"Neuro-Bashing" als Nachfolger des "Veganer-Bashings"

24.08.2014

Thomas Metzinger über die Hirnforschung und die Willensfreiheitsdebatte. Teil 1

Der Philosoph Thomas Metzinger hat mit seinem Buch Der Ego-Tunnel eine Debatte über die Übertragbarkeit von Ergebnissen aus der Neuro-Wissenschaft in die Philosophie und zur Autonomie des Willens ausgelöst. Zur erweiterten Neu-Auflage des Buches sprach Telepolis mit dem Autor.

Herr Metzinger, welche umwälzenden Erkenntnisse hat die Gehirnforschung in der Öffentlichkeit so prominent gemacht - und wie sind sie für den Alltag und andere Wissenschaften fruchtbar zu machen?

Thomas Metzinger: Da müssten Sie eigentlich eher einen Hirnforscher fragen als einen Philosophen. Echte Revolutionen sind in der Wissenschaft eher selten, denn die Stärke der wissenschaftlichen Methode besteht ja gerade darin, dass sie inkrementell (also in vielen kleinen Schritten) fortschreitet. Bei Parkinson und multipler Sklerose versteht man jetzt zum Beispiel die zu Grunde liegenden Mechanismen wesentlich besser, aber Depressionen und die Schizophrenie sind Beispiele dafür, dass Erkenntnisfortschritt sich leider nicht immer direkt in neuen, funktionierenden Therapien niederschlägt.

Andererseits gibt es einen interessanten Teilaspekt der aktuellen Entwicklung: Aus der Neurowissenschaft entsteht Neurotechnologie, und eine kleine Teilmenge dieser Neurotechnologien werden auch Bewusstseinstechnologien sein. Ich leite ja in Mainz die Forschungsstelle Neuroethik, wie ich aber in der erweiterten Neuauflage meines Buchs deutlich gemacht habe, brauchen wir im Grunde sogar so etwas wie eine "Bewusstseinsethik": In der Zukunft wird es Technologien geben, die immer direkter, präziser und auch immer selektiver auf das neuronale Korrelat des subjektiven Erlebens selbst zugreifen.

Was aber ist ein "guter" Bewusstseinszustand? Darüber müssen wir uns gesellschaftlich verständigen. Wir kommen um eine ethische Grundlagendiskussion nicht herum. Wichtige Zielvorstellungen sind für mich Leidensverminderung, Selbsterkenntnis, Nachhaltigkeit und die Erhöhung von geistiger Autonomie.

Können Sie das ein wenig konkretisieren?

Thomas Metzinger: Nehmen wie die Forschung zum Virtual Embodiment und Robotic Re-Embodiment::vereproject.eu als ein Beispiel. Wenn die Grundidee der Selbstmodell-Theorie richtig ist, dann gibt es eine ganze Reihe von empirischen Voraussagen, die sich experimentell bestätigen lassen müssen. Eine dieser Voraussagen ist, dass es prinzipiell möglich sein muss, das bewusste Selbstmodell im menschlichen Gehirn direkt mit externen Systemen zu verbinden - zum Beispiel mit Computern, Robotern oder auch mit künstlichen Körperbildern im Internet oder in virtuellen Realitäten.

Diese Voraussage hat sich vor kurzem bestätigt. In neuester Zeit gibt es nämliche große Fortschritte auf dem Gebiet von so genannten Brain-Computer-Interfaces (sogenannte BCIs; auf Deutsch sagt man "Gehirn-Computer-Schnittstelle", manchmal auch "Hirn-Maschine-Schnittstelle" oder "Rechner-Hirn-Schnittstelle"), und diese Fortschritte erlauben es, die empirischen Aspekte der eigentlich aus der Philosophie stammenden Selbstmodell-Theorie genauer zu untersuchen.

"PSM-Handlungen": Direktes Handeln mit dem bewussten Selbstmodell durch robotic re-embodiment: Das Ziel dieser Pilotstudie bestand darin, es einer Versuchsperson in Israel durch "direkte Gedankenkontrolle" über das Internet zu ermöglichen, einen Roboter in Frankreich zu kontrollieren: Eine Versuchsperson liegt in einem Kernspinresonanztomographen am Weizmann-Institut in Israel. Mit Hilfe einer Datenbrille sieht sie einen Avatar, der ebenfalls im Scanner liegt. Ziel ist es, die Illusion zu erzeugen, dass sie in diesem Avatar verkörpert ist. Die Bewegungsvorstellungen der Versuchsperson werden dann in Befehle übersetzt, die den Avatar in Bewegung versetzen. Nach einer Trainingsphase waren die Versuchspersonen in der Lage, über das Internet einen weit entfernten Roboter in Frankreich "direkt mit ihrem Geist" zu kontrollieren, wobei sie die Umgebung in Frankreich durch die Kameraaugen des Roboters sehen konnten1. Abbildung mit freundlicher Genehmigung von Doron Friedman.

Das Besondere an solchen Gehirn-Computer-Schnittstellen: Ohne Aktivierung des peripheren Nervensystems, des Körpers oder irgendwelcher Gliedmaßen kann eine Verbindung zwischen dem Gehirn und einem Computer hergestellt werden. Auf diese Weise entstehen neue Weisen, in der Welt zu handeln. Zum Beispiel können Gelähmte "mit Gedankenkraft" Roboterarme steuern oder Malprogramme bedienen, Gesunde haben bereits direkt aus dem eigenen Gehirn heraus Twitter-Nachrichten versandt oder sogar in Gruppen zusammen Worte buchstabiert.

Dazu wird heute entweder die elektrische Aktivität aufgezeichnet (zum Beispiel mittels EEG oder mittels implantierter Elektroden) oder es werden bestimmte Eigenschaften des Blutflusses im Gehirn gemessen (zum Beispiel durch funktionelle Magnetresonanztomografie oder Nahinfrarotspektroskopie). Die Daten werden dann mit Hilfe von Rechnern analysiert und die gefundenen Muster in Steuersignale umgewandelt.

Diese technische Entwicklung ist aus einer Reihe von Gründen philosophisch interessant, denn sie ermöglicht es nicht nur, sehr weitgehend "am biologischen Körper vorbei" in der Welt zu handeln, sondern erlaubt es auch, Theorien über die Entstehung des Ichgefühls, des präreflexiven Selbstbewusstseins, genauer zu testen als je zuvor. Viele dieser Entwicklungen sind historisch neu. Die oben abgebildete Pilotstudie aus unserem VERE-Projekt ist ein gutes Beispiel dafür, was ich eine "Bewusstseinstechnologie" nenne. Sie nimmt außerdem bereits ganz gezielt die funktionalen Grundlagen unseres Selbstbewusstseins, das körperliche Selbstgefühl, in den Blick. Was denken Sie, wo diese technische Entwicklung im Jahr 2050 stehen wird? Und welche Rolle sollte die akademische Philosophie in dieser Situation spielen?

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