund ein Viertel der Deutschen sei derzeit im Niedriglohnsektor beschäftigt. Unter den Jugendlichen sei der Anteil ähnlich hoch.

Tatsächlich dürfte ihr Anteil sogar noch höher liegen. Weit über 40 Prozent der Berufseinsteiger unter 25 Jahren arbeiten mittlerweile zu Niedriglöhnen, wie die Hans-Böckler-Stiftung 2010 ermittelte. Trotzdem - oder vielleicht gerade deswegen - ist im öffentlichen Diskurs die Generation Praktikum inzwischen von der Generation Y abgelöst worden. Es ist ein Thema, das sich bestens dafür eignet, positive Stimmung zu verbreiten und das Bild von dem "Deutschland", dem es gut geht, in den schillerndsten Farben auszumalen. Zudem lassen sich weitere beliebte Schlagwörter, die dieses Bild untermauern, wie der "Fachkräftemangel" und die angeblich unmittelbar bevorstehende "Vollbeschäftigung", bestens damit verknüpfen.

Eine Auswahl von Artikeln zum Thema "Generation Y" veröffentlichte kürzlich Spiegel Online. Um zu verstehen, was es mit dieser Generation Y auf sich hat, ist es weder erforderlich noch ratsam, diese Artikel alle zu lesen, denn sie unterscheiden sich nur in Nuancen. Gemeinsam ist ihnen der alarmistische Tonfall, die Betonung von Unterschieden zwischen den Generationen und die rhetorische Einebnung von Unterschieden innerhalb einer Generation. Garniert wird das Ganze mit knackigen Forderungen nach ultimativen Veränderungen und angereichert mit Anekdoten statt stichhaltigen empirischen Belegen.

Ein jüngst auf Zeit Online erschienener Artikel ist ein symptomatisches Beispiel dafür. "Glück schlägt Geld" benennt Kerstin Bund den Artikel zu ihrem gleichnamigen Buch und damit das angebliche Lebensmotto ihrer Generation, von der sie durchgängig in der Wir-Form spricht. Was man von feministischen Pamphleten ("Wir Frauen") kennt, dient hier offensichtlich ähnlichen Zwecken. Nur wer selbst dazugehört, kann das "Mysterium Frau" oder eben "die Jugend von heute" wirklich verstehen. Das "Wir" vermittelt Authentizität und immunisiert gegen Kritik. Zugleich erhebt der Sprecher damit überdeutlich den Anspruch, im Namen der gesamten Gruppe zu sprechen.

Bunds Selbstrezension beginnt mit einer Rechtfertigungsarie: Die Generation Y sei gar nicht leistungsunwillig, verweichlicht oder schlecht ausgebildet, wie "manche Personalchefs" oder "manche Medien" (die FAZ) ihr ankreideten. Der Link zu den Personalchefs verweist auf ein Interview mit Wolfgang Zieren, Personalchef des Beratungsunternehmens KMPG. Von einer negativen Haltung gegenüber der Generation Y ist darin nichts zu spüren. Im Gegenteil: Nach den veränderten Erwartungen junger Arbeitnehmer befragt, antwortet Zieren: "Einiges ändert sich, aber im positiven Sinne." Sorgen bereitet ihm nach eigener Aussage nur der "Fachkräftemangel", obwohl sein Unternehmen auf jährlich 1.000 bis 1.500 zu besetzende Stellen immerhin rund 40.000 Bewerbungen erhält.

Auch Bettina Weiguny, die Autorin des verlinkten FAZ-Artikels beschreibt die Generation Y durchaus wohlwollend und hält sie lediglich für ein wenig verwöhnt:

Es ist die erste Generation, die mit der Work-Life-Balance-Welle groß geworden ist. Behütet, in Wohlstand gebettet und international ausgebildet. Eine Generation, die es von Geburt an gewohnt ist, im Mittelpunkt zu stehen und in allen Belangen gefragt zu werden: Ob sie Fußball spielen wollen, Tennis oder doch lieber Geige.

Wer sich, wie die hier beschriebenen Menschen, niemals durchsetzen musste, sondern alles auf dem Silbertablett serviert bekommt, der tut sich in der Regel schwer mit der Persönlichkeitsentwicklung. Sozialwissenschaftler nennen das "Schwäche der Individuation" und konstatieren, wie der Volkskundler Kaspar Maase1:

Für nennenswerte Teile der gut ausgebildeten jüngeren Mittelschichten stellt das Angebot, sich einer Generation zuzurechnen, ein hilfreiches Instrument der Ortsbestimmung und Selbstauslegung dar.

Soll heißen: Wer sich selbst nicht erkennt, der definiert sich durch die Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe und da bietet sich eben derzeit die "Generation Y" an.

Doch was haben wir uns nun konkret unter dieser ominösen Generation Y vorzustellen? Bund definiert sie wie folgt:

Wir, das ist meine Generation. Man nennt uns Generation Y, weil wir nach der Generation X geboren sind, also zwischen 1980 und 1995, und Y im Englischen ausgesprochen wird wie "why", "warum" (da wir alles hinterfragen).

Nun könnte man geneigt sein zu glauben, es wäre die gesamte Altersgruppe gemeint, einschließlich jener angeblich ausbildungsunfähigen Jugendlichen oder Studenten brotloser Künste, die tatsächlich häufig die Zielscheibe der eingangs genannten Vorwürfe sind. Doch in einem der letzten Absätze ihres Artikels schränkt Bund ihre Definition ein:

Natürlich: Die Generation Y, das sind nicht alle nach 1980 Geborenen. Es sind vor allem jene meiner Altersgenossen, die behütet und relativ begütert aufgewachsen sind, die über einen gefragten Hochschulabschluss oder eine gute Berufsausbildung verfügen. Das trifft auf etwa ein Viertel der heute 20- bis Anfang-30-Jährigen zu.

Dass die Autorin in ihrer Aufzählung von karrierefördernden Faktoren zuerst die soziale Herkunft und dann erst eine gute Ausbildung nennt, dürfte die realen Verhältnisse in Deutschland recht präzise abbilden. Weniger präzise ist der Rest der Definition. Vor allem: was bedeutet "vor allem"? Schwammige Definitionen sind indes die Grundlage einer jeden Generation, ob sie nun X, Y, Golf oder Praktikum heißt.

Daher ist die Wissenschaft längst nicht so begeistert von solchen Generationenbegriffen wie die Medien. So sieht etwa der Soziologe M. Rainer Lepsius darin "Zuschreibungen ohne Angabe von Zuschreibungsregeln und vage definierte Generationslagerungen. Damit verbunden ist noch die Annahme, dass sich damit irgendetwas erklären ließe, was aber nicht der Fall sein kann, da es reine Deduktionen sind."2 Nur für die Analyse von Eliten sei das Generationen-Konstrukt "vielleicht zweckmäßig", meint Lepsius.

Passt also, könnte man sagen. Bund versteht die Generation Y tatsächlich als Elite. Ähnlich wie die 68er, die ebenfalls nur einen kleinen Teil ihrer Alterskohorte ausgemacht hätten, prägten die "privilegierten Y-Vertreter" das Bild einer ganzen Generation. Als Elite-Angehörige komme ihnen die Aufgabe zu, Veränderungen in der Berufswelt durchzusetzen, von denen irgendwann später vielleicht auch die restlichen Arbeitnehmer profitierten. Auch "die Älteren" wünschten sich "mehr Flexibilität und mehr Freiräume", behauptet Bund. Daher dürften sie der Generation Y schon einmal im Voraus "dankbar sein" für den "gewaltigen Umbruch", den diese angeblich gerade herbeiführt oder auch schon herbeigeführt hat.

Diese Unschärfe ist sicher kein Zufall, denn letztlich dürfte die Autorin mit einem Großteil ihrer Forderungen an die Wirtschaft offene Türen einrennen. Welches Unternehmen freut sich nicht über Mitarbeiter, die "produktiver, kreativer und effizienter" werden wollen und nach "Selbstoptimierung" streben. Und das mit Hingabe und ohne eine Spur von Skepsis:

In unserer Welt zerfließen die Sphären aus Arbeit und Privatleben wie die Milch und der Espresso in unserem Latte macchiato.

Wenn die Autorin also behauptet, die Generation Y hinterfrage "alles", dann meint sie damit offensichtlich überwiegend solche Zustände, Handlungsweisen und Normen, die auch Wirtschaftsvertreter hinterfragen, weil sie der Profitmaximierung im Weg stehen: starre Arbeitszeitregelungen etwa, steile Hierarchien und Dienst nach Vorschrift. Bund behauptet, der demographische Wandel und der dadurch ausgelöste "Fachkräftemangel" würden ihrer Generation beim Versuch, diese Zustände zu ändern, in die Hände spielen. Falls das zutrifft, dann stellt sich für die Wirtschaft die bange Frage, ob daraus nicht auch zwangsläufig Lohnsteigerungen resultieren werden.

Doch glücklicherweise - für die Wirtschaft - erübrigt sich diese Frage, da die Generation Y zum einen schon genug verdient und zum anderen keinen großen Wert auf materielle Werte legt: "Harte Anreize wie Gehalt, Boni und Aktienpakete treiben uns weniger an als die Aussicht auf eine Arbeit, die Freude macht und einen Sinn stiftet." Und das, obwohl die Generation Y laut Bund so gut ausgebildet ist wie keine andere zuvor und sich daher die Jobs aussuchen kann.

Dazu will nicht so recht passen, was Bund an anderer Stelle behauptet: Ihre Generation sei von Krisen geprägt. Die Autorin nennt unter anderem die "Klimakrise", die "Bildungskrise", die "Finanzkrise" und die "Eurokrise". Noch überraschender ist ihre Schlussfolgerung: "Die immerwährende Unsicherheit zwingt uns zu ständigen Anpassungen. Sie sorgt dafür, dass wir Neuem gegenüber aufgeschlossen bleiben." Könnte es sein, dass die Autorin hier aus Versehen die gesamte Alterskohorte, einschließlich der unterprivilegierten Nicht-Y-Vertreter im Blick hatte?

Ein Blick in die Rubrik "Mehr zum Thema" unter dem Artikel von Kerstin Bund scheint diese Vermutung zu bestätigen. Dort findet sich ein Artikel von Klaus Heimann, der unter Berufung auf verschiedene Befragungen feststellt, dass die junge Generation in erster Linie nach Sicherheit strebt, vor allem in Form der immer selteneren festen Stellen, und ansonsten eher traditionelle Wertvorstellungen hat:

Mitsprache auf Augenhöhe, mehr Flexibilität, keine festen Arbeitszeiten - der Arbeitsalltag von jungen Fachkräften im Handwerk, in der Pflege aber auch in der Metallindustrie sieht anders aus. Und die Wünsche der Jungen offenbar auch.

Nur für "eine kleine Gruppe von jungen Akademikern" gelte vielleicht, was über die Generation Y regelmäßig behauptet wird: dass sie ganz genaue Vorstellungen von ihrem Arbeitsplatz habe und ihn wechsle, wenn ihre Forderungen nicht erfüllt werden. "Nur einem Drittel gelingt nahtlos der Übergang vom Studium in eine unbefristete Vollzeitanstellung."

Jenes Viertel der jungen Generation, dem Bund das Etikett "Y" anheftet, ist offenbar eine Teilmenge dieses Drittels. Doch was soll daran neu sein? Konnten sich die jungen Leute mit gefragten Berufsabschlüssen und Papas sozialen Netzwerken im Hintergrund nicht schon immer ihren Job aussuchen? Neu ist im Grunde nur die Behauptung, die Generation Y sei kraft ihrer demographisch bedingten Unersetzlichkeit in der Lage, den Unternehmen die Bedingungen zu diktieren.

Das fühlt sich gut an und täuscht darüber hinweg, dass diese angebliche neue Elite in Wahrheit kaum etwas hinterfragt und demzufolge auch keine Umwälzungen herbeiführen kann, sondern sich stattdessen weitestgehend mit den Verhältnissen arrangiert, die sie vorfindet. Und das sind in den von ihr bevorzugten Berufsfeldern eben häufig flexible Arbeitsbedingungen, aber trotz des allgegenwärtigen "Fachkräftemangels" eher selten wirklich berauschende Gehälter, was wohl irgendwie mit diesen vielen Krisen zusammenhängen muss.

Vor allem aber muss sich der geneigte Medienkonsument mit den Sorgen und Nöten der restlichen drei Viertel nicht auseinandersetzen, denn der demographische Wandel wird es schon richten. Folgt man dieser Logik, dann sollten diese weniger Glücklichen statt mit Neid mit Dankbarkeit zur Generation Y aufblicken, die ganz im Sinne von Adam Smiths Metapher von der "unsichtbaren Hand" letztlich für alle das Beste herausholt, indem sie ihren eigenen Nutzen maximiert.

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