Die Ungleichheitsmaschine

06.09.2014

Eine Übersicht zu "Capital" von Thomas Piketty

Der Kapitalismus ist eine Ungleichheitsmaschine. Unerlässlich für ihr Funktionieren ist, dass sie ständig durch Beigaben eines "neuen Sinns für Gerechtigkeit" (Stefan Kaufmann) geölt wird. Dazu hat die Publikation "Capital in the twenty- first century von Thomas Piketty offenbar beträchtlich beigetragen. Was steckt dahinter?

Hat man viel, so wird man bald
Noch viel mehr dazubekommen.

Heinrich Heine, Weltlauf

Sicherlich hat die überwältigende Resonanz primär in den USA, generell im angloamerikanischen Raum, auch in Frankreich und - deutlich weniger - in Deutschland und anderen europäischen Ländern mit der Krise der neoliberalen Situation zu tun, die sich in den USA mit anderen spezifischen Krisen verband: dem Zusammenbruch des imperialen Triumphalismus des unilateralen Kriegertums der Bush-Zeit (und auch der späten Clinton-Zeit), der dazu führte, dass die ein Jahrzehnt andauernde Debatte über das US-amerikanische Empire 2006 abrupt beendet wurde und damit zugleich die Kraft einer machtvollen, imaginären Gemeinschaftlichkeit. Dann die Dot-com-Krise, welche die technologische, und die große Krise seit 2007/8, welche die ökonomische Illusion der US-Suprematie beschädigten. Die Obama-Enttäuschung links und die Stagnation der Teaparty rechts. Endlich in der Folge die Occupy-Wall-Street-Revolte, die mit dem "we are the 99%" auch die "1 %" in die politische Öffentlichkeit brachte.

Das Thema Ungleichheit, das schon in den 80ern unter Reagan zeitweise eine neue Rolle spielte, trat nun in den Vordergrund und verschwand nicht mehr - ein Reflex auf eine Krisenbewältigung, die im letzten Jahrfünft zu einer massiven Beschleunigung des Einkommens- und Reichtumszuwachses aller Spitzengruppen des Elitenspektrums führte. Eine "Recovery" der eigenen Art. Kaum ein Land, in dem mittlerweile die rich list nicht ein eigenes Medienformat geworden wäre.

In dieser Situation beginnt sich das Gleichheitsversprechen als die eigentliche große, integrative Sozialerzählung des Kapitalismus aufzulösen und die Matrix der liberalen Rechtfertigungen der Ungleichheit gleich dazu. Das gilt auch für das einschlägige große "Märchen" (Piketty) in den US-Wirtschaftswissenschaften, das 1953 der damalige Präsident der American Economic Association Simon Kuznets ("Economic Growth and Income Inequality") formulierte, wonach die wachsende Ungleichheit in der Entstehungszeit des Kapitalismus von einer gleichsam ewigen Phase zunehmender Gleichheit abgelöst worden sei - eine Erzählung, die gut in die kalte Zeit der Systemkonkurrenz passte. Bekanntlich hat an diese Annahme eine überwiegende Menge gerade US-amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler sehr dauerhaft geglaubt (und tut es immer noch), damit sie nicht aus dem Gleichgewicht kommt, um das ihre Disziplin so hartnäckig kreist.

Natürlich sind Märchen wie Versprechen (und Zusatztexte wie die vom "sozialen Aufstieg" oder den "Generationsversprechen") nicht verschwunden, aber ihre Wirksamkeit nach drei Jahrzehnten Erfahrung wachsender Einkommensungleichheit ist deutlich geschwächt. Um 1987 begann sich in den USA die Kritik der ökonomischen Ungleichheit neu zu verbreiten, hatte ihren Höhepunkt 1996 und stieg nach 2007 erneut an. Zwei Drittel der US-Amerikaner gehen mittlerweile davon aus, dass ihre Gesellschaft immer ungleicher wird (Pew Research Center) und die Rede von den undeserving rich (Leslie McCall) breitet sich aus. Die Nennung von "Ungleichheit" in den Medien vervielfachte sich. Gleichheit wurde immer mehr zum Thema

Auch international diagnostizieren plötzlich der Internationale Währungsfonds IWF ("Die wachsende Ungleichheit schadet der Wirtschaft") oder die OECD als die globale Kernorganisation des Industriestaatenneoliberalismus ("Seit den 80er Jahren nimmt in allen Industrieländern die Ungleichverteilung bei Einkommen und Vermögen zu") das glatte Gegenteil ihrer jahrzehntelangen Analysen und Ratschläge. Die OECD publizierte im Mai 2014 die Studie Focus on Top Incomes and and Taxation in OECD Countries: Was the crisis a game changer? und teilte ihr Erschrecken mit: Zwischen 1975 und 2007 sei die Hälfte des Einkommenszuwachses in den USA an die Top 1 % gegangen. Das "trickle-down"-Versprechen verkehrte sich in eine in der Regel sehr wohlfeile "trickle-up"-Schelte. Präsident Obama ernannte gar vor wenigen Wochen die Ungleichheit zur "defining challenge of our time" - kaum denkbar, einen vergleichbaren Satz von der bundesdeutschen Kanzlerin zu hören.

Es scheint doch kein "happy end about inequality and capitalism" (Piketty) zu geben. Gleichgültig zunächst, ob sich hinter diesem neuen Lob der Gleichheit von denen da oben ein deutlicher Kurswechsel, eine korrigierende Anpassung, ein Konkurrenzmanöver der Obama-Administration gegenüber der republikanischen Partei oder politische Rhetorik verbergen - derlei Verschiebungen stehen für eine breitere Reaktion auf die aktuelle Ungleichheitslage in der überwiegenden Zahl der "reichen" westlichen Industriestaaten (Chartbook of economic inequality, 2014), in die hinein Publikation, Marketing und Debatte des Capital-Buches von Piketty kamen. Das Erscheinen der spanischen, deutschen, portugiesischen, chinesischen und japanischen Ausgaben steht noch aus.

Thomas Piketty. Foto vom August 2014 auf seiner Homepage.

Reaktionen

I think the problem is that everybody wants to write about the book. It is very nice. The problem is that some people who write about the book have not read it at all. You see the problem?

Kaum amüsiert die Reaktionen auf der politischen Rechten, die Piketty quasi als "mentally unstable foreign communist" (Brad DeLong) qualifizierten und die Marketingtour Pikettys für "Capital" im Frühjahr 2014 als bloßes Moment des Wahlkampfs der Demokratischen Partei für die Novemberwahlen 2014 charakterisierten (Thomas Ferguson). Nicht wenige Linke haben sich zunächst etwas verwirrt an der Frage abgearbeitet, ob Piketty Marxist sei (John Judis, Russell Jacoby), statt den Defiziten in den eigenen Analysen der Verteilungsverhältnisse nachzugehen.

Sie waren damit nicht allein, so stellte das "Handelsblatt" am 27.Mai 2014 die quälende Frage: "...ist er wirklich der bessere Marx?" Oder gar der "neue Marx" (Focus)? Der österreichische "Kurier" stellte ein Quiz zur richtigen Zuordnung von 14 Zitaten bereit: Marx oder Piketty? Sicherlich fruchtbarer dann die Frage, ob und wieweit sich Pikettys Capital von Marx' Kapital unterscheide (z.B. Christian Fuchs, David Harvey, Alex Callinicos, Thomas Palley, allesamt mit einhellig bejahender Antwort).

Auch Piketty selbst hat sich dazu mehrfach geäußert. Seine eigenen Bezüge zu Marx bzw. dem "Kapital" zeigen viel Distanz, gute Teilkenntnis zu einigen Fragen, oft oberflächliches Wissen und deutliche Fehlinterpretationen. Die Tradition und Gegenwart der marxistischen Debatten sind ihm wenig vertraut oder geben für seine Fragen nicht viel her. Zum Zweck einer Selbstverständigung ist das alles sinnvoll (wenngleich zuweilen angestrengt), zumal hier auch eine Reihe substantieller theoretisch begründeter Kritiken an Capital formuliert wurden, die in der liberalen und rechten publizistischen Debatte keine Rolle spielten. Sie bezogen sich im Wesentlichen auf den wissenschaftlich-theoretischen Hintergrund des Verfassers (grundsätzlich treffend Heiner Flassbeck / Friederike Spiecker, Robert Boyer, Paul Mason, Benjamin Kunkel), zu einzelnen Schlüsselfragen weiter auch Jack Rasmus, Michael Robert, Michael Husson, Doug Henwood, Mick Brooks, Dean Baker, seine zentrale Annahme (Esteban Maito), die Schranken der vorgeschlagenen Politik der Umverteilung (Richard Wolff), kaum jedoch auf den historisch-empirischen Gehalt eines Buches (aber: What Piketty leaves out von Robert Kuttner).

Piketty selbst formulierte in einem sehr informativen Interview Mitte Mai:

Es ist ja eigentlich mehr ein Geschichtsbuch als ein Wirtschaftsbuch. Es geht um die Geschichte des Besitzes.

Piketty

Kurz gesagt: Capital ist ein Buch, das im "Niemandsland" zwischen Ökonomie und Geschichte wandert und vom Autor bemerkenswerterweise der "politischen Ökonomie" zugerechnet wird. Die Assoziation zu Marx' Kapital hinterlässt viele Spuren in Pikettys Text. Sie ist symbolisch, trendy, auch wirklichkeitsnah - mehr nicht.

Worum also geht es im Capital? Das Buch behandelt einen Aspekt von Ungleichheit - mehr nicht. Der Text beansprucht keineswegs eine "unified field theory of inequality" (wie dies Paul Krugman formulierte. Erst recht geht es nicht um eine "allgemeine Theorie" des "Kapitals" oder des "Kapitalismus" (Branko Milanovic), auch nicht um einen historisch begrenzteren aktuellen Text über Neoliberalismus oder einen "Kapitalismus des 21. Jahrhunderts".

In Capital (und dem Appendix des Bandes) werden besondere Ungleichheitsverhältnisse in Frankreich, England und anderen westeuropäischen Staaten, weiter den USA und Kanada untersucht. Auch Untersuchungsergebnisse zu BRIC-Staaten und weiteren Ländern werden herangezogen. Historisch greift der Band aus bis zur Frage der Ungleichheit im Altertum. Fragen und zentrale Antworten des Buches lassen sich in zahlreichen Studien und Vorlesungen bis hin zu Pikettys tatsächlich methodisch und historisch durchaus bahnbrechenden Studie Les hauts revenus en France au XXe siecle: Inegalités et redistribution (2001) zurückverfolgen, die Aufstieg, Fall und erneuten Aufstieg der Hocheinkommens- und Reichtumsgruppen in Frankreich behandelte und auch untersuchte, welche Rolle Erbschaften dabei spielen. Die Fragen haben er und Facundo Alvaredo 2009 in einer Publikation bei der Charakterisierung eines Forschungsprogramms des damals schon über zwei Dutzend WissenschaftlerInnen zählenden internationalen Forschungsnetzwerkes umrissen, das sich im letzten Jahrzehnt herausbildete:

Did income distribution become more unequal or more equal over the course of the years? When did income inequality increase and when did it decrease? What income fractiles were most affected by these trends? Which are the differences and similarities across countries? The second objective is to understand these facts. What are the economic mechanisms and processes that allow us to understand the way income concentration evolved?

Immer mehr aber hat sich dieses Programm auf die Frage nach Vermögen oder Reichtum (wealth) verschoben, was keineswegs selbstverständlich ist - und doch auch für Liberale wie Krugman naheliegt: "Over time, extreme inequality in income leads to extreme inequality of wealth."

Konvergenz und Divergenz von Reichtum und die damit verknüpfte Ungleichheit stehen im Zentrum, politisch aber geht es Piketty weder um radikalegalitäre Politiken, in deren Resultat "there would be no more entrepreneurs" (572) oder gar um die Beseitigung des Privateigentums. In einem FAZ-Gespräch Ende Mai waren sogar krass kapitalismusenthusiastische Töne zu hören:

Ich bewundere den Kapitalismus, ich bewundere das Privateigentum und ich bewundere die Marktwirtschaft. Natürlich sehe ich, dass Wirtschaftswachstum vornehmlich im Kapitalismus entsteht. Natürlich hänge ich am Privateigentum, weil es eine Grundlage unserer Freiheit darstellt. Es gab noch niemals so viel Kapital wie heute. Ich war 18 Jahre alt, als die Berliner Mauer fiel. Ich gehöre einer Generation an, die niemals Sympathie für den Kommunismus besaß.

Piketty

Von Beginn seiner wissenschaftlichen Arbeit an hat Piketty somit über die Einkommensanalyse hinausgehende Fragerichtungen verfolgt:

It was natural and important to me to ask the question: What can we say about inequality and social justice and the dynamics of distribution under capitalism? Why is it that people thought at some point that communism was necessary?

Piketty

Und in Capital:

I have no interest in denouncing inequality or capitalism per se— especially since social inequalities are not in themselves a problem as long as they are justified... By contrast, I am interested in contributing, however modestly, to the debate about the best way to organize society and the most appropriate institutions and policies to achieve a just social order.

Piketty

Sein Interesse sei also weit begrenzter:

Inequality is not bad, per se. It is, actually, it can be useful and it is useful to some extent for growth, innovation and the kind of fantastic increase in living standards that we have seen over the past two centuries. Now the question is until what point is it useful? And you know, what I worry about is extreme inequality.

Piketty

Ungleichheit ja - aber moderat. Wann Ungleichheit aber extrem werde - dafür gibt es nach Piketty "keine Formel", aber historisch das Exempel des Europa bis 1914, aktuell die USA und - in Zukunft - womöglich der ganze Rest des Planeten. Extreme Ungleichheit kann, so Piketty, unter bestimmten Bedingungen äußerst gefährlich für das Überleben des Kapitalismus sein - was ihn als jemand ausweist, der für manche entschiedene Linke zum abscheulichen Lager der Kapitalismusretter gehört. Die politische Motivation Pikettys ist gleichwohl eng an ein Forschungsinteresse gekoppelt, das sich definitiv von den gängigen Herangehensweisen in seiner Zunft unterscheidet:

I wanted to understand how wealth, or super-wealth, is working to increase the inequality gap. And what I found (...) is that the speed at which the inequality gap is growing is getting faster and faster. You have to ask what does this mean for ordinary people, who are not billionaires and who will never be billionaires. Well, I think it means a deterioration in the first instance of the economic wellbeing of the collective, in other words the degradation of the public sector. You only have to look at what Obama’s administration wants to do - which is to erode inequality in healthcare and so on - and how difficult it is to achieve that, to understand how important this is. There is a fundamentalist belief by capitalists that capital will save the world, and it just isn't so. Not because of what Marx said about the contradictions of capitalism, because, as I discovered, capital is an end in itself and no more.

Piketty

Hier zeigt sich, dass Piketty sich der paradoxen Situation wohl bewusst ist, in die hinein ihn die große Resonanz seines Buches und das daraus erzielte Einkommen von geschätzt ca. 3 Mio. € gestellt hat:

Die gleichen Leute, die hart um jeden Euro mit ihrem Reinigungspersonal oder ihren Niedriglohnarbeitern verhandeln, bieten mir 100.000 Euro für einen einstündigen Vortrag. Wenn ich ablehne, verdoppeln sie das Angebot. Es braucht eine gewisse Zeit, bis sie verstehen, dass das "Nein" wirklich als Nein gemeint war. Und diese Leute wollen andere Leute ökonomische Vernunft lehren? Sie kontrollieren schlicht zu viele Ressourcen.

Piketty

Interessant sind die Ergebnisse seiner Analyse nicht, weil sie aus dem Mainstream der neoklassischen Ökonomie kommen und - wenig überraschend - theoretisch nach den Kriterien einer kritischen politischen Ökonomie defizitär sind. Vielmehr interessieren Daten, ihre Konstruktion, Messung, Verarbeitung und die daran verknüpften Schlussfolgerungen, gerade weil sie auch aus dem Mainstream kommen und womöglich weiterreichende Verschiebungen im ideologischen Feld andeuten oder ermöglichen. Die vier Hauptkapitel des Buches behandeln "Income and Capital", dann historisch angelegt "The Dynamics of the Capital/Income Ratio", weiter datengespickt "The Structure of Inequality" und schließlich politisch-programmatisch "Regulating Capital in the 21st Century". Was ist bemerkenswert an der Analyse?

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