Kippt der chinesische Infrastruktur- und Immobilienboom?

25.08.2014

Verstörende Daten der chinesischen Zentralbank melden einen scharfen Rückgang neuer Kredite im Juli, insbesondere im Sektor der chinesischen Schattenbanken

Noch ist die im Stil von Manhattan geplante Finanzstadt Yujiapu eine Geisterstadt. Bild: Park1996/CC-BY-SA-3.0

macrobusiness.com.au, Australiens führender Business und Investment Blog schreibt von "Alarmglocken" und "crash". China ist der größte Exportmarkt Australien, ein Drittel der Exporte, insbesondere Rohstoffe, gehen in das Reich der Mitte. Daher wird die chinesische Wirtschaft von Australien aus scharf beobachtet:

Nach der Bekanntgabe der Kreditdaten für Juli schrillte eine Alarmglocke durch China. Die Kredite crashten gegenüber den Erwartungen. Der Wert neuerYuan-Kredite betrug 385,2 Mrd. statt 780,0 Mrd., wie eigentlich erwartet worden war, der vorherige Wert betrug 1080 Mrd. "Aggregate social financing" (ein breit gefasster Kreditindikator) betrug 273 Mrd. Yuan statt 1500,0 Mrd. wie erwartet, der vorherige Wert betrug 1970 Mrd., was bedeutet, dass dieSchattenbankenkredite um 112 Milliarden im letzten Monat schrumpften. Kurz gesagt, die Luft ist raus aus dem chinesischen Kreditmarkt. (…) Zusammen mit den fallenden Immobilienpreise ist das ist eine sehr gefährliche Situation.

Schattenbanken (sog."Trusts) spielen in der chinesischen Wirtschaft seit gut 10 Jahren eine wachsenden Rolle bei der Finanzierung risikoreicher Projekte, insbesondere im Immobilienmarkt. Ihr Anteil am Gesamtkreditmarkt betrug zuletzt gut 40%. Ihre Geschäftsmodelle sind nicht immer besonders seriös, die Zinsen und die Rendite hoch. Es handelt sich zwar zum Teil auch um seriöse Unternehmen, jedoch ebenso um dubiose Geldverleiher und Spekulanten.

Die chinesische Zentralbank beobachtet das Treiben mit wachsenden Misstrauen und versucht den Markt zu regulieren, die Schattenbanken reagieren darauf mit neuen Geschäftsmethoden um der Regulierung zu entkommen. The Economist zitiert in dem informativen Hintergrundartikel Battling the darkness Liu Yuhui, Chefökonom bei GF Securitie, einem Brokerhaus, der das Ganze ein "Katz- und Maus-Spiel" nennt. Der plötzliche Einbruch der Kredite signalisiert, dass dieses Spiel offenbar der Kontrolle entglitten ist und einem unrühmlichen Ende entgegen taumeln könnte.

The American Thinker gibt in seinem Artikel zum Thema vom 16. August einige Hintergründe:

Der Kollaps des chinesischen Kredits von 320 Milliarden Dollar im Juni auf 44,3 Milliarden Dollar im Juli verursacht Panik in der gesamten Nation. Anekdotische Geschichten von lokalen Beamten erzählen, dass die Kreditverknappung "Politik-getrieben" sei. Dies würde bedeuten, dass die chinesische Zentralregierung ihre staatlichen Banken und ihre 144.700 Staatsunternehmen, die 43% der chinesischen Industrieproduktion und der Profite kontrollieren, angewiesen hat, ihre Expansion zu stoppen.

Seit der Insolvenz von Lehman Brothers im Jahr 2008 hat Chinas staatlich geförderte Exportwirtschaft deutlich an Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt. Als die Ausfuhren von 39% des BIP im Jahr 2008 auf 26% des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im Jahr 2013 sanken, traf die chinesische Regierung die "Politik-getriebene" Entscheidung, die wirtschaftliche Lücke durch einen kreditgetriebenen Wohnraum- und Infrastruktur-Boom zu schließen. Aber die Finanzierung dieses Booms trieb Chinas Verschuldung von 120% des BIP auf über 200% des BIP bis Juni d.J.

Abschwächungen der chinesischen Geschäftsexpansion gab es in der Vergangenheit schon mehrere, da die Kommunistische Partei die hohe Inflation einzudämmen versuchte. Aber dies ist das erste Mal, dass die Kreditnachfrage sank, nach Monaten der nachhaltigen und definitiv nicht "Politik-getriebenen" Rückgänge bei Hausverkäufen, Hauspreisen und beim Wohnungsbau in chinesischen Großstädten.

Die allmächtige Zentralregierung verkündete seit Ende 2011, sie wolle nach und nach den Bau-Investitionsboom zügeln und ihre Wirtschaftspolitik neu ausbalancieren, mit dem Ziel den Binnenkonsums zu fördern. Aber die plötzliche Kreditklemme im Juli zeigt, dass etwas in China geschieht, das außerhalb der Kontrolle der Regierung liegt.

Der chinesische Immobilienmarkt

Der Immobilienmarkt in China boomt seit Anfang des Jahrhunderts, die Preise kannten bisher nur eine Richtung: nach oben. Mit den Preisen wuchs das Kreditvolumen und mit ihm die Schattenbanken. Die Kurve zeigt die Preisentwicklung von Wohnimmobilien in chinesischen Metropolen:

Der chinesische Immobilienmarkt ist in den letzten Jahren außer Kontrolle geraten. Es entstanden enorme Überkapazitäten, der Leerstand beträgt über 20% oder knapp 50 Millionen Wohneinheiten, so das Wall Street Journal. . In den letzten Jahren wurden ganze Geisterstädte gebaut, geplant für Millionen und bewohnt von einigen Tausend. Dieses Video auf YouTube zeigt eine Skateboard Rallye durch solch ein surreales Ambiente: ORDOS - Skateboarding a Ghost Town in Northern China. Das Video stammt von 2012. Seitdem hat sich wenig getan, wiw in Welcome to Ordos: The World's Largest "Ghost City" geschildert wird.

GlobalSecuritiesWatch.org bietet eine Sammlung von Stadtansichten und Satellitenbildern einiger chinesischer Geisterstädte.

Jeder Boom findet irgendwann sein Ende. Der Einbruch der Kredite und die neuesten Nachrichten aus dem chinesischen Immobilienmarkt signalisieren, dass dieses Ende näher rückt.

Investing in Chinese Stocks ein Wirtschaftsblog aus Peking, gehosted in Australien, der sein Ohr dicht am Geschehen hat, berichtet beunruhigende Dinge:

  • … cut office space prices by 6000/sqm, or 30% ...
  • … Residential property was discounted as well, with a 4000/sqm cut ...
  • … the trust industry is already in crisis ...
  • … That's a major deceleration. From 50% growth to contraction in a little over a year ...
  • … Since 2010, four trillion investment during the gradual completion, resulting in continued supply of real estate faster than sales ...
  • … Since last November, the growth rate of real estate investment funds in place a continuous decline from 27.6% to 3% ...
  • … Dragged down by the real estate downturn, the local government land transfer revenue growth from 44.6% down to 26.3% last year, significantly, the corresponding spending growth fell to 24.8 percent from 41.9 percent ...
  • … A failed real estate project in Anhui leaves behind more than 10 billion in debt with multiple trusts exposed ...

Alle Zitatschnippsel stammen aus den letzten Wochen. Wenn man die Stimmen aus dem Anfang der amerikanischen Immobilienkrise noch im Ohr hat, kommen einem solche Nachrichten irgendwie bekannt vor. So hört es sich an, wenn eine Immobilienblase kurz vor dem Platzen steht.

Die Financial Time widmete dem Thema in den letzten Tagen eine ganze Serie von Artikeln, deren Überschriften sich nicht sehr positiv gestimmt lesen, auch wenn einige Kommentare die Gefahr herunterspielen. China data show waning stimulus impact, Demand drop signals China housing shift oder China property slump gathers pace.

China Daily, die größte staatliche englischsprachige Tageszeitung in der Volksrepublik China ist besorgt: China's July money data cast doubts on recovery's durability

Auch BBC berichtete: Sharp falls in China's once-booming property market.

Die Financial Time zitiert in Chinese trusts face slower growth as economy weakens eine deutliche Warnung des IWF:

In seinem letzten Jahresbericht über die chinesische Wirtschafts- und Finanzpolitik warnte der Internationale Währungsfonds, dass von vier Ländern, die in den letzten 50 Jahren ein ähnlich rasches Kreditwachstum erlebt hatten, alle vier innerhalb von drei Jahren eine Bankenkrise erleiden mussten. Der IWF identifiziert die Schattenbanken als einen Schwerpunkt seiner Sorge.

The Telegraph interviewt in seinem Artikel Global economy one shock away from another crisis. Ökonomen von Fathom Consulting, eine Konsultingfirma, die von einem früheren Ökonomen der Bank of England geleitet wird. "Wir sehen sehr große Parallelen zwischen China heute und Amerika 2006", die Welt gleite dem nächsten "Minsky Moment" entgegen. Der "Minsky-Moment" ist der Punkt an dem der Boom in die Krise umkippt. "The world is sliding towards another debt-ridden disaster ..."

Die zitierten Stimmen mögen einem wie die üblichen Unken vorkommen, die seit Jahren eine Krise in China kommen sehen und sich seit Jahren irren. Jedoch gilt in meinen Augen immer noch das Wort des MIT-Ökonomen Rudiger Dornbusch:

The crisis takes a much longer time coming than you think, and then it happens much faster than you would have thought.

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