Alles auf der Flucht im Pulverfass Libyen

28.07.2014

Die Regierung ist kollabiert, gegen die überhandnehmenden Machtkämpfe zwischen Milizen ist noch kein Rezept gefunden; westliche Regierungen evakuieren ihre diplomatischen Vertreter

Es liegt nahe, dies als Metapher für den Zustand des ganzen Landes zu nehmen: Ein Treibstofflager in der Nähe des Flughafens der Hauptstadt Tripoli ist von Raketen getroffen in Brand geraten. Laut der staatlichen Ölgesellschaft National Oil Corporation (NOC) befinden sich im Speicherbehälter sechs Millionen Liter Benzin. Bedrohlich sei die Lage aber auch durch daran angrenzende Tanks mit mehr als 90 Millionen Litern Fassungsvermögen. Weil auch ein benachbarter Ergassspeicher Feuer fangen könnte, fürchtet man "eine gewaltige Explosion", die in einem Umkreis von bis zu fünf Kilometern schwere Schäden anrichten könne.

Es ist nicht die einzige brisante Nachricht aus einem Konfliktgebiet, das vom Krieg im Osten der Ukraine, vom Gazakrieg und von den kriegerischen Auseinandersetzungen in Syrien und im Irak an den Rand der öffentlichen Aufmerksamkeit gedrängt wurde. 97 Tote und mehr als 400 Verletzte gab das libysche Gesundheitsministerium gestern als Bilanz eines zweiwöchigen Milizenkriegs in Tripoli bekannt.

Aus Bengasi, im Osten Libyens, werden mindestens 38 Tote aus Auseinandersetzungen am Wochenende gemeldet. Die meisten davon seien Soldaten, wie Jeune Afrique berichtet, die gegen islamistische Gruppierungen kämpften. Libyen sei ins Chaos getaucht, so die afrikanische Publikation. Auch der Lagebericht des britischen Guardian hilft sich mit dem Wort Chaos.

Die Machtverhältnisse in Libyen sind unübersichtlich, ebenso die Art der Zweckbündnisse und Loyalitäten zwischen den Milizen und der Regierung (siehe dazu Von der EU aufgebaute "Grenzschutztruppen" in Libyen verselbständigen sich und Putschversuch im libyschen Schlamassel) - feststeht nur das gegenwärtige Motto so gut wie aller Ausländer.

"Rauskommen sei erstmal das Wichtigste", wird ein ausländischer Offizieller in Libyen vom Guardian zitiert. Erklärungen, warum alles so schief läuft und wer dafür die Verantwortung trage, müssten warten.

Den filmreifen Höhepunkt der "Getting-out -Aktionen lieferte die Evakuierung der Mitglieder der US-Botschaft am Samstag, ihre Flucht in Autos wurde von Kampfjets und einer Marine-Eliteeinheit begleitet. Flüchtende britische Diplomaten wurden am Sonntag beschossen; auch Vertreter der EU waren laut Guardian auf der Flucht. Die britische Botschaft, die niederländische, die französische und die deutsche riefen ihre Landsleute dazu auf, Libyen so rasch wie möglich zu verlassen.

Die Regierung der Philippinen hatte schon zuvor ihre Staatsbürger aus dem Land evakuiert, was, so Jeune Afrique eine weitere "dramatische Verschlechterung der Lebensbedingungen" nach sich zog, da 3.000 Philippinos als Ärzte und medizinisches Hilfspersonal dort tätig waren. In Ägypten ist man schockiert über den Tod von 23 Arbeitern, deren Unterkunft in Tripoli von einer Rakete getroffen wurde. Bislang appeliert die ägyptische Regierung nur daran, dass sich die verbleibenden ägyptischen Arbeiter aus den Konflikten zurückhalten, von Einreisen nach Libyen räte sie, wie alle anderen Regierungen, strikt ab. Früher war Libyens Ölindustrie ein gefragter Arbeitgeber für ägyptische Arbeitskräfte.

Und die libysche Regierung? Sie ist "kollabiert", laut Guardian. Premierminister al-Thinni sei außerstande gewesen sein eigenes Flugzeug zu besteigen, um Richtung Osten zu fliegen. Die Milizen, die den Flughafen kontrollieren, hätten ihn daran gehindert. Eigentlich sollte das neue Parlament, das künftig im Osten des Landes, in Bengasi, seinen Sitz haben sollte, am vierten August die Arbeit aufnehmen, aber wie sollen die Abgeordneten in einer umkämpften Stadt überhaupt zusammenkommen?

Schon die Wahlen im Juni standen unter dem Eindruck der Gewalt im Land, die Wahlbeteiligung fiel im Vergleich zu 2012 niederschmetternd gering aus, sie lag bei 12 Prozent. Einen klaren Sieger gab es nicht, die Islamisten gewannen etwa 30 Prozent der Sitze; die Auswertung der Stimmen lässt dazu noch viele Fragen offen.

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