Uns gehört Deutschland!

22.07.2014

Mit Karl Albrecht ist der reichste Deutsche gestorben

Wem gehören eigentlich die großen Unternehmen des Landes? Wem die Banken? Die Immobilien? Wem gehört Deutschland? Jens Berger geht in seinem Buch "Wem gehört Deutschland? Die wahren Machthaber und das Märchen vom Volksvermögen" diesen Fragen nach und präsentiert einen schonungslosen Blick hinter die Statistiken. Hier anlässlich des Todes von Karl Albrecht ein Auszug aus dem Buch, das im Westend Verlag erschienen ist.

Da sämtliche Statistiken an der Spitze der Vermögensskala blind sind, müssen wir auf Schätzungen zugreifen, um die kleine, aber äußerst vermögende Schicht der Superreichen in Zahlen zu fassen. Eine vergleichsweise gute Quelle für derartige Schätzungen ist das Manager Magazin, das seit 2000 seine Liste der 300 reichsten Deutschen veröffentlicht; 2010 wurde die Liste auf die 500 reichsten Deutschen erweitert. Laut der aktuellsten Liste besitzen die 500 reichsten Deutschen zusammengenommen ein Vermögen von 530 Milliarden Euro – fast viermal so viel wie die untere Hälfte aller deutschen Haushalte zusammen. Alleine die 16 reichsten Deutschen verfügen mit 136 Milliarden Euro über das gleiche Vermögen wie die 20 Millionen Haushalte Deutschlands am unteren Ende der Vermögensskala.

Erstaunlich ist die Dynamik, mit der die Vermögen der Superreichen in den letzten Jahren gewachsen sind. Kamen die Top 100 des Manager Magazins im Jahr 2004 noch auf ein Gesamtvermögen von 245 Milliarden Euro, so waren es 2013 bereits 337 Milliarden Euro – ein Wachstum um 38 Prozent.

Interessant ist auch ein Blick in die Vergangenheit: In der starren Klassengesellschaft des Kaiserreichs verfügten im Jahre 1908 die drei reichsten deutschen Familien (Rothschild, Krupp und Henckel von Donnersmarck) über ein Gesamtvermögen von 580 Millionen Goldmark; kaufkraftbereinigt entspräche diese der heutigen Summe von 3 Milliarden Euro. Die drei reichsten Familien der Gegenwart (Albrecht/Aldi, Quandt/BMW, Schwarz/Lidl) kommen zusammengenommen auf 59 Milliarden Euro – also auf fast das Zwanzigfache ihrer Vorgänger aus der Kaiserzeit. In der aktuellen Liste würden die Familien Rothschild, Krupp und Henkel von Donnersmarck übrigens nicht in den Top 100 vertreten sein.

Wenn man fragt, wem Deutschland gehört, muss man natürlich auch Namen nennen. Das tut die Top-500-Liste des Manager Magazins. Neben zahlreichen Industriellen, deren Betriebe übrigens in fast allen Fällen entweder älter als die Bundesrepublik sind oder in der Nachkriegszeit gegründet wurden, finden sich dort auch die Lieblinge der Yellow Press wieder. Hauptberufliche Erben wie die Familie von Thurn und Taxis (550 Millionen Euro Vermögen), Ernst August von Hannover (400 Millionen Euro) und die Familie von Bismarck (250 Millionen Euro) sind wohl fast jedem durch die interessanten Illustrierten beim Friseur ein Begriff. Neben dem Who’s Who des deutschen Geldadels sind in der Liste aber auch einige interessante Personen zu finden, bei denen sich ein näherer Blick auf die Quelle und die Verwendung des Reichtums lohnt.

Die Billigheimer

Wer hätte das gedacht – statistisch ist nicht Starnberg, Bad Homburg oder Kampen, sondern die beschauliche Ruhrgebietseinöde Essen-Schuir die reichste Stadt Deutschlands. Dort lebt Karl Albrecht, der zusammen mit seinem Bruder Theo seit gefühlten Ewigkeiten den Titel "reichster Deutscher" trägt. Mit einem geschätzten Vermögen von 33 Milliarden Euro gehört die Familie der Discount-Giganten, die Deutschland in Aldi Nord und Aldi Süd geteilt haben, auch heute zu den reichsten Familien der Republik.

Theo Albrecht ist 2010 im Alter von 88 Jahren verstorben, sein Bruder Karl ist vor wenigen Tagen gestorben. Da stellt sich unwillkürlich die Frage, ob und wie viel Geld bei der Übertragung des immensen Familienvermögens an die nächste Generation über die Erbschaftssteuer an den Staat fällt. Die Antwort: gar nichts! Beide Albrecht-Brüder haben ihr gesamtes Betriebsvermögen nämlich bereits zu Lebzeiten steuervergünstigt in Familienstiftungen übertragen, deren jeweiliger Zweck es ist, die Nachkommen zu alimentieren und den Konzern zu steuern. Dafür fällt nun alle 30 Jahre eine sogenannte Erbersatzsteuer an, die ebenfalls steuerlich begünstigt ist. Ausschüttungen der Tochterunternehmen an die Stiftung sind übrigens generell steuerfrei.

Das "Schwarzbuch Markenfirmen" wirft Aldi vor, die gewerkschaftliche Organisierung der Mitarbeiter weitestgehend zu unterbinden. Als die Süddeutsche Zeitung über die "schikanösen Arbeitsbedingungen" bei Aldi schrieb und die Behinderung der Betriebsräte kritisch kommentierte, entfielen plötzlich für einige Zeit die ganzseitigen Anzeigen des Discounters. Aldi bezahlt seine Mitarbeiter zwar besser als die direkte Konkurrenz, dennoch liegen die Gehälter unter dem Bundesdurchschnitt. Dafür werden Zulieferer systematisch unter Kostendruck gesetzt, sodass bei ihnen Niedriglöhne und prekäre Arbeitsverhältnisse die Regel sind. Somit ist Aldi ein Grenzfall und der gesellschaftliche Nutzen dieses Unternehmens bestenfalls fragwürdig. Ein Teil des Unternehmenserfolgs beruht auf der schlechten Bezahlung der Mitarbeiter und der Zulieferer.

Noch negativer fällt die gesellschaftliche Bilanz beim drittreichsten Deutschen aus: Dieter Schwarz (geschätztes Vermögen 13 Milliarden Euro) stieg direkt nach seinem Abitur in das familieneigene Handelsunternehmen ein und schuf 1973 den Aldi-Konkurrenten Lidl. Alle Kritikpunkte, die auf Aldi zutreffen, treffen auch auf Lidl zu – oft sogar noch in viel stärkerem Maß. Auch Dieter Schwarz hat sein Vermögen zu Lebzeiten in eine Stiftung übertragen, die im Unterschied zu den Stiftungen der Albrecht-Brüder als gemeinnützige GmbH firmiert. Dadurch ist sie nicht nur nahezu komplett von der Erbschaftssteuer befreit, sondern muss auch keine Körperschaftssteuer zahlen.

Obgleich die Stiftung 99,9 Prozent der Anteile an der Dachgesellschaft von Lidl und Kaufland hält, besitzt sie kein Stimmrecht und ist somit im operativen Geschäft vollkommen machtlos. 100 Prozent der Stimmrechte hält die Schwarz Unternehmenstreuhand KG, die lediglich mit 0,1 Prozent an der Dachgesellschaft beteiligt ist – auf dem Papier gehören Schwarz also nur 13 Millionen und nicht 13 Milliarden Euro. Der Eintrag im Manager Magazin ist jedoch vollkommen korrekt, da Stiftungen in aller Regel die wahren Vermögensverhältnisse verschleiern.

Neben den Albrechts und Dieter Schwarz haben auch zahlreiche andere Superreiche ihr Vermögen im Einzelhandel gemacht. Dazu zählt die Familie Deichmann (3,35 Milliarden Euro), die ihre Schuhkette über eine Vielzahl von Tochter- und Vertriebsgesellschaften steuert, die nicht der Publizitätspflicht unterliegen und steueroptimiert von einer Familienstiftung im schweizerischen Luzern verwaltet werden. Sollte Heinz-Horst Deichmann, der in diesem Jahr 88 Jahre alt wird, dereinst das Zeitliche segnen, wird der Fiskus leer ausgehen.

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