Unterrichtsversorgung in Gefahr

20.08.2014

In Bayern gibt es offenen Streit darüber, ob die Staatsregierung die Schulen mit genügend Lehrerstunden ausstattet

Mitte Juli ließ eine kurze dpa-Meldung aufhorchen. Der bayerische Kultusminister Ludwig Spaenle konnte offensichtlich eine vom Wirtschafts- und Finanzministerium geplante Streichung von etwa 830 Lehrerstellen gerade noch abwenden. Die teilweisen heftigen Reaktionen und massiven Proteste, die diese Budgetkürzung ausgelöst hatten, insbesondere bei der Opposition und den Lehrerverbänden, waren anscheinend von Erfolg gekrönt.

Danach soll laut Spaenle gut ein Viertel dieser geretteten Stellen, die ursprünglich Teil einer "demografischen Rendite" sein sollte, die immer dann zur Anwendung kommt, wenn die Schülerzahlen sinken und Lehrerstunden dadurch überzählig werden, für den Ausbau und den Unterhalt gebundener Ganztagesklassen verwendet werden, ein weiteres knappes Viertel hingegen für die mobile Lehrerreserve im Gymnasium und die Umsetzung des sogenannten Flexibilisierungsjahres, mit dem das neunjährige Gymnasium quasi durch die Hintertür wieder eingeführt werden soll.

Die restlichen Lehrerstellen wiederum sind für die Seminarschulen an den Gymnasien vorgesehen, für die Inklusion behinderter Schüler in den normalen Schulbetrieb etwa bzw. den Einsatz an Realschulen, die, was die Nachfrage angeht, mittlerweile aus allen Nähten platzen und deswegen längst - auch zum Selbstschutz - dazu übergegangen sind, Schülern, die via Probeunterricht noch um Aufnahme nachsuchten, den Zutritt durch striktere Korrekturen zu verweigern.

Es fehlt an allen Ecken und Enden

Von den Grund-, Mittel- und Förderschulen ist in diesem Bericht überraschenderweise nicht die Rede. Sie bekommen von der "Stellenrettung" offenbar nichts ab. Dabei leiden auch sie, insbesondere die frühere Hauptschule, der man seit einigen Jahren ein neues Etikett verpasst hat, ohne dass sich an ihrem Inhalt und ihrer Struktur etwas geändert hätte, seit Jahren unter dem Spardiktat und der Kürzung von Lehrerstunden.

Noch ein paar Wochen davor hatte der Bayerische Lehrerinnen und Lehrverband (BLLV), die Interessensvertretung vor allem dieser Lehrerschaft, in einer Pressemeldung Alarm geschlagen und den "großen Personalmangel" an diesen Schultypen beklagt. Mittlerweile gebe es überall "Hilferufe verzweifelter Schulleiter und Lehrkräfte aus ganz Bayern", die den "Notstand" an ihren Schulen ausgerufen hätten.

Allerorten seien die "mobilen Reserven", also jene Lehrer, die einspringen, wenn Kollegen erkranken oder auf Fortbildung weilen, in Mutterschutz gehen, abgestellt werden oder Prüfungen abnehmen usw., aufgebraucht. Die Lage sei dramatisch, an allen Ecken und Enden fehlten die Lehrer, so eine Personalvertreterin des Verbandes. Die Verantwortlichen vor Ort wüssten nicht mehr, "wie sie diese Löcher noch stopfen sollten".

Fachfremder Einsatz

Um diese Lücken aufzufangen und zu füllen, würden fachfremde Kräfte, beispielsweise Fachlehrer für Werken und textiles Gestalten, von einem Tag auf den anderen für den Deutsch- oder Mathematikunterricht eingesetzt. Für Lehrkräfte sei es längst an der Tagesordnung, dass ganze Klassen bei Erkrankungen oder Absenzen von Lehrkräften aufgeteilt würden, dass Erstklässler bei Viertklässlern, Achtklässler bei Fünftklässlern den Vormittag oder einige Tage verbrächten oder dass ein Lehrer mehrere Klassen gleichzeitig und am Stück unterrichten oder mitführen müsste, obwohl das ab einer Größe von mehr als 28 Schülern laut Schulamt eigentlich nicht erlaubt sei.

In der Statistik des Kultusministeriums tauchten diese Notmaßnahmen, obwohl die Schüler nicht unter Beaufsichtigung stünden und auch kein geregelter Fachunterricht stattfände, aber nicht als "Unterrichtsausfall" auf. Auf diese Weise kämen nicht nur regelmäßig diesbezüglich geschönte Zahlen an die Öffentlichkeit, die die wahre Realität an den Schulen verschleierten. Auch die hochgesteckten und ehrgeizigen schulpolitischen Ziele, die sich die Staatsregierung alljährlich oder in jeder Amtsperiode gern stecke, könnten keinesfalls umgesetzt werden.

Löcher und Lücken stopfen

Völlig unklar sei beispielsweise, wie die Integration behinderter Schüler in den täglichen Unterrichtsbetrieb (Inklusion), den die Regierung zu einer ihrer Hauptziele gemacht hat, erfolgreich gestaltet werden könnte. Ohne zusätzliches Personal sei das, wie jedermann weiß, von den Lehrkräften weder zu schultern noch zu leisten. Im Gegenteil, unter den gegebenen Umständen und Bedingungen, die in den dafür vorgesehenen Regelklassen herrschten, würden vielmehr alle noch mehr leiden: gute und schwache Schüler, behinderte und nichtbehinderte Schüler, Lehrkräfte, Hilfslehrer und anderes pädagogisches Personal.

Einen Monat davor, Anfang Juni, hatten der Personalrat und die Personalversammlung beim Staatlichen Schulamt Regensburg bereits einen Brandbrief an den Kultusminister mit Abdruck an die zuständigen Abgeordneten und Vertreter des Bildungsausschusses verfasst, darin vor allem den Personalmangel im Schulamtsbezirk angeprangert und darauf hingewiesen, dass inzwischen die unterrichtliche Grundversorgung der Schüler nicht mehr gewährleistet und aufrechtzuerhalten sei. Bereits Anfang des Schuljahres, mithin im September, seien zwei Drittel der mobilen Reserven aufgebraucht, verplant oder langfristig eingesetzt worden.

Zwar habe man, um die ärgsten Notfälle zu beheben, darauf reagiert, fachfremde Kräfte aus dem Realschul- und Gymnasialbereich kurzfristig eingestellt und sie mit befristeten Verträgen ausgestattet. Diese Praxis ändere aber nichts an der Tatsache, dass viele Klassen nur noch mit Notprogrammen bis zum Jahresende versorgt werden konnten, Pflichtunterricht und Förderstunden für rechen-, lese- oder rechtschreibschwache Schüler dem Rotstift zum Opfer fielen und Arbeitsgemeinschaften, sogenannte AGs, gar nicht mehr stattfanden.

Von "Qualitätsentwicklung" und Qualitätsmanagement", von dem die Staatsregierung gern in ihren Sonntagsreden spräche, sei längst keine Rede mehr. Auf eine Reaktion der Behörde oder eine entsprechende Antwort warten die Beschäftigten, knapp zwei Monate nach Abfassung des Antrags, allerdings noch immer.

Streit um Deutschförderung

Verwundern kann das kaum. Schlimmer noch! Als etwa der Staatliche Leiter des Regensburger Schulamtes, Heribert Stautner, in der hiesigen Presse Mut bewies und die Streichung des Stundenbudgets für die Deutschförderung von Migranten an Grund- und Mittelschulen um gut zwölf Prozent öffentlich machte, wurde er von der übergeordneten Behörde öffentlich gemaßregelt und abgemahnt.

Durch diesen Wegfall von Lehrerstunden könnten die über 3800 Migrantenkinder an Grund- und Mittelschulen nicht nur nicht mehr ausreichend gefördert werden, sondern für Ausländerkinder, die auf dem flachen Land oder zu weit weg von einer Übergangsklasse wohnten, fiele auch Deutsch als Fremdsprache völlig flach.

Schon ein paar Tage drauf wurde der Schulamtsleiter, der diesen Wegfall noch mit dem Einsatz ehrenamtlicher Helfer kompensieren wollte (Weniger Deutsch für Migrantenkinder) von der Regierung der Oberpfalz zurückgepfiffen.

Umgehend musste er in derselben Zeitung zurückrudern und zugeben, dass seine Zahlen nicht den Tatsachen entsprächen, seine Erhebung vielmehr "auf einer fehlerhaften Datengrundlage" beruht und er sich folglich und darum verrechnet habe (Riesenwirbel um Deutschförderung. Entsprechende Nachfragen bei davon betroffenen Schulen und Schulleitern ergaben jedoch, dass der Schulamtsleiter vollkommen korrekt gerechnet hatte und die Zahlen sehr wohl ihre Richtigkeit hätten.

Jeder kann alles unterrichten

Dass dies alles nicht vom Himmel gefallen ist, vollmundige Versprechen vor Wahlen gemacht werden, Streichungen und Kürzungen hingegen nach Beginn einer neuen Wahlperiode die Regel sind sind, bestätigt auch eine Pressemitteilung der GEW zu Beginn des Schuljahres Bereits im September 2013 hatte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, die im Gegensatz zum BLLV die Lehrkräfte aller Schultypen vertritt, auf die unhaltbaren Zustände bei der Klassenbildung, der Unterrichtsversorgung und bei der Einstellung erfolgreich ausgebildeter Lehrer an den allgemeinbildenden Schulen hingewiesen.

So habe man bereits vor einem Jahr etlichen Junglehrern nach Ablegung ihrer Prüfungen nur befristete Arbeitsverträge angeboten, denen pünktlich zu Ferienbeginn wieder gekündigt werde, damit man sie in dieser Zeit nicht bezahlen müsse. Realschullehr- und Gymnasiallehrern, die arbeitslos waren oder keine Stelle bekommen hatten, habe man zur Deckung des unterrichtlichen Bedarfs stundenweise, für fachfremde Jobs und unter Tarif versteht sich, an Mittelschulen geschickt, um den dortigen Unterrichtsausfall notdürftig überbrücken zu können.

In Niederbayern ist man inzwischen besonders erfinderisch, wenn es um das Stopfen von unterrichtlichen Löchern geht. Dort ist es Usus geworden, Junglehrern, die im Februar ihre erste Lehramtsprüfung abgelegt haben, einen Arbeitsvertrag anzubieten, um diese, bevor sie dann die zweite, also praktische Ausbildungsphase, beginnen und als Lehramtsanwärter ihren Dienst tun, für ein halbes Jahr an den Schulen als mobile Reserve mit dem klangvollen Titel "Mobile Reserve 0" unterrichten zu lassen. Was die Ausbildung im Grunde ad absurdum führt.

Business as usual

Gewiss, das laute Jammern und das öffentliche Wehklagen von Lehrkräften und ihrer Verbände ist alles andere als neu. Das Klappern gehört zum Geschäft, besonders wenn es um das Feilschen von Stellen, um Klassengrößen und die Ausstattung der Schulen mit Bildungsmittel geht.

Zudem sollte man vielleicht auch noch wissen, dass der Brandbrief des BLLV bezüglich des "Personalmangels" und eines unmittelbar bevorstehenden "Bildungsnotstandes" angeht, just vor den anstehenden Wahlen zum Hauptpersonalrat im Juli publiziert wurde und der Verband, sicherlich nicht ganz uneigennützig, auf den Gewinn zusätzlicher Wählerstimmen geschielt hat.

Und schließlich gehören auch das öffentliche Erheben überzogener Forderungen, wie sie der Vorsitzende der Standesvertretung, Klaus Wenzel, jüngst in einem offenen Brief an den bayerischen Ministerpräsidenten erhoben hatte, nämlich 25 Prozent der Steuermehreinnahmen in die Bildung, mithin in die Ganztages- und Kinderbetreuung, Lehrer- und Unterrichtsversorgung fließen zu lassen, zum politischen Geschäft mit dazu.

Fakt ist aber auch, dass es in den meisten bayerischen Schulamtsbezirken viel zu wenig Mobile Reserven gibt, die erkrankte oder anderweitig beschäftigte Lehrkräfte vertreten könnten. Aufgrund der Belastung, der sie etwa an Brennpunktschulen ausgesetzt sind, oder aufgrund der Altersstruktur, die im Schnitt bei etwa 54 Jahren liegt, ist es nicht ungewöhnlich, dass Lehrkräfte öfter und vielleicht auch länger erkranken als andere.

Hinzu kommt, dass der schwieriger werdende Unterrichtsalltag sowie auch dienstrechtliche Regelungen es mit sich bringen, dass sich Schwangere mittlerweile viel früher krank schreiben lassen und lange vor Beginn der obligatorischen Mutterschutzzeit zu Hause bleiben. Ob das alles vielleicht auch mit der öffentlich viel beklagten "Wehleidigkeit" von Lehrkräften zu tun haben könnte oder gar mit der staatlichen Rundumversorgung, die das Land seinen verbeamteten Lehrkräften auch zukommen lässt, sei mal dahingestellt.

Zu drastischeren Mitteln greifen

Wie auch immer, um dem "Notstand" an ihren Schulen zu beheben, sind manche Schulleiter mittlerweile dazu übergangen, Auflistungen ausgefallener Stunden zu machen, diese penibel zu dokumentieren und an die zuständigen Behörden und/oder Bezirksregierungen weiterzureichen. Ob diese Listen dort allerdings Gehör finden und auf fruchtbaren Boden fallen, wird man getrost bezweifeln dürfen.

Besser wäre es, wenn die Schulleiter mehr Mut beweisen würden, Vormittagsunterricht tatsächlich ausfallen und ganze Klassen entweder heimschicken oder gar nicht erst in die Schule kommen lassen würden, und zwar mit der naheliegenden Begründung, dass man derzeit niemanden habe, der die Schüler fachgerecht versorgen und unterrichten könne.

Würde dies in die Tat umgesetzt, würden die Eltern viel hellhöriger werden. Sie würden mitbekommen, wie es die Staatsregierung mit ihrer Einstellungspolitik hält und sich das so vielleicht nicht mehr gefallen lassen. Auch nach Beginn einer neuen Amtsperiode.

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