"Wir sollten Asylbewerber in das duale Bildungssystem integrieren"

23.08.2014

Charles M. Huber über Chancen in Afrika, die Grenzen der Entwicklungshilfe sowie Flüchtlinge in Deutschland

Über die Landesliste zog der frühere Schauspieler Charles M. Huber 2013 für die hessische CDU in den Bundestag ein. Hier ist der gebürtige Münchner mit senegalesischen Wurzeln unter anderem Mitglied des Ausschusses für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sowie des CDU-Arbeitskreises "Afrika". Huber, der bis 2004 Mitglied der SPD war, ist zudem Vorsitzender und Gründer des Vereins Afrika Direkt, dessen Ziel es ist, benachteiligte Jugendliche im Senegal zu fördern. Im Gespräch mit Telepolis erklärt der 57-Jährige, was einige Schwellenländer Deutschland voraus haben, wie die Politik mit afrikanischen Asylbewerbern umgehen sollte und weshalb ihn die Moralreden vieler Oppositionspolitiker aufregen.

Herr Huber, kürzlich endete in Washington der erste USA-Afrika-Gipfel, im Vordergrund des Treffens standen Wirtschaftsthemen - sind Sie von der Schwerpunktsetzung enttäuscht?

Charles M. Huber: Nein, überhaupt nicht. Ein Afrikagipfel, wie ich ihn verstehe, ist auch immer ein wirtschaftspolitischer Gipfel. Wir müssen uns nur die Zahlen anschauen: Afrikas Wirtschaftsleistung hat sich in den vergangenen zehn Jahren verdreifacht, auch in diesem Jahr gehen die Experten von einem Wachstum von fast 5 Prozent aus. Beeindruckende Zahlen, wenn man bedenkt, dass die regionalen Unterschiede auf dem Kontinent seit jeher beträchtlich sind.

US-Präsident Obama hat angekündigt, sein Land werde in den nächsten Jahren 33 Milliarden Dollar in Afrika investieren. Zugleich betonte er, den USA sei nicht nur an den Rohstoffen gelegen, sondern es gehe seinem Land um das Wohl der Afrikaner - gute Rhetorik?

Charles M. Huber: Dass die Amerikaner wirtschaftsaffin sind, weiß jeder. Ich halte deren Vorgehen für legitim. Es hilft uns allerdings wenig, wenn wir nur über die USA reden. Schließlich geht es um ein äußerst komplexes Thema, dessen Wichtigkeit hierzulande noch immer unterschätzt wird. Wir stellen ein verstärktes Engagement einiger Schwellenländer fest, auch Drittstaaten spielen eine Rolle.

Ob China, Brasilien, Indien oder auch die Türkei - sie allesamt investieren in Afrika, weil sie dort ein gewaltiges Potenzial sehen. Die deutsche Wirtschaft dagegen zögert noch, sie ist ängstlich und scheut den Schritt gen Süden. Auf der anderen Seite ist die Bürokratie in manchen afrikanischen Staaten noch zu schwerfällig.

Schüler in einer Koranschule in Touba, Senegal, 2006. Bild: ho visto nina volare/CC BY-SA 2.0

38 der 54 afrikanischen Länder sind in die höchsten Risikoklassen eingestuft, in vielen Regionen herrscht Unsicherheit und Armut...

Charles M. Huber: ...das ist doch klar, aber: der Kontinent ist riesig - und heterogen. Schauen Sie sich die Größe Algeriens an und vergleichen jene mit den Flächen europäischer Länder, dann merken Sie schnell, wie unsinnig es ist, über "den" Kontinent Afrika zu sprechen. Plakativ gesagt: Ghana ist nicht Somalia.

Wir sollten in den wirtschaftlichen Parametern unbedingt differenzieren, denn in Afrika gibt es sowohl aufsteigende als auch stagnierende Länder, unsichere sowie stabile Staaten. Trotz einiger Krisen überwiegen die Chancen. Gerade im Bezug auf die vorgelebten sozialen Standards ist Deutschland für Afrika der optimale Partner. Unsere Gesellschaft drängt auf eine Partnerschaft auf Augenhöhe, sie wünscht sich, dass auch die Menschen in Afrika von den bilateralen Verträgen partizipieren. Derlei positive Grundstimmung sehe ich in vielen anderen europäischen Staaten nicht.

Große Projekte sind möglich

Was antworten Sie jenen Kritikern, die sagen, das Wachstum in Afrika konzentriere sich in den Händen weniger, die Schere zwischen Arm und Reich gehe weiter auseinander?

Charles M. Huber: Es gibt so einige eingefahrene Denkmuster. Viele Leute, auch Politiker, die über Afrika sprechen, haben sich nicht ausreichend mit der Entwicklung des Kontinentes befasst. Fakt ist: Wir sind nicht allein dafür verantwortlich, was in Afrika passiert.

Es gibt dort autonome Regierungen, die selbst gefordert sind. Dabei sollten wir die Verantwortlichen unterstützen. Entwicklungshilfe im klassischen und multilateralen Sinn kann nur ein Hebel sein, um die Wirtschaft insgesamt zu egalisieren. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass große Projekte in Afrika durchaus möglich sind.

Nennen Sie bitte ein Beispiel.

Charles M. Huber: Der neue Flughafen in Dakar. Der Vertrag der senegalesischen Regierung mit Fraport als Betreiber steht kurz vor der Unterzeichnung. Das freut mich als Vertreter Hessens im Bund - und bemessen an der Tatsache, dass ich dort verwurzelt bin - natürlich besonders.

Herr Huber, sind Sie zufrieden damit, wie Ihre Partei, die CDU, mit dem Flüchtlingsproblem umgeht?

Charles M. Huber: Was sind unsere Optionen? Wir können doch nicht sagen, Europa nimmt ganz Afrika auf. Viele Afrikaner wollen ja auch gar nicht hierher, sondern suchen lediglich einen Job, um ihre Familie zu ernähren, ihnen eine Perspektive zu schaffen.

Gerade deshalb setze ich mich derart vehement für die Stärkung der wirtschaftlichen Beziehungen ein. Eines sollte uns nämlich klar sein: Entwicklungspolitik kann nur dann effizient und nachhaltig sein, wenn man wirtschaftliche Positionen nicht ausklammert. Einzig dieser Weg hilft den Menschen. Afrika muss nicht über Hilfslieferungen und Importe zum Nahrungsmittelkonsumenten, sondern zum Produzenten werden.

Die demographische Herausforderung für den Kontinent ist enorm: Bis 2050 wird sich die Bevölkerung verdoppeln, über 50 Prozent werden unter 18 sein. Auch das gilt es in diesem Kontext mitzudenken. Dass jeder von uns fassungslos ist, wenn - mal wieder - ein Flüchtlingsboot vor der Küste Europas kentert, ist logisch.

Aber?

Charles M. Huber: Die Flüchtlingsproblematik muss vor Ort bekämpft werden und das kann nur mit einer wirtschaftlichen Entwicklung einhergehen. Private Investment in Afrika lautet dabei das Stichwort.

Lebensferne Vorschläge beim Thema Entwicklungs- und Flüchtlingspolitik

Wo sehen Sie derzeit dringend Handlungsbedarf?

Charles M. Huber: Ich halte die Afrika-Linie der Bundesregierung für einen guten Ansatz. Wir setzen uns ein für faire Rohstoffverträge und unterstützen die afrikanischen Länder darin, die Strukturen in den Regionen zu verbessern. Gäbe es in den Ländern beispielsweise duale Bildungssysteme, wären so einige Probleme gelöst.

Aber noch einmal ganz deutlich: Die Amerikaner und Europäer, um nur zwei Akteure zu nennen, können lediglich Prozesse anschieben, Voraussetzungen schaffen und Fachwissen vermitteln - für die Umsetzung sind die afrikanischen Regierungen zuständig. Diesen Fakt sollten auch jene Oppositionspolitiker zur Kenntnis nehmen, die im Bundestag immer wieder moralische Positionen kommunizieren und damit den Anschein erwecken, man könne in der Innenpolitik alle bisherigen Regelungen - mal eben so - über den Haufen werfen.

Dass diese teils lebensfernen Vorschläge Afrika eher schaden als nutzten, haben diese Herrschaften leider noch nicht begriffen. Kurzum: Beim Thema Entwicklungs- und Flüchtlingspolitik gibt es viele pauschal geführte Diskussionen, die absolut widersinnig sind.

Viele Flüchtlinge bekommen in der Regel eine Duldung, mit der die Abschiebung für einen bestimmten Zeitraum ausgesetzt wird. Daraus wird oft ein Dauerzustand...

Charles M. Huber: ...Dass die Verfahren häufig zu lange dauern, steht außer Frage. Das Innenministerium hat zuletzt viele Verbesserungen auf den Weg gebracht. Wir müssen ohnehin neue Ideen in Betracht ziehen. Mein Vorschlag: Wir sollten Asylbewerber in das duale Bildungssystem integrieren. Diejenigen, deren Asylantrag bewilligt wird, könnten hier, wenn man das entsprechende Gesetz änderte, eine Ausbildung absolvieren.

Das würde auch unserer Gesellschaft zugute kommen, ich nenne nur das Wort Fachkräftemangel. Diejenigen, die kein Bleiberecht erhalten, wären derart gut ausgebildet, dass sie in ihren Heimatländern enorme Chancen hätten. Diese Leute könnten beispielsweise ein Zertifikat einer deutschen Handwerkskammer erhalten und würden somit eine Voraussetzung für einen Gründungskredit erfüllen. Sie könnten ihr Wissen und Können in den Entwicklungsländern anwenden. Ein Beispiel von vielen.

Es wäre fahrlässig, würde Deutschland weiter derart zurückhaltend agieren

Herr Huber, Sie sind seit Oktober Mitglied des Deutschen Bundestages - gibt es etwas, das Sie unterschätzt haben?

Charles M. Huber: Ich habe weder etwas über- noch unterschätzt. Dafür bin ich zu lange in der Entwicklungspolitik dabei, genau genommen seit 1995. Ich suche mir auch nicht einen Punkt heraus, um dann damit Propaganda für meine Partei zu machen. Es ist nicht mein Anliegen, den Wähler einzulullen, sondern mir geht es nur um eins: Resultate. Mein Ziel ist es, die Wirtschaft zu animieren, verstärkt in Afrika zu investieren, Netzwerke zu schaffen. Es wäre fahrlässig, würde Deutschland weiter derart zurückhaltend agieren. Glauben Sie mir, über Posten mache ich mir keine Gedanken.

Jeder kennt den Satz, das politische Geschäft sei extrem hart. Wie hart ist es für Sie?

Charles M. Huber: Ein Mann, der vier Kinder großgezogen hat, beschwert sich nicht über Härte (lacht). Im Ernst: Selbstverständlich unterscheidet sich das Leben eines Bundestagsabgeordneten von jenem eines Künstlers. Ich nehme die Härte jedoch nicht als Zumutung wahr.

Sie haben sich nicht, wie die meisten Ihre Kollegen, durch die Ortsverbände in der Partei nach oben gekämpft. Spüren Sie gelegentlich Neid oder eine Art Skepsis?

Charles M. Huber: Würde ich jetzt "Nein" antworten, wäre ich ein Lügner. Es ist doch in jedem Job gleich: Derjenige, der neu hinzukommt, wird zunächst einmal kritisch beäugt und vielleicht auch mit einer gewissen Skepsis beobachtet. Freilich habe auch ich so etwas erlebt. Glücklicherweise kann man all das beeinflussen, indem man hart arbeitet, Kompetenz beweist und von Beginn an offen auf die Kollegen zugeht. Das Feedback der Fraktion mir gegenüber ist bislang erfreulich, ich würde sogar sagen: fantastisch.

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