Was die DDR über die NSA wusste

27.06.2014

Interview mit MfS-Insider Klaus Eichner

Klaus Eichner, Jahrgang 1939, war von 1957 bis 1990 Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit. In leitender Funktion für die "Abteilung IX" drangen seine Agenten in westliche Geheimdienste ein. In den letzten Jahren veröffentlichte der Insider eine Vielzahl an Publikationen über den Kalten Krieg. Nunmehr erscheint Imperium ohne Rätsel: Was bereits die DDR-Aufklärung über die NSA wusste. Da die Bundesrepublik das Wissen der DDR "erbte", stellt sich die Frage, wie naiv die westlichen Dienste in den letzten Jahrzehnten wirklich waren.

Sie beobachteten während des Kalten Kriegs insbesondere die US-Abhörstation auf dem Berliner Teufelsberg, die von der Bundesrepublik mit 300 Millionen DM mitfinanziert wurde. Dabei fiel Ihnen auf, dass die Antennen der NSA auch Westberlin und Westdeutschland ins Visier nahmen. Kann derartiges Verfassungsschutz und BND entgangen sein?

Klaus Eichner: Das Wissen darüber betraf nicht nur die Field Station Berlin (Teufelsberg), sondern z.B. auch die NSA-Großstationen in Augsburg-Gablingen oder in Bad Aibling. Jeder Technik-Experte (und auch BND-Experten verkehrten in diesen Anlagen) konnte aus der Konfiguration der Anlagen erkennen, dass es keinesfalls nur eine Ausrichtung nach dem Osten gab. Außerdem entsprach das auch nicht der Aufklärungsphilosophie der Geheimdienste, sich nur auf einen bestimmten Gegner zu orientieren.

Die teilweise gemeinsame Nutzung dieser Anlagen war in der Regel vertraglich geregelt – damit hatte der BND entsprechenden Einblick und das Bundeskanzleramt als politische Aufsichtsbehörde ebenfalls.

Übrigens agierte ja der BND auch nicht anders.

Seit 1975 nutzte der BND in Zusammenarbeit mit dem spanischen Geheimdienst "Oberste Zentrale für Verteidigungsinformationen – CESID" ein Objekt im Ort Conil de la Frontera an der spanischen Mittelmeerküste zur elektronischen Spionage.

In diesem Ort ist der Knotenpunkt transatlantischer Unterseekabel, die Europa mit Afrika und dem amerikanischen Kontinent verbinden. Gleichzeitig unterhält dort die spanische Gesellschaft Telefónica eine Satelliten-Bodenstation. Der Standort Conil war zugleich als ein Ausweichquartier des BND im Spannungs- bzw. Kriegsfall vorgesehen. Jedoch bestand die Hauptfunktion der Station "Eismeer" – so die Tarnbezeichnung im BND - in einer massenhaften Erfassung von Informationen, die über die transatlantischen Unterseekabel hin und zurück geflossen sind. Über diese Unterseekabel dürften wohl kaum Informationen der östlichen Seite geflossen sein. Delikaterweise hatte das Projekt im BND die Deckbezeichnung "Delikatesse". Offiziell hat der BND die Verfügung über das Objekt 1992 an den spanischen Geheimdienst übergeben, dürfte sich aber die Nutzungsrechte am Informationsaufkommen nachhaltig gesichert haben.

In den 1980er Jahren lieferte Ihnen Ihr Agent James W. Hall den "Wunschzettel" von NSA & Co., die "National SIGINT Requirement List", die etwa 10 Aktenordner füllte. Dabei erkannten Sie, dass sich die US-Geheimdienste für jedes Land der Welt interessierten. Kann diese Erkenntnis der deutschen Politik wirklich verborgen geblieben sein?

Klaus Eichner: Ich kann nicht beurteilen, ob die BRD dieses konkrete Dokument kannte, aber dass die amerikanischen Geheimdienste gegen Freund und Feind operierten, das war allen Insidern in Politik und in den Geheimdiensten klar.

Ein Großteil der vom Ministerium für Staatssicherheit zusammengetragenen Dokumente, welche das Ausspionieren auch Westdeutschlands durch die USA belegten, wurde auf mysteriöse Weise der sich konstituierenden Gauck-Behörde entzogen. So ließen Kohl und Schäuble 1990 noch am Feiertag der Deutschen Einheit in einer Geheimoperation etliche Akten vom Bundesgrenzschutz abholen und sofort in die USA ausfliegen, ohne dass deutsche Behörden das Material gesichtet oder kopiert hätten. Wie ist das zu erklären?

Klaus Eichner: Ich habe keine Kenntnis, ob die deutschen Behörden dieses Material gesichtet bzw. kopiert hatten – aber die Duldung dieser Eingriffe in die Souveränität der BRD entsprach dem Inhalt des "atlantischen Bündnisse" – nämlich des Verhältnisses der Großmacht zu einem Juniorpartner, der diensteifrig alle Wünsche der Großmacht erfüllte.

In dem damals verbrachten Material befand sich auch das Dokument zu CANOPY WING. Was hat es damit auf sich?

Klaus Eichner: Anfang 1986 wurden im Auftrag der Reagan-Regierung die qualifiziertesten Analytiker und Praktiker der amerikanischen Geheimdienste und des Pentagon zusammengezogen und ihnen wurde nochmals die Aufgabe gestellt, alle Möglichkeiten der modernen elektronischen Kampfführung zu prüfen, um einen erfolgreichen atomaren Enthauptungsschlag gegen die Führungszentren der UdSSR und des Warschauer Vertrages zu gewährleisten.

Unsere Quelle PAUL gehörte zu diesem Kreis der Auserwählten. Als dann nach seiner wochenlangen Abwesenheit eine Kopie des Dokumentes auf unserem Tisch lag, hatten wir ein kompaktes Material der aktiven Kriegsvorbereitung, der Vorbereitung einer Aggression gegen den Warschauer Vertrag vor uns liegen. Hier ging es nicht mehr um eine Verteidigungsplanung. Die Aufgabe war von den Vereinigten Stabschefs der USA klar gestellt: Zur Vorbereitung eines Angriffs durch die NATO mussten die Führungszentren des Gegners aufgeklärt, durch elektronische Maßnahmen arbeitsunfähig oder durch selektiven Waffeneinsatz zerstört sein! Der atomare Gegenschlag der sowjetischen Seite sollte damit verhindert, ein Kernwaffenkrieg wieder führbar und gewinnbar gemacht werden.

Einige Rekonstruktionen aus dem Inhalt:

Das Dokument bilanzierte die bisherigen Möglichkeiten der Elektronischen Kampfführung und die technischen und softwareseitigen Anforderungen an weitere Entwicklungen zur Vorbereitung bzw. Unterstützung eines nuklearen Erstschlages beziehungsweise Enthauptungsschlages gegen den Generalstab der UdSSR sowie gegen das Oberkommando des Warschauer Vertrages.

Die Grundaufgabe war, die Fähigkeiten des Warschauer Vertrages zur Abwehr eines Schlages und zur Auslösung eines atomaren Gegenschlages lahm zu legen.

Dazu wurden als Aufgaben gestellt:

  • Identifizierung der Führungsstellen und der Ausweichstellen im Spannungsfall;
  • Aufklärung von Standorten, Strukturen, Personal, technischen Ausrüstungen mit exakten Parametern und Zielkoordinaten;
  • Möglichkeiten der Störung des normalen Betriebes, u.a. durch Kurzschlüsse mit Hilfe von mikroskopischen Kohlenstofffasern (einer Methode, die in perfektionierter Form 1999 beim Angriffskrieg der NATO gegen Jugoslawien eingesetzt wurde) oder durch Einsatz von chemischen Kampfstoffen;
  • elektronische Blockierung der Arbeit der Stäbe unmittelbar vor dem Schlag, damit keine Gegenreaktionen möglich sind;
  • Anforderungen an den Einsatz verschiedener Waffensysteme zur schlagartigen Zerstörung von Führungsstellen u.a. Einrichtungen (einschließlich punktgenauer Zielsucheinrichtungen für Waffensysteme, die gegen "gehärtete" Bunkersysteme einsetzbar sind);
  • Möglichkeiten der Täuschung/Fälschung (u.a. unter Nutzung der von der NSA erforschten Fähigkeiten, mit Hilfe der Computersimulation ein zeitechtes Einschalten in Befehlsübermittlungen z.B. im Funkverkehr Flugzeug - Bodenstation oder Leitstelle – U-Boot zu erreichen).

Die Arbeitsgruppe veranschlagte damals für all diese Projekte einen Finanzbedarf von 14,5 Milliarden Dollar an Investitions-, Betriebs- und Wartungskosten sowie den Einsatz von rund 1570 Personen.

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