Faszinierender Faschismus

27.07.2014

Foto-Ästhetik im südsudanesischen Krieg

Am 2. Januar 2014 veröffentlichte der "Stern" in der jedem seiner Hefte anfangs vorangestellten Bildstrecke "Bilder der Woche" vier Doppelbilder: Ein Eisbär unter Wasser schwört den Eisrückgang in der kanadischen Arktis herbei, ein anderes zeigt glückliche Schulkinder in einem Flüchtlingslager in Afghanistan, auf dem dritten Doppelfoto fallen sich ein schwarzer und ein weißer Polizist nach ihrer öffentlichen Vereidigung glücklich in die Arme und das vierte Foto ist schließlich das in diesem Artikel abgebildete Foto aus dem Südsudan – es zeigt einen jungen schwarzen Kämpfer mit Maschinengewehr in der rechten Hand in einer Kampfpause.

Foto von James Akena im Stern vom 2. Januar 2014

Eisbären in Kanada, Flüchtlingskinder in Afghanistan, Polizisten in New York und ein junger Kämpfer aus dem Südsudan. So ist es, dieses "Auslandsjournal" im "Stern". Bunt, plakativ, großformatig, schnell konsumierbar, flexibel – hier ein Eisbär, dort ein Kämpfer – und in den dazu gehörigen Texten pseudokritisch. Da hat "das Schicksal des Eisbären […] etwas Trauriges an sich", da nickt der bildungsbeflissene Europäer zustimmend, wenn er erfährt, dass "Ignoranz eine Krankheit", New York eine "multikulturelle" Stadt und der Südsudan in einen "Bürgerkrieg gestürzt" ist. Wie schön, dass wir über das Ausland gut informiert und über komplexe Sachverhalte differenziert aufgeklärt werden. (Der "Stern" war auch schon mal besser!)

Das Südsudanfoto stammt von dem freiberuflich arbeitenden ugandischen Fotografen James Akena, der bevorzugt für die Bildagenturen Thomson-Reuters und Corbis arbeitet. Ausgebildet am New York Institute of Photography hat sich Akena besonders auf Kriegsfotos in Schwarzafrika spezialisiert. Er kennt also die US-amerikanische Kriegs- und Krisenästhetik aus dem ff. Sowohl Corbis als auch Thomson-Reuters, beide Auftraggeber haben ihren Firmensitz in den USA, sind Teil eines weltweiten agierenden globalen Bildagenturmarktes, der insgesamt aus nur ganz wenigen großen Konzernen besteht. Bill Gates' Agentur Corbis besitzt 100 Millionen Bilder, Getty Images kommt auf 80 Millionen Bilder, aber die Anzahl von Bildern, die Thomson-Reuters besitzt, gibt dieser Konzern nicht bekannt.

Akenas Foto zeigt einen jungen Kämpfer, dessen Augen und Gesichtsteile durch eine große Sonnenbrille verdeckt und beherrscht werden. Direkt, stolz, selbstbewusst und siegessicher guckt er den Fotografen und den Bildbetrachter an. Seine rechte Hand umklammert ein Maschinengewehr, in der linken Hand klemmt zwischen Daumen und Zeigefinger eine noch nicht angerauchte Zigarette und weitere Finger der linken Hand werden durch Ringe geschmückt. Seinen Mund hat er geöffnet – so als ob er mit dem Zuschauer spricht. Seine Zähne und seine Zahnlücken zwischen den oberen und unteren Schneidezähnen sind auffallend groß.

Der zum Bild gehörende Text lässt sich auf drei Aussagen zusammenschnurren. 1. Dieser Kämpfer gehört zu den Kämpfern des südsudanesischen Präsidenten Salva Kiir Mayardit, die "gegen die Rebellen des ehemaligen Vizepräsidenten vorgehen". 2. Das Foto wurde nach der Rückeroberung der Stadt Bor aufgenommen. Und als Fazit aus den beiden Aussagen 1 und 2 hält die Textlegende 3. fest: "Es gibt keine Guten und keine Bösen, nur Menschen mit Waffen und Menschen ohne. Ohne Hoffnung."

Ich möchte eine Analyse dieses Fotos in vier verschiedene Dimensionen einbetten: Realpolitik im Südsudan, Afrika in der deutschen Medienpolitik, das Bild Afrikas in deutschen Medien und Kriegsästhetik.

Realpolitik

Wo die Textlegende des "Stern" von "Bürgerkrieg" und "verfeindeten Volksgruppen" spricht, muss man schon froh sein, dass nicht mehr von "Negerstämmen" – oder vornehmer – von "Tribalisierung" und "Ethnisierung" die Rede ist. Doch dieser nur sprachliche Fortschritt verschleiert wie so häufig bei der Analyse afrikanischer Konflikte dessen exogene Ursachen.

Da wird auf der einen Seite das gerade für den Sudan seit der Berliner Afrikakonferenz von 1884 gut nachzuzeichnende Prinzip des "Teile-und-Herrsche" der britischen Kolonialmacht gegenüber dem nördlichen und dem südlichen Sudan ausgeblendet, und da wird auf der anderen Zeit die gegenwärtige Öl-Gier der USA gegenüber den Ölvorkommen im Südsudan verschwiegen. Denn schließlich geht es beim Krieg im Südsudan um den Zugriff auf die größten afrikanischen Petroleumreserven, um eine Fördersumme von 250.000 Barrels pro Tag und um die nördliche Öl-Pipeline zu den Raffinerien am Roten Meer.

Während sich zwar ugandische Truppen aktiv an der Rückeroberung der Stadt Bor beteiligten und sich deswegen auch die Anwesenheit des ugandischen Kriegsfotografen Akena gut erklären lässt, waren und sind eigentlich die USA die treibende Kraft bei der Unabhängigkeit des Südsudan im Juli 2011, im übrigen eine seltsame US-amerikanische Koalition aus unerträglich reaktionären Evangelikalen, Erdölmultis und linksliberalen Menschenrechts-NGOs.

Afrika in der deutschen Medienpolitik:

Dass alle 53 afrikanischen Länder tagtäglich in meinem "Solinger Tageblatt" mit weniger als nur 1 Prozent aller Zeilen und allen Inhalts erwähnt werden, charakterisiert die deutsche Medienlandschaft seit langem viel mehr als die systematisch verzerrte Realitätswahrnehmung dieses Kontinents und seiner Kulturen.

Sowohl in der öffentlichen als auch in der veröffentlichten Wahrnehmung ist Afrika wie noch im 19. Jahrhundert eine terra incognita. Schon kleine statistische Hinweise können diese Behauptung untermauern: So verfügt die ARD für ihre Berichterstattung über alle schwarzafrikanischen Länder nur über zwei Studios, nämlich eines in Nairobi und ein zweites in Johannesburg (plus für den nordafrikanischen Raum über zwei weitere Studios in Kairo und Rabat). Zusammenfassend lässt sich mit Anke Poenicke (Afrika in deutschen Medien und Schulbüchern, St. Augustin 2001, 27) festhalten, "dass die breite Bevölkerung, die nicht Nachmittags- und späte Abendprogramme durchforstet, nicht auf BBC, CNN oder TV5 ausweicht, fast nichts über Afrika erfährt, weder Aktuelles noch zu anderen Themen".

Das Bild Afrikas in deutschen Medien

Die Berichterstattung über Afrika fokussiert meist Ereignisse mit Sensationscharakter und Unterhaltungswert (hierbei insbesondere Exotisches und Kurioses), Begebenheiten mit Bezug zu deutschen oder europäischen Interessen, Akteuren und Initiativen sowie Vorkommnisse, in die Weiße involviert sind und mitunter Themen von historischem Belang, die vorzugsweise im Rahmen kolonialgeschichtlicher Spurensuche abgehandelt werden.

In der tagesaktuellen politischen Berichterstattung über Afrika überwiegt die Betonung von Negativ-Ereignissen (Kriege und Konflikte, Umstürze, Hungersnöte, Wahlmanipulationen, Finanz-, Rohstoff- und Gesundheitskrisen), deren Ursachen und Kontexte zumeist stark verkürzt dargestellt werden, sich mangels Hintergrundinformationen nicht einordnen lassen und die ebenso schnell wieder aus den Schlagzeilen verschwinden, wie sie hineingeraten sind.

Je nach Belieben sowie den Trends der weitgehend von einigen wenigen Agenturen und TV-Sendern dominierten internationalen Berichterstattung werden ferne Katastrophen und Tragödien ins Visier genommen - oder auch nicht. Mit anderen Worten: Die Medienaufmerksamkeit in Bezug auf Afrika schwankt für gewöhnlich zwischen Dramatisierung und Ignoranz1

Kriegsästhetik

Das "Stern"-Foto des jungen südsudanesischen Kämpfers lässt sich ästhetisch zweifach dechiffrieren, wobei beide Interpretationen auf das engste miteinander verwoben sind. Wie man schon bei Jean Genets Theaterstück "Die Neger" von 1959 und bei Eldridge Cleaver, Mitbegründer der berühmt-berüchtigten Black Panther, in dessen 1967 erschienenen Essays "Seele auf Eis" erleben und nachlesen kann, gab und gibt es bei der Wahrnehmung von Schwarzen durch Weiße eine höchst intime und projektive Mischung aus Rassismus und Sexismus. Und genau dafür steht dieser junge afrikanische Kämpfer. Er verkörpert eine Mischung aus offen-bedrohlicher Animalität mit latent-verführerischen und positiv-exotischen Sexualsehnsüchten, je nach dem, ob der weiße Betrachter männlich oder weiblich ist. Eine ganz besondere Note erhält diese Ästhetik dadurch, dass gerade ein schwarzer Fotograf diese weiße Erwartungshaltung bedient. Dies ist die eine Dechiffrierung.

Eine zweite Dechiffrierung dieses Fotos wird dann deutlich, erinnert man sich an die Film- und Fotoarbeiten der NS-Filmregisseurin Leni Riefenstahl. Stand sie mit ihren beiden Filmen "Triumph des Willens" (1934) und "Olympia" (1938) paradigmatisch für die mit Lichtorgeln, großen Scheinwerfern, pathetisch-grandioser Musik, Militärparaden, Massenauftritten von Athleten und einer Verherrlichung schöner Körper für die faschistische Propaganda und Ästhetik der Nazis, so blieb sie dieser faschistischen Ästhetik auch nach 1945 kontinuierlich treu. Ihre seit den späten fünfziger Jahren vorhandene Begeisterung für schöne, nackte und muskulöse Oberkörper sudanesischer Nuba-Männer, eine vitalistische Orgie männlicher Gewaltverherrlichung, schlug sich in vielen Bildbänden nieder, angefangen bei dem 1973 erschienenen Buch " Die Nuba – Menschen wie vom anderen Stern" bis zu "Mein Afrika" von 1982.

Und so schließt sich der argumentative Kreis meines Nachdenkens über das Foto des jungen sudanesischen Kämpfers in der "Stern"-Ausgabe vom Januar 2014, wenn man weiß, dass das Bild eines muskulösen Nuba-Ringkämpfers in einer "Stern"-Ausgabe von 1956 zum Auslöser für Riefenstahls Begeisterung für den von ihr damals geplanten (aber nicht realisierten) Film "Die schwarze Fracht" war.

1974 stufte Susan Sontag Riefenstahls Bilder unter die Rubrik "faszinierender Faschismus" ein. Man kann dieses Foto von James Akena gut und gerne in dieselbe Rubrik einordnen. Wie sensibel, einfühlsam, genau, atmosphärisch dicht und deswegen auch anti-militaristisch Kriegsfotos sein können, kann man dagegen recht gut in dem Bildband "At War" (Ostfildern 2011) von Anja Niedringhaus sehen, der auf Kriegsfotos spezialisierten Fotojournalistin von AP, die am 4. April 2014 in Afghanistan erschossen wurde. Nie und nimmer hätte sie ein Foto wie das hier besprochene gemacht.

Jörg Becker ist Professor am Institut für Politikwissenschaft der Universität Marburg und war von 1999 bis 2011 Gastprofessor für Politikwissenschaft an der Universität Innsbruck.

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