Kämpfe in Donezk, Waffenstillstandszone um den Absturzort

21.07.2014

Russland legt nun Radardaten vor, die zeigen sollen, dass der Flug MH17 von der Flugbahn abgewichen war und sich ein ukrainisches Kampfflugzeug in der Nähe befunden habe

Die Separatisten an der Absturzstelle stehen unter Verdacht, die Aufklärung des Unfalls behindern zu wollen. OSZE-Beobachter sind schon seit Tagen vor Ort, sie berichten davon, sich nicht uneingeschränkt bewegen zu dürfen und von bewaffneten Separatisten bewacht zu werden. Ob diese tatsächlich die Untersuchung behindern oder etwa verhindern wollen, dass Dinge von Anwohnern oder anderen Anwesenden gestohlen oder mitgenommen werden, ist schwer zu sagen. Sie scheinen sich zumindest auch darum zu bemühen, die Absturzstelle und die Rettungskräfte zu sichern. Erst heute Vormittag hat nämlich der ukrainische Präsident einen Waffenstillstand 40 km um die Absturzstelle verkündet. Nämliches haben die Separatisten gemacht.

So sind jetzt erst die niederländischen Experten an der Unglücksstelle eingetroffen. Angeblich sind sie, wie Roland Oliphant, ein Journalist des Telegraph berichtet, positiv von den Bergungsarbeiten angetan. Auch andere Journalisten berichten ähnliches.

Man muss sich auch fragen, was die Separatisten, wenn sie, wie manche unterstellen, auch im Auftrag von Moskau Spuren beseitigen würden, denn tatsächlich verschleiern könnten. Die Flugschreiber scheinen gefunden zu sein, sie sollen einem internationalen und unabhängigen Untersuchungsteam übergeben werden. Das scheint angesichts der weiterhin stattfindenden Kämpfe und den Versuchen aller Seiten, die Verantwortung der jeweils anderen Seite zuzuschieben, nicht unvernünftig zu sein. Dass Leichen und Leichtenteile in einen Kühlzug verbracht wurden, ist angesichts des warmen Wetters auch nicht unvernünftig. Auch hier ließe sich fragen, was die Separatisten verbergen könnten. Man könnte jedenfalls viele der Aktionen auch als getrieben von Angst verstehen, dass andere etwas manipulieren könnten. Der Separatistenführer Borodai begründete dies aus durchaus nachvollziehbaren Gründen so: "Wir können unseren Feinden, die an einer objektiven Untersuchung der Tragödie nicht interessiert sind, keine Beweisstücke übergeben."

Noch ist es nur eine These, wenn auch eine hochwahrscheinliche, dass das Flugzeug abgeschossen wurde. Dass keine Probleme mit der Maschine vorlagen, könnten die Flugschreiber beweisen, mehr aber nicht. Um herauszufinden, wer für den Abschuss verantwortlich ist, müsste man Teile der Rakete finden und diese zurückverfolgen können. Fragt man, welche Motive diejenigen gehabt haben können, die für den Abschuss verantwortlich sind, so wäre wohl der wahrscheinlichste Grund, dass das Flugzeug von den Separatisten oder den ukrainischen Streitkräften irrtümlich abgeschossen wurde, weil sie es für eine Militärmaschine oder etwa eine russische Drohne hielten. Oder aber das Flugzeug wurde in barbarischen Anschlag gezielt abgeschlossen, um den Konflikt anzuheizen, eine Partei zu beschuldigen und/oder Verbündete mit hineinzuziehen. Aber solche Spekulationen sind müßig, solange nicht klar ist, was geschehen ist.

Nach der ukrainischen Seite mischen nun auch die Russen wieder mit "Beweisen" um den Absturz mit. So sich nach russischen Aufzeichnungen in der Nähe des Passagierflugzeugs ein ukrainisches Kampfflugzeug des Typs SU-25 befunden. General Andrej Kartapolow sagte, das Kampfflugzeug habe sich nach den Radardaten in einer Entfernung von 3-5km bewegt. Vor dem Absturz habe die Passagiermaschine an Geschwindigkeit verloren: "Ab 17.20 Uhr wurde ein stabiler Geschwindigkeitsverlust registriert. Um 17.23 Uhr verschwand das Flugzeug von den russischen Radarbildschirmen. Als die Geschwindigkeit auf 200 km/h gefallen war, tauchte um 17.21 Uhr über dem Absturzort ein neues Flugobjekt auf. Dieses Objekt blieb vier Minuten lang auf den Radarschirmen." Die Daten dieses Objekts hätten nicht ermittelt werden können, sagte der General, weil es wahrscheinlich keinen Sekundärradar hatte, was für Militärflugzeuge typisch sei. Die Verlangsamung der Geschwindigkeit würde eher auf eine Luft-Luft-Rakete passen als auf eine schwerere Buk-Boden-Luft-Rakete. Eine SU-25 hätte allerdings nur eine Flughöhe von 7.000m, das Passagierflugzeug flog in einer Höhe von über 10.000m.

Russisches Verteidigungsministerium legt Satellitenbilder von angeblich ukrainischen Radar- und Luftabwehrsystemen vor.

Zudem sind nach dem General am 17. Juli eine ungewöhnliche hohe Zahl von ukrainischen Radarsystemen, die auf Satellitenfotos zu sehen sein sollen, aktiv gewesen: "Am 15. Juli waren sieben Radarstationen im Raum des späteren Absturzes in Betrieb, am 16. Juli wurden es acht und am 17. Juli neun Radarstationen." Zudem seien am Tag des Abschusses Raketensysteme in der Nähe des Dorfes Zaroschenskoe, 50 km östlich von Donezk und 8 Kilometer südlich Shakhtersk , auf Satellitenbildern erkennbar. Am 18. Juli seien sie nicht mehr zu sehen gewesen.

Kartapolow soll den Journalisten Fotos, die aber bislang nicht veröffentlicht wurden, über die Flugbahn der Passagiermaschine gezeigt haben. "Bis Donezk flog das Flugzeug im geplanten Korridor, wich dann von der Route um maximal 14 km nach Norden ab. Danach leitete die Boeing ein Manöver ein, um in den Korridor zurückzukehren. Die Besatzung schaffte es aber nicht, das begonnene Manöver zu Ende zu führen." Dass die Maschine nicht auf der üblichen Route flog, wurde immer einmal wieder behauptet. Eine Bestätigung dafür könnten die Flugschreiber bieten. Die ukrainische Regierung scheint offensichtlich nicht darum bemüht zu sein, Daten über die Flugbahn herauszugeben. Moskau hat auch 10 Fragen an die ukrainische Regierung gerichtet, die darauf noch nicht geantwortet hat und dies wohl auch nicht will. Man will wissen, warum über dem Kriegsgebiet überhaupt geflogen werden durfte oder wo sich die ukrainischen Buk-Systeme befanden. Poroschenko forderte "maximale Transparenz" für die Untersuchung und setzt sich auch für eine Beteiligung russischer Experten ein. Moskau forderte wiederum die Separatisten auf, den Experten ungehinderten Zugang zum Unglücksort zu gewähren.

Fragen ließe sich allerdings, warum die ukrainischen Streitkräfte ausgerechnet heute die eingekesselte Stadt Donezk mit Panzern und Artillerie angreifen, während die Untersuchung des Absturzes nicht weit davon entfernt erst richtig beginnt. Die ukrainische Regierung hatte versichert, keine Wohngebiete mit Flugzeugen und Artillerie anzugreifen. Meist werden für Tote durch Artilleriebeschuss die Separatisten verantwortlich gemacht, die, wie dies heute wieder der Sprecher des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrats Lysenko tat, damit das ukrainische Militär verantwortlich machen wollen. Berichtet wird auch von weiteren militärischen Erfolgen.

Gut möglich, dass die ukrainische Regierung nun die Gelegenheit ausnützen will, den durch den vermutlichen Flugzeugabschuss vollends in die Defensive geratenen Separatisten einen schweren oder den ultimativen Schlag zu versetzen, ohne zu sehr auf Kollateralschaden achten zu müssen. Lysenko spricht auch davon, dass kleine pro-ukrainische Gruppen gegen die Separatisten in Doinezk kämpfen würden. Merkwürdig ist jedenfalls, dass in Donezk vor allem der Bahnhof Ziel des ukrainischen Angriffs geworden ist. Dort sollte eigentlich der Kühlzug mit den Leichen aus der Stadt Torez gebracht werden. Nun ist unklar, wohin der Zug überhaupt fahren soll. Das bringt die Separatisten wieder in Verdacht, die Untersuchung behindern zu wollen, lässt aber auch Misstrauen gegen die ukrainischen Regierung entstehen.

BBC zitiert Michael Bociurkiw von der OSZE, der sagte, es sei eine schwerwiegende Entwicklung, wenn die Gleise in der Nähe von Donezk zerstört seien: "Der Flughafen ist nicht funktionsfähig, wenn auch der Bahnhof nicht benutzt werden kann, wird Donezk noch mehr als bisher abgeschnitten sein." Das könne auch die Anreise der internationalen Experten behindern, aber auch das Problem entstehen lassen, wohin der Zug mit den Leichen fahren soll. Vermutlich sollen sie nach Charkiw gebracht werden.

Am frühen Abend ist der Zug abgefahren und soll über Donezk nach Charkiw fahren, wo sich eine Gruppe internationaler Experten befinden. Nach Auskunft des niederländischen Experten Peter van Vliet sei die Aufbewahrung der Leichen in Ordnung gewesen. Es war zuvor viel die Rede über den unwürdigen Umgang der Separatisten mit den Leichen gewesen. Über deren Zahl kusieren unterschiedliche Angaben.

Die OSZE berichtet, man habe seit Sonntag ungehinderten Zugang zur Unglücksstelle gehabt. Am Samstag sei die Absperrung noch unvollständig, am Sonntag aber vollständig gewesen.

Der ukrainische Präsident behauptet weiterhin, dass die Untersuchung am Absturzort behindert und die Separatisten Beweisstücke entfernen würden.

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