Als Deutschland 1914 in den Dschihad zog

26.07.2014

Das Deutsche Kaiserreich rief mit der Türkei mehrere hundert Millionen Muslime zum "Heiligen Krieg" gegen Engländer und Franzosen auf

Am 1. August 2014 jährt sich der Beginn des Ersten Weltkrieges zum hundertsten Mal. Während die großen Schlachten von Verdun bis Tannenberg in Europa hinreichend bekannt sind, wurde das Kriegsgeschehen in Nordafrika und im Nahen Osten nur im Kreis von Orientexperten aufgearbeitet. So ist kaum bekannt, dass das Deutsche Kaiserreich im Verbund mit der Türkei damals mehrere hundert Millionen Muslime zum "Heiligen Krieg" gegen Engländer und Franzosen aufrief. Der deutsche Auslandsgeheimdienst "Abteilung IIIb" und die "Nachrichtenstelle für den Orient" waren für Attentate, Sprengstoffanschläge und Umsturzversuche zuständig. Für diesen staatlichen Terrorismus ist in Deutschland nie ein Politiker, Militär oder Geheimdienstler zur Rechenschaft gezogen worden. Angesichts der heutigen terroristischen Bedrohung durch den modernen Islamismus ist dies umso fragwürdiger.

Der Beginn des Ersten Weltkrieges

Am 1. August 1914 erklärte das deutsche Kaiserreich Russland den Krieg. Zwei Tage später überfielen deutsche Truppen das neutrale Belgien. Der Angriff hatte nur ein Ziel: Man wollte sich damit in eine bessere Position bringen, um danach Frankreich - den eigentlichen Gegner - in dessen ungeschützter Nordseite anzugreifen. Dieser so genannte "Schlieffenplan" war bereits im Dezember 1905 in einer Denkschrift veröffentlicht und kritisiert worden.

Der deutsche Oberbefehlshaber Kaiser Wilhelm II ließ sich bis zum 6. August Zeit, um dem deutschen Volk die neue Situation zu erklären. Er begann seinen Krieg mit der Lüge von einem angeblichen Angriff feindlicher Kräfte, propagierte gleichzeitig einen Präemptivschlag und rekrutierte den lieben Gott als deutschen Soldaten:

Seit der Reichsgründung ist es durch 43 Jahre Mein und Meiner Vorfahren heißes Bemühen gewesen, der Welt den Frieden zu erhalten und im Frieden unsere kraftvolle Entwickelung zu fördern. Aber die Gegner neiden uns den Erfolg unserer Arbeit.

Alle offenkundige und heimliche Feindschaft von Ost und West, von jenseits der See haben wir bisher ertragen im Bewusstsein unserer Verantwortung und Kraft. Nun aber will man uns demütigen. Man verlangt, daß wir mit verschränkten Armen zusehen, wie unsere Feinde sich zu tückischem Überfall rüsten, man will nicht dulden, daß wir in entschlossener Treue zu unserem Bundesgenossen stehen, der um sein Ansehen als Großmacht kämpft und mit dessen Erniedrigung auch unsere Macht und Ehre verloren ist.

So muß denn das Schwert entscheiden. Mitten im Frieden überfällt uns der Feind. Darum auf! zu den Waffen! Jedes Schwanken, jedes Zögern wäre Verrat am Vaterlande.Um Sein oder Nichtsein unseres Reiches handelt es sich, das unsere Väter neu sich gründeten.Um Sein oder Nichtsein deutscher Macht und deutschen Wesens.Wir werden uns wehren bis zum letzten Hauch von Mann und Roß. Und wir werden diesen Kampf bestehen auch gegen eine Welt von Feinden. Noch nie ward Deutschland überwunden, wenn es einig war.Vorwärts mit Gott, der mit uns sein wird, wie er mit den Vätern war.

Den Mittelmächten (Deutsches Kaiserreich, KuK-Monarchie Österreich-Ungarn, später auch Bulgarien und die Türkei) standen fortan die Staaten der Triple Entente (United Kingdom, Frankreich, Russland, später auch Italien und die "assoziierten" USA) gegenüber. Die deutsche Generalmobilmachung betraf rund 13,3 Millionen Männer. Von da ab hieß es, "jeder Stoß ein Franzos, jeder Tritt ein Britt und jeder Schuss ein Russ". Und auf den Koppelschlössern der deutschen Soldatenuniform prangte der Spruch: "Gott mit uns".

Aber der Überfall auf Belgien durch die deutschen Truppen geriet - erwartungsgemäß - sehr schnell ins Stocken und führte zu Kriegsverbrechen gegenüber der belgischen Zivilbevölkerung. Dagegen regte sich internationaler Protest, gegen den wiederum in Deutschland Widerspruch erfolgte.

Zur Rechtfertigung des deutschen Vorgehens wurde im Oktober 1914 der "Aufruf an die Kulturwelt" von Ludwig Fulda veröffentlicht, den 93 Wissenschaftler, Künstler und Schriftsteller, die Crème de la Crème des Kaiserreiches, unterzeichneten. Außerdem erschien am 23. Oktober 1914 eine "Erklärung der Hochschullehrer des Deutschen Reiches", die von dem Philologen Prof. Dr. Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff verfasst und von über 3000 Professoren, also fast der gesamten damaligen Dozentenschaft, unterzeichnet wurde:

In dem deutschen Heere ist kein anderer Geist als in dem deutschen Volke, denn beide sind eins, und wir gehören auch dazu. Unser Heer pflegt auch die Wissenschaft und dankt ihr nicht zum wenigsten seine Leistungen. Der Dienst im Heere macht unsere Jugend tüchtig auch für alle Werke des Friedens, auch für die Wissenschaft. Denn er erzieht sie zu selbstentsagender Pflichttreue und verleiht ihr das Selbstbewusstsein und das Ehrgefühl des wahrhaft freien Mannes, der sich willig dem Ganzen unterordnet.

Neben den Wissenschaftlern engagierte sich insbesondere die evangelische Kirche in der Propagierung der Kriegspolitik.

Kirchliches Kriegsgejubel

Mit der deutschen Reichsgründung im Jahre 1871 wurde der preußische König Wilhelm I zum Deutschen Kaiser, ausgerufen. Da seine Familie, die Hohenzollern, ausgesprochen evangelisch orientiert war, bildeten die Protestanten fortan im Kaiserreich die Bildungs- und Machtelite, auch wenn sich dadurch die katholische Bevölkerungsminderheit diskriminiert fühlte. Erst mit der Weimarer Republik wurde später das preußisch-protestantische Staatskirchentum aufgelöst und eine Trennung von Staat und Kirche verfassungsrechtlich durchgesetzt, die Dominanz der Kirchen über das Bildungssystem abgeschafft.

In Anlehnung an den antiken griechischen Philosophen Heraklit, der einst verkündet hatte, "Krieg ist der Vater aller Dinge", betätigten sich insbesondere die evangelischen Pfaffen als Kriegshetzer. Am 4. August 1914 verkündete der Oberhofprediger Ernst Dryander im Berliner Dom:

Wir ziehen in den Kampf für unsere Kultur- gegen die Unkultur! Für die deutsche Gesittung - gegen die Barbarei! Für die freie, an Gott gebundene Persönlichkeit - wider die Instinkte der ungeordneten Massen. Und Gott wird mit unseren gerechten Waffen sein...."

Und Otto Dibelius ergänzte: "Keine Verständigung, sondern Ausnutzung unserer Macht bis zum Äußersten, das ist die Forderung des Christentums. (…) Deutschlands Sieg verkörpert die vollendete Heilsgeschichte." Nach dem Weltkrieg machte Dibelius schnell Karriere in der evangelischen Kirche in Berlin und Brandenburg. Nach dem Reichstagsbrand 1933 begrüßte er das so genannte Ermächtigungsgesetz und bekannte sich offen dazu, ein Antisemit zu sein. Von 1949 bis 1961 amtierte Dibelius gar als Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

In gleicher Weise erklärte der evangelische Moraltheologe Reinhold Seeberg sinngemäß, wer zur Verteidigung des Vaterlandes einen belgischen Soldaten erschießt, vollstrecke damit das Werk der christlichen Nächstenliebe! Auch Seeberg machte gleich nach dem Krieg Karriere und wurde 1918 Rektor der Berliner Universität und 1923 Präsident des Zentralausschuss für Innere Mission der EKD.

Die Pfaffen, von den Soldaten als "Hallelujakrieger" verspottet, beließen es nicht bei einer bloß rhetorischen Kriegshetze von den kirchlichen Kanzeln. Zur Finanzierung des Gemetzels riefen sie die verarmte Bevölkerung zur Zeichnung von Kriegsanleihen auf. Und als der deutsche Angriff schon bald in Stocken geriet und in einem sinnlosen Stellungskrieg mündete, waren es wiederum die Pastoren, die mit ihrer Durchhaltepropaganda die Zivilbevölkerung zum Durchhalten aufforderten. Schließlich profitierte die Kirche selbst von ihrer Kriegshetze; nie sind die Gotteshäuser voller als in Kriegs- und Krisenzeiten. Die Folgen des Ersten Weltkriegs sich bekannt: 17 Millionen Menschen starben. In Deutschland hieß es in den amtlichen Todesmitteilungen lapidar: "Er starb für Gott und Vaterland!"

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