"Nach wie vor gibt es das Fakelaki in der griechischen Medizin"

Der Arzt Efstathios Savvidis über das in der Krise stehende Gesundheitssystem in Griechenland

Der Privatdozent Dr. med. Dr. Ing. Efstathios Savvidis ist Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie in Jülich. Der gebürtige Grieche sattelte nach erfolgreich abgeschlossenem Maschinenbaustudium auf Medizin um und ist Verfasser zahlreicher Schriften.

Herr Savvidis, in Griechenland sterben offenbar krisenbedingt immer mehr Menschen. Die Säuglingssterblichkeit stieg rapide an, Ärzte berichten von offenen Krebsgeschwüren, Malaria und Nilfieber sind auf dem Vormarsch, die Gesundheitsversorgung bricht zusammen. Die einheimischen Medien konstatieren gar Völkermord.

Efstathios Savvidis: Ich sehe das nicht so. Es gibt in Griechenland relativ zur Bevölkerungsdichte ausreichend und vor allem sehr gut ausgebildete Mediziner. Was schuld ist, ist die extrem schlechte Systemorganisation im Gesundheitswesen, die dazu ohne jegliche Qualitätsüberprüfung ist.

Was bedeutet das konkret?

Efstathios Savvidis: Ressourcen werden beispielsweise fehlerhaft genutzt und teilweise verschwendet. Ärzte verursachen u.a. unnütze Untersuchungen, ohne kontrolliert zu werden. Es ist daher richtig, dass Troika und Gesundheitsministerium versuchen, die Sozialkassen zu reinen Konsumenten der Medizin für ihre Versicherten umzugestalten. Heute sind die Krankenversicherungen in Griechenland gleichzeitig Anbieter und Konsumenten. Es ist gemeinhin unmöglich, sich selbst zu kontrollieren. Die Erfahrung der übermäßigen Ausgaben im Gesundheitswesen machte auch Deutschland in den Sechzigern. Im griechischen Gesundheitswesen geschieht nun, dass die Verschwendung weiter voranschreitet, während für die notwendige Versorgung immer mehr Ressourcen fehlen.

Haben Sie konkrete Beispiele?

Efstathios Savvidis: Das Standardbeispiel sind Importe von Medizintechnik. Ein implantierbares Medizinprodukt (z.B. eine Prothese), das z.B. aus der Schweiz kommt und dort einen Katalogpreis von 100 Euro hat, kommt mit den entsprechenden Rabatten für knapp vierzig bis siebzig Euro nach Deutschland. In Griechenland werden jedoch von den Importeuren rund 200 Euro, manchmal gar 300 Euro verlangt. Jeder Minister, jeder Sozialkassenfunktionär müsste dies sehen können. Dass es nicht geschieht, belegt entweder einen erschreckend niedrigen Sachverstand oder aber beweist, dass auf allen Ebenen Korruption vorherrscht.

Ein weiteres Beispiel sind interne Statistiken, die nie erstellt werden. Die einfachste Bewertung einer operativ tätigen Krankenhausarbeit ist die zeitliche Ausnutzung der Anlagen, z.B. der OP-Säle. In Deutschland sind vier bis fünf Eingriffe pro Schicht für eine orthopädische OP-Einheit die Regel, in Griechenland gerade mal zwei. Das bedeutet eine Auslastung von rund fünfzig Prozent im Vergleich zu den OP-Auslastungen in Deutschland. Warum? Weil einmal der Anästhesist zu spät kommt und das andere mal der Chirurg? Das darf nicht sein, geschieht aber immer wieder. Man könnte dies für griechische und deutsche Kliniken im Vergleich bis hin zu Kugelschreibern und Pflastern belegen. Wenn man das kann, warum geschah so lange nie mehr als eine Datenerfassung und Datenauswertung?

Die teuren Importe müssten doch für die einheimische Industrie von Nutzen sein, könnte sie doch preiswerter konkurrieren.

Efstathios Savvidis: An einheimischen Produzenten können die Funktionäre kaum Schmiergeld verdienen. Die Intelligenz der Verantwortlichen manifestiert sich daher darin, dass einheimische Konkurrenz unter den abstrusesten Vorwänden vom Markt gefegt wird. Leider spielt die Politik dabei mit. Sie werden nicht eine Partei finden, die das Gesundheitssystem nicht bemängelt. Zum überparteilichen Konsens kommt man trotzdem nicht. Viel lieber wird auf Populismus gesetzt. Als hätten die jeweils blockierenden Oppositionen nicht nach einer Machtübernahme mit genau den gleichen Problemen zu kämpfen.

Überparteilich gibt es in der gesamten Opposition eine Front gegen die neuen Gesetze für die Forderung der Generika.

Efstathios Savvidis: Eben. Aber schauen Sie, in Deutschland werden zu achtzig Prozent Generika verschrieben, in Griechenland nur zu zwanzig. Dabei sind Generika nicht schlechter, manchmal sogar besser als Originalpräparate. Trotzdem werden sie in Griechenland verteufelt. Apropos Medikamente. Ich finde es etwas befremdlich, dass Ärztefunktionäre öffentlichkeitswirksam Medikamentenspenden sammeln, statt Qualitätssicherung zu betreiben. Nach wie vor gibt es das Fakelaki in der griechischen Medizin.

Wenn es so viel Geld in der Medizin gibt, wieso wandern dann so viele Ärzte aus? Ziel ist vor allem Deutschland.

Efstathios Savvidis: Vor allem junge, top ausgebildete Kollegen wandern aus. Ich kenne viele. Klar, heute denken die meisten an ein kurzes Intermezzo und träumen von einer Rückkehr. Was aber sollten sie in der griechischen Heimat machen? Fakt ist, dass die Auswanderer nicht den Anschluss an die Cliquen haben, die sich mit Schwarzgeld von Patienten und Pharmaindustrie auch heute noch die goldene Nase verdienen.

Ärzte ohne direkten Kontakt zu Geld kommen schwerer an Schwarzgeld.

So wie Sie es darstellen, leistet der Gesundheitsminister Adonis Georgiadis - jetzt offenbar auch sein Nachfolger Makis Voridis - Aufbauarbeit, während er auch in der eigenen Partei eher als Totengräber der Medizin gesehen wird.

Efstathios Savvidis: Georgiadis macht nur Basics. Mir ist das zu wenig. Es ist vonnöten, und zwar unabhängig von der Troika, dass eine Expertenkommission der Medizinanbieter mit fünf bis zehn Mitgliedern mit periodisch wechselnden Kriterien schlicht die Qualität überwacht. Wann, wenn nicht jetzt mit der Hilfe der EU, soll das geschehen? Es gibt keine kostenlose Medizin. Die Gesundheitsversorgung ist eine Leistung, die hinsichtlich ihrer Qualität und der Kosten beurteilt werden muss.

Sie können doch aber nicht bestreiten, dass es zum Anstieg von Todesfällen in Griechenland seit Ausbruch der Krise und dem Beginn der Reformen kommt.

Efstathios Savvidis: Die Todesfälle gibt es. Aber Schuld an vermeidbaren Todesfällen haben nicht die Gesetze, sondern immer individuelle, verantwortliche Personen. Patientenrechte müssten gestärkt werden.

Einspruch. Ein Drittel der Bevölkerung ist unversichert.....

Efstathios Savvidis: Stopp. Hier gibt es immer Verwirrung. Auch in Deutschland gibt es unversicherte Menschen. Wir behandeln sie trotzdem. Und sehen Sie, das meinte ich mit Trennung der Kompetenzen. Ärzte sollen heilen und nicht Hauptaufgaben der Verwaltung übernehmen. Die Verwaltungskraft kann das Geld eintreiben oder aber aus Sozialfonds beantragen. Ärzte ohne direkten Kontakt zu Geld kommen schwerer an Schwarzgeld.

"Als gesundheitlich nicht fitter Tourist hätte ich wirklich Angst"

Wie würden Sie denn die Lage im Land bewerten? Offenbar haben Sie eine andere Meinung als viele Griechen.

Efstathios Savvidis: Immer weniger Leistung für ehrliches, aber auch schwarzes Geld. Das ist in Griechenland los. Sieht man es im internationalen Vergleich, dann musste man sich die Haare raufen.

Also doch so ernst...

Efstathios Savvidis: Als gesundheitlich nicht fitter Tourist hätte ich wirklich Angst.

Aber Griechenlands Ärzte rühmen sich doch, sie wären trotz der Krise top als Wissenschaftler. Gleicht dies nicht einige Probleme aus?

Efstathios Savvidis: Nein. Als Orthopäde nehme ich mal ein Beispiel aus meinem Gebiet. Wir wissen, dass ein Knochenbruch umso weniger Heilungskomplikationen macht, je früher er behandelt wird. Auf Rhodos kam es vor einigen Jahren zu einem Unfall, bei dem unter anderen österreichische Touristen Knochenbrüche erlitten. Die behandelnden Kollegen auf Rhodos meinten hinterher, dass sie alles Erforderliche und Mögliche getan hätten. Was aber war das? Der Patienten wurden, da man sie auf der Insel wie auf vielen weiteren Urlaubsinseln auch nicht behandeln konnte, nach Athen ausgeflogen und von dort mit gleicher Begründung weiter nach Österreich. Die Woche war um, bevor es zu einer endgültigen Therapie kam. Nun, wenn die Verantwortlichen, das heißt das gesamte Krankenhausteam, auf so einer Insel wie Rhodos kein qualifiziertes Wissen und keine adäquate Organisation haben, um vergleichbare Fälle innerhalb von 24 h zu versorgen, dann sind ihre Leistungen in meinen Augen das Geld, das sie verdienen, nicht wert.

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