Panikstimmung in Kiew

30.08.2014

Kiew fehlen die Beweise für eine "russische Invasion". Ukrainische Kampfverbände mit mehreren Tausend Soldaten eingekesselt. Jeden Tag sterben in der Ost-Ukraine durchschnittlich 36 Menschen

Immer häufiger meldet die Regierung in Kiew, dass Soldaten und militärisches Gerät aus Russland über die Grenze in das umkämpfte Gebiet der Ost-Ukraine geschafft wird. In Kreml-kritischen, russischen Medien gibt es Berichte, dass in der Ukraine gefallene russische Soldaten in Russland beerdigt und verletzte Soldaten in Russlands Krankhäusern behandelt werden, ohne dass die Öffentlichkeit davon in Kenntnis gesetzt wird.

Der "Ministerpräsident der Donezk-Republik", Aleksandr Sachartschenko, gestand am Donnerstag das erste Mal öffentlich ein, dass 3.000 bis 4.000 Bürger Russlands - "Freiwillige" und "Soldaten, die Urlaub genommen haben" an der Seite der Aufständischen in der Ost-Ukraine kämpfen. Die russischen Menschenrechtsorganisation Memorial protestierte in einem Offenen Brief an den russischen Präsidenten dagegen, dass russische Soldaten an "militärischen Aktivitäten" gegen "die gesetzliche Macht eines Nachbarlandes" beteiligt sind.

Russland ist massiv in den Konflikt in der Ukraine involviert, es kommen Freiwillige und wohl auch Waffen über die Grenze. Aber eine offizielle Hilfe des russischen Verteidigungsministeriums für die Aufständischen gibt es bisher nicht.

Keine russischen Soldaten mit Hoheitsabzeichen

Dem Kreml nahestehende Politologen sind sich einig, dass Kiew bestrebt ist, Russland in den Krieg hineinzuziehen. Die ukrainische Regierung mit ihrer unerfahrenen und schwachen Armee versuche sich als Opfer zu stilisieren, um möglichst schnell offizielle Militärhilfe von Nato-Mitgliedsländern zu bekommen.

Doch Russland will sich nicht in den Krieg hineinziehen lassen, weil das zu einer Eskalation führen würde, bei der auch russisches Territorium in Mitleidenschaft gezogen würde. Solange keine russischen Soldaten mit dem russischen Hoheitsabzeichen in der Ukraine kämpfen, sondern Freiwillige (wie auch schon in Bosnien 1993), ist die Argumentationsbasis für eine offizielle Militärhilfe von Nato-Mitgliedsländern dünn, so offenbar die Hoffnung in Moskau.

Für eine offizielle Beteiligung der russischen Streitkräfte hat Kiew bisher keine Beweise vorgelegt. Bilder von russischen Panzern und Lastwagen ohne eindeutige Ortsangabe sind kein Beweis. Und um Militärgerät eindeutig als "russisch" zu kennzeichnen, bräuchte es schon mehr als unscharfe Satelliten-Fotos (vgl. Ukraine: Streit über Vorwürfe einer "russischen Invasion"). Zudem wird in der Berichterstattung westlicher Medien häufig die Tatsache übergangen, dass die Aufständischen fast täglich Waffen der ukrainischen Seite erbeuten.

Dass Kiew in den letzten Tagen mit noch größerer Lautstärke von einer "russischen Invasion" spricht, hängt offenbar auch damit zusammen, dass die ukrainische Armee zunehmend Niederlagen erleidet und es in der Zentral- und sogar West-Ukraine zunehmend zu Protesten (siehe "Rettet unsere Männer!") gegen "unfähige Militärs" und das Verheizen von Soldaten kommt. Fast kein Tag vergeht in Kiew, wo nicht Soldaten und deren Angehörige vor der Präsidialverwaltung demonstrieren und sofortige Hilfe für eingekesselte ukrainische Soldaten fordern.

Aufständische eröffnen "zweite Front" am Asowschen Meer

Dabei sieht die Lage, wie sie vom ukrainischen Sicherheitsrat in der täglich aktualisierten Karte dargestellt wird, für die ukrainischen Streitkräfte immer noch viel besser aus, als sie in der Realität offenbar ist. Nach der Karte der Aufständischen ist die Hafenstadt Nowoasowsk am Asowschen Meer bereits eingenommen und die Hafenstadt Mariupol fast umzingelt. Außerdem sind die Gebiete Donezk und Lugansk nicht durch ukrainische Truppen getrennt.

Die Großstadt Donezk wird zwar immer noch von der ukrainischen Artillerie beschossen, gleichzeitig haben die Aufständischen in der Ost-Ukraine nach eigenen Angabe jedoch zahlreiche Städte zurückerobert. In mindestens drei Gebieten seien ukrainische Kampfeinheiten eingekesselt worden.

Der rechtsradikale Populist Oleg Ljaschko, der bei den ukrainischen Präsidentschaftskandidaten mit acht Prozent beachtlich abschnitt, forderte den ukrainischen Präsident angesichts der katastrophalen militärischen Lage und der Bedrohung der Stadt Mariupol auf, den Verteidigungsminister und den Generalstabschef auszuwechseln.

"In dem Bestreben, schnell über jeder befreiten Stadt die Flagge zu hissen, hat man vergessen, dass es ein zuverlässiges Hinterland geben muss", erklärt Ljaschko, der sich selbst häufig an der Front im Kreis von Soldaten fotografieren lässt. Von Präsident Poroschenko fordert der Rechtsradikale die "gesamte Wirtschaft" auf die Bedürfnisse der Front auszurichten. Es fehle an Allem, an "schwerer Technik, Artillerie, Luftwaffe, Kommunikationsmitteln und auch einfach an Fahrzeugen".

Höchster Berg des Donbass in der Hand der Donezk-Armee

Einen strategischen Erfolg erreichten die Aufständischen, als sie am Donnerstag den 277 Meter hohen Berg Saur-Mogila - er liegt 60 Kilometer östlich der Großstadt Donezk - zurückeroberten.

Die ukrainische Armee, die den strategisch wichtigen Berg seit dem 9. August kontrollierte, musste sich zurückziehen und wurde nach Angaben der Aufständischen mit 4.000 Mann bei dem Ort Amwrosijewski eingekesselt. Auch bei dem Ort Ilowajski sind ukrainische Einheiten eingeschlossen. Nach russischen Angaben sind die Eingeschlossenen ohne Munition und Nahrung, was vom ukrainischen Verteidigungsministerium, das zum Durchhalten auffordert, aber bestritten wird.

Saur-Mogila-Denkmal auf gleichnamigem Berg. Foto: Narodnoje Opoltschenije Donbass

Der "Ministerpräsident der Donezk-Republik", Aleksandr Sachartschenko, bot den Eingeschlossenen an, aufzugeben, "denn wir sind alle eine Nation, Slawen", . Wladimir Putin forderte die Aufständischen auf, die eingekesselten ukrainischen Soldaten über einen humanitären Korridor abziehen zu lassen.

Der Chef der Donezk-Republik erklärte, man sei mit dem Korridor einverstanden, unter der Bedingung, dass die Eingekesselten ihre Waffen abgeben. Doch Kiew wollte von einem Abzug der Eingekesselten nichts wissen. Im Internet gab es nervöse Meldungen von ukrainischen Feldkommandeuren, die schnelle Hilfe für die Eingeschlossenen anforderten.

Der zurückeroberte Berg Saur-Mogil hat für die Aufständischen, die sich in der Tradition der Sowjetarmee sehen, nicht nur strategische, sondern auch symbolische Bedeutung. Im Sommer 1943 brauchten Sowjetsoldaten zwei Monate, um die strategische Höhe von den Kampfeinheiten der deutschen 6. Armee zurückzuerobern. Die SS-Panzerdivisionen "Das Reich" und "Totenkopf" waren aus dem Gebiet Charkow zur Verstärkung der 6. Armee herangeholt worden. Doch erst am Morgen des 31. August 1943 war der Berg Saur-Mogil - nach schweren Verlusten - wieder in der Hand der sowjetischen Soldaten.

"Bis nach Kiew gehen"

Der Sprecher der Parlamente der "Republiken" Donezk und Lugansk, Oleg Zarjow, meinte, die Hafenstadt Mariupol sei für die Aufständischen aus zwei Gründen wichtig.

Zum einen gäbe es dort große Getreidelager, welche die Bevölkerung der beiden "Republiken" über den Winter versorgen könnten, zum anderen stehe in Mariupol eine Sendemast, über den das ukrainische Fernsehen "seine Lügen im Donbass" ausstrahle. Der Sprung nach Süden kommt überraschend und weckte bei Vertretern der Aufständischen die Hoffnung, man könne demnächst auch Odessa erobern. Odessa gehört historisch zu "Noworossija".

Das gleichnamige Gouvernement im Südosten der heutigen Ukraine gehörte von 1764 bis 1917 zum russischen Imperium."Noworossija" (Neurussland) soll der Staat heißen, den die Aufständischen von der Ukraine abtrennen wollen. In der Überschrift von Putins Aufforderung an die Aufständischen, einen humanitären Korridor für die eingeschlossenen ukrainischen Soldaten zu bilden, war das erste Mal von Noworossija die Rede (vgl. Putin lobt "neurussische Volkswehren"...).

Die offizielle russische Position ist aber nach wie vor, dass man Ukraine in ihrem jetzigen territorialen Bestand (ohne die Krim) nicht antasten will. Von einzelnen Aufständischen ist im Siegesüberschwang jedoch immer wieder zu hören, man werde, "bis nach Kiew" gehen.

Brand im Bahnhof von Donezk

In der Großstadt Donezk, in der immer noch Hundertausende von Menschen leben, wird das Leben immer unerträglicher. Am Freitag schlugen in der Innenstadt Geschosse ein. Der Bahnhof - über den viele Menschen aus der Stadt flüchteten - und ein Freiluft-Markt brannten.

Bereits am Donnerstag starben nach Angaben der Aufständischen 16 Menschen an den Folgen von ukrainischem Artilleriebeschuss. Passanten und Verkäuferinnen von Donezk lagen in Blutlachen auf der Straße oder in ihren Läden. Die Aufständischen werfen der ukrainischen Armee eine Kriegsführung "verbrannten Erde" vor. Die Bevölkerung solle demoralisiert werden. Die Infrastruktur der Ost-Ukraine werde bewusst zerstört.

In der Nacht auf Donnerstag gingen mehrere Geschosse im Lenin-Bezirk der Stadt Donezk nieder. Das Gymnasium in der Kujbyschew Straße Nr. 33 brannte lichterloh. Leonid, der Hausmeister und Artjom, ein ehemaliger Schüler des Gymnasiums, erzählten, dass zwei Granaten in die Schule einschlugen, worauf ein Brand ausbrach.

Die Stadtverwaltung von Donezk teilte mit, dass Reparatur-Brigaden unterwegs seien, um die zerstörte Energieversorgung in einzelnen Bezirken wieder herzustellen. 220 Schaltstellen mit Trafos seien ausgefallen. Einzelne Straßenbahnen und Trolleybusse verkehrten noch.

Am Mittwochmittag wurde Schewtschenko-Boulevard in Donezk ein Kulturhaus von einer Granate getroffen und geriet in Brand. Auch ein Auto brannte. Die vier Insassen verbrannten nach Angaben von Augenzeugen bei lebendigem Leib. Ein Passant wurde von Granat-Splittern schwer verletzt und von einem Erste-Hilfe-Team versorgt .

Seit Mitte April 2.200 Tote und 5.956 Verletzte

Die Lage der Zivilbevölkerung in der Ost-Ukraine wird von Woche zu Woche dramatischer. Nach Angaben der UNO wurden in der Ost-Ukraine allein in den vergangenen vier Wochen 1.200 Menschen getötet und 3.250 verletzt.

Insgesamt wurden laut UN seit Mitte April, also seit Beginn der "Antiterroristischen Operation" der ukrainischen Streitkräfte, 2.200 Menschen getötet und 5.956 verletzt. Die 298 Toten des mutmaßlich abgeschossenen malaysischen Passagierflugzeuges sind da noch nicht mit eingerechnet.

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