Wie die EU die Denkfehler Hitlers wiederholt

02.09.2014

Alexander Dill glaubt nicht, dass eine Aufnahme der Ukraine in die EU Probleme löst

Wenn man versucht, aus der Lektüre von "Mein Kampf" eine Begründung für den Kriegsbeginn 1939 herauszulesen - immerhin verfasste Hitler den Text 13 Jahre früher, in den Jahren 1924-1926 -, lohnt sich der Blick auf die wirtschaftspolitische Begründung. So war das überfallene Polen weder marxistisch, noch von jüdischen Gewerkschaftlern und Finanzmagnaten dominiert, sondern eine bäuerlich-handwerkliche und dazu adlige Standesgesellschaft.

Die polnischen Truppen mit ihren blaublütigen Offizieren traten den deutschen Angreifern 1939 teilweise noch mit Kavallerie gegenüber.

Die von Hitler ausführlich entwickelten Feindbilder des Marxismus und der internationalen Finanzbourgeoisie, denen er beiden das Prädikat "jüdisch" zuschrieb, hätte einen Angriff auf die USA, Holland, die Schweiz oder Russland nahegelegt, wenn der Kriegsbeginn wirklich ideologische Gründe gehabt hätte.

Aber Adolf Hitler gibt in seiner Interpretation der Hungerzeit nach dem I. Weltkrieg eine ganz andere Begründung für den Überfall auf Polen: Die Deutschen seien ein "Volk ohne Raum", das für sein nacktes Überleben die Agrarböden der Nachbarstaaten, also Frankreichs und Polens, benötigte.

Das ist, wie wir im Zeitalter der Agrarüberschüsse wissen, agrarpolitischer Unsinn, aber nach 1919 war die Angst vor neuen Hungersnöten weit verbreitet und diente als wirksame Drohkulisse zur Verbreitung des Nationalsozialismus.

Zurück aufs Land zur moralischen Reinigung

Wie Mao, Stalin und Pol Pot war Hitler zudem davon überzeugt, dass die arbeitsteilige Stadtgesellschaft die Bürger anfällig für sündigen Handel und Finanzen machte, weshalb sie zur Besinnung auf das Wesentliche aufs Land an Pflug und Melkschemel geschickt werden sollten. Da aber dort aber alle Milchzitzen bereits in festen Händen lagen, räsonierte Hitler:

Wollte man in Europa Grund und Boden, dann konnte dies im großen und ganzen nur auf Kosten Rußlands geschehen, dann mußte sich das neue Reich wieder auf der Straße der einstigen Ordensritter in Marsch setzen, um mit dem deutschen Schwert dem deutschen Pflug die Scholle, der Nation aber das tägliche Brot zu geben.1

Da, so dachte Hitler, Frankreich und England über ihr 1926 noch weitgehend bestehendes Kolonialreich ihren Bodenbesitz enorm ausgedehnt hätten, sei Deutschland demgegenüber zurückgeblieben und hätte nur eine "innere Kolonisation" in Gestalt der Ausbeutung der eigenen Arbeiter und Bauern durch die Kapitalisten erlebt.

Deutschland hatte 1926 sozusagen einen Nachholbedarf in Sachen Gebietsausweitung, was angesichts der dünnen Besiedelung des Deutschen Reiches in den Grenzen von 1937, also vor dem Anschluss Österreichs, auch demographischer Unfug war.

Selbst in der verkleinerten Bundesrepublik von 2014 sind hunderttausende Hektar Land weitgehend ungenutzt und unbesiedelt, Regionen verwaist, in denen Millionen Menschen leben und wirtschaften könnten.

Hitlers demographische und agrarpolitische Irrtümer sind für den Ausbruch des II. Weltkrieges in Form der Landnahme weitaus folgenschwerer als seine ideologischen Feindbilder der Marxisten, Liberalen und "des Judentums", auch folgenschwerer als die Rassenlehre, die im Grunde nur den ideologischen Unterbau für einen wirtschaftspolitischen Irrtum bildete: Ein "Herrenrecht", so Hitler, besäßen die siegreichen Rassen im Endkampf um fruchtbare Böden - dabei ernährten die Böden Europas leicht die ganze Weltbevölkerung, wenn dies wirtschaftspolitisch erforderlich wäre.

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