Kriegerische Weltpolitik als Normalität …

13.06.2014

… aber hierzulande Ruhe?

Von zwei "Gründungsimperativen" der Bundesrepublik, dem "Nie wieder Krieg" und dem "Ohne mich", könne nun endlich Abschied genommen werden - so beschrieb jüngst in einem Leitartikel Berthold Kohler, Mitherausgeber der F.A.Z., die diskurspolitische Lage. "Pazifismus, Neutralismus und Antiamerikanismus" hätten hierzulande erfreulicherweise keine Chance mehr.

Ob damit Stimmungen in der Bevölkerung zutreffend geschildert sind, ist anzuzweifeln, zumal fraglich ist, ob die von Kohler in herabsetzender Absicht genutzten Begriffe demoskopisch tauglich sind. Die in den tonangebenden deutschen Medien vorherrschende Meinung, dem "Autokraten in Moskau" müsse eine Politik militärischer Stärke "des Westens" entgegengesetzt werden, stieß jedenfalls bei der Mehrheit der Bundesbürger nicht auf Zustimmung.

Aber unverkennbar ist: Anders als in wichtigen geschichtlichen Momenten der Altbundesrepublik kann von einer Bewegung gegen den "militärischen Imperativ" heute keine Rede sein. Friedensbewegte Initiativen bringen Massen nicht auf die Beine, Pazifismus ist in der gegenwärtigen Welt politischer Ideen eine Randerscheinung; die seltsamen "Montagsdemonstrationen" sind eher ein Zeichen für die innere und äußere Schwäche kriegsgegnerischer Auftritte.

Auf den ersten Blick ist die weit verbreitete Passivität gegenüber den Risiken, Folgen und Nebenwirkungen einer auf geopolitische Gewalt ausgerichteten Politik erstaunlich; aktuell zeigt sich am Exempel der Entwicklung im Irak, welche verheerenden, langfristig zerstörerischen Wirkungen postmoderne "Feldzüge" zeitigen. Die in diesem Fall verantwortliche US-amerikanische Regierung übt Selbstkritik im Hinblick auf damalige Operationsweisen; das Grundmuster einer militärischen Geopolitik stellt auch Barack Obama nicht in Frage.

Die Bundesrepublik liefert unbeirrt Waffen in eine Region, der weitere blutige Konflikte bevorstehen, zugleich machen sich ihre Administratoren Gedanken darüber, wie sie die so hervorgerufenen Flüchtlingsströme deutschem Territorium möglichst fern halten können.

In den deutschen Leitmedien wird derweil zunehmend die Idee verbreitet, Krieg sei eben doch die unvermeidliche Fortsetzung internationaler Politik mit anderen als zivilen Mitteln - allerdings müsse man schon darauf achten, dass eine solche nicht im hiesigen Terrain stattfinde.

Diese diskursive Externalisierung von Gewaltpolitik dämpft hierzulande das Unbehagen und den Protest. Verdrängt ist dabei die Internationalität des Geschehens - die militärischen Einsätze out of area, die verdeckten Interventionen, die geheimdienstlichen Aktivitäten, die Rüstungsexporte und die mit alledem verbundenen Verhaltens-"Vorbilder" erzeugen in anderen Ländern oder Weltregionen brutale Zustände, die auch auf eine so wohlbehütet scheinende Gesellschaft wie die Bundesrepublik in Zukunft zurückschlagen werden. So ist es mit der Globalisierung - Gewalt als Export wird zum Importartikel, auch wenn man das nicht wünscht.

Um den F.A.Z.- Mitherausgeber abzuwandeln: Kein Krieg ohne uns, aber bitte ohne Kollateralschäden in Deutschland ? Das Modell funktioniert nicht. Vielleicht wäre es nützlich, auf die Seite geschobene Ideen von Pazifisten wieder ans Licht zu holen. Es kann sein, dass sie doch nicht "weltfremd" waren, obwohl "Realpolitiker" ihnen dies nachsagen.

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