Noch immer ist ungeklärt, wer Flug MH17 abgeschossen hat

18.07.2014

Alles spricht dafür, dass die malaysische Boeing 777 abgeschossen wurde - ein Überblick über die militärischen Hintergründe dieser Tragödie

Der offensichtliche Abschuss einer malaysischen Passagiermaschine über der Ostukraine stellt nicht nur eine furchtbare Tragödie dar, er dürfte auch zur Eskalation dieses Konfliktes beitragen. Die Leichen der 298 Passagiere sind noch nicht geborgen, die Flugschreiber, die nach dem ukrainischen Außenministerium im Land bleiben bleiben müssen, noch nicht ausgewertet, doch die Konfliktparteien weisen sich bereits gegenseitig die Schuld zu. Der ukrainische Präsident bezeichnete den Abschuss als einen - von den prorussischen Rebellen verübten - "Terrorakt", während Vertreter der Donezker "Volksrepublik" umgehend Kiew für die Katastrophe verantwortlich machten (Wer hat die Boeing 777 der Malaysian Airlines abgeschossen?).

Screenshot aus einem Video, auf dem Absturz der Maschine zu sehen sein soll.

Flug MH17 befand sich zur Zeit des Abschusses in rund 10.000 Metern Höhe - und somit nur 250 Meter über der von der ukrainischen Flugsicherheit gesperrten Flughöhe von weniger als 9.750 Metern. "In gut zehn Kilometer Höhe überquerten bislang täglich Tausende von Flugzeugpassagieren das Krisengebiet Ostukraine. Während am Boden gekämpft wurde, gab es in der Luft zum Teil Champagner zu trinken", kommentierte die Welt.

Dabei ist es angesichts der eskalierenden militärischen Auseinandersetzungen schlicht unverständlich, wieso der Luftraum über der Ostukraine nicht gänzlich für den zivilen Verkehr gesperrt wurde. Auf dem Territorium der abtrünnigen Volksrepubliken eskalierten die Kämpfe, nachdem beide Seiten mit Offensiven und Gegenoffensiven eine Entscheidung zu erzwingen suchten.

Die ukrainischen Streitkräfte starteten nach der Einnahme der ehemaligen Rebellenhochburg Slawjansk einen massiven Vorstoß, der mittels einer großflächigen Einkesselung die Rebellen von jeglicher russischen Unterstützung abschneiden sollte. Eben diese Offensive stellte die "Überraschung" dar, die den prorussischen Kräften von Regierungsvertretern am 8. Juli angedroht wurde ("Hässliche Überraschung" für die Separatisten in Donezk und Lugansk angekündigt). Zum einen stießen ukrainische Truppen gegen Donezk und Lugansk vor. Hierdurch sollten die Kräfte der Rebellen gebunden werden, um mit einem weiteren Angriffskeil von Süden her entlang der russisch-ukrainischen Grenze vorzustoßen und so das gesamte von den Rebellen kontrollierte Gebiet großflächig einzukesseln.

Dieses großflächige ukrainische Einkreisungsmanöver ist offensichtlich gescheitert. Die Angriffsspitzen der ukrainischen Armee blieben strecken, ohne die Einkreisung vollständig durchführen zu können. Am 16. Juli gingen dann die Milizen der Rebellen zum Gegenangriff über, indem sie die Ortschaft Marinovka angriffen. Den ukrainischen Verbänden, die sich nördlich und östlich dieser Ortschaft befinden, droht nun selber die Einkesslung. Die ukrainische Militärführung sieht sich folglich mit einem schweren militärischen Desaster konfrontiert. Über die verzweifelte Lage der in diesem "südlichen Kessel" ausharrenden Tausenden von Soldaten, die massiven Artilleriebeschuss ausgesetzt sind, berichten inzwischen sogar ukrainische Massenmeiden.

Die offensichtlich gescheiterte Bodenoffensive - einzig der Durchbruch einer ukrainischen Militäreinheit zum Flughafen von Lugansk ist gelungen - ging mit einer Intensivierung der Bombardierungen durch die ukrainische Luftwaffe einher. Man habe am 11. Juli "Tausende" von Rebellen bei massiven Luftschlägen ausgeschaltet, behaupteten ukrainische Regierungsvertreter. Die Bombardierungen dienten als Vergeltung für den Angriff auf die 24. Brigade aus dem westukrainischen Lviv, bei der Dutzende ukrainische Soldaten getötet und Hunderte verletzt wurden.

Die prorussischen Rebellen reagierten auf diese zunehmenden Luftangriffe mit Bestrebungen zur Verbesserung ihres Luftabwehrsystems. Offensichtlich wurde dies am vergangenen Montag, als eine ukrainische Militärtransportmaschine vom Typ Antonov-26 abgeschossen wurde ("Das ist kein Terrorismus, das ist Krieg"). Außergewöhnlich war daran vor allem der Umstand, dass dieser Abschuss in einer sehr großen Höhe von rund 6.500 Metern erfolgte. Die Luftabwehrsysteme der Rebellen, die zuvor eingesetzt wurden (Luftabwehrgeschütze, Kurzstreckenraketen), hatten eine Reichweite von 3.000 bis 4.000 Metern.

Die New York Times (NYT) bemerkte hierzu:

Mehr als ein halbes Dutzend Flugzeuge wurde in der Ukraine abgeschossen, aber diese Attacke war anders. Vor Montag galten nur Flugzeuge, die in einer sehr niedrigen Flughöhe flogen - in der Reichweite von auf Schultern abgefeuerten Raketen - als anfällig für Bodenfeuer.

Zum ersten Mal sei am Montag eine Boden-Luft-Rakete mit weitaus größerer Reichweite eingesetzt worden, was "Fragen aufwerfe", wie die Rebellen diese Fähigkeiten erlangt hätten, so die NYT.

Womit wurde also Flug MH17 abgeschossen? Bislang konzentrieren sich die Spekulationen auf das Mittelstreckensystem SA-11 (in Russland auch als Buk bezeichnet), das eine Reichweite von bis zu 30 Kilometern haben kann. Die Ukraine verfügt über etliche solcher Systeme aus sowjetischer Produktion. Und dabei sollen die prorussischen Aufständischen gerade solche Buk-Luftabwehrbatterien erobert haben, wie aus etlichen Äußerungen von führenden Rebellen hervorgeht, die der Autor des bekannten prorussischen Blogs vineyardsaker so zusammenfasste:

Es tut mir sehr leid, euch mitteilen zu müssen, dass es zu früh ist, um definitiv auszuschließen, dass Neurussische Kräfte die malaysische Maschine abgeschossen haben. Obwohl die meisten Neurussischen Luftverteidigungssysteme schultergestützte Man-Pads sind, haben die Widerstandskräfte auch einige 9K37-Buk Raketensysteme in die Hände bekommen, die in der Lage sind, zivile Flugzeuge bei normaler Geschwindigkeit und Flughöhe zu treffen.

Ähnlich argumentierte die NYT, die auf entsprechende Äußerungen des Militärchefs der Aufständischen, Igor Strelkov, verwies . Die ukrainische Behörden bestreite jedoch, dass die Rebellen ein Buk-Raketensystem erbeutet haben, offensichtlich auch im Bemühen, Russland selbst ins Spiel zu bringen.

In der Bedienung des komplexen Luftabwehrsystems unerfahrene Milizionäre hätten demnach das Passagierflugzeug versehentlich abgeschossen, so die Hypothese, falls die Separatisten verantwortlich waren. Der Inlandsgeheimdienst der Ukraine veröffentlichte abgehörte Telefongespräche, die auf den Abschuss durch Rebellen hindeuten sollen. Ein angeblich nach kurzer Zeit gelöschter Beitrag von Strelkov auf einem Sozialen Netzwerk, in dem es hieß, man habe ein ukrainisches Transportflugzeug vom Typ An-26 abgeschossen, wies ebenfalls in diese Richtung.

Der gelöschte Beitrag auf der VK-Seite von Strelkov, wie er auf der Wayback Machine zu finden ist.

Dieser gelöschte Beitrag würde darauf hindeuten, dass die Rebellen davon ausgingen, ein ukrainisches Armeeflugzeug abgeschossen zu haben, "bis sie mit Entsetzen feststellten, dass es sich um eine malaysische Linienmaschine" gehandelt habe, so die AFP. Der ukrainische Geheimdienst präsentierte inzwischen ein Video, das zeigen soll, wie ein Buk-System Richtung Russland abtransportiert wird, auf dem eine Rakete fehlen würde.

Der Anführer dieser Aufständischen in der Ostukraine, Andrei Purgin, trat diesen Spekulationen hingegen entgegen, indem er erklärte, dass die Rebellen über keine Kämpfer verfügten, die solch ein System überhaupt bedienen könnten. Ähnlich argumentierte der Direktor des Defense and Intelligence Project bei dem Belfer Center for Science and International Affairs, Kevin Ryan, in einem Gespräch mit CNN: "Es braucht viel Training und Koordination, um dies abzufeuern und etwas zu treffen. … Das ist nicht die Art von Waffe, die ein paar Typen aus der Garage holen und abfeuern könnten."

Als Täter kommt somit auch die ukrainische Armee infrage. Denn selbstverständlich haben auch die ukrainischen Streitkräfte jüngst entsprechende Systeme in der Krisenregion aufgestellt, wie das russische Verteidigungsministerium erklärte:

Nach Informationen des Verteidigungsministeriums Russlands sind im Raum der Katastrophe Einheiten der ukrainischen Streitkräfte stationiert, die mit Flugabwehrraketensystemen des Typs Buk M1 bewaffnet sind ... Die Buk-Systeme sind in der Lage, Luftziele auf einer Distanz von mehr als 30 km in allen Höhenbereichen zu bekämpfen.

Mehrere solcher Systeme sollen laut einem Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums zufolge seit Mittwoch im "Raum Donezk" in Stellung gebracht worden sein. Einzig solche Systeme wie Buk oder S-300 seien in der Lage, "Ziele in solcher Höhe abzuschießen." Gegenüber dem kremlnahen Sender Russia Today sagte der russische Luftfahrtexperte Juri Karasch, es sei sehr wahrscheinlich, dass eben diese ukrainische Einheiten das Passagierflugzeug abgeschossen hätten.

Ich weiß nicht, wer es abgeschossen hat. Aber ich kann behaupten, dass es aller Wahrscheinlichkeit nach die ukrainischen Streitkräfte waren. Einfach deswegen, weil dieses Militär - die Luftverteidigung insbesondere - leider unqualifiziert ist. Nach Beurteilung des allgemeinen Zustandes der ukrainischen Streitkräfte wurde zu wenig Aufmerksamkeit auf ihr Training verwendet.

Da ukrainische Stellen jüngst behaupteten, ein ukrainisches Kampfflugzeug sei von einem russischen Flugzeug abgeschossen worden, macht die Verlegung dieser Luftabwehrbatterien durchaus Sinn.

Angesichts der Tatsache, dass die Absturzstelle gut 50 Kilometer von der russischen Grenze entfernt liegt, scheinen russische Mittelstreckenraketen, die nahe der ukrainischen Grenze abgefeuert sein müssten, als Absturzursache eher unwahrscheinlich - zumal das Flugzeug sich auf Ostkurs befand und somit die Abschussstelle noch weiter westlich von der Absturzstelle liegen muss. Für einen solchen Fall kämen die russischen S-300 oder S-400 Langstrecken-Luftabwehrsysteme infrage, erklärte Kevin Ryan gegenüber CNN.

Flug MH17 flog somit in ein Wespennest: in eine Bürgerkriegsregion, in der die militärische Eskalation zu einer Intensivierung von Luftangriffen führte - und zu Bemühungen der prorussischen Widerstandsgruppen, eine bessere Flugabwehr zu errichten. Ein Skandal besteht schon jetzt darin, dass die ukrainischen Behörden angesichts der militärischen Offensive den Luftraum über der Ostukraine nicht gänzlich gesperrt haben. Aber dies dürfte wohl auch eine politische Entscheidung gewesen sein, um die Souveränität über diesem Bürgerkriegsgebiet zu bekräftigen und zumindest in den Lüften eine "Normalität" vorzutäuschen, die es am Boden schon längst nicht mehr gibt.

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