"Finanzblasen sind eine Funktion der menschlichen Natur"

28.07.2014

Der langjährige Fed-Chairman Alan Greenspan erklärt sich für unschuldig am größten Finanzzyklus aller Zeiten

Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich hat das Problem der Weltwirtschaft vor kurzem auf den Punkt gebracht (BIZ: "Schuldenfalle kann nur durch einen geordneten Schuldenabbau verhindert werden"). Demnach werden die "normalen" Konjunkturzyklen seit langem von einem "Finanzzyklus" überlagert, der entstanden ist, weil die führenden Notenbanken und allen voran die Federal Reserve die Geldpolitik im Aufschwung zu langsam verschärft und im Abschwung zu sehr erleichtert hätten. Die Folge ist eine globale Überschuldung weiter Teile des privaten wie des öffentlichen Sektors, die in allen Industriestaaten zu beobachten ist und die zu zunehmend schweren Finanzkrisen führt, deren nächste wohl alle vorangegangenen in den Schatten stellen wird.

Alan Greenspan, 2007. Bild: IMF

Die Notenbanken bringt das in eine Situation, wo einerseits die geldpolitische Lockerung – weil zu viele Wirtschaftssubjekte ihre eigenen Bilanzen sanieren und ihre Schulden abbauen wollen – nicht mehr wirken, und andererseits eine Verschärfung eben diese nächste Finanzkrise ausbrechen lassen dürfte, der weder Regierungen noch Notenbanken viel werden entgegensetzten können. Schließlich sind auch die meisten Staaten überschuldet und kaum zu weiteren fiskalischen Rettungspaketen fähig, während die führenden Notenbanken mittlerweile nicht nur ihre traditionellen, sondern auch schon ihre "unkonventionellen" Instrumente bis zum Anschlag ausgenutzt haben.

Wollte man nun die Einzelperson identifizieren, die am stärksten zu dieser unschönen globalen Finanzblasenbildung beigetragen hat, kommt dafür wohl am ehesten der heute 88jährige Alan Greenspan in Frage, der von 1987 bis 2006 an der Spitze der Fed gestanden hatte. In einem Interview mit dem Finanzportal Marketwatch erklärte er sich jetzt allerdings für unzuständig und zum Opfer der eigenen Politik. So wären Finanzblasen "eine Funktion der menschlichen Natur", wofür jedoch "eine lange Periode mit stabiler wirtschaftlicher Aktivität und niedriger Inflation eine ebenso notwendige wie ausreichende Voraussetzung" sei.

I have come to the conclusion that bubbles, as I noted, are a function of human nature. We don't have enough observations, but my tentative hypothesis to what we're dealing with is that both a necessary and sufficient condition for the emergence of a bubble is a protracted period of stable economic activity at low inflation. So it is a very difficult policy problem. I do believe that central banks that believe they can quell bubbles are living in a state of unrealism.

Alan Greenspan

Genau diese Voraussetzungen habe er geschaffen - was später als "Great Moderation" bezeichnet wurde -, während er es gleichzeitig für unmöglich erklärt, mit den Mitteln der Geldpolitik gegen Blasen einzuschreiten. Notenbanker, die meinen, Finanzblasen eindämmen zu können, würden sich hingegen "in einem Zustand mangelnden Realismus befinden".

Allerdings kann Greenspan hier nicht auf sehr umfangreiche eigene Erfahrungen zurückgreifen, da er in den fast zwei Jahrzehnten an der Spitze der Fed nur einmal und das eher halbherzig versucht hatte, tatsächlich gegen derartige Übertreibungen vorzugehen:

Die Fed hatte 1994 versucht, eine Blase mit den Mitteln der Geldpolitik abzubauen und die Leitzinsen um drei Prozentpunkte angehoben, was die beginnende Aktien-Blase dann zwar tatsächlich gehemmt hatte. Als wir dann aber aufgehört hatten, uns wegen der erfolgreichen weichen Landung auf die Schultern zu klopfen, stellten wir fest, dass wir die Blase keinesfalls ausgelöscht hatten. Die Fähigkeit der Realwirtschaft, diese 300-Basispunkte-Zinserhöhung zu überstehen, hatte hingegen die Einschätzung des Marktes bezüglich der Nachhaltigkeit des Booms verändert und das Gleichgewichts-Niveau des Dow Jones Industrial Average (der bekannteste US-Aktienindex) angehoben, woraufhin die Dot-com-Blase entstanden ist.

Alan Greenspan

Das habe Greenspan zur Ansicht gebracht, dass "Finanzblasen ein Eigenleben entwickeln" und es nicht möglich sei, sie "ohne einen verheerenden Markteinbruch zu stoppen".

Allerdings hatte Greenspan schon in den ersten Monaten seiner Tätigkeit Erfahrung damit gesammelt, nach dem Platzen einer Blase mit den Mitteln der Geldpolitik "aufzuräumen". So war der Dow Jones Industrial Average am 18. Oktober 1987 um 23 Prozent eingebrochen, was bis heute der höchste Tagesverlust der Wall Street bleiben sollte, der für die Realwirtschaft jedoch so gut wie keine Folgen hatte. Wie er Marketwatch verriet, habe er am nächsten Tag jedoch den beängstigendsten Augenblick seiner gesamten Amtszeit erlebt, da Goldman Sachs nahe daran war, eine fällige Zahlung von 700 Millionen Dollar an die Continental Illinois Bank in Chicago nicht zu leisten. Das hätte die Krise laut Greenspan massiv verschärft.

Daraus habe er gelernt, was später vom Dot-Com-Crash bestätigt worden sei, dass Finanzblasen dann besonders gefährlich sind, wenn die spekulativen Übertreibungen von hohem "Leverage" (Fremdinanzierung) begleitet sind, was weder 1987 noch während der Dot-Com-Blase der Fall gewesen sei. Deshalb hätten diese Finanzmarktkrisen auch kaum auf die Realwirtschaft durchgeschlagen. Greenspan verschweigt jedoch, dass er die Leitzinsen in der Folge jahrelang sehr niedrig gehalten hatte. Dadurch ist es offenbar nicht zu der im Zuge von Finanzmarktkrisen bislang üblichen Reduktion der Überschuldung gekommen, sondern es wurde weiter aufgeschuldet– was offenbar einer Allianz aus Kreditgebern und Kreditnehmern geschuldet war, die beide sehr daran interessiert waren, die Überschuldungsvorfälle nicht schlagend werden zu lassen, sondern die Kredite langfristig zu prolongieren und dadurch immer weiter anwachsen zu lassen.

An den Finanzmärkten wurde Greenspans übliche Reaktion auf krisenhafte Erscheinungen jedenfalls bald als Greenspan-Put bekannt, der auf die Überzeugung hinaus lief, dass der "Magier" zwar nicht jeden Aktieneinbruch verhindern, aber sehr wohl dafür sorgen werde, dass die an den Finanzmärkten so sehr gefürchteten "Fat Tails" (die sehr seltenen, dafür aber extrem schmerzhaften Ereignisse in einer Wahrscheinlichkeitsverteilung) nicht Realität werden würden und daher ignoriert werden könnten - was sich ab 2007 freilich als hemmungslose Überschätzung der Möglichkeiten der Geldpolitik erweisen sollte.

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