Ist es heutzutage noch attraktiv, sozial und fürsorglich zu sein?

09.08.2014

"Ellenbogen raus!" - Eine große US-Studie offenbart, was Schüler von ihren Eltern lernen. Für die Zukunft verheißt das eine weitere Abkühlung der Verhältnisse

Vertragen sich Ehrgeiz und Empathie? Der Klassenbeste in der Abschlussklasse einer Grundschule bekommt im Zeugnis in allen Fächern eine glatte Eins, aber in Sozialverhalten nur ein "Befriedigend". Als er erfährt, dass ein Mitschüler sitzengeblieben ist, zeigt er offene Schadenfreude.

Anders gefragt: Ist in unserer von Ehrgeiz geprägten Gesellschaft Empathie überhaupt noch erwünscht? Im Zeugnis eines anderen Jungen steht in der Rubrik Sozialverhalten, dass er hilfsbereit und rücksichtsvoll ist, auch bereit, eigene Interessen zurückzustellen. Anstatt stolz darauf zu sein, befürchten seine Eltern, dass er zu wenig "Biss" hat, um im Haifischbecken des Arbeitslebens zurechtzukommen.

Das kleine Wörtchen "nett" ist in den letzten Jahren in Verruf geraten, siehe Sprüche wie "Nett ist die kleine Schwester von Scheiße". Dazu passt irgendwie, dass Menschen, die soziale Berufe ergreifen, konsequent abgestraft werden, indem sie lächerlich wenig verdienen (siehe dazu David Graeber in einem lesenswerten Interview zur gegenwärtigen Arbeitswelt: "Es scheint eine Regel zu geben: Je mehr Ihre Arbeit anderen nutzt, desto weniger Geld bekommen Sie dafür.")

Ist es heutzutage noch attraktiv, sozial und fürsorglich zu sein oder ist sogar kaum noch vertretbar?

Richard Weissbourd von der Harvard University in Cambridge hat 10.000 Schüler im Alter von 12- 18 Jahren befragt, was für sie im Leben am wichtigsten ist: Leistung, Glück oder für andere da zu sein. Das Ergebnis seiner Studie: 80 Prozent entscheiden sich für Leistung und Glück, während nur 20 Prozent die soziale Kompetenz auswählten. Wurde Fairness und harte Arbeit gegenübergestellt, entschieden sich die meisten gegen die Fairness.

Ein wenig überraschendes, aber laut Jugend-und Familienpsychologe Rick Weissbourd doch sehr trauriges Ergebnis:

Wenn die Heranwachsenden nicht das Für-Andere-Dasein und Fairness über den persönlichen Erfolg stellen - und wenn sie die Gleichaltrigen ("Peers") so einschätzen, dass sie sogar mit noch geringerer Wahrscheinlichkeit solchen ethischen Werten Vorrang einräumen - , dann wächst das Risiko, dass sie zu verletzenden Verhaltensweisen neigen, dass sie etwa grausam handeln, verächtlich und unehrlich. Diese Verhaltensformen haben sich leider viel zu sehr verbreitet.

Die Hälfte der Schüler von High-Schools geben zu, dass sie sich bei Prüfungen Vorteile erschlichen haben und drei Viertel sagten, dass sie die Hausarbeiten von Mitschülern abgeschrieben haben. Fast 30 Prozent der Schüler von Middle und High Schools berichtet, dass sie im Schuljahr 2010/2011 von anderen schikaniert und drangsaliert wurden. Im selben Schuljahr berichtete mehr als die Hälfte der Mädchen der Klassen 7 bis 12, dass sie mindestens einmal sexuellen Belästigungen an der Schule ausgesetzt waren.

Offenbar, so stellt Weissbourd fest, herrscht eine Kluft zwischen dem, was Eltern als schön klingende Erziehungsmaximen vorgeben und dem, was sie ihren Kindern vorleben und eintrichtern. Die meisten Eltern würden in Befragungen angeben, dass sie sich sozial starke und hilfsbereite Kinder wünschen, sich im Alltag aber ganz anders verhalten. In brachialer Direktheit, so eine Mutter, die ihren Sohn am Wochenende zu Fußballspielen in einer höheren Jugendklasse begleitet, sei dies an Zurufen und Verhaltensweisen der zuschauenden Eltern abzulesen, es gelte: "Ellenbogen raus", Arroganz und Verachtung gegenüber jeglicher Konkurrenz, letztlich auch gegen die im selben Trikot.

Die Lösung für die Probleme, die daraus entstehen, sei im Ansatz unkompliziert, aber nicht einfach, so der Familienpsychologie Weissbourd. Eltern müssten erkennen, dass sie Teil des Problems sind. Die Erwachsenen sollten sich die Botschaften genauer anschauen, die sie durch ihr Alltagsverhalten an ihre Kinder übermitteln.

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