Ukraine: "Jede Minute kann die Nationalgarde kommen"

In Dnipropetrovsk ist vom Krieg im Osten, vor dem tausende Menschen fliehen, nichts zu spüren

Im Technikladen in Donezk versammelt sich eine kleine Warteschlange vor der Kasse. Zwei ältere Männer diskutieren emotional. "Dieses Szenario haben wir schon in Tschetschenien und Sochumi gesehen", sagt einer. "Nun ist unser Land dran." Der andere Mann gibt ihm Recht. Für die Jugendlichen werde es ganz schlimm sein. "Diese Generation hat noch nie einen Krieg gesehen und nun werden tausende Familien getrennt."

Der von der DNR besetzte Stadtrat in Donezk. Foto: Faces of Ukraine, Simon Erhardt

Die Stimmung in Donezk ist gespalten. Fragt man die Einheimischen, ob sie im Referendum am 11. Mai abgestimmt haben und die Volksrepublik Donezk (DNR) unterstützen, dann kann man die Befragten in zwei Meinungslager teilen: die pro DNR und deren Gegner. Keiner bleibt neutral oder unentschlossen.

Einige wie Maria, die Betreiberin eines Fitnessstudios, will die DNR nicht in der Donbass-Region haben." Wer ist diese sogenannte Selbstverteidigung? Von wem wollen sie mich schützen, vor den eigenen Leuten? Das ist mein Land, dies hier ist die Ukraine und nicht Novorussia." Die Frau erzählt von DNR-Vertretern, die sie vor ein paar Tagen aufforderten, das ganze Geld aus der Kasse für die "wahre Donbass-Revolution abzugeben".

Doch ein Kämpfer der Donezk Volksrepublik, Sergei P. weist alle Vorwürfe zurück. "Verschiedene Kriminelle oder irgendwelche Alkoholiker ziehen getarnte Muster an und verkaufen sich als DNR-Vertreter." Er erzählt vom Überfall und der Ausplünderung des Metro-Supermarktes in Donezk, als der Flughafen angegriffen wurde. "Menschen, die solche Situationen für ihre eigenen Vorteile ausnutzen und unsere Bewegung im schlechten Licht erscheinen lassen, werden bestraft." Sergei sagt, die beiden Plünderer wurden nach Kriegsrecht erschossen.

Krieg herrscht auch in Slawjansk. Swetlana ist mit ihrer Familie nach Russland geflohen. Für sie ist die Donezk Volksrepublik ein "Schutz" vor der "aggressiven Anti-Terror-Operation Kiews". In Slawjansk gibt es seit fünf Tagen kein Wasser und keinen Strom. "Die von Poroschenko versprochenen humanitären Korridore gibt es nicht. Eine Erfindung der ukrainischen Medien", sagt Swetlana. Mehrere Nächte hat sie mit ihrer Tochter im Keller geschlafen. Als die Stadt durch die ukrainische Armee bombardiert wurde, erlitt ihre Tochter einen Schock und konnte zwei Tage nichts essen.

Swetlana erzählt von einer humanitären Katastrophe in Slawjansk und von älteren Menschen, ihren Nachbarn, denen in der verwüsteten Stadt ein hungriger und bitterer Tod bevorsteht. Die Apotheken und Banken bleiben geschlossen. Man kann kein Bargeld abheben. Die Feuerwehr kommt nicht, da sie nicht tanken kann - bis zur nächsten Tankstelle in Kramatorsk sind es ca. 60 Kilometer. Auch diese wurde durch einen Bombenanschlag zerstört. Swetlana nennt ihren Taxifahrer "Lebensretter." Er hat ihre Familie unter fallenden Schüssen von Slawjansk in die nächste Stadt gebracht. Auf dem Weg hat Swetlana am Straßenrand zwei Leichen gesehen. In Kramatorsk wird sie von einem Familienfreund abgeholt und nach Donezk gebracht. Bis zur Fahrt nach Rostov (Russland) blieben noch drei Stunden. "Wie kann man nach dem Ganzen in einer vereinten Ukraine leben?", fragt ihr Mann. "Kiew bombardiert die Zivilbevölkerung und Europa schweigt."

Am Bahnhof in Donezk sitzen Dutzende Familien, die aus dem Donbass nicht nur nach Russland, sondern auch nach Odessa, Kharkiv und Dnipropetrovsk fliehen. Die Familien erzählen gerne über ihre Geschichten. Wie auch Swetlana fühlen sie sich im Stich gelassen.

Die abgebrannte Polizeistation in Mariupol. Foto: Faces of Ukraine, Simon Erhardt

In der kleinen Hafenstadt Mariupol geht es den Menschen ähnlich. Als die ATO (Anti-Terror- Operation) am 13. Juni, um 5 Uhr, startet, wird Elena aus dem Schlaf gerissen. Bis vor kurzem glaubte die junge Frau, ihre Stadt finde Frieden.

Nach den Geschehnissen vom 9. Mai hat sich Mariupol verändert. "Seitdem herrscht in der Stadt eine Vorkriegsstimmung", sagt Elena. Eine der größten Straßen, die Georgivskaja, ist durch die DNR verbarrikadiert worden. Ein Mann an der Barrikade erzählt noch am Vorabend der ATO von seiner Berechtigung, ohne Warnung auf jeden Verdächtigen schießen zu dürfen. "Jede Minute kann die Nationalgarde kommen. Hier vertrauen wir keinem." Ein Tag später wird Mariupol durch die Granaten der ukrainischen Armee geweckt und Elenas Hoffnungen auf Frieden platzen.

In 300 Kilometer Entfernung von Mariupol liegt die Millionenstadt Dnipropetrovsk. Auf fast jedem Gebäude und auf vielen Autos weht stolz die ukrainische Fahne. Der Krieg, vor dem tausende Menschen täglich fliehen, ist hier nicht zu spüren. Die Einwohner wollen davon nichts erfahren. In einem Café in der Karl-Marx-Straße sitzen Gäste und verfolgen aufmerksam das Fernsehprogramm. Die Tagesnachrichten beginnen. Es werden Bilder vom abgeschossenen Flugzeug in Luhansk gezeigt. Einer der Gäste schreit laut: "Kellner, schalten Sie zum Fußball. Es ist gerade die Weltmeisterschaft."

Alisa Bauchina (26), freiberufliche Journalistin (Erfahrung im journalistischen Bereich u.a. Radio, Print, Reportagen), und Simon Erhardt (29), Grafik-Designer, Filmemacher (Erfahrung als Kameramann und Fotograf), wollten aus der Ukraine eine unabhängige Berichterstattung über Social-Media-Kanäle und einen eigenen Blog realisieren. Sie berichten seit Mai im Blog Faces of Ukraine, auf Facebook oder auf YouTube. Bauchina und Erhardt suchen weiterhin nach Menschen, die ihr Vorhaben durch Crowdfunding unterstützen.

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