Odessa-Emigrant: "Wir wollen nur, dass unsere Meinung berücksichtigt wird"

25.06.2014

Die Ukraine in ihrer jetzigen Form habe nur als neutrales Land eine Zukunft, meint Igor Markow, Unternehmer und Politiker aus Odessa. Aus Angst vor Angriffen ukrainischer Nationalisten ist der Unternehmer mit Frau und Kindern nach Moskau geflüchtet

"Igor, was ist passiert?", fragt eine Männerstimme vor einem Kellerfenster der Polizeibehörde von Odessa. Igor Markow, Unternehmer in Odessa und Abgeordneter des ukrainischen Parlaments saß in einem Kellerraum der Polizeizentrale, umgeben von maskierten Männern einer Spezialeinheit. "Die Bande hat mich verhaftet", antwortet Igor durch das Kellerfenster. Mit "Bande" ist der Clan um den Präsidenten Viktor Janukowitsch gemeint.

Die Szene ereignete sich am 22. Oktober 2013. Eine Video-Kamera hat die Unterhaltung durch das Kellerfenster festgehalten. Der Unternehmer und Russland-freundliche Politiker Igor Markow war gerade verhaftet worden. Vor der Polizeizentrale demonstrieren seine Anhänger.

Anlass für die Verhaftung war eine Schlägerei im September 2007. Als ukrainische Nationalisten gegen die Wiederaufstellung des Denkmals von Katarina der Großen demonstrierten, soll Markow einen der Teilnehmer mit der Faust niedergestreckt haben. Die Zarin deutscher Herkunft, wird von den prorussischen Kräften in Odessa verehrt, denn sie gründete die Hafenstadt im Jahre 1794.

Rache für Kritik am EU-Assoziations-Vertrag?

Die Schlägerei vor sieben Jahren sei nur ein Vorwand der Janukowitsch-hörigen Justiz gewesen, ihn zu verhaften, meint Markow. Ich sitze mit dem Unternehmer im Foyer des Crowne-Plaza-Hotels in Moskau. Markow erzählt, wie es zum Konflikt mit dem damaligen ukrainischen Präsidenten kam.

Er habe die Verhandlungen über die EU-Assoziierung kritisiert, berichtet Markow und sei dafür bestraft worden. Erst habe man ihm im September letzten Jahres wiederrechtlich das Abgeordneten-Mandat entzogen, dann habe sich die Justiz in Odessa an die Schlägerei von 2007 erinnert und ihn festgenommen.

Markow ist nicht prinzipiell gegen eine Mitgliedschaft der Ukraine in der EU. Aber ein ungehinderter Warenstrom aus der EU sei der Tod der ukrainischen Wirtschaft, argumentierte der eigenwillige Abgeordnete aus Odessa. Deshalb müsse die Mitgliedschaft in der von Russland geführten Zollunion für die Ukraine Vorrang haben. Die Konkurrenz mit den Waren aus Europa würden die ukrainischen Betriebe sonst "nicht überleben".

Der Ober bringt frisch gepressten Apfelsinensaft und Markow erledigt ein paar Telefongespräche. Ich blättere in meinen Aufzeichnungen. Vor mir sitzt einer der einflussreichen Politiker der Süd-Ukraine. Markow ist Vorsitzender der Russland-freundlichen Partei Rodina (Heimat) und gehört heute zu den führenden Köpfen der Russland-freundlichen Bewegung in der Südostukraine.

Der 41-Jährige studierte Wirtschaft, arbeitete nebenbei als Möbelpacker und begann dann eine Karriere als Geschäftsmann. Markow wurde Besitzer von 15 Tankstellen im Raum Odessa. Später gründete er eine Baufirma. Dann kamen noch ein Müllentsorgungsunternehmen und der örtliche Fernsehkanal ATW dazu. Das Internet-Polit-Portal "Timer" sei das Einzige, was ihm geblieben sei, erzählt der Russland-freundliche Politiker. Alles andere sei ihm vom Janukowitsch-Clan "abgenommen" worden. Wie das genau passierte, will Markow nicht sagen.

Mit der Flucht von Präsident Janukowitsch nach Russland ist die Situation für Markow nicht einfacher geworden. Zwar wurde der Unternehmer nach dem Machtwechsel in Kiew unter dem Jubel seiner Anhänger aus dem Gefängnis entlassen, doch nun gibt es in Odessa Druck von Seiten ukrainischer Nationalisten. Der Chefredakteur des regierungskritischen Portals Timer, das als eines der wenigen ukrainischen Medien ausführlich über den Brand im Gewerkschaftshaus von Odessa (Gab es Drahtzieher der Tragödie von Odessa?) berichtet, bekomme täglich anonyme Drohungen "von ukrainischen Faschisten", berichtet Markow.

Hafen in Odessa. Bild: U. Heyden

In Odessa wurde der Boden heiß

Markow sprach nach seiner Freilassung auf Kundgebungen der Russland-freundlichen Protestbewegung, die friedlich für mehr Autonomie des ukrainischen Südostens auf die Straße ging. Doch dann wurde für Markow in Odessa der Boden heiß. Für Oppositionspolitiker bestehe die Gefahr, "dass einem das Haus oder das Büro angezündet wird, oder dass man überfallen wird", erzählt der Polit-Emigrant. Welche Drohungen es genau gegen ihn gegeben hat, will Markow nicht erzählen.

Als Beispiel für die Überfälle auf Regierungskritiker nennt der Odessa-Flüchtling den Fall des ukrainischen Präsidentschaftskandidaten Oleg Zarjow , der im April nach einer Fernseh-Talkshow in Kiew von ukrainischen Nationalisten krankenhausreif geschlagen wurde .

Immer noch nicht aufgeklärter Brandanschlag im Gewerkschaftshaus in Odessa

Zu den Einschüchterungsversuchen der Regierungskritiker gehöre auch der Brandanschlag auf das Gewerkschaftshaus von Odessa. Statt der offiziell angegeben 46 Menschen seien bei dem Brand mehr als 120 Menschen gestorben. Einer der Angreifer auf das Gewerkschaftshaus sei im Krankenhaus an einer Überdosis an Drogen gestorben. Woher er das wisse? "Ich weiß es", sagt Markow mit einer Stimme, die keinen Widerspruch zulässt.

Warum er nicht Deutschland oder in die Schweiz geflüchtet sei? "Laden Sie mich ein. Ich komme mit Vergnügen." Er habe Freunde auf der ganzen Welt. "Wir sind keine Fanatiker und kein Minderheit. Wir wollen nur, dass unsere Meinung berücksichtigt wird", sagt der Polit-Emigrant.

Igor Markow. Ich sitze im Foyer des Crowne-Plaza-Hotels. Bild: U. Heyden

Mehrere Amtssprachen - wie in der Schweiz

Ob er noch lange in Moskau bleiben wolle? "Nein", meint der Emigrant, "ich kehre auf jeden Fall nach Odessa zurück. Wir werden dort bald für Ordnung sorgen." Mit "wir" sind die Russland-freundlichen Kräfte in Odessa gemeint, die gegen die Verdrängung der russischen Sprache auftreten.

Eine Zukunft für die Ukraine sieht der Unternehmer nur, wenn die Regierung in Kiew "einen neutralen Kurs zwischen Moskau und Brüssel" findet. "So wie jetzt in der Ostukraine wäre ein Krieg in der Westukraine ausgebrochen, wenn die Ukraine in die (von Russland geführte, U.H.) Zollunion eingetreten wäre", so die nüchterne Einschätzung des aus Odessa Geflüchteten.

Als Modell für die Ukraine schwebt Markow die Schweiz vor, die zu keiner politischen Union gehört und vier Amtssprachen hat. Was Europa betrifft, so könne man sehr viel Positives übernehmen, wie etwa die unabhängige Justiz. Das Einzige was Markow nicht übernehmen will, ist die liberale Gesetzgebung gegenüber Homosexuellen: "Das verstehen unsere Leute nicht."

Russisch ist in Odessa Verkehrssprache

Dass Kiew seit der Orangen Revolution 2004 verstärkt versucht, die Rolle der russischen Sprache im Südosten der Ukraine zurückzudrängen, ist nach Meinung von Markow ein großer Fehler. In den Schulen seien viele Klassen, in denen auf Russisch unterrichtet wurde, gestrichen worden. Und dass die erste Amtshandlung des Parlaments nach dem Machtwechsel in Kiew war, die russische Sprache als Amtssprache (neben dem Ukrainischen) abzuschaffen, sei ein weiteres Zeichen einer von Kiew betriebenen "Ukrainisierung" des Südostens, meint der Polit-Emigrant. Übergangspräsident Aleksandr Turtschinow hatte die Umsetzung der Parlamentsentscheidung allerdings erstmal aufgeschoben.

Die russische Sprache sei in der Hafenstadt Odessa immer Verkehrssprache gewesen, sagt der Polit-Emigrant. "Russisch ist heute nicht nur die Sprache der Russen. In dieser Sprache unterhalten sich Tataren und Russen, Bulgaren und Gagausen, Ukrainer und Juden." In Odessa sprechen 90 Prozent der Einwohner Russisch, so Markow, der selbst aus einer binationalen Familie stammt. Seine Mutter ist Ukrainerin, sein Vater Bulgare.

Bahnhof in Odessa. Bild: U. Heyden

Präsident Janukowitsch ist nach Meinung des Odessa-Flüchtlings "der Hauptverantwortliche dafür, dass Ultranationalisten die Macht in der Ukraine ergreifen konnten." Schuld treffe auch die USA. Washington habe "die Situation verschärft" und "alles dafür getan", dass man die Situation in der Ukraine nicht auf friedlichem Wege lösen kann. "Wenn die Regierung vor zwei Monaten auf die Forderung der Regierungskritiker im Süden und Osten der Ukraine eingegangen wäre und die Macht dezentralisiert hätte, hätte es kein Blutvergießen gegeben", meint der aus Odessa Geflüchtete.

Skepsis gegenüber Friedensplan

Ob es stimme, dass Russland Waffen in die Ukraine schickt? Darüber sei ihm "nichts bekannt", meint der Emigrant. Dass Russland Truppen in die Ukraine schicken werde, glaube er nicht. Dafür bestehe "keine Notwendigkeit". Es gäbe "eine große Zahl" von Freiwilligen, die bereit seien, "dem Südosten der Ukraine zu helfen". Den Friedensplan von Poroschenko sieht Markow skeptisch und verweist auf Verletzungen des Waffenstillstands von ukrainischer Seite.

"Das Gebiet Lugansk und Donezk sind nicht die letzten Gebiete, die sich erheben werden", meint der Odessa-Flüchtling. Bei den Präsidentschaftswahlen hätten die Menschen in Odessa vor allem deshalb für Petro Poroschenko gestimmt, weil dieser Frieden versprochen habe.

Was er von dem politischen Projekt Noworossija - einem neuen Staat im Südosten der Ukraine - halte? "Nichts ist unmöglich", meint Markow. "Wenn die Regierung in Kiew keine Schlüsse zieht und nicht aufhört, auf die Amerikaner zu hören und keinen Dialog mit ihren Bürgern führt, wird sich die Situation im Land weiter verschlechtern."

Das Gespräch mit Igor Markow führte Ulrich Heyden am 22. Juni 2014 in Moskau.

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