Reicher Naher Osten

05.08.2014

Palästinenser und Israelis sitzen auf immensen Gas- und Ölvorkommen. Bei einer friedlichen Zusammenarbeit würde die gesamte Region davon profitieren

Konflikte im Nahen Osten sind auch immer Kriege um knappe Ressourcen. Bisher ging es vor allem um Wasser und Land, nun wurden zahlreiche Funde von Erdgas- und Erdölquellen ausgemacht. Auch wenn es sich beim derzeitigen Gazakrieg nicht vorrangig um einen Rohstoffkonflikt handelt, lohnt eine Betrachtung der neuen Kräfteverhältnisse: Nicht nur amerikanische Firmen, sondern auch Russland ist auf die neuentdeckten Bodenschätze in Nahost aufmerksam geworden.

Das US-amerikanische Institut für Kartographie (USGS) schätzt in einer Analyse, dass allein im Einzugsgebiet des östlichen Mittelmeers rund 3.455 Milliarden Kubikmeter Gasvorkommen unterm Meer und an Land rund 1,6 Millionen Barrel Öl gefördert werden könnten.

Die Karten der US-Behörden zeigen, dass nicht wenige Gas- und Ölquellen in Konfliktregionen wie zum Beispiel an der Grenze zwischen Gaza und Israel liegen. Aber auch der Libanon ist mit der Aufteilung der Meeresrechte nicht einverstanden.

Gute Neuigkeiten für Israel

Israel begann im vergangenen Jahr das erste große Gasvorkommen zu fördern. Das Tamar-Gasfeld liegt gut 90 Kilometer vor der Hafenstadt Haifa. Tamar birgt in rund 1.700 Meter Tiefe rund 240 Milliarden Kubikmeter Erdgas. Neben israelischen Firmen ist hier auch der amerikanische Konzern Noble Energy an der Förderung beteiligt.

Zusammen mit der Erschließung des noch größeren Leviathan-Gasfeldes könnte Israel sogar zum Gasexporteur werden. Die Gasvorkommen rund 130 Kilometer vor Haifa gehören zu den reichsten entdeckten Offshore Gasvorkommen der letzten Jahre. Mit rund 450 Milliarden Kubikmetern könnte das Leviathan-Gas Israel rund 100 Jahre lang versorgen, meinen Experten.

Derzeit arbeitet das Energieministerium an Kalkulationen, wie neben der israelischen Versorgung gleichzeitig auch Gas exportiert werden kann.

Öl-und Gasfelder im östlichen Mittelmeer; Levant-Basin. Foto:US Energy Information Administration; gemeinfrei

Das sind gute Neuigkeiten für den Staat Israel, der außer viel Wüste an Ressourcen bisher nicht viel zu bieten hatte. Vom Energieimporteur zum Exporteur zu werden fördert die Ambitionen der israelischen Regierung weitgehend unabhängig von anderen Handelspartnern zu werden wie beispielsweise von Energieimporten aus Ägypten.

Auch in palästinensischen Hoheitsgebieten wurde Gas und Öl entdeckt

Doch nicht nur in Israel, sondern auch in palästinensischen Hoheitsgebieten wurde Gas und Öl entdeckt. Das Gas vor der Küste des Gazastreifens wurde sogar schon Ende der 1990er Jahre gesichtet. Als erstes erwarb das britische Gasunternehmen BG Group 1999 Bohrrechte für die vermuteten Gasvorkommen. Im Jahr 2000 fanden die ersten Testbohrungen statt, 2001 sogar erste Untersuchungen zum Bau einer Pipeline ans palästinensische Festland.

Für Gaza und das Westjordanland wären die unverhofften Rohstoffe auf dem eigenen Territorium eigentlich ein Segen. Somit könnte die Abhängigkeit von israelischem Strom reduziert und auch elende Dieselgeneratoren abgeschafft werden. Millionen Euro könnte die Autonomiebehörde so pro Jahr einsparen und in soziale oder ökonomische Projekte stecken.

Da Gaza’s Gasvorkommen nur 30 Kilometer von der Küste entfernt sind, lassen sie sich laut Experten sogar leichter fördern als die anderen von Israel kontrollierten Gasfelder.

Geschäfte mit der Hamas?

Eine Ausbeute von palästinensischem Gas hätte aber de facto bedeutet, dass auch Israel eventuell mit der Hamas Geschäfte machen muss. Unter einer "Regierung der nationalen Einheit", wie sie 2006 zusammen mit der Fatah im Westjordanland angedacht war, wäre ein solcher Export vielleicht noch zu denken gewesen. Eine palästinensische Ölförderung unter einem von der Hamas regierten Gazastreifen allerdings wird bis heute von Israel blockiert.

So verhinderte die durchgehende Blockade des Gazastreifens durch Israel komplett eine Förderung des Gases vor Gazas Küste. Der Gaskonzern BG schloss sein Büro 2008 in Israel, ist aber weiterhin in Kontakt mit der Autonomiebehörde, wie es auf der Seite des Konzerns heißt.

Auch die Politik versuchte in der Gasfrage zu vermitteln: Das Nahost-Quartett unter der Führung von Tony Blair bot den Palästinensern an, ihre Einnahmen aus dem Gasgeschäft auf ein internationales Konto zu überweisen. Die in Gaza regierende Hamas lehnte dies jedoch ab - damit verliefen auch diese Versuche einer Einigung im Sande.

Putin und Gazprom

Trotz der Blockade von Gaza beschlossen Palästinenserchef Mahmud Abbas und der russische Präsident Präsident Wladimir Putin im Januar dieses Jahres, in Sachen Gas- und Ölförderung enger zusammen zu arbeiten. Die Erforschung und Förderung sollte der russische Gasriese Gazprom übernehmen. Die Russen hatten schon im Dezember 2013 in Syrien einen Fördervertrag über 25 Jahre für weitere Gasquellen im Levantischen Meer unterzeichnet, wie Medien Anfang des Jahres berichteten.

Dies könnte Moskaus erster Zugang zu den Gasvorkommen im östlichen Mittelmeer werden. Bisher haben vor allem amerikanische Öl- und Gasriesen wie Noble Energy, die zu den größten Unternehmen der USA gehören, in der Region Förderzuschläge bekommen - vor allem in Zusammenarbeit mit Israel und seinem größten Gasunternehmen Delek-Group. Ein Konzern wie Gazprom, der mit Syrien zusammenarbeitet und mit Gaza Verträge abschließt, ist Israel wohl eher ein Dorn im Auge.

Eine mögliche Zusammenarbeit mit dem russischen Unternehmen Gazprom konkretisierte sich dann im Juni, da die neue palästinensische Regierung - und die damit einhergehende formelle Annäherung von Hamas und Fatah - einen verbindlichen Vertragsabschluss mit Gazprom wahrscheinlicher machte.

Gut 10 Tage nach der Vereidigung der neuen Regierung kam es jedoch zur Entführung der drei jungen Israelis, dann zu deren Mord und so zum Beginn des bis heute anhaltenden militärischen Konfliktes. Angesichts der enormen Zerstörungen im Gazastreifen hat sich eine Gas- oder Ölförderung in den palästinensischen Gebieten damit bis auf weiteres erstmal erledigt.

Osloer Verträge schreiben Zusammenarbeit zwischen Israel und den Palästinensern vor

Für die palästinensische Seite ist der Streit um die Gasförderung nur ein weiteres Beispiel für die Besatzungspolitik Israels. Palästinensische Journalisten und Forscher wie Anais Antreasyan vom Institut für palästinensische Studien konstatieren, dass es seit jeher die Politik Israels sei, die Ressourcen der Region - ob Land oder auch Wasser - zu kontrollieren und damit eine wirtschaftliche Entwicklung der Palästinenser zu verhindern.

Israelnahe Stimmen sowie Vertreter der großen Gasunternehmen wie Noble Energy betonen hingegen, dass die Rohstoffe im aktuellen Konflikt keinerlei Bedeutung hätten. Mit den Gasfeldern Tamar und Leviathan hätte Israel genügend Gas, um sich selbst zu versorgen und gleichzeitig zu exportieren. Zwar seien die Gaza-Quellen leicht und kostengünstig zu erschließen, jedoch hätte man das seit der Entdeckung der Leviathan-Gasvorkommen schlicht nicht mehr nötig.

Scharfe Vorwürfe von palästinensischer Seite gibt es auch bei den Ölquellen: Die Quelle Meged-5 in an der Grenze zwischen Israel und der Westbank hätte ursprünglich in einem von den Palästinensern kontrollierten Gebiet der Westbank gelegen. Israel hingegen habe beim Bau der Sperranalage im letzten Jahr die Ölquelle einfach einkassiert.

Andere, moderatere Stimmen verweisen darauf, dass das israelische Unternehmen Givot Olam die Ölquelle schon in den 1990er Jahren entdeckt habe und seit 2004 bereits eine Erlaubnis der israelischen Regierung besitze.

Zwar sei es gut möglich, dass das Ölreservoir auch in die palästinensischen Gebiete hineinreiche, jedoch müsste die Autonomiebehörde schlicht aktiver werden und sich in Zusammenarbeit mit Investmentfonds und Förderunternehmen seinen Teil am Kuchen sichern.

Im Osloer-Friedensprozess hingegen wurde schon 1993 festgeschrieben, dass Israelis und Palästinenser verpflichtet seien, im Energiebereich miteinander zu kooperieren. Schon in diesen Beschlüssen wird die gemeinsame Ausbeute von Öl und Gas erwähnt und die gegenseitige Unterstützung beim Bau von Ölpipelines. Wie so viele Friedensabkommen in Nahost ist auch dieses jedoch nur Makulatur geblieben.

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