"Hamas wird einen harten Preis zahlen"

10.07.2014

Palästinenserpräsident Abbas spricht von einem Genozid, Israel verstärkt Militäreinsatz und bereitet sich auf eine Bodenoffensive vor

Mit aller Härte führt Israel seine Strafaktion gegen die Hamas im Gazastreifen durch und hat gestern mit an die 600 Zielen - "Hamas-Infrastruktur" wie Gebäude, Waffenlager, Tunnels - schon mehr als im letzten Gaza-Krieg bombardiert, während aus dem Gazastreifen über 300 Raketen nach Israel abgefeuert wurden, von denen 220 eingeschlagen sind und nun erstmals Tel Aviv und Jerusalem erreicht haben. Das Raketenabwehrsystem Iron Dome hat einige abgefangen und soll zu 90 Prozent erfolgreich sein.

so stellt die israelische Armee den Unterschied zwischen der Situation in Israel und der im Gazastreifen dar.

Versucht wurde, auch den Atomreaktor Dimona mit Raketen zu treffen. Mit Iron Dome wurde eine der Raketen abgefangen, zwei weitere landeten in der Wüste, ohne Schaden anzurichten. Sowohl Hamas als auch die Qassambrigaden übernahmen dafür die Verantwortung. Hamas will einen großen Terroranschlag in Israel durchführen, verhindert wurde das Eindringen eines Hamas-Kommandos über den Zikim-Strand. Mehrere der Hamas-Kämpfer wurden getötet, die israelische Armee hat den Vorfall in einem Video dokumentiert, wie überhaupt die israelische Propagandamaschine wie im letzten Gazakrieg heiß läuft. Dass die Angst größer ist, hat auch damit zu tun, dass bewaffnete Gruppen in Gaza jetzt erstmals über M-302-Raketen mit einer Reichweite von bis zu 160 km verfügen sollen, mit denen fast ganz Israel bedroht ist.

An einem Waffenstillstand sind beide Seiten gegenwärtig nicht interessiert. Der israelische Regierungschef Netanjahu hat gestern eine Ausweitung von Operation Protective Edge angeordnet, die Armee sei auf jede Option vorbereitet, sagte er: "Hamas wird einen harten Preis für die Raketen auf israelische Zivilisten zahlen." Vermutlich werden auch Bodentruppen wieder in den Gazastreifen vorrücken, überlegt wird auch schon, den gesamten Gazastreifen zu besetzen.

Der palästinensische Präsident Machmud Abbas warf Israel angesichts der wachsenden Zahl der Opfer der Militäraktion "Genozid" vor: "Die Ermordung ganzer Familien ist Genozid, begangen von Israel gegen das palästinensische Volk." Israel greife nicht die Militanten, sondern das Volk an, es werde auch nicht das Land verteidigt, sondern die Siedlungen.

Bislang wurde kein Israeli getötet, während nach israelischen Angeben im Gazastreifen mindestens 43, nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza durch die Bombardierung fast 100 Menschen, darunter 18 Kinder und neun Frauen getötet worden seien. Palästinensische Medien sprechen von mindestens 53 Toten und mehreren hundert Verletzten.

Die israelische Armee erklärt, dass Hamas bewusst Raketenabschussanlagen und Waffen in dicht besiedelten Gegenden platziere und so die Menschen als Schutzschilde verwende. Es würden auch Männer, Frauen und Kinder geschickt, "um als Schutzschilde für Terroristen zu dienen". Der "Genozid", von dem Abbas sprach, wird also als Folge der Hamas-Strategie im Gazastreifen, der allerdings eine der am dichtesten besiedelten Gegenden der Welt ist, dargestellt: "Unschuldige Anwesende können als Folge des Missbrauchs der eigenen Bürger durch Hamas getötet werden. Anstatt die Bürger von der Gefährdung fernzuhalten, bestärkt und zwingt die Bewohner sogar dazu, sich ihrem gewaltsamen Widerstand gegen Israel anzuschließen." So würden die Bewohner aufgefordert, auf die Dächer ihrer Häuser zu gehen. Oder es wird ein Foto gezeigt, auf dem sich angeblich am 8. Juli Zivilisten auf dem Dach eines Hauses eines von der israelischen Armee gesuchten Hamas-Terroristen versammelt haben: "Das taten sie, um als menschliche Schutzschilde zu handeln und einen drohenden Angriff zu verhindern."

Die Tötung von 8 Familienmitgliedern wurde von der israelischen Armee als "Irrtum" bezeichnet. Die Familie, die nach einer Warnung das Haus, in dem ein Hamas-Kommandeur wohnte, verlassen habe, sei vorzeitig zurückgekehrt. Da sei die Rakete schon unterwegs gewesen, man habe nichts mehr machen können. Dabei soll es auch mehr als 20 Verletzte gegeben haben. Die israelische Armee will ungeachtet des "Kollateralschadens" die Bombardierung von Häusern fortsetzen, in denen hohe Hamas-Angehörige leben. Das heißt aber auch, dass alle, die im selben Haus leben, mit bestraft werden. Ein Offizier sagte auch, man werde diese Häuser bombardieren, auch wenn Zivilisten auf dem Dach stehen, um trotz Warnung die Bombardierung zu verhindern.

Der Krieg findet auch in der Knesseth statt. Arabische Abgeordnete mussten das Plenum verlassen, nachdem sie israelische Armee als Kriegsverbrecher und Mörder bezeichnet haben. Ibrahim Sarsour (UAL-Ta'al) verlas die Namen von Palästinensern, die seit Beginn der Operation Protective Edge von "israelischen Soldaten ermordet" wurden. Der Likud-Abgeordnete Moshe Feiglin rief den Ordnungsdienst, um Sarsour nicht weiter am Rednerpult sprechen zu lassen. Der wehrte sich, wurde gewaltsam entfernt und sagte wütend zu Feiglin: "Ich hätte auch nicht vor einem faschistischen Nazi wie Ihnen sprechen wollen."

Ahmed Tibi (UAL-Ta'al) warf der israelischen Armee vor, sie würde "in Gaza Kriegsverbrechen begehen, indem Häuser gesprengt und ganze Familien, einschließlich Frauen und Kinder, absichtlich getötet werden". Tibi ging ebenfalls zum Rednerpult und begann die Namen von Getöteten vorzulesen. Der Abgeordnete Masoud Gnaim schloss sich an: "Sie sind so stolz auf Ihre moralische Armee, aber Sie sind unmoralisch. Sie haben in Gaza massakriert und getötet, und Sie haben eine Armee von Mördern." Offensichtlich wird in der Knesseth nicht lange diskutiert, man entfernt gewaltsam die Kritiker, wie es auch Gnaim erging. Elazar Stern von der Hatnua-Partei von Tzipi Livni, der nach Gnaim sprach, begrüßte die Entscheidung. Es sei ein Aufruf zur Gewalt, israelische Soldaten Mörder zu nennen.

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